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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tanz in den Mai
Eingestellt am 01. 05. 2019 10:17


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xavia
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Tanz in den Mai

(Co-Autorin: Susi Sorglos)

     »Melina!« Sie hörte das Rufen wie von weit her. »Melina bist du wach? Melina, so wach doch auf!«
     Träumte sie noch? Wo war sie überhaupt? Sie konnte sich einfach nicht erinnern, sich hingelegt zu haben. Und wieso rief jemand nach ihr? Erst jetzt realisierte sie, dass sie die Augen nicht öffnen konnte. Besser gesagt, wie sollte sie etwas öffnen können, was sie gar nicht hatte? Alles war schwarz. Wenn sie sich den Befehl zum Augenöffnen gab, war es schwarz und es blieb schwarz, wenn sie sie resigniert schließen wollte. WARUM zum Teufel? WAS war los?
     Sie musste sich einfach erinnern, was sie als letztes getan hatte, bevor sie … keine Augen mehr hatte …? Irgendwie war die Vorstellung komisch für sie. Komisch nicht im Sinne von unverständlich, sondern im Sinne von komisch! Sie hätte sich ausschütten können vor Lachen … wenn sie auf etwas hätte zurückgreifen können, mit dem sie hätte lachen können … einen Bauch zum Beispiel … einen Mund? Zähne? Also mal ehrlich: Warum habe ich das alles nicht, obwohl es mir so vertraut ist?
     Sie … oder besser: ihr Bewusstsein war also irgendwo … wo es keine Augen brauchte … »Ach du meine Güte«, hätte sie beinahe gesagt, wenn sie etwas hätte sagen können.
     »Melina!« der jetzt schon etwas lauter vernehmbare, ungeduldige Klang ihres Namens hing irgendwo im Raum ihres Wahrnehmungsbereiches, wie eine eilig hingeknüpfte Wäscheleine. Sie wollte dort so gerne etwas anbinden, verbinden verstehen …

     Da sie weder eine Ahnung hatte, woher sie wusste, dass jemand nach ihr rief, noch, wer das sein könnte und da sie keine Körperteile hatte, mit denen sie in ein hysterisches Gelächter ausbrechen konnte, wonach ihr im Moment der Sinn stand, da die Alternative, sich über den Verlust von – allem – zu grämen, so gar nicht attraktiv war … versuchte sie, sich zu logischem Denken zu zwingen.

     Was konnte passiert sein? – War sie tot? Stand ihr Vater zusammen mit ihren beiden Schwestern an ihrem Totenbett, war auch Jörn dabei? Oder machte er sich schon an Sina heran, ihr Ableben kaum zur Kenntnis nehmend, der Schuft? Das hätte sie sich ja denken können, dass er nicht lange trauern würde. Ihr Vater hatte sie ja vor ihm gewarnt und nun erlebte sie es … – Halt, da stimmt doch was nicht! Wenn sie tot wäre, dann wäre da das Licht und ihre Mutter wäre ein Engel und würde sie abholen und ins Licht führen und sie würde noch ein wenig zögern aber dann wären auch Oma und Opa da und die Wiedersehensfreude wäre groß und sie hätten alle weiße Gewänder an und strahlten eine Liebe und Freude aus und … hier war es dunkel.

     Also war sie nicht tot. Puh, das war ja schon mal gut. Dann war sie auch nicht in die Hände von Organräubern geraten, die sie gerade ausweideten, wärend sie nach und nach starb. Da wäre ja das Licht und das war definitiv nicht da. Gut so. Schön dunkel bleiben.

     Aber was war es dann? – Hatten Außerirdische sie entführt, um mit ihrem Körper unbemerkt auf der Erde herumlaufen und die Menschheit ausspionieren zu können? Hatten sie ihr Bewusstsein herausgenommen und in ihren außerirdischen Mülleimer geworfen, in dem es dunkel war? Konnte das, was die weggeworfen hatten, denken und fühlen, so wie sie jetzt? Hatten sie auch ihr Gehirn weggeworfen oder hatten sie es an einen Monitor angeschlossen und sahen ihr gerade beim Denken zu? Und was konnte sie tun, um die Menschheit zu retten? Womit sollte sie handeln? Wen oder was sollte man hinterher feiern, wenn es ihr gelänge? Würde man ihr Gehirn auf einen Teller legen und darum herum einen Lorbeerkranz und daneben ein Bild, auf dem zu sehen war, wie sie einmal ausgesehen hatte? Und dann würde jemand versehentlich an den Tisch stoßen und die glibberige Masse ihres Gehirns würde zu zittern anfangen und alle würde betreten gucken und keiner wüsste, dass das ganz fies wehtut, wenn das Gehirn so erschüttert wird, nicht umsonst nennt man das ja Gehirnerschütterung … aber eigentlich tat das weh wie eine Ohrfeige und noch eine …

     »Melina! Jetzt komm endlich zu dir, sonst sage ich das Papa und der holt einen Arzt und der pumpt dir den Magen aus. Du hast es schon wieder getan. Du bringst dich noch um mit dem Zeug.«
     Sie blinzelte. – Sie konnte blinzeln! Sie hielt sich die schmerzende Wange. – Sie hatte eine Wange! Zwei sogar! Verwirrt blickte sie um sich. Da stand die Waage, da lagen ihre Aufzeichnungen, die mitten im Satz in einem fetten Strich bis an den unteren Rand des Blattes endeten. Der Strich setzte sich fort auf der Schreibtischunterlage und unten am Boden lag ihr Kugelschreiber. Sie hob ihn auf, legte ihn neben den Rest von den Fliegenpilzen. Jetzt fiel es ihr wieder ein: Sie war gerade dabei, deren Wirkung zu erforschen, für ihr Bio-Projekt. Das würde der totale Bringer werden, wenn sie darüber schrieb.

     Erleichtert schlang sie ihre Arme – sie hatte Arme! – um den Hals ihrer Schwester und drückte diese freudig an sich. Dann hielt sie sie ein Stück von sich weg und sah ihr in die Augen:
     »Danke, dass du mich zurückgeholt hast! Nächstes Mal nehme ich etwas weniger. – Aber nicht so wenig wie beim ersten Mal.« Bevor die Andere sie noch knuffen konnte, war sie schon aufgesprungen und drehte sich ausgelassen im Zimmer herum:
     »Ist das Leben nicht ein Tanz?« jauchzte sie.

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