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Leselupe.de > Humor und Satire
Thanksgiving bei Mike
Eingestellt am 27. 11. 2008 20:03


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Micham
Routinierter Autor
Registriert: Jun 2008

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Es ist schon wieder Thanksgiving Day in Amerika. Ein schlechter Tag f├╝r alle Truth├Ąhne in diesem Land. Das arme Gefl├╝gel hat eh schon nicht viel zu melden, doch einmal pro Jahr geht es ihm so richtig an die Federn. Keine Familie, die etwas auf sich h├Ąlt, kommt ohne turkey aus. Es ist Pflicht.

Ein ganz besonderes Ritual ist das Zerbrechen des Wishbones, eines Knochens, der einer Astgabel oder einem ÔÇ║YÔÇ╣ ├Ąhnlich sieht. Zwei Leute halten den Knochen oberhalb der Gabelung fest und ziehen, bis sie zerbricht. Derjenige mit dem gr├Â├čeren St├╝ck ist der Sieger des Tages und darf sich etwas w├╝nschen. Still und heimlich wie bei Sternschnuppen, versteht sich, denn sonst geht der Wunsch ja nicht in Erf├╝llung. Da es pro Truthahn nur einen Wishbone gibt, kann es bei gr├Â├čeren Familien schnell zu Streitereien kommen, was die Teilnahme am Knochenziehen betrifft.

Normalerweise sind mein Rippchen und ich Thanksgiving bei unserem Freund Mike. Meistens kommt auch seine Mutter aus La Jolla, einem kleinen Ort in Kalifornien, angereist; manchmal in Begleitung ihres zweiten Sohnes, Lucky. Dieses Jahr hat sich Mike allerdings dazu entschlossen, seine Mutter zu besuchen. Das ist ebenso merkw├╝rdig wie schade, weil es schon so etwas wie Tradition ist, Turkey Day bei dem leidenschaftlichen Koch Mikey zu verbringen. Bei ihm ist es immer so gem├╝tlich.

Letztes Jahr war es ganz besonders sch├Ân:

┬╗Kann ich so gehen?┬ź, fragte mein Rippchen, gef├Ânt, geschminkt sowie feierlich gekleidet und drehte sich vor mir mehrmals um die eigene Achse.

┬╗Ja, schon. Nur kommst du so nicht weit.┬ź

┬╗Ich meine optisch, du Knallt├╝te!┬ź

┬╗Du siehst zum Anbei├čen aus.┬ź

┬╗Danke! Den ollen Lappen l├Ąsst du aber nicht an, oder?┬ź

┬╗Das ist mein Lieblingspullover. Seit vielen Jahren!┬ź

┬╗Mach, was du willst. Lass uns gehen. Mir ist schon schlecht vor Hunger.┬ź

Auf der Autofahrt zu Mikes Haus wurde mein Rippchen pl├Âtzlich unruhig. ┬╗Meinst du, die haben schon ohne uns angefangen?┬ź

┬╗Das glaube ich nicht. Deshalb kommen wir doch diesmal eine Stunde fr├╝her als letztes Jahr. Ich lasse mir nicht noch einmal die ganze Truthahnbrust wegessen.┬ź

┬╗Stimmt, und So├če war auch keine mehr da. Ich musste mir den Kartoffelbrei trocken runterw├╝rgen.┬ź

┬╗Naja, die hatten eben alle Hunger und konnten nicht l├Ąnger auf uns warten. Aus Fehlern wird man klug.┬ź

Am Ziel angekommen standen wir vor der Haust├╝r. Mein Magen knurrte unangenehm laut.

┬╗Brauchst nicht klingeln, geh einfach rein. Das ist hier in Amerika unter Freunden ├╝blich.┬ź

┬╗Abgeschlossen.┬ź

┬╗Gut, dann musst du doch klingeln.┬ź

┬╗Ich glaube, die Klingel funktioniert nicht. Ich h├Âre nichts.┬ź

┬╗Happy Thanksgiving!┬ź, riefen wir wie aus einem Munde, nachdem wir durchs Schlafzimmerfenster eingestiegen waren und das Esszimmer gest├╝rmt hatten. Dort sa├čen sie, die Lieben: Mama Keiko, die kleine reizende Japanerin, und ihre beiden S├Âhne, Mike und Lucky. Mike versteckte sich bei unserem Auftritt erschrocken hinter seiner Serviette. Lucky war mit einem langen Messer ├╝ber einen knusprig braunen Truthahn gebeugt und erstarrte. Er sah dabei aus wie ein Kind, das man beim Griff in die Keksdose ertappt hatte. Keiko schrie etwas auf japanisch, was ich nat├╝rlich nicht verstand, doch ich glaubte, einen ├Ąhnlichen Ausruf schon einmal in einem Kriegsfilm von einem Kamikazeflieger kurz vorm Einschlag geh├Ârt zu haben. So waren unsere Freunde; taten ganz ├╝berrascht, als h├Ątten sie uns nicht erwartet, die Schlingel.

┬╗Please, don't get up, my friends┬ź, sagte ich. Wir wollten keine gro├čen Umst├Ąnde machen. Wir machten unsere Begr├╝├čungsrunde um den Tisch, klopften Lucky auf den verkrampften R├╝cken und gaben Keiko einen dicken Schmatzer auf die Wange. Unserem Gastgeber erkl├Ąrten wir etwas versch├Ąmt, dass wir f├╝r den Nachtisch zwar eine leckere Weinschaumcreme vorbereitet hatten, ihr aber bereits zur Fr├╝hst├╝ckszeit nicht mehr hatten widerstehen k├Ânnen. Danach besorgte uns mein Rippchen zwei Teller und Besteck, w├Ąhrend ich mich auf die Suche nach Weingl├Ąsern machte.

Bestens ausger├╝stet begaben wir uns zu Tisch. Vor uns boten sich viele K├Âstlichkeiten dar. Mike reichte mir auffallend h├Âflich die Sch├╝ssel mit dem Stuffing. Stuffing sind die zerkleinerten Innereien des Truthahns. Das Ganze wird irgendwie gebraten oder gebacken und dann wieder zur├╝ck in den hohlen Hahn gestopft. Ich kriege das Zeug nicht runter, und Mike wei├č das auch.

┬╗No, thanks.┬ź Ich hatte meinen gierigen Blick schon l├Ąngst auf den fetten Vogel gerichtet. Langsam kehrte wieder etwas Leben in Luckys K├Ârper zur├╝ck. Er setzte den chirurgischen Eingriff mit dem langen Messer an der Truthahnbrust fort.

┬╗YES! Turkey tits!┬ź, bellte ich schmachtend. ┬╗On my plate, please!┬ź Ich mag nur die Brust. Den Rest kann man von mir aus wegschmei├čen.

Aus Fehlern klug geworden, sicherte sich mein Rippchen die So├čensch├╝ssel. Sie bestellte selbstbewusst eine der beiden Keulen, schippte sich Unmengen Kartoffelbrei auf, verlangte nach den gr├╝nen Bohnen, griff nach allem, was auf dem Tisch stand und wischte sich zwischendurch immer wieder mit Mikes Serviette den Schwei├č von der Stirn.

┬╗Warum sind denn alle so ruhig?┬ź, fragte sie mich nach dem zweiten Nachschlag leise.

┬╗Kein Grund zu fl├╝stern. Hier versteht keiner Deutsch.┬ź

┬╗Stimmt┬ź, kicherte sie. ┬╗Wir sind klar im Vorteil. Aber jetzt mal ernsthaft. Von denen spricht ├╝berhaupt keiner.┬ź

┬╗Na, weil's so lecker ist. Da fehlen einem die Worte und man will nur noch schlemmen. Kipp mir mal etwas So├če ├╝ber die Brust, bitte.┬ź

┬╗Keiko sieht so traurig aus.┬ź

┬╗Findest du?┬ź

┬╗Ja. Irgendwas bedr├╝ckt sie.┬ź

┬╗Weil sie ihren Namen h├Ârt und nicht wei├č, was du ├╝ber sie sagst.┬ź

┬╗Oh, das w├Ąre mir jetzt gar nicht aufgefallen. Gut, dass du aufpasst.┬ź Mit einer Kopfbewegung wies sie auf Keiko. ┬╗Meinst du, die Frau da dr├╝ben hat schlechte Laune?┬ź

┬╗Nein.┬ź

┬╗Sicher?┬ź

┬╗Keiko hat nie schlechte Laune.┬ź

┬╗Jetzt hast du Keiko gesagt.┬ź

┬╗Fuck!┬ź

┬╗Ich wette mit dir, sie hat schlechte Laune.┬ź

┬╗Die?┬ź Ich zeigte auf unser Gegen├╝ber, welches schweigsam an einem St├╝ck Brot m├╝mmelte. ┬╗Nie im Leben! Niemand ist ausgeglichener als Keiko. Da kannst du Mike fragen. Oder Lucky!┬ź

┬╗Ist ja jetzt auch egal.┬ź

Lucky friemelte an dem bizarr aussehenden Gerippe des Truthahns herum. Zum ersten Mal an jenem Abend ├Âffnete er den Mund: ┬╗Well, I guess the only thing left to do is ...┬ź

┬╗... THE WISHBONE!┬ź Mein Rippchen quietschte vor Freude und riss dem verdutzten Sohn einer m├Âglicherweise schlecht gelaunten Asiatin den fettigen Knochen aus der Hand.

┬╗Los, Schatz! Eins, zwei, DREI!┬ź Gleichzeitig zogen wir. Sie gewann.

┬╗Eine wahre Gl├╝cksstr├Ąhne, Schnuckie! Das ist jetzt schon das dritte Jahr in Folge.┬ź Stolz schloss sie die Augen und w├╝nschte sich etwas.

Mir war nach einer Zigarette. Ich verdr├╝ckte mich f├╝r einen Augenblick auf die Terrasse. Nach einem gelungenem Festmahl schmeckt eine Zigarette einfach am besten!

Mein Rippchen hatte sich unterdessen auf der Couch lang gemacht. Sie schnarchte leise. Die Raucherpause beendet, machte ich es mir auf einem Sessel gem├╝tlich, legte die Beine auf den Wohnzimmertisch und schlummerte alsbald friedlich ein. Was f├╝r ein sch├Âner Abend!

Der Leser wird nun sicherlich verstehen, warum wir doch ziemlich entt├Ąuscht sind, dass Mike uns dieses Jahr nicht mit seinen Kochk├╝nsten begl├╝cken will. Selbstverst├Ąndlich respektieren wir seinen Wunsch, mit der Tradition zu brechen und den Feiertag bei seiner Mutter in Kalifornien zu genie├čen. Er soll sich ruhig mal richtig verw├Âhnen lassen. Keiko kann n├Ąmlich ebenfalls hervorragend kochen. Darum m├╝ssen wir uns jetzt auch beeilen. Bis La Jolla f├Ąhrt man f├╝nf Stunden.

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