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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Teichleben
Eingestellt am 18. 07. 2014 20:09


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Benni
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2013

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Ich liebe es, am Teich zu sitzen. Ganz nah am Wasser auf meiner Lieblingsbank. Meistens bin ich schon vor der Sonne da. Dann gibt es nur mich, den Teich und die Dunkelheit. Ich liebe es, die Frösche quaken zu hören. Und wie die Vögel den Morgen begrĂŒĂŸen. Als wĂ€ren sie ein Orchester und der ganze Teich tanzt nach ihrer Melodie. Die BlĂ€tter gleiten ĂŒber das Wasser. Die Farne schwingen hin und her. Alles ist in Bewegung. Und doch ist alles so wunderbar ruhig. Dann irgendwann lĂ€sst sich auch die Sonne blicken und taucht den Teich in dieses herrliche Morgenrot. Durch die WĂ€rme verdampft das Wasser und Nebel steigt auf. Langsam breitet er sich aus, wie ein gefrĂ€ĂŸiges Nichts, um den ganzen Park zu verschlingen. Und ich mittendrin. Verschleiert und fĂŒr andere Menschen unsichtbar. Doch um diese Uhrzeit, da sind am Teich ja noch gar keine Menschen. Da hört man auch keine Autos, die LĂ€rm machen. Alles, was ich höre, ist die Stille, und die genieße ich!

Wenn es dann bereits hell ist, tauchen von hier und dort die ersten Menschen auf. Oft sind es alte Menschen, die, so wie ich, Freude daran haben, morgens spazieren zu gehen. Oder es sind jĂŒngere Menschen, die, so wie ich, nur ein paar Minuten lang die Ruhe vor dem Tag genießen möchten. Oder es sind MĂŒtter mit Kindern, die, so wie ich, Brot fĂŒr die Enten dabei haben. Die MĂŒtter schauen meistens verstohlen zur Seite, wenn sie mich sehen. Andere grĂŒĂŸen flĂŒchtig, um sich dann schnell wieder dem Kind zuzuwenden. Es sind Momente, da wĂŒnsche ich mir den Nebel zurĂŒck. Die Kinder sind anders. Nur ganz wenige sind scheu oder Ă€ngstlich. Nur ganz selten höre ich sie rufen, guck mal, der Mann da! Die meisten lĂ€cheln mich an. Manche leisten mir Gesellschaft. Dann setzt sich auch die Mutter dazu, obwohl man ihr anmerkt, dass sie viel lieber auf einer freie Bank sitzen wĂŒrde. Ein paar Kinder fangen gleich wie ein Wasserfall an zu reden. Was sie gegessen haben. Warum ihre Eltern blöd sind. WorĂŒber man halt so redet. Die Mutter lĂ€chelt dann peinlich berĂŒhrt, den Blick auf die freien Bank gegenĂŒber gerichtet. Manchmal fragen die Kinder auch, was ich so mache. Dann erzĂ€hle ich ihnen, dass ich dem Teich beim Tanzen zugucke. Das finden sie meistens toll. Die MĂŒtter aber nicht und ich spĂŒre, wie ihr Unbehagen die ganze Luft verpestet. Ich gebe mir dann MĂŒhe, beim Reden wenigstens nicht zu sabbern oder ich achte darauf, dass sich keine LuftblĂ€schen an den Mundwinkeln bilden. Denn ich weiß genau, wenn das passiert, ist die Luft mit so viel Unbehagen verpestet, dass ich mir selbst wĂŒnsche, auf der freien Bank gegenĂŒber zu sitzen.

Ich erinnere mich, dass ich damals in der Schule auch immer auf einer freien Bank saß. Es war eine Steinbank am Rand des betonierten Pausenhofs. Gerne hĂ€tte ich mit den anderen Kindern herumgetollt, doch dafĂŒr war ich zu schwach. Und außerdem wollten mich die anderen Kinder auch gar nicht dabei haben. „Fischgesicht, Fischgesicht!“, haben sie gerufen. Und dann haben sie angefangen, mich zu schubsen. Und ich habe angefangen zu weinen. Aber nicht wegen dem Schubsen, das tat nicht sehr weh, sondern wegen dem Fischgesicht. In meiner Not habe ich dann immer nach einem Lehrer Ausschau gehalten, aber zu meinem Pech waren die meisten gerade mit etwas anderem beschĂ€ftigt. Nur ganz selten hat jemand eingegriffen. So etwas wie „Lasst den Jungen in Ruhe!“, einmal auch „Lasst Fischgesicht, ich meine, lasst den Jungen in Ruhe!“ haben sie dann herĂŒber gerufen, woraufhin die Meute auch meistens abgezogen ist. Das Schlimmste in solchen Momenten war aber nicht das Alleinsein, sondern das Schlimmste war, von allen anderen beobachtet zu werden. Mir war jedes Mal zum Weinen zu Mute, aber diesen Gefallen wollte ich ihnen nicht tun. Also habe ich einfach ganz fest die Augen zugemacht, so dass keine TrĂ€ne mehr herauskullern konnte. Dunkel wurde es dann und der ganze LĂ€rm, all das Lachen um mich herum, kam mir vor wie das bösartige Zischen finsterer DĂ€monen. Jedes Mal habe ich dann diese tiefe Traurigkeit gespĂŒrt und mir nichts sehnlicher gewĂŒnscht, als dass Mama und Papa hinter mir stehen und mir zĂ€rtlich ihre Hand auf die Schultern legen.

Doch nicht die Hand meiner Eltern, sondern die Hand meiner Lehrerin war es, die mich eines Tages, als ich wieder einmal alleine und mit geschlossenen Augen auf dem Pausenhof stand, tatsĂ€chlich berĂŒhrte. Sie sagte, ich solle nicht weinen, wobei sie anfing, mir mit der Hand den RĂŒcken zu kraulen. Weil ich aber daraufhin erst richtig weinen musste, hat sie mich mit ins GebĂ€ude genommen. Wir haben uns in eine leere Klasse gesetzt und dann hat sie tief Luft geholt und mir erklĂ€rt, dass die Kinder fĂŒr ihre Bosheit eigentlich nichts könnten, weil sie nĂ€mlich unter einer schlimmen Krankheit litten, im Verlauf derer sich die Gehirne auflösten, so dass sie das, was sie sagen und tun, nicht mehr kontrollieren könnten. „Sie werden daran sterben“! hat sie mir noch verraten, und obwohl mir eigentlich klar war, dass sie mich anflunkert, taten mir die anderen Kinder seitdem immer leid, auch wenn sie mich geschlagen haben.

Diese Krankheit, sollte sie denn wirklich existieren, scheint extrem ansteckend zu sein, denn ich erinnere mich, dass ich bereits vor meiner Schulzeit mit Menschen in BerĂŒhrung kam, die darunter stark zu leiden hatten. Der Nachbarsjunge zum Beispiel. Ich war gerade dabei, mein neues ferngesteuertes Auto einzufahren, da kommt er auf einmal um die Ecke und das Auto fĂ€hrt ihm direkt ĂŒber den Fuß. Was das denn soll, hat er gefragt. Und: „Seit wann dĂŒrfen Behindis denn ĂŒberhaupt Auto fahren?“ Er hatte kaum ausgesprochen, da sehe ich auch schon meinen Vater aus dem Haus stĂŒrmen, sich den Jungen packen, ihn durch die Luft schleudern und dabei brĂŒllen, er solle es nie wieder wagen, seinen Sohn zu beleidigen! Und wĂ€hrend er ihn noch durch die Luft schleudert, sehe ich den Vater des Nachbarsjungen ebenfalls aus dem Haus stĂŒrmen. Aber weil auch mein Vater den Nachbarsjungenvater aus dem Haus stĂŒrmen sieht, lĂ€sst er den Nachbarsjungen los und packt sich stattdessen den Vater. Er solle gefĂ€lligst besser auf seinen missratenen Sohn aufpassen, brĂŒllt er ihn dabei an. Woraufhin der Nachbarsjungenvater irgendetwas zurĂŒck brĂŒllt. Aber weil mein Vater viel stĂ€rker ist als der Nachbarsjungenvater, wird dessen BrĂŒllen immer leiser, bis es irgendwann ganz versiegt und beide, Nachbarsjunge und Nachbarsjungenvater, mit hĂ€ngenden Köpfen abziehen.

MĂ€chtig stolz war ich in diesem Moment auf meinen Vater. „So ein Arschloch“, höre ich ihn noch murmeln, wĂ€hrend wir eintrĂ€chtig den Nachbarn hinterher gucken. Dann hat er mich ganz fest an sich gedrĂŒckt und gesagt, ich solle mir von solchen Spinnern bloß nichts einreden lassen. Tausend Beleidigungen hĂ€tte ich ertragen, nur um diesen Moment erleben zu dĂŒrfen. Seine Umarmung war so stark, dass ich kaum noch Luft bekam. Und dennoch schmiegte ich mich nur noch fester an ihn. Er streichelte mein Haar und mich ĂŒberkam dieses wunderschöne GefĂŒhl, dass mir nichts Schlimmes mehr passieren konnte, solange er nur bei mir blieb.

Doch Papa blieb nicht. Es kam der Tag, an dem mein Leben, so wie ich es bisher kannte, aufhören sollte zu existieren, um einem anderen Leben Platz zu machen, das sich viel hĂ€rter und kĂ€lter anfĂŒhlen sollte als das Vorherige. Es war der Tag, an dem ich ausprobieren wollte, ob die „Gardinen mit der goldenen Naht“ auch wirklich „eine Ewigkeit halten“, so wie ich das in der Werbung gesehen hatte. Was passiert also, wenn man sie ansteckt, hatte ich mich gefragt. Wird das Feuer einfach ausgehen? Werden Sie brennen und doch nicht versengen? Zu meinem Bedauern stellte sich heraus, dass sie brennen und dabei komplett in Flammen aufgehen. Und nicht nur die Gardinen. Leider auch die RĂŒcklehne vom Sessel und die Hinterwand vom Schrank. Und wahrscheinlich auch das ganze Wohnzimmer, wĂ€re Papa nicht so schnell mit dem Feuerlöscher zur Stelle gewesen. Den ganzen Tag ĂŒber hatte ich Zimmerarrest. Abends hörte ich, wie Mama und Papa lange miteinander diskutierten. „Ich kann nicht mehr!“, hörte ich Mama schluchzen. Und: „Es geht ĂŒber meine Kraft!“ SpĂ€ter vielen dann SĂ€tze wie: „Wir können ihn ja regelmĂ€ĂŸig besuchen!“ und „Es ist fĂŒr ihn das Beste, da sind Menschen, die sich auskennen.“ Ein paar Augenblicke spĂ€ter klopfte es an die TĂŒr und Papa bat mich, mit nach unten zu kommen. Sie mĂŒssten mit mir reden. Mama saß mit verweinten Augen am KĂŒchentisch. Sie bat mich, Platz zu nehmen. Papa nahm auch Platz und sie fingen an, mir zu beteuern, wie sehr sie mich liebten, aber dass sie auch an meine Zukunft denken mĂŒssten. Sie meinten, ich könne das jetzt noch nicht verstehen, aber es wĂ€re das Beste fĂŒr mich, wenn ich Menschen um mich hĂ€tte, die auf „meine Besonderheiten“ „professionell“ eingehen könnten und genau wĂŒssten, was zu tun sei. Sie meinten, das wĂ€re aber natĂŒrlich erst einmal nur auf Probe und sie wĂŒrden mich immer besuchen kommen. Und am Wochenende wĂ€re ich sowieso zu Hause. Und es wĂ€re alles nur zu meinem Besten. Und ich wĂŒrde dort ganz bestimmt sehr glĂŒcklich werden.

Ich wurde dort nicht glĂŒcklich. Und sie kamen mich auch nicht immer besuchen. Und auch die Wochenenden war ich nicht immer zu Hause. Na gut, am Anfang schon, aber mit der Zeit wurde es weniger. Und weniger. Und weniger. Bis ich mich irgendwann nicht einmal mehr auf Weihnachten freuen konnte. „Deine Eltern haben gerade sehr viel Stress“, hieß es zunĂ€chst. „Deine Eltern haben sich scheiden lassen“, hieß es irgendwann spĂ€ter. „Deine Eltern sind weggezogen“, hieß es schließlich. Hin und wieder bekam ich noch einen Brief, mal von Mama, mal von Papa. Aber weil ich wĂ€hrend des Lesens immer so viel Weinen musste und danach tagelang traurig war, hielt man es fĂŒr das Beste, mir keine Briefe mehr auszustellen.

Ein zu Hause habe ich seitdem nie wieder gehabt. Nur den Teich habe ich. Ganz frĂŒh am morgen, wenn die Welt noch schlĂ€ft, ist es am Allerschönsten. WĂ€hrend die Vögel singen und sich der Farn dazu leise im Wind bewegt, schließe ich die Augen und versuche, den Zauber in mich aufzunehmen, der diesen Ort umweht. Die Luft, die ich einatme, fĂŒllt meinen Körper und hinterlĂ€sst dieses GefĂŒhl von Geborgenheit, das ich noch aus Kindertagen kenne und seitdem so schmerzlich vermisse. Die Vögel sind der Mund meiner Mutter. Der Wind ist die Hand meiner Mutter. Die Bank ist der Schoß meiner Mutter. Ich sitze und fĂŒhle und höre und alles ist gut.

Doch wie ich das Leben kennen gelernt habe, ist GlĂŒck immer nur von begrenzter Dauer. Und so war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis das Böse sich aufmachen wĂŒrde, um mir auch dieses bisschen GlĂŒck wieder wegzunehmen. Passiert ist es an einem Samstag. Ich weiß noch, dass ich an jenem Morgen besonders frĂŒh am Teich war. Von den Fröschen war nichts zu hören und selbst die Vögel schienen noch zu schlafen. Und so setzte ich mich auf die Bank und wartete auf das Erwachen der Welt. Alles war so friedlich wie immer. Nichts deutete darauf hin, dass das Böse an diesem Morgen bereits lĂ€ngst in den BĂŒschen lauerte. Eine Weile verging, da hörte ich auf einmal Schritte am Wegesrand. Einen Steinwurf von mir entfernt, tauchte aus der Dunkelheit die Silhouette einer Frau auf. Jedenfalls vermutete ich aufgrund von Gang und GrĂ¶ĂŸe, dass es eine Frau war. Sie hatte es eilig, so als wolle sie den Park schnell hinter sich lassen. Als hĂ€tte sie bereits eine Vorahnung, dass ihr gleich etwas Schreckliches zustoßen wĂŒrde. Ihre Angst war so stark, dass ich sie von Weitem spĂŒren konnte. Ihre Schritte wurden schneller und sie hatte es auch schon bald geschafft, da sprang hinter ihr plötzlich ein Schatten aus dem GebĂŒsch. Ich hörte sie kurz aufschreien. Dann sah ich, wie sie zu Boden glitt und ĂŒber ihr diesen Mann. „He!“, rief ich, doch so leise, dass der Mann mich nicht hören konnte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Am liebsten hĂ€tte ich die Augen zugemacht, doch damit war der Frau nicht geholfen. Also erhob ich mich und rief mit zitternden Knien noch einmal etwas lauter „He!“ Der Mann sah auf. Sein Blick glich dem eines Raubtiers, das beim Zerlegen der Beute gestört wird. Auch wenn ich wie gelĂ€hmt war, setzte ich mich dennoch in Bewegung. Noch einmal rief ich „He!“ und „Hilfe!“ und „Loslassen!“. Doch der Mann ließ nicht ab. Die Gier fesselte ihn an seine Beute. Je nĂ€her ich kam, desto entschlossener wirkte er, seine Beute zu verteidigen. Ich war vielleicht noch zehn Meter entfernt, da ĂŒberkam mich auf einmal der Mut meines Vaters. „Lass sie los, du missratenes Arschloch!“, brĂŒllte ich, dabei die Hand zur Faust geballt. Der Mann starrte mich an. Doch da lag keine Gier mehr in seinen Augen, sondern nur noch blankes Entsetzen darĂŒber, erwischt worden zu sein. Mit einem Satz war er auf den Beinen und schon im nĂ€chsten Moment in den BĂŒschen verschwunden.

Die Frau lag bewusstlos auf dem kalten Moosboden. Neben ihrem Kopf ein Tuch, getrĂ€nkt mit einer FlĂŒssigkeit, die mir Ă€tzend in die Nase stieg. Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, beugte ich mich ĂŒber sie, streichelte ihren Arm und flĂŒsterte ihr dabei leise ins Ohr, dass alles gut werden wĂŒrde. Im Fernsehen hatte ich einmal gesehen, wie ein bewusstloser Mensch Mund-zu-Mund beatmet wird. Aus lauter Verzweiflung, sie irgendwie am Leben zu erhalten, tat ich das Gleiche. Oder besser gesagt, wollte das Gleiche tun, denn gerade in dem Moment, wo meine Lippen die ihren berĂŒhrten, öffnete sie ihre Augen. Sie schrie. Ich schrie. Wir beide so laut, dass zwei MĂ€nner, die wohl gerade auf dem Weg zur Arbeit waren, auf uns aufmerksam wurden. Sie kamen herbei geeilt. Die Frau versetzte mir einen Schlag ins Gesicht. Ich war starr vor Entsetzen, glotzte sie nur ratlos an, ohne mich bewegen zu können. Dann waren die MĂ€nner auch schon bei uns. Der eine riss mich von der Frau weg, der andere drĂŒckte mich zu Boden. „Du dreckiges Schwein!“, schrien sie und prĂŒgelten dabei wahllos auf mich ein. Ich begann zu schreien und zu weinen. Ganz so, wie damals in der Schule. Nur, dass diesmal keine Lehrerin kam, um mich zu retten. Stattdessen zog der eine sein Handy und nur wenige Augenblicke spĂ€ter hörte ich die Sirene. Durch die BĂ€ume schimmerte Blaulicht. Reifen quietschten. TĂŒren schlugen. Und dann sah ich auch schon die zwei Polizisten den Weg hochjagen. Oben angekommen, bot sich ihnen ein schreckliches Bild. Ich blutĂŒberströmt im Gewahrsam der beiden MĂ€nner. Die Frau halb benommenen mit zerrissener Bluse am Boden kauernd. Beide Polizisten hatten ihre Waffe auf mich gerichtet. „Ist das der Kerl?“ Die Frau nickte. „Auf frischer Tat ertappt“, rief einer der beiden MĂ€nner, wobei er seinen WĂŒrgegriff noch etwas fester zog. Im nĂ€chsten Moment klickten Handschellen und ich wurde zum Auto gezerrt. Ich versuchte etwas zu sagen, aber mir war die Kehle wir zugeschnĂŒrt. Auf der Wache steckten sie mich in eine Arrestzelle mit einem kleinen vergitterten Fenster. Ich schaute hinaus. Die Sonne stand bereits am Himmel. Die Welt war erwacht.

Die Gerichtsverhandlung konnte ich kaum erwarten, denn ich hatte große Hoffnung, dort endlich meine Eltern wieder zu sehen. Von der Anklagebank aus schaute ich mich um. Viele fremde Menschen waren dort versammelt, aber meine Eltern sah ich nicht. Doch zu meiner großen Überraschung war meine Lehrerin gekommen. Sie saß ganz in der NĂ€he des Opfers. Bitterkalt war ihr Blick. So kalt, dass ich wohl in Gefrierstarre gefallen wĂ€re, hĂ€tten mich nicht die Worte des Richters aus ihrem Bann befreit. „Ich kann sie nicht verstehen“, sagte dieser, jetzt schon sichtlich genervt, „sie mĂŒssen langsam und deutlich sprechen.“ Es war der Sprachfehler. Es war der Kopfsturz, kurz nach meiner Geburt. Ich konnte klar denken, aber ich konnte das, was ich zu sagen hatte, nicht in Worte fassen. So viel MĂŒhe ich mir auch gab, immer klang es, als hĂ€tte ich einen Lappen im Mund, der mich zu allem Übel auch noch wie ein Hund sabbern ließ. Doch der herauslaufende Speichel war mir egal. Diesmal musste es klappen. Diesmal hing mein Leben davon ab, mir Gehör zu verschaffen. Buchstabe um Buchstabe half ich der Wahrheit zur Welt, ganz langsam, ohne sie beschĂ€digen. Ich redete und redete. Und ich hĂ€tte wohl immer weiter geredet, hĂ€tte mich der Richter nicht irgendwann jĂ€h unterbrochen. „So kommen wir nicht weiter“, hörte ich ihn raunen. Und dann etwas lauter: „Gibt es denn hier wirklich niemanden, der diesen Mann versteht?“ Ich blickte verzweifelt hoch zu meiner Lehrerin. Meine Lehrerin blickte ins Leere. Totenstill war es im Saal. Dann erteilte man meinem Verteidiger das Wort.

Schon seit etwas mehr als vier Monaten sitze ich nun in meiner Zelle und schreibe. Ich schreibe ĂŒber den Teich, weil es das Einzige ist, was mich hier in der Dunkelheit am Leben hĂ€lt. Aber ich kann nicht vom Teich schreiben, ohne an diesen schrecklich Tag zu denken, an dem man mich aus dem Paradies vertrieben hat. Ich schreibe auch darĂŒber. Ich bringe jedes Detail zu Papier, an das ich mich erinnern kann. In der Hoffnung, dass irgendwann Mama und Papa alles lesen werden. Sie werden vorbeikommen, sie werden es lesen und sie werden mir glauben. Und dann werden sie der ganzen Welt erzĂ€hlen, dass ihr Sohn nichts Schlimmes getan hat. Sie werden mich hier herausholen und ich werden sie mitnehmen an den Teich. Dann werden wir uns alle drei gemeinsam auf die Bank setzen. Wir werden uns an den HĂ€nden halten und alles wird gut sein.

Der Block ist nun voll. Und wie immer, wenn der Block voll ist, kommen die WĂ€chter und nehmen ihn mir ab. Sie versprechen, ihn aufzubewahren, doch ich weiß, dass sie ihn wegschmeißen. Sie nehmen ihn mir weg und ich schreie so lange, bis sie mir einen neuen Block bringen. Den schreibe ich auch voll. Ich schreibe von dem Teich, von meinen Eltern, von meiner Schule und von dem Tag, an dem ich aus dem Paradies vertrieben wurde. Meine Eltern werden es lesen und alles wird gut.

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