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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Taufe
Eingestellt am 26. 09. 2001 10:33


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eli-fant
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

Werke: 11
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"Hast du ihn vorher auch nochmal gestillt?" fragte Gro├čtante Mathilde. Ihre Stimme klang besorgt.
"Ja, nat├╝rlich habe ich ihn gestillt!" Die junge Mutter, die den in wei├če Spitzen gekleideten S├Ąugling auf dem Arm hielt, versuchte, ihre Gereiztheit zu verbergen.
"Und gewickelt? Ist er frisch gewickelt?"

Die Taufgesellschaft stand wartend auf der Treppe vor dem Kirchenportal. Es war ein kalter, windiger Oktobernachmittag.
"Kann man denn da nicht reingehen?" erkundigte sich Onkel Bernd ungeduldig. "Es ist doch Unsinn, bei diesem Wetter hier drau├čen rumzustehen!"
Er ├Ąrgerte sich, da├č er sich ├╝berhaupt hatte ├╝berreden lassen, an der Feier teilzunehmen. Er hielt nichts von Dingen, die mit Kirche und Religion zu tun hatten. Am heutigen Nachmittag h├Ątte er wahrlich Sinnvolleres zu tun gehabt.
"Nein, wir k├Ânnen noch nicht in die Kirche." erkl├Ąrte der Vater des T├Ąuflings. "Der Pfarrer holt uns hier am Portal ab und dann ziehen wir gemeinsam feierlich bei Orgelmusik in die Kirche ein."
"Aha" sagte Onkel Bernd unge├╝hrt. Er schlug seinen Mantelkragen in die H├Âhe und zog die Schultern hoch.
"K├Ąlte hin oder her - jedenfalls wird das Kind im RICHTIGEN Glauben getauft!" sagte Gro├čmutter Sophie laut, wobei sie einen vernichtenden Blick auf ihren zweiten Schwiegersohn warf, der etwas abseits der Gruppe am Fu├č der Treppe stand. Er war evangelisch.
W├Ąhrenddessen raunte Gro├čtante Mathilde ihrer Schwester Emilie zu: "Gibt's da nachher blo├č Kaffee oder sind wir auch zum Abendessen eingeladen?"
"Angebracht w├Ąre ein Abendessen ja schon," fl├╝sterte Emilie zur├╝ck, "nachdem einige von uns ja von weither angereist sind. Aber ich nehme an, wir werden mit Kaffee und einem St├╝ck Kuchen abgespeist werden. Die jungen Frauen heutzutage" - sie warf einen kurzen Blick auf die Mutter des S├Ąuglings - "halten nicht mehr so viel von Arbeit, wie wir fr├╝her."

Im selben Moment ├Âffnete sich das Kirchenportal und der Pfarrer erschien, neben sich zwei in braune Kutten gekleidete Ministranten, ein M├Ądchen und einen Jungen.
Der Geistliche war ein freundlicher alter Herr mit wei├čem Haar. Er sagte nichts, lie├č seinen Blick nur bed├Ąchtig ├╝ber die Versammelten schweifen und hob gr├╝├čend eine Hand. Diese Geste hatte er dem Papst abgeschaut und sie verfehlte auch nicht ihre Wirkung. Augenblicklich verstummte die Taufgesellschaft.
Sekunden sp├Ąter zog sie beim Klang von Orgelmusik in die Kirche ein. Gesenke K├Âpfe, ernste Gesichter. Alle schienen sich der Feierlichkeit des Augenblicks bewu├čt zu sein. Einzig Onkel Bernd schielte verstohlen nach seiner Armbanduhr.
Vorne angekommen verteilte man sich auf die Kirchenb├Ąnke. Streng getrennt - rechts die Verwandten der Mutter, links die des Vaters.
Der Pfarrer blieb kurz vor dem Altar stehen und wandte sich dann mit einem f├╝r sein Alter durchaus eleganten Schwung den Versammelten zu.

Schon w├Ąhrend seiner Zeit als junger Kaplan war er zu dem Schu├č gekommen, da├č es f├╝r einen Geistlichen nicht so wichtig war, was er sagte, sondern vielmehr, wie er es sagte und mit welchen Gesten er seine Worte begleitete. Die Menschen kamen schlie├člich nicht in die Kirche, um komplizierte Dinge anzuh├Âren. Sie wollten - so meinte er - im Gottesdienst dem Alltag entfliehen und Eintauchen in eine Welt, die nichts mit ihren werkt├Ąglichen Sorgen und M├╝hen zu tun hatte. Und diese Welt schuf er ihnen: Wohlklingende, meist nichtssagende Worte, Kerzenschein und Weihrauchduft.
Die Bed├╝rfnisse der Menschen waren verschieden - das hatte der Pfarrer fr├╝h festgestellt. Manche Menschen brauchten diese Gottesdienstatmosph├Ąre einmal pro Woche und kamen regelm├Ą├čig. Andere sah er nur zweimal im Jahr und wieder andere zwei- oder dreimal in ihrem Leben, etwa wenn sie heiraten, ihre Kinder taufen oder ihre Eltern beerdigen lassen wollten.
Er war zu der Erkenntnis gelangt, da├č es f├╝r ihn am vorteilhaftesten war, wenn er die Unterschiedlichkeit seiner Gemeindemitglieder respektierte. Allen begegnete er zuvorkommend und mit einem g├╝tigen L├Ącheln - auch denen, die seine Dienste nur sehr selten in Anspruch nahmen - und niemals trat er irgendjemandem zu nahe.
Und er wurde von allen geachtet und mit Ehrerbietung behandelt. Er hatte kein unangenehmes Leben.

Bei der schwungvollen Drehung, die er vollzog, um sich den Anwesenden zuzuwenden, hatte der Pfarrer eines nicht beachtet:
Die Putzfrau hatte eine Stunde zuvor die Bodenvase vor dem Altar anders plaziert. Es handelte sich um ein Arrangement aus Rosen und den Zweigen eines Dornenstrauchs, das anl├Ą├člich einer Marienandacht am vorigen Abend aufgestellt worden war.
Es kam, wie es kommen mu├čte:
Das Me├čgewand des Pfarrers verfing sich in den Dornen und ri├č die Vase um, die mit lautem Klirren zerbrach. Eine Pf├╝tze breitete sich auf dem Boden aus.
Alle machten erschrockene Gesichter - einzig der Pfarrer lie├č sich nicht beirren und tat so, als w├Ąre nichts geschehen. Seine Auffassung vom Wert einer ungest├Ârten Zeremonie verbot es ihm, seine Stellung vor dem Altar zu verlassen und so begann er seine Begr├╝├čungsansprache in der Wasserlache stehend.
Damit zwang er auch die beiden Ministranten, ihren Standort beizubehalten. Das M├Ądchen hatte neumodische Schuhe mit hohen Sohlen an und blieb relativ unbehelligt von der N├Ąsse, w├Ąhrend der Junge, der Gesundheitssandalen trug, ein ungl├╝ckliches Gesicht machte und ab und zu mit den Zehen wackelte, um sie warmzuhalten.

"Br├╝der und Schwestern! In der allergr├Â├čten Freude sind wir heute an dieser geweihten St├Ątte zusammengekommen, um mitzuerleben, wie..."
Die Atmung des T├Ąuflings wurde regelm├Ą├čiger und die Mutter beobachtete, wie ihm langsam die Augen zufielen. Sie wunderte sich. Um diese Uhrzeit schlief der Kleine sonst nie.

Die Tauffeier nahm ihren Fortgang. Alle lauschten mit recht and├Ąchtigen Gesichtern, nur Onkel Bernd blickte in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden auf seine Uhr.
Auch Gro├čonkel Xaver begann nach einiger Zeit unruhig auf der Bank hin- und herzurutschen. Seine Gattin Erna warf ihm einen argw├Âhnischen Blick zu. Gro├čonkel Xaver war manchmal nicht mehr ganz richtig im Kopf und hatte sie schon des ├Âfteren in unangenehme Situationen gebracht. Da begann er auch schon laut zu jammern:
"Wann gibt's denn den Kaffee? Es is' doch glei' drei! I m├Âcht jetzt mein' Kaffee!"
Seine Frau brachte ihn durch einen unsanften Sto├č in die Rippen zum Schweigen.
"Bist net glei' staad! Mia san doch in der Kirch'!"
Ein paar Minuten sp├Ąter beugte sie sich nach vorne und tippte ihrer vor ihr sitzenden Cousine auf die Schulter.
"Da schau 'n├╝ber!" zischte sie. Sie deutete mit einer Kopfbewegung zu den auf der anderen Seite sitzenden Verwandten der Mutter. "Die k├Ânnen net amal s'Vaterunser auswendig! Von dene' bet' keiner laut mit!"
"Tats├Ąchlich!" Die Cousine folgte ihrem Blick und starrte eine Weile mi├čbilligend zu der so unfrommen Verwandtschaft hin├╝ber, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Pfarrer zuwandte.

Dieser wies gerade mit einer salbungsvollen Geste zum Taufbecken.
"Und nun" sagte er, dessen d├╝nne Lederschuhe bereits v├Âllig durchgeweicht waren, mit W├╝rde in der Stimme, "und nun wollen wir zur eigentlichen Taufe schreiten."

"Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes..."
Der schlafende S├Ąugling zuckte zusammen und ri├č erschrocken die Augen auf, als ihm das Wasser ├╝ber die Stirn lief. Doch dann siegte die M├╝digkeit ├╝ber den kleinen K├Ârper. Statt loszukreischen, wie alle Anwesenden erwarteten, entschwand der T├Ąufling mit einem leisen Seufzer wieder ins Reich der Tr├Ąume. Er r├╝mpfte nur noch einmal das N├Ąschen, ehe er wieder in Tiefschlaf sank.

"So ein braves Kind! Nicht ein einziges Mal hat es geschrien...!"
"Der Pfarrer hat es aber auch sehr feierlich gemacht, das mu├č man sagen. Eine wirklich sch├Âne Taufe!"
"Und sogar mit Orgelmusik! Das ist durchaus nicht in jeder Pfarrei ├╝blich."
Die Taufg├Ąste dr├Ąngten sich im Wohnzimmer.
Die meisten von ihnen musterten dann und wann verstohlen mit hungrigen Blicken die Kuchen und Torten, die auf dem Tisch aufgebaut waren. Der Vater stand etwas abseits und versuchte unbeholfen, den S├Ąugling, der langsam quenglig wurde, zu beruhigen.
Gleich nach der Heimkehr von der Kirche war die Mutter mit ihrer Schwester, der Taufpatin, in der K├╝che verschwunden, um Kaffee und Tee f├╝r die G├Ąste zu kochen.
Gro├čtante Erna hatte den beiden mit einem Stirnrunzeln nachgesehen:
"Des h├Ątt' net sei' m├╝ssen, da├č eine von dene' Taufpatin wird!" raunte sie Gro├čtane Mathilde zu, die neben ihr stand. "Die woll'n doch alle von der Kirch' nix wissen. Da h├Ątt' sich doch in unserer Verwandschaft aa jemand g'funden!"
"Mag schon sein ..." r├Ąumte Mathilde fl├╝sternd ein. "Andererseits hat man doch als Pate blo├č Scherereien. Jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten mu├č man ein Geschenk parat haben. Das kann mit der Zeit mehr als l├Ąstig werden!"
"Da hast aa wieder recht." murmelte Erna. "Dann kann ma' ja direkt von Gl├╝ck red'n, da├č von uns keiner Pate word'n is'!" Sie lie├č sich diese neue Erkenntnis durch den Kopf gehen, w├Ąhrend sie mit kritischem Hausfrauenblick die verschiedenen Kuchen musterte.
Als die ersten Kannen mit frischem Kaffee hereingetragen wurden, setzte man sich erwartungvoll an den Tisch. Die Tassen wurden gef├╝llt, Milch und Zucker herumgereicht und Kuchen verteilt.
Vor Gro├čmutter Sophies Platz stand ein Teller mit mehreren St├╝cken Aprikosentorte.
Sie nahm sich ein St├╝ck.
"Der Diabetikerkuchen ist GEKAUFT!" sagte sie absichtlich laut. Ihre Stimme war eisig. "Das ist schon ein Armutszeugnis f├╝r eine Hausfrau, die einen zuckerkranken Gast einl├Ądt!"
Allgemeines Schweigen.
Onkel Christoph, der den betroffenen Blick der Mutter sah, versuchte, die Situation zu retten.
"Der Bienenstich ist ausgezeichnet!" sagte er mit vollem Mund. "Du hast eine wundervolle Ehefrau." Er wandte sich dem Vater zu und klopfte ihm jovial auf die Schulter. "Ja, ja, ich sage es immer wieder - das einzig Wichtige an einer Frau ist, da├č sie Backen und Kochen kann. Du hast es wirklich gut getroffen!"
Er bemerkte nicht, da├č die Mutter die Lippen ├Ąrgerlich zusammenpresste und ihre Gesichtsfarbe dunkler wurde.
Kurze Zeit sp├Ąter war die ganze Gesellschaft mit Essen und Trinken besch├Ąftigt und somit einigerma├čen friedlich.
Bis Onkel Xavers laut klagende Stimme zu vernehmen war:
"Ja, gibt's denn da koa Schlagsahne zu dem Kuacha?"
Die Mutter, die sich gerade auf dem Sofa niedergelassen hatte um das Baby zu stillen, sprang betreten wieder auf und lief in die K├╝che.

Nachdem am fr├╝hen Abend die letzten Verwandten die Wohnung verlassen hatten, brach die Mutter des T├Ąuflings in Tr├Ąnen aus. Die Aufregungen des Tages waren zu viel f├╝r sie gewesen, die Berge von schmutzigem Geschirr, die in der K├╝che auf sie warteten, gaben ihr den Rest.
Von ihrem Weinen erwachte der S├Ąugling. Er dr├╝ckte die Lippen fest aufeinander und presste eine geh├Ârige Portion Kacke in die Windel. Dann begann er zu kreischen. Er hatte Hunger. Er wollte jetzt seine Milch.
In der kommenden Woche w├╝rde sein Name im Kirchenanzeiger zu lesen sein in der Rubrik:
- In die Gemeinschaft der Gl├Ąubigen aufgenommen -


__________________
eli-fant

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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 11
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Taufe

Hallo,
teilweise f├╝hlte ich mich ungeduldig, als ich die Geschichte las. Die zerm├╝rbende Atmosph├Ąre, die ich auch kenne, wollte ich schon beim Lesen hinter mich bringen.
Bis zum Ende gelesen.
Geduld hin oder her. Einfach k├Âstlich.
Gr├╝├če
__________________
klara

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josipeters
Guest
Registriert: Not Yet

sehr anschaulich geschildert, diese Geschichte

man kann die Situation sehr gut nachempfinden, diese anstrengende Feier kurz nach der Entbindung und die nervigen G├Ąste. Prima hingekriegt, alle Achtung

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
Kommentare: 1400
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Hallo eli-fant,

so kann man auch mit Alltagsdingen
seinen Lesern Freude bringen.

Ja, das Lesen hat Spa├č bereitet und wurde von Schmunzeln, lautem Auflachen und heftigem Nicken begleitet. Leider ist am Ende mein Mitgef├╝hl mit der jungen Mutti (Papa bleibt dagegen recht blas - wie so viele M├Ąnner in solchen Situationen) so gro├č, da├č ich mich nicht in der Lage f├╝hle, etwas Kritisches anzumerken. Oder liegt es am Text? Hm - kann auch sein.

Gru├č Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

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