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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tanz der Glückseligkeit
Eingestellt am 16. 01. 2003 22:08


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Joerg Feierabend
Schriftsteller-Lehrling
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Manchmal - da träumt mir, ich jage dahin durch menschenleere Straßen, brüllend und schreiend schlage ich auf die Haustüren ein. Warte nicht, bis sie sich öffnen, da ich die Hoffnung aus ihnen Licht zu empfangen aufgegeben habe. Ich laufe, schreie weiter, ich falle, stehe wieder auf, laufe und schreie weiter. Ich habe Schaum vor dem Mund. Irgendwann gabelt sich der Weg. Der eine ist trocken, vertrauenerweckend, fast gepflegt sieht er aus, der andere ist schmutzig, schlammig. Mein Mißtrauen jagt mich durch den Dreck, die Dornen und Schlammgruben. Nach jedem überwundenem Hindernis fühle ich mich freier, glücklicher, befreiter. Bald gehe ich durch die Dornen hindurch, ohne daß sie mir schaden könnten.
Ich bin glücklich wie nie zuvor, obwohl ich nicht zu sagen wüßte warum. Mein Weg ist naß, kalt und einsam, obwohl ich mich nicht so fühlen kann. Kein Tier begegnet mir lebendig, keine Pflanze, die einen Hauch von Blüte trägt, und immer lauter bricht sich der Sturm an meinem Körper. So stark ist der Regen, daß ich manchmal meine, erblindet zu sein. Mein körperliches Gefühl ist schon lange dahin. Mein Geist, sie beide gehen und gehen endlos weit. Die Stiefel meines Leichnams sind durchgelaufen, seine Kleidung hängt längst in Fetzen von ihm, seine Augen sind so weiß wie die strahlendste Wolke und nichts vermag ihn aufzuhalten.
Zerfetzt und zerrissen gerät dieser Leichnam, der einst mein Körper war, wieder auf die Straße zu der Stadt von der er einst kam. Wie immer sind ihre Türen verschlossen. Kein Gesicht, welches sich auf ihr zu zeigen wagt. Doch ich bin nicht mehr allein. Neben mir schreiten meine Gedanken einher. Dornen, Schlamm und Dunkelheit haben sie geschliffen. Ihre Augen sehen durch jede Tür, kein Haus, kein Kopf, welcher Ihnen verborgen bleibt. Ich bin glücklich. Trotzdem gehe ich lächelnd weiter, auf der Suche nach einer Tür, einem Kopf, der sich mir öffnet, noch bevor ich ihn erreicht habe. Ich beginne zu rasen und zurasen und zurasen undzurasen undzu rasen undzu rasen und zu rasen, in die Dornen hinein, die mich erdolchen, meinen Geist erdolchen. Der Augenblick ist gekommen. Mein verbliebener Leichnam lächelt sein Lächeln des Schädels, als er sich dem Staub der Ewigkeit zufügt, von einem Wind davongetragen, ein jedes Staubpartikel ein Virus.
Möge es andere infizieren, möge es auf fruchtbaren Boden fallen. Auf daß der Kranke weiter wachse, mehr von ihnen infiziere, als mein Körper es vermochte. Einem dieser Infizierten wird sich eine Tür öffnen, weitere Türen werden sich öffnen, sie alle soll die Krankheit packen, sie alle soll sie schütteln, und sie werden vor ihren geöffneten Türen auf der Straße den Tanz der Glückseligkeit tanzen. Ihre Kinder werden auf dem Weg entlanglaufen, wo früher eine Weggabelung war. Sie werden ihn entlanglaufen, bis sie alle in der tanzenden, lachenden Stadt angekommen sind und sie werden rasen, rasen, rasen .....

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Abendsternchen
???
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Hallo Jörg,

"Speed" war das erste, das mir einfiel, nachdem ich Deinen Text gelesen hatte. "Verwirrung" war das zweite.
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so ganz sicher, ob Du nun über die Tollwut schreibst, die ein Hund hat der durch das Land und die Dörfer hetzt und versucht, soviel wie möglich andere Menschen anzustecken oder über einen Menschen selbst, der eben jene oder auch eine andere Krankheit hat welche ihn "rasend" macht.
Vor allem... zu Beginn schreibst Du noch von einem Traum... von dem man am Ende nichts mehr mitbekommt. Wacht man auf? Wird man selbst ein Opfer des Rasens? (generell ist ein Aufwachen nicht wichtig, zugegeben. Ich bi mir nur nicht sicher, ob Du Dir des Träumens vom Anfang noch bewusst warst)

"Mein Weg ist naß, kalt und einsam, obwohl ich mich nicht so fühlen kann."

--> warum kannst Du Dich nicht so fühlen?

Mein Geist, sie beide gehen und gehen endlos weit.
--> vermutlich meinst Du mit "beide" Körper und Geist". Der Bezug ist grammatikalsich nicht ganz so gut hergestellt. Du könntest an dieser Stelle ruhig das Wort Körper nocheinmal schreiben bzw. den Satz verbinden, denn davor schreibst Du nur von Deinem "körperlichen Gefühl" und nicht vom Körper selbst.

Kurz darauf tritt offenbar eine Wendung ein, denn Dein Protagonist hört auf zu rasen für einen Moment und kehrt wieder zurück in die Stadt. Dort könntest Du irgendetwas nennen, warum derjenige umkehrt. Vielleicht scheut er vor einem Blitz oder einen im Sturm stürzenden Baum.

"die mich erdolchen, meinen Geist erdolchen"
--> dieses 2xige erdolchen ... kann man als stilistisches Mittel verwenden. Besser würde aber vielleicht eine Änderung klingen:
Vorschlag: die mich erdolchen, meinen Geist tödlich durchdringen.

Zu Beginn schreibst Du von einem brüllenden Lauf. Ich nehme an, das ist das Endstadium der Krankheit... denn am Ende beschreibst Du den lachenden Tanz...

Generell.. Du hast viele Fragen offen gelassen, was dem Leser die Möglichkeit gibt und ihn andererseits auch dazu verpfilchtet, sich selbst Gedanken zu machen. Das Ganze sollte aber noch genügend Anhaltspunkte bieten, dass der Leser auch nachvollziehen kann, in welche Richtung Du seine Phantasie führen willst.
Ich las den Text mit Spannung, die Gewschwindigkeit, die Du kreierst, ist wirklich einzigartig. die Idee mit der Krankheit, die Du noch dazu in Deinem Wesen symbolisierst gefällt mir ebenfalls sehr gut.
Den Schluss fand ich nicht mehr ganz so fesselnd wie den Rest Deiner Geschichte, Du könntest das aber sicherlich (wenn Du willst) noch ebenso anziehend gestalten.

Wie immer, verstehe meine Anregungen lediglich als Vorschläge. Wünsch Dir ein schönes Wochenende und schicke Dir

viele Grüße
Abendsternchen

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Joerg Feierabend
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2002

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Inhalt / Interpretation

Huhu Abendsternchen,

leider habe ich nicht diese freundliche Schreibader wie du, deshalb nur ganz kurz und sachlich Inhalt und Interpretation:

Inhalt:

Jemand läuft. Selbst der eigene Tod vermag den Läufer nicht mehr aufzuhalten. Die Auflösung tritt erst ein, als die Rückkehr zum Ursprungsort stattfindet. Mit der Konsequenz, daß dort wie irrsinnig getanzt wird, was offenbar dem Läufer durchaus genehm war.

Interpretation:

Um es mit Brecht zu sagen:
"Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin"
"Dann kommt der Krieg zu dir"

Noch anders formuliert: Wer einst mindestens stillhielt, muß damit rechnen, daß sich manches verselbständigen kann.

Ein Amokläufer (oder eine der anderen Varianten davon) dreht sich um.

Winkewinke,

Joerg

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