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Teenie, Tod und Teufel
Eingestellt am 05. 04. 2008 16:51


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Hier noch ein ausgekoppeltes Kapitel zum Thema Verhaltensbiologie/evolutionÀre Psychologie & KreativitÀt (= Literatur, Film etc). Hier geht um den Teen-Horror.

Exkurs: Teenie, Tod und Teufel
Es hĂ€tte doch alles so nett sein können: Aber kaum dass die Eltern einmal ĂŒber Nacht fort sind, die High-School-Eleven zuhause die Puppen tanzen lassen dĂŒrfen und nachts im elterlichen Ehebett erste praktische Erkundungen in Sache Liebe einziehen, hĂŒpft Freddy Krueger aus der Besucherritze und metzelt alle nieder.
Sex spielt im Teen-Horrorfilm eine Ă€ußerst prominente Rolle. Und fast immer ist er mit Tod und Bedrohung verbunden. Dass vor allem die Vorwitzigen und Ungeduldigen fĂŒr ihre vorehelichen Abenteuer abgestraft werden, kann als eines der Kernrituale des Genres bezeichnet werden. Es gibt Kritiker, die den Horrorfilm geradezu als Verbindung von Sex und Tod definieren (1). Oder in den Worten von Randy, dem Horrorfan aus Scream: "Regel Nummer eins: Du darfst keinen Sex haben. Sex bedeutet Tod"(2).
Liegt das daran, dass der Horrorfilm eine besonders prĂŒde Botschaft verficht? Allerdings steht diese ErklĂ€rung insofern auf recht wackeligen Beinen, als dass sie einen Widerspruch bildet zur sonstigen Sinnlichkeit und FreizĂŒgigkeit dieser Filmgattung, in der Entkleidungs- und Duschszenen Rituale von nicht minderem Rang darstellen. Auch hier wird nacktes Fleisch ungeniert als potenter Lustschalter eingesetzt.
Viel eher glaube ich, dass es diesem Genre darum geht, Themen und Stimmungen zu liefern, in die Jugendliche gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig besonders gut einsteigen können. Nur: wieso sollten fĂŒr sie ausgerechnet Tod und Sex so nah beieinander stehen?
Wir erinnern uns: Die menschliche Reifezeit ist im VerhĂ€ltnis zu den meisten anderen Spezies stark gedehnt, Schimpansen erreichen ungefĂ€hr mit acht Jahren das Fortpflanzungsalter, Menschen eher mit dreizehn, vierzehn (3). Genutzt wird dieser Zeitgewinn zu einem intensiven Sammeln von Erfahrungen. Wie wir bereits wissen, wurde diese Ausweitung der Kindheit dadurch ermöglicht, dass der Mann in die Aufzucht einbezogen wurde. Der Mensch stellt also ein ziemlich behĂŒtetes Wesen dar.
Körperliches Wachstum ist Ă€ußerst energieaufwendig. In der Biologie gibt es das Prinzip, dass Wachstum und Fortpflanzung zeitlich nicht nebeneinander auftreten, sondern dass sich die Energieaufnahme zunĂ€chst auf die körperliche Entwicklung konzentriert, bevor sich ein Organismus zu reproduzieren beginnt (4).
Dies gilt auch fĂŒr unsere Spezies: Menschliche Kinder, die bereits in ihrer spĂ€ten Kindheitsphase Nachkommen haben, mĂŒssen ihre Ressourcen auf die eigenen Reifungsprozesse und auf die Kinder verteilen. Außerdem sind sie körperlich noch gar nicht völlig auf die Schwangerschaft vorbereitet, die in so jungen Jahren daher auch besonders riskant verlĂ€uft. Daneben werden Erfahrung und Wissen den AnsprĂŒchen der Elternrolle noch nicht gerecht. Und zuletzt fehlt meistens auch die wirtschaftliche Basis, um eine Familie zu erhalten. Eltern tun also gut daran, ihre eigenen Nachkommen von zu frĂŒher sexueller AktivitĂ€t abzuhalten. Offenbar liegen hier zumindest Teilursachen fĂŒr die oft gescholtene „restriktive“ Sexualerziehung.
Und dies ist das eigenartige Spiel, bei dem unsere Teens mitzuspielen haben! Nach einer ziemlich langen und unbeschwerten Kindheit begeben sie sich auf das Gebiet der Partnerwerbung und der sexuellen Konkurrenz. In dieser Phase dreht sich ihr Denken und FĂŒhlen auf extrem zugespitzte Weise um das Selbstbild und den subjektiv empfundenen Selbstwert (was ja nicht zuletzt bedeutet, ein GefĂŒhl zu entwickeln fĂŒr den eigenen sozialen Rang und die AttraktivitĂ€t fĂŒr mögliche Sexualpartner). Dieser Justierungsvorgang ist unter UmstĂ€nden mit erheblichen psychischen Turbulenzen verbunden. In keiner Zeitspanne der ersten LebenshĂ€lfte liegt die Zahl der Selbstmorde und Selbstmordversuche höher als im Alter zwischen zehn und zwanzig (5).
So verlockend all die sich neu eröffnenden Möglichkeiten der geschlechtlichen Liebe auch sein mögen: Sex bleibt verbunden mit instinktiven SchamgefĂŒhlen und einer ganzen Reihe gesellschaftlicher und elterlicher Verbote und Vorbehalte.
Aber es drohen nicht nur die Risiken, die einem Regelverstoß erwachsen. Denn in der Tat ist Sex durchaus mit Tod verbunden: Wenn wir davon ausgehen, dass heutige vorstaatliche Gesellschaften ein Modell fĂŒr die VerhĂ€ltnisse der Vorzeit abgeben, dann war es so auch mit Sicherheit wĂ€hrend der gesamten Evolution des Menschen. Wie bereits erwĂ€hnt sterben bei den Yanomamö-Indianern um die 30 Prozent aller MĂ€nner bei Duellen – mit anderen Worten bei KĂ€mpfen um sexuelle Dominanz.
Geschlechtliche Abenteuer bilden also ein Ă€ußerst heißes Pflaster. Und das weiß Gott nicht nur fĂŒr MĂ€nner. Im Gegenteil: Die Gefahr von Vergewaltigungen ist ein stĂ€ndiger Begleiter der Frauen, wie wir nicht zuletzt am Beispiel des "date rape" gesehen haben.
Und noch eine andere Gefahr liegt hier auf der Lauer. Auch wenn die klassischen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder Tripper seltener geworden sind, entstehen immer neue bedrohliche Epidemien, wie AIDS demonstriert hat. Fasst man alle Erreger, die sexuell ĂŒbertragbar sind (im Amerikanischen STD = sexually transmitted diseases), zusammen, ergibt sich ein ganz erhebliches Risiko.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, eine besonders populĂ€re Figur des Horrorgenres noch einmal genauer zu betrachten: Den Vampir. In einem vorausgehenden Kapitel hatten wir Beziehungen zum Raubtierbild feststellen können. Aber wie es aussieht, gibt es da noch eine weitere Symboldimension. Der Vampir ist bleich und ausgezerrt, außerdem existiert er in einem Übergangsbereich zwischen Leben und Tod. Zu seiner BekĂ€mpfung gehört, dass das Stroh, auf dem er geschlafen hat, zu verbrennen ist. Seine Eigenarten ĂŒbertrĂ€gt er durch einen Biss, aber auch durch Blutmischung (6), wobei vor allem die Menschen aus seiner nĂ€heren Umgebung gefĂ€hrdet sind. Zur Abwehr werden bestimmte HeilkrĂ€uter eingesetzt (im Film so gut wie immer Knoblauch, in der mĂŒndlichen Überlieferung aber auch andere Arzneien der Volksmedizin). Offenbar bildet der Vampir damit eine tödliche (sexuell ĂŒbertragbare) Infektion ab, so dass diese Figur stammesgeschichtlich auf unsere Infektionsangst zurĂŒckzufĂŒhren ist, historisch möglicherweise auf die großen Epidemien im Europa des Mittelalters und der Neuzeit.
Und damit kehren wir zu unseren Teenies zurĂŒck. Alles in allem ergibt sich fĂŒr sie ein ziemlich explosiver Mix, mit dem sie sich im Verlauf der geschlechtlichen Reife konfrontiert sehen: Verlockung einerseits, Angst vor VerbotsĂŒbertritten andererseits. Dazu die Gefahr von Versagen und ZurĂŒckweisung, RivalitĂ€t, gewalttĂ€tigen Übergriffen und unangenehmen Infektionen. Es wĂ€re sehr verwunderlich, wenn sich in der Evolution nicht gewisse "Achtung! Warnung!"-Schaltkreise herausgebildet hĂ€tten, die in Zusammenhang mit sexuellen Kontakten aktiviert werden. Und damit wĂ€re durchaus eine evolutionĂ€rpsychologische Verbindung von Sex, Bedrohung und Tod gegeben.
Jetzt ließe sich einwenden, dass ich das alles viel zu dĂŒster sehe. Erwachende Liebe ist doch etwas enorm Schönes, der Weg, der in die Zukunft weist. Das ist natĂŒrlich richtig. Nun wird diese positive Seite ja auch ziemlich ausfĂŒhrlich in den romantischen und erotisch gefĂ€rbten Produktionen behandelt. Aber der bedrohliche Aspekt lĂ€sst sich nicht leugnen und wird vom Publikum ganz offensichtlich auch sehr intensiv wahrgenommen. Sonst erfreuten sich Horrorfilme nicht dieser Beliebtheit und sĂ€hen anders aus.

1. Vossen, Ursula (Hrg.) (2004): Filmgenres: Horrorfilm. Stuttgart.
2. Dirk, RĂŒdiger und Sowa, Claudius (2000): Teen Scream. Hamburg, Wien.
3. Knußmann, Rainer (1980): Vergleichende Biologie des Menschen. Stuttgart.
4. Wickler, Wolfgang und Seibt, Uta (1984): MĂ€nnlich weiblich. MĂŒnchen.
5. BrĂŒndel, Heidrung (2004): JugendsuizidalitĂ€t und Salutogenese. Stuttgart.
6. Ertler, Wolfgang (2001): Im Rausch der Sinnlichkeit. MĂŒnchen.

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