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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Testamentseröffnung
Eingestellt am 21. 07. 2007 11:37


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Franka
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Testamentseröffnung


Sie steht am Fenster und lächelt. In wenigen Stunden wird es soweit sein.

Noch einmal mustert sie sich im Spiegel. Was sie sieht, gefällt ihr ausnehmend gut. Das dunkle Kostüm unterstreicht die schlanke Figur und betont ihre leichte Blässe.
Sie ist zufrieden mit sich.

Sie war ihm eine gute Ehefrau gewesen.
Gemeinsam nahmen sie jeden Morgen das Frühstück ein. Auch später, als er schon bettlägerig war.
Er mochte grünen Tee und diesen sehr stark. Sie trank lieber Cappuccino. Sein Tee war ihr zu bitter, aber sie freute sich, dass er diesen Geschmack mochte.

Anfangs, als er noch sitzen konnte, schob sie seinen Rollstuhl jeden Vormittag in den Garten. Liebevoll legte sie eine Decke über seine Beine. Alle Nachbarn bewunderten sie. Ihre Aufopferung, ihre Fürsorge!
Dabei hatten sie anfangs nur verwundert den Kopf geschüttelt, als er nach dem Tode seiner schwerkranken Frau die zu ihrer Pflege einstellte junge, hübsche Krankenschwester heiratete. Und dies noch vor Ablauf des Trauerjahres.

Sie arbeitete nur noch selten.
Als es ihm schlechter ging, gab sie ihren Job ganz auf. Sie umsorgte und verwöhnte ihn wie eine liebende Mutter, dabei hätte sie seine Tochter sein können.

Für die Besorgungen stellte sie ein Mädchen ein. Das andere Personal hatte sie gleich nach der Hochzeit entlassen. Sie wollte mit ihm allein sein.
Alle seine Lieblingsgerichte bereitete sie zu, dabei konnte sie gar nicht kochen. Immer schmeckte alles leicht angebrannt, bitter eben. Er beklagte sich nie. Er aß und belohnte damit ihre Mühe.
Einmal wöchentlich kam der Hausarzt vorbei. Nach jeder Untersuchung schüttelte er verzweifelt den Kopf. Er musste zusehen, wie sein Patient immer schwächer wurde. Und dies bei einer so professionellen und liebevollen Pflege. Er stand nun bereits zum zweiten Mal vor einem medizinischen Rätsel.

Einen Monat vor seinem Tod hatte ihr Mann sie dann gebeten, seinen Anwalt zu bestellen. Nachdem seine erste Frau doch schneller als erwartet gestorben war, hatte er es nicht gleich über sich gebracht, sein Testament zu ändern. Jetzt, nachdem ihn die gleiche, unheimliche Krankheit befallen hatte, wollte er dies nachholen. Sie beeilte sich, seinen Wunsch zu erfüllen und ließ dann die beiden Männer allein.

Nach der Änderung des Testaments hatte ihr Mann nur noch kurze Zeit gelebt.
Der Arzt war nun täglich gekommen. Doch weder dessen Medizin, noch ihre Liebe konnten die geheimnisvolle Krankheit aufhalten.
Vor einer Woche wurde er neben seiner ersten Frau zur letzten Ruhe gebettet.

Nun ist es soweit. Sie ist aufgeregt.
Sein Testament wird eröffnet, und sie wird um einige Millionen Euro reicher sein. Falsch! Sie wird wieder einige Millionen Euro reich sein.
Vor Aufregung taumelt sie leicht, als der Anwalt sie ins Zimmer bittet.

Sie setzt sich ihm gegenüber an den großen Schreibtisch und schlägt die Beine übereinander. Dabei rutscht ihr Rock leicht hoch und gibt zwei schlanke, wohlgeformte Oberschenkel frei.
Unter ihren leicht gesenkten Lidern sieht sie ein feines Erröten ihres Gegenübers. Sie genießt es. Er sieht für sein Alter noch recht gut aus. Seine Kanzlei soll auch sehr gut gehen. Er ist häufig in den Schlagzeilen, hat schon viele spektakuläre Prozesse gewonnen. Ein Trauerjahr geht schnell vorbei und Millionen kann Frau nie zu viele haben. Vielleicht....
Rascheln von Papier reißt sie aus ihren Gedanken. Sie zieht ihren Rock in Richtung Knie und schaut ihn erwartungsvoll, mit leicht tränengetränkten Augen, an.
Er beginnt zu lesen:
“Liebe Petra!”
Seine Stimme klingt angenehm warm. Sie lächelt ihm kurz zu und senkt dann wieder züchtig die Lider.
“Mein Anwalt wird dir jetzt gleich einen Brief übergeben. Dieser Brief enthält mein Testament. Ich möchte, dass du ihn mit zu uns nach Hause nimmst, dir einen grünen Tee kochst (der schmeckt übrigens im Allgemeinen nur sehr leicht bitter) und den Brief ganz in Ruhe liest. Wenn du dann noch Fragen hast, wende dich vertrauensvoll an meinen Anwalt.
Dein, dir ewig dankbarer,
Manfred.”

Verwundert nimmt sie den Brief in Empfang und eilt mit hastigen Schritten davon. Noch im Hausflur reißt sie ihn auf.
“Liebe Petra!
Wusste ich doch, dass du es nicht bis zu Hause aushältst.
Ich denke, es wäre besser gewesen! Außerdem hatte ich einen guten Tropfen kalt gestellt.”
In freudiger Erwartung fährt sie sich mit der Zunge über ihre Lippen und liest weiter.
“Ich weiß, dass du meine Frau vergiftet hast, dafür bin ich dir sehr dankbar.”
Aha, denkt sie, er wollte seine Frau auch los werden. Da habe ich ja wirklich eine gute Tat vollbracht. Mal sehen, mit wie viel er mich belohnen wird.
Mit leicht zittrigen Händen blättert sie zur nächsten Seite und liest weiter: “Sie hatte Krebs in fortgeschrittenem Stadium und sich von mir Sterbehilfe gewünscht. Ich habe sie zu sehr geliebt, war dazu einfach nicht fähig.
Geld ist doch ein gutes Lockmittel.”
Sie holt tief Luft. Er soll endlich zum Wesentlichen kommen. Sie hat schon feuchte Hände vor Aufregung.
„Du hattest gut recherchiert, ich aber auch. Ich war ja schon dein fünfter Mann. Immer ältere Männer, immer ohne Erben. Deine Ehen haben nie lange gedauert. Es ist mir bis zum Schluss ein Rätsel geblieben, weshalb man dir nie etwas nachweisen konnte. Zum Glück blieb das Ererbte nicht lange bei dir. Zu viele, zu junge Liebhaber.
Nach meiner Frau war dann natürlich ich an der Reihe. Aber, auch dies hatte ich so geplant. Ich wollte nicht ohne meine geliebte Frau leben.
Gute Arbeit hast du geleistet!
Dein Manfred,
der dir dafür gern einen Platz im Himmel reservieren würde, aber du weißt ja, Mörderinnen kommen nun mal in die Hölle.

PS. Das Haus ist übrigens verkauft. Wenn du nach Hause kommst, dürfte es schon geräumt sein. Der Erlös geht, wie mein ganzes Vermögen, an eine Krebsstiftung.
Eine Kopie dieses Schreibens liegt zur Sicherheit bei meinem Anwalt. Übrigens auch die echten Totenscheine. Die Falschen haben mich eine schöne Stange Geld gekostet.
(Nur für den Fall, dass du dich noch einmal als Giftmischerin betätigen oder Anspruch auf dein Pflichtteil erheben möchtest.)”

Der Brief entfällt ihren zitternden Händen. Kreidebleich taumelt sie auf die Straße. Reifen quietschen, ein Körper schleudert durch die Luft, fällt, direkt vor den Eingang der Kanzlei.

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