Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5685
Themen:   98430
Momentan online:
132 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Tapfer
Eingestellt am 20. 05. 2019 18:53


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
AnSuBa
Hobbydichter
Registriert: May 2019

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um AnSuBa eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich bin Hanna Winter. Sagt das nicht schon alles? Nein, vermutlich nicht. Wie antwortet man auf die Frage: ÔÇ×wer bist Du?ÔÇť Was w├╝rde ich zuerst erz├Ąhlen? Was w├╝rde ich ├╝berhaupt erz├Ąhlen? Also, ich k├Ânnte von vorne beginnen.

Geboren wurde ich vor 37 Jahren in einer mittelgro├čen Stadt im Norden, die am Meer liegt und einen sch├Ânen alten Stadtkern hat. Im Norden, in dem die Menschen eigen sind, h├Ąrter im Nehmen und vielleicht auch Geben, viele no-nonsense Typen (ach, wie liebe ich diese Beschreibung): direkt, klar, vergleichsweise schweigsam, k├╝hl, so wie das Wetter ÔÇô etwas rauer, etwas wilder, etwas trotziger.

Vor 37 Jahren also kam ich in diese Welt und in eine Familie, die dem ├Ąu├čeren Anschein nach heil ÔÇô vielleicht auch dem inneren ÔÇô in landl├Ąufigem Sinne war. Ein Vater, der in einer der Werften in der Stadt als Maschinenf├╝hrer arbeitete und sich zum Vorarbeiter hochgeschuftet hatte, weil er flei├čig war, verl├Ąsslich, und mit seinen Arbeitern meist den richtigen Ton fand. Ein Vater, der klar trennte zwischen Aufgaben von M├Ąnnern und Frauen und der daher im h├Ąuslichen Bereich wenig zu gebrauchen war. Mit einer f├╝r einen Mann seiner Generation und T├Ątigkeit z├Ąrtlichen Liebe f├╝r seine S├Âhne, fast alle seine S├Âhne, und vielleicht auch mit Liebe f├╝r mich, seiner einzige Tochter, der er aber keinen Ausdruck zu verleihen wusste. Mit mir wusste er nie etwas anzufangen und ich m├Âchte bis heute glauben, dass es nur mit meinem weiblich-Sein zu tun hatte und nicht mit mir selbst. War ich anders? Ja und nein. Ein M├Ądchen halt, eine Tochter unter drei S├Âhnen, von denen einer ÔÇô mein j├╝ngster Bruder ÔÇô nicht der Vorstellung meines Vaters von einem Sohn entsprach. Aber es gab ja zwei ├Ąltere, die ÔÇÜechteÔÇś, ÔÇÜkernigeÔÇś Bengel waren, so wie mein Vater auch sich selbst sah und in die er all seine Zuneigung, die er f├╝r Kinder empfinden konnte, steckte.

Meine Mutter, eine warmherzige und liebevolle Person, sch├╝chtern und anh├Ąnglich zugleich, war ihrem Manne in allem ergeben, f├╝hrte seinen Haushalt, gebar seine Kinder, versorgte stets ihn zuerst und erst dann uns und ich wei├č bis heute nicht, ob sie auch jemals an sich selbst dachte, ja, ob sie selbst jemals eigene W├╝nsche und Anspr├╝che ├╝berhaupt entwickelte, ob sie sich selbst als ein eigenst├Ąndiges Wesen ansah. Das ist ziemlich traurig, so im Nachhinein betrachtet, aber ich weigere mich anzunehmen, dass sie ungl├╝cklich war. F├╝r sie schien nur immer festzustehen, dass sie mit und durch meinen Vater existierte, dass sie keine eigene Meinung, keine eigenen Vorlieben und W├╝nsche, keine eigenen Sehns├╝chte hatte, die von denen meines Vaters abwichen.

Ich liebte sie und ich liebe sie immer noch und ich kann nicht zu lange dar├╝ber nachdenken, was aus mir, was aus uns allen geworden w├Ąre, wenn ich noch heute zuhause anrufen k├Ânnte, ihre etwas au├čer Atem gekommene Stimme h├Âren w├╝rde, die so gerne und leicht und wundersch├Ân singen konnte, die sagte ÔÇ×Liebes, wie sch├Ân, dass Du Dich meldest.ÔÇť

Ja, meine MutterÔÇŽ In meinen Gedanken wird sie immer mehr zu einem Engel der W├Ąrme und ich klammere mich an dieses Bild, mehr bleibt mir nicht. Meine wunderbare, etwas verhuschte Mutter, mit den blond-umrandeten, dunkelblauen Augen, die so freundlich und mitf├╝hlend in die Welt blickten, den vielen bronzenen Sommersprossen ├╝berall ÔÇô sogar auf den Ohren ÔÇô den kastanienbraunen Haaren; und mit einem K├Ârper, der wie geschaffen schien f├╝r das N├Ąhren anderer Menschen, hat uns verlassen, als ich zw├Âlf Jahre alt war. In meinem Wohnzimmer und auf meinem Nachttisch steht je ein Foto von ihr, das im Schlafzimmer zeigt sie, wie sie mich als Baby auf dem Arm h├Ąlt und so gl├╝cklich und gel├Âst in die Kamera blickt, die sie eingefangen hat, als sie im Nachthemd noch und barfu├č mit offenen, zerzausten Haaren das kleine B├╝ndel auf dem Arm tr├Ągt, ihre Wange an die des Kindes geschmiegt und ihr die vollkommene, unbedingte und alles ├╝berstrahlende Liebe ins Gesicht geschrieben steht, dieses Bild, das mich nicht losl├Ąsst und dass ich nicht loslasse. Alles was f├╝r mich z├Ąhlt, ist, dass dieses Baby auf ihrem Arm, dem die Liebe und die Freude und ja, auch der Stolz, gilt, ich bin. Alles, was mir meine Mutter geben konnte und gegeben hat, ist auf diesem Foto zu sehen und enth├Ąlt mein Kapital f├╝rs Leben.

F├╝nf Jahre sp├Ąter wurde mein j├╝ngster Bruder geboren, der letzte in der Reihe, und ich wei├č nicht, ob meine Eltern ├╝berhaupt noch bereit waren f├╝r ein weiteres Kind. Vermutlich h├Ątte das keine Rolle gespielt, w├Ąre er ein Kind wie meine ├Ąlteren Br├╝der gewesen, voller Kraft, mit ungest├╝mem Wesen, laut und mit rosig frischen Wangen. Aber schon, als meine Eltern mit dem neuen Baby nach Hause kamen, sp├╝rte ich, dass etwas anders gewesen sein musste. Ich hatte mich auf das Baby gefreut. Endlich w├╝rde ich nicht mehr die j├╝ngste sein, h├Ątte ein kleines etwas f├╝r mich, vielleicht wie ein K├Ątzchen, das ich mir vergeblich gew├╝nscht hatte, auf jeden Fall aber ein Spielkamerad, vielleicht auch Spielzeug, der mich nicht st├Ąndig ├Ąrgern, meine Socken verstecken, meine Stifte zerbrechen, ├╝ber meinen geliebten Stoffhasen lachen w├╝rde. Ja, ein kleines Wesen, das ich mit kindlicher Kraft lieben w├╝rde und das mich zur├╝ck lieben w├╝rde. Da war ich sicher. Und ja, wir wurden so ein Geschwisterpaar, eng verbunden, unzertrennlich zun├Ąchst und einander zugetan. Mich st├Ârte es nicht im Geringsten, dass er nie richtig sprechen lernte, dass er schielte und man daher nie genau wusste, ob er einen nun ansah oder nicht, dass er Schwierigkeiten hatte, auch nur einen L├Âffel so zu halten, dass nicht der gesamte Inhalt sonst wo landete, nur nicht in seinem Mund. Dieses M├╝ndchen, das so lebendig schien, immer ein wenig gl├Ąnzte durch den Speichel, der nie ganz verschwand, und das sich so reizend spitzen konnte, dass ich eine Zeit lang versuchte, meinen Bruder zu dressieren. Hat nie ganz geklappt und so blieb ich immer gespannt und beobachtete ihn genau, wann es wieder passierte um mich daran zu erfreuen. Ich k├╝sste ihn dann und an dem Strahlen in seinen Augen erkannte ich, dass es ihn erfreute.

Bei der Geburt musste etwas schief gelaufen sein. Allerdings erz├Ąhlte meine Mutter mir nie, was, und dann war es zu sp├Ąt. ├ärzte haben mir sp├Ąter erkl├Ąrt, dass es zu gravierendem Sauerstoffmangel unter der Geburt gekommen sein muss, das Kind lag sehr ung├╝nstig und in den entscheidenden Momenten hatte meine Mutter keine Kraft zum Pressen mehr gehabt. Ihr Herz war schon zu dieser Zeit angegriffen und geschw├Ącht, h├Ątte mein Vater das gewusst, w├Ąre es vielleicht nicht zu diesem letzten Kind gekommen. Wer wei├č.

Nachdem meine Eltern nun mit diesem neuen B├╝ndel nach Hause gekommen waren, ging ├Ąu├čerlich alles weiter wie bisher. Meine Mutter versorgte uns Kinder, kochte, wusch, putzte und versuchte, die Entt├Ąuschung meines Vaters mit hochdosierter Freundlichkeit und W├Ąrme zu kompensieren. Aber etwas hatte sich ver├Ąndert, ich konnte es sp├╝ren. Wenn mein Vater das Wort an meine Mutter richtete, was zunehmend seltener geschah und sich auf h├Ąusliche Dinge beschr├Ąnkte, so schwang nicht mehr die vorher immer dagewesene G├╝te mit, kein Wohlwollen mehr, und immer weniger Interesse. Das Verh├Ąltnis zwischen meinen Eltern wurde k├╝hler, distanzierter und ich begann zu sehen, wie sehr meine Mutter darunter litt. Wenn ich sie am fr├╝hen Morgen in der K├╝che antraf, wo sie die Fr├╝hst├╝ckspakete f├╝r Vater und uns Kinder vorbereitete, l├Ąchelte sie nicht mehr. Ihr Blick wurde sorgenvoll, die Schatten unter ihren Augen wurden gr├Â├čer und tiefer und einmal wurde ich in der Nacht von ihrem Schluchzen geweckt, als sie sich in unserem kleinen Badezimmer eingeschlossen hatte und mit einem Handtuch vor dem Mund versuchte, ihr Weinen nicht zu laut werden zu lassen, dass sie jemanden weckte. Ich blieb in jener Nacht vor dem Bad sitzen, auf dem kalten Fu├čboden, dessen glatte k├╝hle Oberfl├Ąche zwar keine Abdr├╝cke auf meinen Beinen hinterlie├č, dessen K├Ąlte mir aber bis ins Herz kroch. Ich f├╝hlte mich unendlich verlassen und weinte aus purer Traurigkeit, die ich nicht verstand, stille Tr├Ąnen mit, die mir auf die Knie tropften und kalt wurden. Als ich mich schneuzen musste, wurde es pl├Âtzlich still im Bad, das Schloss ging und meine Mutter kam heraus. Ihr Gesicht war rotgefleckt, ihre Augen verquollen und als sie mich sah, f├╝llten sich ihre Augen mit so viel Tr├Ąnen, dass sie unheimlich gl├Ąnzten. ÔÇ×Ach, Hanna-Kind.ÔÇť sagte sie mit br├╝chiger, zittriger Stimme und sie beugte sich zu mir herunter, griff meine Hand und zog mich mit in die K├╝che ÔÇô ihr liebster Ort. ÔÇ×Du kannst doch nicht auf dem kalten Boden sitzen, da wirst Du doch krank! Warum schl├Ąfst Du denn nicht? Musst Du auf Toilette?ÔÇť Ich nickte und sch├╝ttelte den Kopf und mir kullerten die Tr├Ąnen und ich wollte nur meine Mutter umarmen, da sie nicht mehr weinen sollte und ich w├╝nschte mir, sie w├╝rde mich tr├Âsten und mir in einer engen Umarmung ins Ohr fl├╝stern, dass alles gut werde. Sie nahm mich auch in den Arm und dr├╝ckte mich fest an sich und strich mir immer wieder ├╝ber den R├╝cken und den Kopf, aber sie sagte nichts. Vielleicht gab es einfach nichts zu sagen, ich wei├č es nicht mehr.

Die Traurigkeit meiner Mutter sollte noch weitere Jahre dauern und manchmal, wenn es mir besonders schlecht geht, dann halte ich in Gedanken Brandreden gegen meinen Vater, die ich mir als Jugendliche nur exakt zweimal im direkten Angriff erlaubt habe. W├Ąre er freundlicher gewesen, h├Ątte er nicht meiner Mutter die Schuld an der schweren Behinderung meines sanftm├╝tigen, wunderbaren und liebevollen Bruders gegeben und sie den Rest ihres Lebens mit Schweigen, mit Desinteresse, mit Bitterkeit gestraft, dann, ja dann w├Ąre sie vielleicht nicht gestorben. Und ich h├Ątte ein anderer Mensch werden k├Ânnen, ein optimistischerer, ein leichtf├╝├čigerer, ein vertrauensvollerer. Dann h├Ątte ich nicht mit zw├Âlf erwachsen sein m├╝ssen, und die Aufgaben meiner Mutter ├╝bernehmen, meinen ├Ąlteren Br├╝dern und meinem Vater das Essen machen, ihre W├Ąsche waschen, die Wohnung in Ordnung halten m├╝ssen. Und nicht alleine f├╝r das Wohl meines j├╝ngeren Bruders sorgen. Mein Vater machte n├Ąmlich von Anfang an klar, dass er nicht f├╝r ihn sorgen w├╝rde, dass er ins Heim k├Ąme, wenn ich mich nicht k├╝mmern w├╝rde, dass er meine Aufgabe sei. Ich bin bis heute froh, dass mein Bruder nie in der Lage war, zu verstehen, was mein Vater da androhte, obwohl er die Abneigung voll und ganz sp├╝ren musste.

Heute lebt mein j├╝ngster Bruder in einer betreuten Wohngemeinschaft einer Stiftung mit wohlklingendem Namen, mit sehr aufmerksamen und wohlmeinenden Betreuerinnen und Pflegern, er kann sogar ein paar Stunden am Tag in einer Werkstatt mithelfen, die sich der Landschaftspflege widmet. Viele seiner neuen Mitbewohner und Freunde arbeiten in den unterschiedlichen Betrieben, die zur Stiftung geh├Âren und ich bin sicher, dass mein Bruder gl├╝cklich dort ist. Zumindest macht er diesen Eindruck, auch wenn er zu Beginn nicht begreifen konnte, dass er da bleiben soll. Ich habe ihn versorgt, bis ich einundzwanzig Jahre alt war und meinen ersten Studienabschluss in der Tasche hatte. F├╝r meinen Master wollte ich in eine andere Stadt ziehen und auch, wenn mein Vater mich nicht weiter finanzieren wollte, war mir klar, dass ich gehen m├╝sste, wollte ich nicht versauern und mein Leben vergeuden mit der Pflege, Betreuung und Versorgung meines Vaters und meines Bruders. Ich suchte also diese Stiftung, sah mir alles an und entschied, dass dies der Ort sei, an den ich meinen Bruder schicken konnte, ohne mich schlecht zu f├╝hlen. Ich besorgte alle Papiere und organisierte den finalen Umzug, und machte sowohl meinem Vater als auch meinen ├Ąlteren Br├╝dern, die sich in der ganzen Sache sehr bedeckt hielten und immer wenig Interesse oder Zuneigung f├╝r ihren j├╝ngeren Bruder gezeigt hatten (da waren sie offenbar ganz in die Spuren meines Vaters getreten), deutlich, dass sie w├╝rden zahlen m├╝ssen. Nachdem ich fast zehn Jahre lang neben der Schule und neben dem Studium, ja, neben meiner Kindheit und Jugend, meinen Bruder versorgt und gepflegt hatte, mit ihm zum Arzt gegangen, die Sonderschule gesucht und ihn hingebracht und abgeholt hatte, so gut es ging, war es jetzt an der Zeit, dass ich mein eigenes Leben in die Hand nehmen musste. Es w├╝rde meinem Bruder gut gehen und ich w├╝rde ihn regelm├Ą├čig besuchen. Bezahlen durften die anderen. Obwohl insbesondere meine ├Ąlteren Br├╝der zun├Ąchst protestierten, zeigten sie sich schlie├člich einsichtig und waren im Grunde froh, dass sie sich so leicht aus der Nummer herauskaufen konnten. Auch mein Vater stimmte der weitgehenden Finanzierung der Unterbringung und Versorgung von Maik zu und so war es am Ende beschlossene Sache.

Mit seinem Umzug jedoch begann auch f├╝r mich ein neues Leben, ich f├╝hlte mich zum ersten Mal seit langer Zeit frei. Obwohl ich zun├Ąchst gro├če Sehnsucht und ein noch gr├Â├čeres schlechtes Gewissen hatte, legte sich bald zumindest das schlechte Gewissen, da mein Bruder anfing, seine neue Umgebung anzunehmen, endlich merkte, dass er nicht der einzig Besondere Mensch auf dieser Welt ist und dieses Gef├╝hl der Zugeh├Ârigkeit und Akzeptanz, das er in und von der Stiftung und all der netten Menschen, die dort wohnten und arbeiteten, bekam, ihn auf neue Weise strahlen lie├č. Gl├╝cklicher hatte ich ihn selten erlebt und wenn ich ihn besuchen kam, was ich wirklich alle zwei Wochen machte, dann gurgelte er vor Aufregung und Freude, mir alles zu zeigen, zu erkl├Ąren und war so stolz auf seine Arbeiten, dass es mir regelm├Ą├čig die Tr├Ąnen in die Augen trieb. Ich brachte ihm immer Nutella-Sandwiches mit, die er auch als Kind schon so geliebt hatte und selbst wenn das seltsam anmutet, so wurde dies unser Ritual und mein Bruder freute sich unendlich, wenn ich diese kleinen, randlosen, weichen Wei├čbrotscheiben, die dick mit der Schokoladencreme bestrichen waren, herausholte und ihm gab. Er a├č sie immer sofort und wenn ich nicht mitgedacht und entsprechende Vorkehrungen getroffen hatte, dann war ich nach seiner ÔÇÜspontanenÔÇś Umarmung wenigstens im Gesicht und an meinem Pullover oder Shirt schokoladenverschmiert. Es machte mir jedoch rein gar nichts aus.

Mit 21 Jahren f├╝hlte ich mich also zum ersten Mal frei und es war klar, dass ich meine Stadt verlassen w├╝rde, um weiter zu studieren. Meinen ersten Abschluss hatte ich in zwei Jahren hingelegt, wom├Âglich war das jahrelange Training in Selbstorganisation hilfreich gewesen, was bestimmt jedoch auch nicht ganz unwichtig war, war das Stipendium, das ich erhielt verbunden mit einem Darlehen, das ich nicht w├╝rde zur├╝ckzahlen m├╝ssen, wenn ich meinen Abschluss in zwei Drittel bis drei Viertel der vorgesehenen Regelstudienzeit mit einer gewissen Note schaffen w├╝rde. Nun ja, das hatte ich und so blickte ich einem weiteren Stipendium entgegen und war unendlich froh, dass ich nicht nebenher arbeiten m├╝sste, zumindest nicht notwendigerweise, allerdings war f├╝r mich auch immer klar gewesen, dass ich auf keinen Fall in der Pflege oder Versorgung oder ├ähnlichem gearbeitet h├Ątte. Mein Traum war, in einer Bibliothek oder Buchhandlung zu arbeiten oder im Stadtarchiv oder bei der Polizei. Noch hatte ich mich nicht n├Ąher damit besch├Ąftigt, ich wusste nur, dass ich gerne recherchierte, knobelte, unn├Âtiges aber interessantes Wissen anh├Ąufte, auf literarische oder historische oder psychologische Spurensuche ging und ich war gespannt, wohin mich meine Neigungen treiben w├╝rden.

Oft musste ich dabei an meine Mutter denken und fragte mich, ob ihre Zur├╝ckhaltung darin, eigene W├╝nsche zu formulieren oder auszuleben, bei mir zu einem ├ťberma├č an Umtrieben gef├╝hrt hatte, dass ich versuchte, die Welt in all ihren bunten Farben, in all ihren Facetten aufzusaugen, auszuprobieren und sie zu verfolgen. Wer wei├č. Vielleicht musste ich aber auch nicht nur dieses Fehlen sondern auch die an mir selbst erlebten Einschr├Ąnkungen kompensieren.

Ich bin ziemlich gut in der Schule gewesen, nicht die allerbeste, aber in beinahe jedem Fach ├╝berdurchschnittlich. Besonders mochte ich die Naturwissenschaften und Geschichte und ich hatte das gro├če Gl├╝ck, zwei Klassenlehrer zu haben, Frau Grothe und Herrn Lehmann, die meine Lust am Lernen und die M├╝helosigkeit, mit der ich meine schulischen Aufgaben erledigte, nicht nur bemerkten, sondern sich irgendwann verabredet hatten, mich gezielt zu f├Ârdern. Sie schlugen mir immer wieder vor, in bestimmte AGs zu geben, nominierten mich f├╝r spezielle Programme der Nachmittagsgestaltung, die ich so gerne besucht h├Ątte, versuchten bestimmt mindestens einmal im Jahr meinen Vater zu ├╝berreden, mir wenigstens ein paar der Kurse zu erm├Âglichen und ÔÇô als das alles nichts half, da mein Vater mich im Haushalt brauchte und nicht sehen konnte, warum er jetzt nun ausgerechnet mich f├Ârdern sollte, wo er doch zwei ├Ąltere, kernige S├Âhne hatte (und au├čerdem, die Schulbank dr├╝cken und irgendwelche Firlefanzkurse belegen, war ja auch nichts f├╝r wilde Jungs), die nicht f├╝r irgendwelche Programme vorgeschlagen waren. Insgeheim war ich ganz f├╝rchterlich stolz auf mich und mir reichte eigentlich das Wissen um die Bem├╝hungen meiner Lehrer, sp├Ąter machte mich die Tatsache recht traurig, dass ich nichts davon habe wahrnehmen k├Ânnen. F├╝r den Moment jedoch erinnere ich mich, dass ich mich freute. Auch dass ich vor meinen Br├╝dern gew├Ąhlt worden war, machte mich gl├╝cklich ÔÇô auch wenn es bedeutete, dass sie mich noch mehr ├Ąrgerten und mich st├Ąndig damit aufzogen. Trotzdem, mir blieben die Wettbewerbe, die Matheolympiade, der Geschichtswettbewerb und der ein oder andere Bio- und Physikkontest.

Die Schule war also immer ein Ort der Zuflucht f├╝r mich gewesen, ein Ort der Zufriedenheit und auch ein Ort, an dem ich wahrhaft gl├╝cklich war. Meine Mitsch├╝lerInnen lie├čen mich weitgehend in Ruhe, ich hatte wechselnde Freundinnen, immer so, wie es sich ergab und als ich den Verlust meiner Mutter verkraften musste, wusste kein anderes Kind und ich glaube, auch meine Lehrer nicht, mir gut zu helfen. Ich verpasste drei Monate Schule, da mein Vater mich vom Unterricht befreite ÔÇô nicht, damit ich trauern kann, sondern weil er total ├╝berfordert war, mit seinem ├ärger und ich denke auch, mit seiner Traurig- und Bitterkeit, die ich ihm in dieser Zeit einmal unter Tr├Ąnen und in gr├Â├čter seelischer Verzweiflung ins Gesicht schrie. Ich hatte ihn zuvor noch nie so zornig und ├Ąngstlich gleichzeitig erlebt und sein Entsetzen ├╝ber meine Vorwurf ├Ąu├čerte sich in einer schallenden Ohrfeige, die mir so scharf auf der Wange und meinem Ohr brannte, mir einen H├Ârsturz mit Schwindel verursachte, dass ich mich tagelang im kleinen Zimmer, das ich mir mit meinem j├╝ngeren Bruder Maik teilte, verkroch und bestimmt zwei Monate nicht mit meinem Vater und auch nicht mit meinen ├Ąlteren Br├╝dern sprach.

Seltsamer Weise lie├č mein Vater mich gew├Ąhren, erkl├Ąrte der Schule, dass ich Ruhe und eine Auszeit ben├Âtigte, und erw├Ąhnte den Vorfall nie wieder. Im Gegenteil, er tat, als w├Ąre es nicht geschehen und verlangte von mir die ├ťbernahme der Aufgaben, die vorher meine Mutter erledigt hatte. Es war eine schreckliche Zeit. Ich kam mir falsch vor, bei jedem Handgriff, den ich tat, sei es das Geschirr in die Sp├╝lmaschine stellen oder das Wohnzimmer staubsaugen, die W├Ąscheberge abtragen, oder auch meine zun├Ąchst sehr ungelenken Versuche, ein Essen f├╝r alle zu kochen, sah ich meine Mutter vor mir und es wollte mir nicht in den Kopf gehen, dass ich sie einfach so ersetzen sollte und offenbar konnte. Ich wollte keines dieser Dinge tun, da ich so dachte, dass ich hiermit auch den Geist meiner Mutter verdr├Ąngte, ihre Essenz, die in jedem Raum, in jedem kleinen Detail und auf, ├╝ber und in mir war, mich streichelte und umfing, und auch und vor allem in meinem Bruder, der so lange nicht verstand, dass sie nicht wiederk├Ąme, der zu Beginn nicht wollte, dass ich ihn anzog und ihm sein Brot oder Obst reichte, dass ich mit ihm ins Bad ging um ihn zu waschen. Er stie├č mich einfach zur├╝ck und rief immer nur nach Mama. Und wenn ich vor Ersch├Âpfung, Verzweiflung, Trauer oder einfach nur weil ich die Nerven verlor, zu weinen begann ÔÇô zun├Ąchst wollte ich nicht, dass Maik mich weinen sieht, aber irgendwann schaffte ich das nicht mehr und heulte laut in seinem Beisein, w├Ąhrend ich ihm seine Hose, seine Str├╝mpfe, sein Shirt anzog - dann endlich begann auch er zu begreifen, dass Mama nicht mehr da war. Ich hielt das alles nur schwer aus und in dieser Zeit ging etwas in mir kaputt und verloren.

Ich sp├╝rte aber auch, und das war vielleicht die Kraft der Jugend oder Kindheit, dass ich wieder etwas anderes tun musste, dass ich mich nicht aufgeben wollte, dass Leben und auch Lust auf das Leben in mir war, die hinaus wollte, die gelebt werden wollte und so nahmen zwei Dinge langsam konkrete Gestalt an. Ich schwor mir, dass ich nie daf├╝r verantwortlich sein wollte, dass jemand anderes dieselbe Erfahrung wie ich machen musste. Ich w├╝rde keine Kinder haben. Ich musste pl├Âtzlich mutterlos meine eigene Mutter sein, und das konnte ich nicht. Die Vorstellung, irgendwann einmal eigene Kinder zu haben, ├╝berforderte mich und strengte mich schon beim blo├čen daran denken an. Also war mir klar, dass mit mir nicht passieren w├╝rde.

Diese Entscheidung erleichterte mich sehr und ebnete mir den Weg zur zweiten Konsequenz meines Verlustes: Ich st├╝rzte mich auf das Lernen, ich lernte und las alles, was mir zwischen die Finger kam, die kleine Schulbibliothek bot mir schon bald keinen Platz und keine Neuigkeiten mehr und ich bat meine Lehrerin Frau Grothe, mit mir einen Stadtb├╝cherei-Ausweis f├╝r mich zu beantragen. Meinen Vater konnte und wollte ich nicht bitten und nach ein wenig Auseinandersetzungen mit den Menschen von der B├╝cherei, die sich vor allem darum drehten, wer die Bezahlung ├╝bernimmt, wenn ich Ausgeliehenes nicht rechtzeitig zur├╝ckgab, der Ausweis selbst war f├╝r Kinder und junge Sch├╝lerInnen kostenlos, bekam ich den Ausweis. Frau Grothe, diese wunderbare Frau, die in der Zeit nicht nur meine Lehrerin war, sondern ebenfalls auch meine Not erkannte, sich f├╝r mich einsetzte und mich auch, wenn sie es nicht mehr aushielt, mal in den Arm nahm. Sie duftete immer nach Kirsche und hatte oft weiche, anschmiegsame Stricksachen an. Und auch, wenn sich ihre Umarmungen zun├Ąchst fremd und merkw├╝rdig anf├╝hlten, so war doch Frau Grothes Warmherzigkeit und Zuneigung und Interesse f├╝r mich so sp├╝rbar, dass ich irgendwann diese Umarmungen herbei sehnte.

Nach unserem erfolgreichen Bibliotheksstreifzug ÔÇô Frau Grothe w├╝rde alle Kosten ├╝bernehmen, die durch mich entst├╝nden, wobei ich mir schwor, ihr nie auch nur einen Cent schuldig zu bleiben ÔÇô ging sie mit mir feiern und lud mich zu einem gro├čen Eisbecher in einem nahen Eiscaf├ę ein. Beides waren neue Erfahrungen f├╝r mich, das Zelebrieren und die Einladung zum Eis.

Mit der Zeit wurde Frau Emilia Grothe zu meiner engsten Bezugsperson, wie eine Oma oder Tante, die ich aufsuchte, die ich anrief, die f├╝r mich da war, die mit mir in die Stadt zum Einkaufen ging, wenn ich neue Schuhe oder eine Jacke f├╝r meinen Bruder brauchte, die mit mir zum ersten Mal zur Frauen├Ąrztin ging (mit Erlaubnis meines Vaters), die mir dabei half, ├╝ber den Verlust meiner geliebten Mama hinwegzukommen. Sie war es auch, die mir vorschlug, ein Tage- oder Briefe-Buch an meine Mutter zu verfassen, so dass ich mich ihr nah f├╝hlen k├Ânnte, wann immer ich wollte und sie schenkte mir zum ersten Geburtstag, an dem ich nicht von meiner Mutter liebevoll geweckt wurde, ein wundersch├Ânes Notizbuch, mit goldenem Schnitt, feinen, zarten, abgerundeten Seiten und einem filigranen unaufdringlichen Blumenornament auf dem Umschlag.

Beim Durchbl├Ąttern der Seiten, das mir eine unerkl├Ąrliche Freude machte ÔÇô dieses satte, leise Rauschen, entstieg dem Notizbuch ein frischer, holziger Duft nach Papier, so unverbraucht und rein, dass ich am liebsten meine Nase darin versenkt h├Ątte. Ich wollte sofort losschreiben und irgendwie sp├╝rte ich meine Mutters Anwesenheit, ihre Zustimmung und ihre Erlaubnis. So elend ich mich in jener Zeit f├╝hlte, war dies ein lichter Moment, ein kurzer, aber m├Ąchtiger Ausblick auf eine friedlichere und freudvollere Zeit und ich war Emma, wie ich sie sp├Ąter nennen durfte, als sie nicht mehr meine Lehrerin war, sondern meine Freundin wurde, so unendlich dankbar daf├╝r.

Dieses erste Notizbuch besitze ich noch heute. Ich habe es durch die vergangenen Jahre gerettet und noch heute kann ich mit diesem die Erinnerung an meine Mutter heraufbeschw├Âren und in meinen dunkelsten Momenten verschafft es mir ein wenig Trost, da ich ihr dann besonders nah bin und sicher, dass ich sie finden w├╝rde. Das Notizbuch, das von der ersten bis zur letzten Seite vollgeschrieben ist, kleine, enge, kindliche Kritzeleien ÔÇô├╝berwiegend mit Bleistift, so dass ich manchmal versucht bin, die Buchstaben und W├Ârter nachzuzeichnen und es f├╝rchterlich schwierig finde. Ich verliere mich zu schnell und muss vielleicht weinen, oder lachen, oder beides zusammen. Auf jeden Fall bin ich dann pl├Âtzlich nicht mehr allein. Ja, dieses Notizbuch wurde zu meinem Talisman, meinem Schutzschirm und gab mir die M├Âglichkeit, zu ├╝berleben.

Neben dem Notizbuch hatte mir Frau Grothe zu meinem Geburtstag Nr. 1 nach dem Ende der Welt auch einen Kuchen gebacken, den sie mit in die Schule brachte. Ich erinnere es noch genau, Mandarine-Quark-Kuchen mit einem M├╝rbeteigboden und 13 Kerzen oben drauf und ein paar Schokolinsen, die so gar nicht zu dem Kuchen passten. Mir schn├╝rte es ziemlich die Luft ab und ich h├Ątte auf der Stelle losheulen k├Ânnen, zum einen, weil ich mich so ├╝berw├Ąltigt f├╝hlte, so merkw├╝rdig gesehen; es war, als verlie├če mich alle Kraft und ich h├Ątte mich am liebsten zu einer winzigen Kugel zusammengerollt und zum anderen, vor Gl├╝ck, denke ich. Ich konnte nicht fassen, dass ÔÇô obwohl meine Mutter nicht mehr da war und ich mich so allein und verlassen f├╝hlte ÔÇô jemand mir einen Kuchen und ein Notizbuch schenken w├╝rde.

Zuhause hatte ich nicht auf meinen kommenden Geburtstag hingewiesen und mein Vater und meine Br├╝der schienen den Tag wirklich vergessen zu haben. Ich erinnere, dass ich schon heulend morgens das Haus verlie├č, weil niemand auch nur erw├Ąhnt hatte, dass heute vielleicht ein besonderer Tag sei. Diese Ungerechtigkeit machte mich schwach. Aber als ich sp├Ąter am Tag nach Hause kam, fand ich auf meinem Bett eine kleine Karte und das Foto von meiner Mutter mit mir als Baby im Arm. Gerahmt und hinter Glas.
ÔÇÜHerzlichen Gl├╝ckwunsch zum Geburtstag, Hanna. Sei stark und bleibe tapfer. Dein VaterÔÇś.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Registriert: Oct 2000

Werke: 65
Kommentare: 1408
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralph Ronneberger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo AnSuBa, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Sch├Ân, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Ma├če an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den h├Ąufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken


Viele Gr├╝├če von Ralph Ronneberger

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung