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Leselupe.de > Kurzprosa
Tauben in der Bäckerei
Eingestellt am 06. 09. 2011 10:20


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Arno Abendschön
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Die Bäckerei liegt im Untergeschoss eines Berliner Bahnhofs - wenn ich in der Stadt bin, frühstücke ich dort manchmal oder trinke nachmittags Kaffee – und auf der gleichen Ebene die Kunden-Center von Deutscher Bahn und S-Bahn, eine Snack-Verkaufsstelle, das WC-Center, die Aufgänge zu den Bahnsteigen. Da unten ist nur Beton, Glas und Metall, eine blank polierte Welt unter Neonlicht, die man in Eile aufsucht und wieder verlässt. Doch eine andere Gattung hat sich auf Dauer niedergelassen – Tauben. Nicht der Hund ist der treueste Begleiter des Stadtmenschen, es ist die Stadttaube.

Zwei Exemplare von columba livia forma domestica trippeln im Durchgang vor der Bäckerei auf und ab. Straßentauben bevorzugen lebenslange Monogamie. Ihr Leben währt nur kurz – zwei bis drei Jahre – und ist entbehrungsreich und allzeit gefährdet. Die beiden hier finden den Anblick der Backwaren in der Auslage sehr verlockend. Solange die Geschäftszeit andauert, versuchen sie, ins Innere des Ladens zu gelangen. Man gönnt es ihnen nicht. Die Angestellten haben einen schwarzen Keramikraben neben der offen stehenden Eingangstür postiert. Die Vögel behalten ihn im Auge, während sie trippelnd vormarschieren, sich an ihm vorbeidrücken. Eines Tages ist der Rabe fort, vielleicht gestohlen, und das Taubenpaar passiert die Tür nun rascher.

Die Verkäuferin versucht eine Zeitlang, die Tauben auf dem Fußboden zu ignorieren. Sie hat viel zu tun. Ein älterer Gast, der gleich hinter der Tür sitzt, zerkrümelt sein Brötchen und wirft Bröckchen vor die Vögel hin. Sie picken hurtig. Andere Gäste schauen unmutig drein. Einer ruft laut: „Jetzt sind die Scheißtauben auch hier schon!“ Die Verkäuferin kommt vor den Tresen und fängt routiniert an, die Tauben aufzuscheuchen: „Ksch, ksch …!“ Dazu maßvolle Armbewegungen, wie bei einer Eurythmie-Vorführung. Die Tiere sollen nur hinauskomplimentiert, nicht in Panik versetzt werden - nicht dass sie im Laden herumflattern, auf die Ware koten oder sich im Lagerraum verirren. Die Tauben wissen Bescheid, man kennt sich. Sie picken noch zweimal und verlassen dann trippelnd das Lokal, den Hunger kaum gestillt. Hart ist das Taubenleben.

Wochen später kommt nur noch eine Taube herein, inzwischen wohl verwitwet. Ich bin der einzige Gast und ich zerkrümele keine Brötchen. Ich mache gleich: „Ksch, ksch …!“ Und ahme jene eurythmischen Armbewegungen im Sitzen nach. Die vereinsamte Taube scheint ein wenig erstaunt, sie sieht mich kurz an und trippelt weiter suchend auf dem Boden herum. Neulich habe ich in der Zeitung gelesen, Tauben merkten sich die Gesichter der Menschen, die sie verjagen. Wäre mir unangenehm. Ach ja, Morgenstern und das Huhn in der Bahnhofshalle: ... dass ihm unsere Sympathie gehört, selbst an dieser Stätte, wo es - „stört“ … Man sollte nicht so viel durcheinander lesen.

Ich sehe noch mal hin. Was ist das? Die Taube trippelt hinkend. Ihr fehlen rechts sämtliche Zehen. Später werde ich bei Wikipedia lesen: „Der Fuß ist als Sitzfuß ausgebildet und anisodaktyl, drei Zehen weisen nach vorn, eine nach hinten.“ Hier weist keine irgendwohin, es ist wie bei einer Uhr ohne Zeiger. Meine Taube hat sich nach der Radikaloperation – Stachelmanschetten sind grausam – einfach umgestellt und setzt den Torso als Stelzfuß ein. In mir regt sich etwas. Ich mache nicht mehr „Ksch, ksch …!“ Aber Brosamen werfe ich ihr doch lieber nicht hin - nicht in der Bäckerei.

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