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Tanz um's goldene Kalb
Eingestellt am 04. 02. 2010 22:42


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Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2009

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Finanzwelt lebt von falsch verstandener religiöser Selbstverpflichtung

Die Kinder Israels haben teuer dafür bezahlen müssen, dass sie im Moment von Führungs- und Orientierungslosigkeit ein goldenes Kalb freudig verehrten. Sie fertigten es selbst aus ihrem Schmuck, hatten aber den Willen ihres Gottes vergessen, der ihnen den Weg aus der Sklaverei Ägyptens wies. Die Zucht- und Disziplinlosigkeit jedoch war ihr eigentliches Vergehen, das sie mit Mord und Totschlag selbst ihrer nächsten Angehörigen sühnten. Ihr weltlicher Anführer verlangte unbegründet solche Schandtaten von ihnen , obwohl er wusste, dass der Zorn ihres Gottes bereits besänftigt war.

Die Verbreitung wissenschaftlichen Denkens hat uns heute dahin gebracht, so vermeintlich einfache Handlungen wie den Schulbesuch oder die staatliche Steuereinziehung in komplizierten Zusammenhängen zu sehen. Und doch hinkt unsre Sprache oft den komplexer werdenden Sachen hinterher. Wir sprechen vom Weltbürger, als würde er souverän über allen sprachlichen, kulturellen und politischen Grenzen wandeln. Wir reden hoffnungsvoll von Weltinnenpolitik, obwohl der abfaulende Nationalstaat uns noch bannt. Wir reagieren wie die pawlowschen Hunde, wenn uns in gleichsam religiöser Absicht der ‚Steuersünder’ vorgehalten wird. Gehen wir auf dieses durch Sachen vermittelte Personenverhältnis etwas näher ein.

Global gesehen, sollen sich aus den weiten Wüsten der anarchischen Konkurrenz jährlich ca 12 Billionen US-Dollar in ‚Steuerparadiese’ oder ‚Steueroasen’ gerettet haben - so eine amerikanische Schätzung. Das Bundesfinanzministerium sah Anfang 2009 eine ‚Besteuerungslücke’ von 65 Milliarden Euro für Deutschland gegeben, weil allein Unternehmen Gewinnverlagerungen ins Ausland vorgenommen haben, die sie zu Hause nicht zu versteuern brauchten. Solide Untersuchungen zur Finanzkriminalität zeigen, dass eine Weltschattenwirtschaft beträchtlichen Ausmaßes existiert, mit ganz privaten Banken, die kein gewöhnlich Sterblicher kennt. Die Kapitalflucht aus Entwicklungsländern soll 1 Billion US-Dollar jährlich betragen.

Bei uns kann der normale, unbescholtene Großverdiener seine Geldzuflüsse trotz überdurchschnittlichen Lebensstandards nicht verzehren. Über den Standpunkt einer risikoreichen Sachvermögensbildung ist er hinweg, er belässt das Geld wo und wie es ist und versteuert die Zinserlöse. Wer kann oder will ihn angesichts des Freiheitsversprechens aufhalten, wenn er regelmäßig sein Geldvermögen hier abbaut, um es über die Grenze z.B. in die Schweiz, nach Liechtenstein, Luxemburg etc zu schaffen ? Dort wird es zu seinem Vorteil niedriger versteuert als daheim und er kann, weltbürgerlich sich fühlend, in den globalen Finanzströmen mitschwimmen, Stiftungen, Firmen gründen, die nur ihm verfügbar sind - oder dies auch alles sein lassen. Die Schweiz mag gerne sein Ruhekissen sein, obwohl sie wegen all der märchenhaften Geldzuflüsse selbst nicht sorgenfrei lebt.

Sie nimmt in Guantanamo internierte, muslimische Uiguren auf; ihr eigener Gesetzgeber soll sie vom Geruch der Hehlerei befreien, bevor sie die in Haiti durch den Diktator Duvaliers unterschlagenen Dollarmilliarden an das bettelarme Land zurück gibt; mit Deutschland und weiteren Ländern liegt sie aus nahe liegenden Gründen ein wenig im Clinch; ihr gold-und geldwertes Bank- und Steuergeheimnis wird allmählich zum Schweizer Käse; die informationellen Leckstellen des eigenen finanziellen Netzwerks treffen den eidgenössischen Geist empfindlich, weil sich die Figur des informellen Mitarbeiters (IM) fremder Staaten ausbreitet, der Bankdaten gegen Geld oder gesichertes Asyl an die interessierte politische Macht weiterleitet. Die Welt ist begreifbarer und zugleich konfliktreicher geworden.


Die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, bleibt cool und kauft Schweizer Bankdaten für 2,5 Mio. Euro, die sich im Steuersäckel mit geschätzten Minimum 100 Millionen bemerkbar machen. Ähnlich, nur in etwas anderen Größenordnungen, wurde der Deal vor zwei Jahren (2008) abgewickelt, als schließlich der Chef der Deutschen Post, Zumwinkel, als Akteur der Liechtenstein - Connection ans Tageslicht und in die Fernsehstuben kam. Die Regierungschefin sammelt gegenüber den viel zu engstirnigen Bedenkenträgern ihrer Koalitionspartner Pluspunkte beim Publikum. Dies neigt zu der Auffassung, dass der Deal von ähnlicher Natur sei wie das Schnäppchen auf dem Gebrauchtwagenmarkt: „Ein guter Kauf“. Das Terrain scheint derart empfindsam zu sein, dass die definitive Nachricht vom Bankdatenkauf gerade öffentlich wurde, und schon stellte sich Hochbetrieb in den Finanzämtern der Bundesrepublik ein. Die angeblich Alptraum geleitete Betriebsamkeit wird allerdings besser verständlich als grenzen- und rücksichtsloser Trieb, Geld anzusammeln.

Diese Einschätzung kann unabhängig vom angstrebten Erfolg eines steinreichen Immobilienmaklers aus dem hessischen Bad Homburg durch folgende Agenturmeldung schön illustriert werden: "Hinterzieher will mehr Geld Streit in nächster Instanz VADUZ. Ein deutscher Steuersünder, dem das Landgericht Liechtenstein eine Entschädigung von 7,3 Mio. Euro zugesprochen hat, gibt sich damit nicht zufrieden. Der Immobilienhändler will in die nächste Instanz gehen und 13,7 Millionen Euro verlangen.
Der Immobilienhändler war einer jener Steuersünder, deren Daten der BND gekauft hatte. Er war zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und 7,5 Mio Euro Geldstrafe verurteilt worden. Zudem musste er 11,9 Milionen Euro Steuern nachzahlen. Er beschuldigt die damalige LGT Treuhand, ihn zu spät über den Datendiebstahl informiert zu haben.dpa"

Worauf jedoch unser leicht zufrieden zu stellendes Publikum weniger achtet, ist die Begleitmusik. Die Melodie von der Straffreiheit durch ‚Selbstanzeige’ hat der Finanzminister eiligst vorgetragen. Die justizielle Aufarbeitung achtet dann gewöhnlich darauf, dass der ‚Steuersünder’ keineswegs vermögenslos wird und eventuell zur Auffrischung eines sozialen Image die angemessene Spende für Mildtätigkeit leistet. Wir müssen uns alle selbst ohne Arroganz und Zynismus als Bestandteil des getäuschten Publikums begreifen. Denn in der Sache ‚Steuersünde’ kann der fehlende staatliche Vernichtungswille auch als zivilisatorische Errungenschaft begriffen werden, insofern Justiz und Steuerfahndung mit Beißhemmung ausgestattet sind, ohne als staatliche Herrschaftsmittel willkürlich aus- bzw. eingeschaltet zu werden.

Selbstkritisch möchte abschließend diese Argumentation einräumen, dass eine Befürchtung nahezu völlig vernachlässigt wurde: Die wild wuchernde Boni – Welt im Verein mit dem unangemessenen politischen Druck auf die durchschnittlichen und niedrigen Einkommen in unsrer Gesellschaft führt nicht allzu fernen Tages zwangsläufig zu noch mehr Mord und Totschlag. Dann allerdings wird den politischen Gewalten, die den Tanz um’s goldne Kalb inszeniert haben, in ihre heuchlerische Parade gefahren werden müssen.




__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 04. 02. 2010 22:42
Version vom 04. 02. 2010 23:23
Version vom 08. 02. 2010 08:08
Version vom 11. 02. 2010 12:56

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