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Leselupe.de > Kurzprosa
Taubentod
Eingestellt am 15. 09. 2007 14:04


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Daunelt
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Taubentod

In der U-Bahnstation an der Konstablerwache, dort wo es am schmutzigsten ist, liegt seit Stunden eine Taube und stirbt. Flach hingeduckt, in grotesk verzerrter Stellung, versucht sie m├╝hsam, den trampelnden F├╝├čen auszuweichen. Zwei heftige Tritte hat sie schon abbekommen, und das ist wenig bei der Hektik hier unten. Es ist nicht Achtung vor der Kreatur, sondern Ekel und Abscheu, die den Schritt eine halbe Sekunde abbremst und zum Ausweichen zwingt. Immer n├Ąher ist der Vogel an den Bahnsteigrand gerutscht; da geht es - aus der Sicht eines so kleinen Wesens - tief hinab in die Regionen der Unterwelt. Ratten leben dort in den Abfallhaufen und sammeln Zigarettenfilter f├╝r ihre Nester, da├č Schienenband hebt sich im Halbdunkel kaum vom verru├čten Split und den Glasscherben ab.

Alle drei Minuten im Schnitt f├Ąhrt ein Zug ein, verbindet die Vororte und Stadtteile mit dem unruhigen Herzen der Stadt. Der Zielanzeiger klappert ohne Pause, die Ansagen, vom Band abgespielt, immer im gleichen Tonfall, weisen die Richtung. Bei diesem Bahnsteig, als er vor so vielen Jahren angelegt wurde, haben die Stadtwerke nicht an Aufwand gespart: sauber wurden hochwertige Bodenplatten Fuge an Fuge verlegt, Papierk├Ârbe in reichlicher Anzahl angebracht, Schautafeln und Piktogramme montiert, die W├Ąnde farblich abgestimmt und dekoriert. Jetzt starrt hier alles vor Schmutz und Glibber, Graffitis an allen erreichbaren Fl├Ąchen, in den Winkeln trocknen Urinlachen. Ein m├╝der Arbeiter, in blau und orange gekleidet, kratzt mit einem Schaber Kaugummis aus den Fugen, schiebt sie mit gleichg├╝ltiger Bewegung ins Gleis. Die Taube versucht, auf den verdrehten Fl├╝gel aufgest├╝tzt, in seine N├Ąhe zu kommen; vielleicht hat sie Gl├╝ck und er k├╝rzt ihre Qual mit einem Hieb seines Werkzeuges ab. Aber unrealistische Hoffnungen sind tr├╝gerisch, und der Mann wendet sich der seit Wochen defekten Rolltreppe zu.

Ach, so sterben, hier im Neonlicht, zwischen Rentnern, Yuppies und Schichtarbeitern, so hatte sie es sich nicht ausgemalt. Auch V├Âgel wissen, das ihre Tage abgez├Ąhlt sind. Freilich haben sie mit ihren kleinen Hirnen nicht solch tiefphilosophische Gedanken wie wir Menschen. Sicher sah sie sich auf einer leidlich sauberen Wiese sterben, auf dem R├╝cken langsam ausatmend, unter dem Himmel, am Abend, beim Licht der ersten Sterne. Da gleichen sich die Schicksale von Menschen und Tauben, die Wirklichkeit holt die Tr├Ąume ein und erw├╝rgt sie gnadenlos - und sei es nur die Illusion von einem milden Tod.

Die n├Ąchste U-Bahn wird angek├╝ndigt, Richtung Hauptbahnhof, direkt in den Brennpunkt der st├Ądtischen Agonie, mitten zwischen die Nutten und Junkies. Schnell, rasend schnell f├Ąhrt sie ein, fast k├Ânnte man meinen, sie w├╝rde durchfahren, der Sog rei├čt die Taube ├╝ber den Bahnsteigrand, ein halber Lidschlag nur, wirbelnde Federn, ein rasch trocknender Fleck auf dem Gleis. Die Reisenden dr├Ąngen in die Wagen, eine alte Frau redet mit sich selber, zwei Jugendliche kicken lachend eine Bierdose vor sich her.


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hellbender
Wird mal Schriftsteller
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Hallo, das hat was! Mir gef├Ąllt deine Beobachtungsgabe und die Perspektive der Taube. Eine traurige Geschichte, die nachdenklich macht.
Den zweiten Teil w├╝rde ich weglassen. Brauchst du den? Ich finde ihn ├╝berfl├╝ssig, sogar st├Ârend.

vlg hellbender

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Daunelt
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Hallo,

Danke f├╝r die Kommentare, freut mich, da├č Euch der Text gefallen hat. Schade nur, da├č der zweite Teil nicht ankommt. Ich hatte diesen Part mit der etwas religi├Âsen Note beim Schreiben gerade als besonders "stark" und bewegend empfunden. Aber da alle R├╝ckmeldungen es anders sehen, habe ich es herausgenommen, auch die zwei (mehr fand ich nicht) Rechtschreibfehler korrigiert.

Einen sch├Ânen Restsonntag w├╝nscht

Daunelt

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nobody
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Einige subjektive Anmerkungen:

quote:
...da geht es - aus der Sicht eines so kleinen Wesens - tief herab (m. E. sollte es tief hinab hei├čen) in die Regionen der Unterwelt. Ratten leben hier (nicht hier, sondern dort, weil unten) in den Abfallhaufen und sammeln Zigarettenfilter f├╝r ihre Nester, da├č (objektiver Rechtschreibfehler: das) Schienenband hebt sich im Halbdunkel kaum vom verru├čten Split und den Glasscherben ab.

quote:
auf dem verdrehten Fl├╝gel aufgest├╝tzt
= mir w├╝rde "auf den verdrehten Fl├╝gel gest├╝tzt" besser gefallen.

quote:
Aber unrealistische Hoffnungen sind tr├╝gerisch und er wendet sich der seit Wochen defekten Rolltreppe zu.
= perspektivisch korrekt sollte es hei├čen:
"Aber unrealistische Hoffnungen sind tr├╝gerisch (Komma) und er der Arbeiter wendet sich der seit Wochen defekten Rolltreppe zu.

Ansonsten: Der Text hat durch die Streichung des letzten Absatzes enorm gewonnen
Gru├č Franz

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Daunelt
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Hallo Franz,

nochmals Danke. Habe entsprechende ├änderungen vorgenommen. Den falschen Einsatz von das/da├č wirst Du bei mir noch des ├Âfteren finden, stehe damit seit der Grundschule auf Kriegsfu├č ;-)

Bis demn├Ąchst

Daunelt

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Orangekagebo
Guest
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Gut geschrieben Daunelt, aber was mich mitunter st├Ârt, ist die Perspektive. Taube oder Erz├Ąhler? Einerseits die Bitterkeit des Federviehs, andererseits die ├╝berfl├╝ssige dritte Person. Entweder ich schl├╝pfe in die Taube und leide mit, oder ich bin als Mensch betroffen ├╝ber das einsame Schicksal.

Vielleicht w├Ąre es besser, komplett bei der Taube zu bleiben. Zu viel Theorie drum herum.
z. B. ... Alle drei Minuten f├Ąhrt ....

Aus der Sicht der Menschen ist es dreckig am Bahnsteig. Ist eine Taube so intelligent, das ebenso zu sehen? F├╝r die Taube ist alles Nahrung usw. Ich glaube, dass es authentischer w├Ąre, die Gedanken des Tieres zu k├╝rzen, zu versimpeln.

Also, Daunelt, ich kann mich dem Lob der Vorredner nicht so einfach anschlie├čen. Guter Ausdruck und auch Traurigkeit im Kern, aber die Umsetzung sollte nochmals ├╝berdacht werden - aus meiner Sicht.

LG, orangekagebo

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