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Leselupe.de > Kurzprosa
The Good Life
Eingestellt am 12. 04. 2005 08:11


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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

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Ortseingang

Willkommen in
The Good Life

Dort stand er und winkte.
„Können sie mich mitnehmen, zum Ortsausgang. Ich muss unbedingt sehen, was dort steht.“
Er zeigte auf das Schild.
„Ich war noch nie am Ortsausgang, müssen sie wissen. Besser gesagt, ich habe schon das Gefühl dort gewesen zu sein, doch mir fehlt die Erinnerung...es ist nur ein Fühlen. So geht es mir mit allen Dingen. Es ist wie ein Branden, das niemals aufhört. Nicht, dass es mich erschüttert, nein, es bewegt mich, tief und tiefer.
Wissen sie, auch wenn ich es morgen wieder vergessen haben werde, heute, in diesem Augenblick, wenn ich es lese, wird es mir viel bedeuten.
Sie denken, dass ich enttäuscht sein könnte. Was soll`s. Am darauf folgenden Tag habe ich vergessen, auf was der Tag folgt. Ich suche das Gestern um des Heute willen. Oder das Heute um des Morgen willen? Wer weiß?
Haben sie schon einmal darüber nachgedacht, wie lebendig die Zeit manchmal ist? Wir sind da!“
Er stieg aus dem Auto und blickte auf das Schild.

Sie verlassen nun
- The Good Life -

Jetzt sitzt er bei mir im Auto. Eine innere Stimme hat ihm geflĂĽstert, dass er die Blume Immerblau finden muss. Wenn wir in einen Ort hineinfahren, schreibt er sich den Ortsnamen auf und vergleicht ihn mit dem Namen auf dem Schild am Ende des Ortes.
Ich könne ihn rausschmeißen, wo immer es mir beliebe, sagte er.
Ihn zu beschreiben, fällt mir schwer. Zwei Augen, eine Nase, ein Mund. Mit diesen Merkmalen formt er sein Aussehen immer wieder aufs Neue. Meistens liegt darin etwas von einer spitzbübigen Neugier, die nie gestillt werden kann. Seine Augen erinnern mich an einen Brunnen, in dem sich das glitzern der Sterne spiegelt, obwohl schon längst der nächste Tag angebrochen ist. Manchmal scheinen sie wie Melancholie.
Ich möchte ihn nicht nach seinem Namen fragen. Er ist mir ohne Namen lieber. Namen engen ein. Namenlos kann ich alles in ihm umarmen. Wie ein neugeborenes Kind.
Er scheint auf etwas zu warten. Vielleicht auf seine Geburt.

Er schläft. Ich beobachte ihn. Ein kleines Kind. Beim Ausatmen bläst er Spuckblasen auf und verschluckt sie beim Einatmen. Er träumt…ganze Welten, denke ich.
Später. Wir fahren gerade durch eine kleine Ortschaft. Er sieht das Schild und ruft:
„Zum Meer, zum Meer. Siehst du das Schild? Lass uns zum Meer fahren. Ich habe schon so viel davon gehört. Das Meer ist ein Land voller Wasser.“
Es war fast Sonnenuntergang, als wir schlieĂźlich im Sand saĂźen und den Wellen bei ihrem Spiel zuschauten.
„Kannst du mir sagen, wie viel man behält und wie viel man vergisst? Ich möchte vergessen lernen.“
Ich schwieg, konnte seine Rätsel nicht lösen.
„Mama hat immer gesagt, dass ich die Blume Immerblau suchen soll. Sie sei die Blume des Vergessens. Dann weinte sie oft... Siehst du, wie blau das Meer ist. Vielleicht wächst dort die Blume Immerblau.“
Ich blickte in seine Augen und lächelte.
Irgendwann schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war er fort. Keine Spuren, nichts.
Ich blickte ĂĽber das Wasser und fragte mich, welches Schild wohl am Ende des Meeres steht.



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Otto Lenk
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auf der durchreise. nur ein tankstopp und etwas essen. auf meine frage wo man hier gut essen könne, erschrickt der tankwart und die glocke der kirche fängt, wie zur warnung, an zu läuten.
man wisse doch, dass es hier nur die krone gäbe, und das schon seit über 50 jahren. er sei aber nicht sicher, ob heute geöffnet ist. er hätte da was gehört, sagt er. und überhaupt gäbe es doch noch andere orte. ich frage ihn, wo ich das lokal fände und er sagt, dass es an seinem platz wäre, die ganzen jahre schon. immer die straße entlang, aber es gäbe ja nur diese eine straße, und das wisse man doch.
wir fahren die straße entlang. nach einigen hundert metern, links und rechts häuser, die fenster mit vorhängen und voller augen, sehen wir das schild.
wir betreten das lokal, setzen uns an einen tisch. das lokal ist leer. wie ausgestorben. aus einem raum hinter der theke hören wir flüstern. eine ältere dame, mit ängstlichen augen, kommt zu uns. über uns hinwegblickend belehrt sie uns, dass schon alle dagewesen seien. alles sei gegessen und getrunken. aber man müsse doch wissen, dass man zur rechten zeit kommen muss. jetzt sei die rechte zeit vorbei und nichts mehr da. aber im nachbardorf finde sich gewiss noch ein lokal. man könne nun gehen.
wir gehen.
an unserem auto steht ein polizist.
was man hier zu suchen habe, möchte er wissen.
benzin und etwas zu essen, sage ich.
und…habe man gefunden, wonach man gesucht.
einen teil schon.
das ist mehr, als man erwarten dürfe, sagt der polizist, den rest finde man anderswo. die welt sei ja kein dorf. es wäre gewiss für alle das beste, wenn man nun weiterführe. man müsse rücksicht nehmen. sie verstehen das doch, oder?
wir verstehen. setzen uns ins auto und fahren die straße entlang aus dem dorf. bevor es, hinter der kehre, dem blick entschwindet, schaue ich zurück. die türen, fenster, häuser, die straße, selbst die kirche scheinen sich zu neigen, unseren weg verfolgend. augen, überall augen.
die kirchglocke läutet.

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Dort stand er und winkte.
„Können sie mich mitnehmen, zum Ortsausgang. Ich muss unbedingt sehen, was dort steht.“
Er zeigte auf das Schild.
„Ich war noch nie am Ortsausgang, müssen sie wissen. Besser gesagt, ich habe schon das Gefühl dort gewesen zu sein, doch mir fehlt die Erinnerung...es ist nur ein Fühlen. So geht es mir mit allen Dingen. Es ist wie ein Branden, das niemals aufhört. Nicht, dass es mich erschüttert, nein, es bewegt mich, tief und tiefer.
Wissen sie, auch wenn ich es morgen wieder vergessen haben werde, heute, in diesem Augenblick, wenn ich es lese, wird es mir viel bedeuten.
Sie denken, dass ich enttäuscht sein könnte. Was soll`s. Am darauf folgenden Tag habe ich vergessen, auf was der Tag folgt. Ich suche das Gestern um des Heute willen. Oder das Heute um des Morgen willen? Wer weiß?
Haben sie schon einmal darüber nachgedacht, wie lebendig die Zeit manchmal ist? Wir sind da!“
Er stieg aus dem Auto und blickte auf das Schild.

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Jetzt sitzt er bei mir im Auto. Eine innere Stimme hat ihm geflĂĽstert, dass er die Blume Immerblau finden muss. Wenn wir in einen Ort hineinfahren, schreibt er sich den Ortsnamen auf und vergleicht ihn mit dem Namen auf dem Schild am Ende des Ortes.
Ich könne ihn rausschmeißen, wo immer es mir beliebe, sagte er.
Ihn zu beschreiben, fällt mir schwer. Zwei Augen, eine Nase, ein Mund. Mit diesen Merkmalen formt er sein Aussehen immer wieder aufs Neue. Meistens liegt darin etwas von einer spitzbübigen Neugier, die nie gestillt werden kann. Seine Augen erinnern mich an einen Brunnen, in dem sich das glitzern der Sterne spiegelt, obwohl schon längst der nächste Tag angebrochen ist. Manchmal scheinen sie wie Melancholie.
Ich möchte ihn nicht nach seinem Namen fragen. Er ist mir ohne Namen lieber. Namen engen ein. Namenlos kann ich alles in ihm umarmen. Wie ein neugeborenes Kind.
Er scheint auf etwas zu warten. Vielleicht auf seine Geburt.

Er schläft. Ich beobachte ihn. Ein kleines Kind. Beim Ausatmen bläst er Spuckblasen auf und verschluckt sie beim Einatmen. Er träumt…ganze Welten, denke ich.
Später. Wir fahren gerade durch eine kleine Ortschaft. Er sieht das Schild und ruft:
„Zum Meer, zum Meer. Siehst du das Schild? Lass uns zum Meer fahren. Ich habe schon so viel davon gehört. Das Meer ist ein Land voller Wasser.“
Es war fast Sonnenuntergang, als wir schlieĂźlich im Sand saĂźen und den Wellen bei ihrem Spiel zuschauten.
„Kannst du mir sagen, wie viel man behält und wie viel man vergisst? Ich möchte vergessen lernen.“
Ich schwieg, konnte seine Rätsel nicht lösen.
„Mama hat immer gesagt, dass ich die Blume Immerblau suchen soll. Sie sei die Blume des Vergessens. Dann weinte sie oft... Siehst du, wie blau das Meer ist. Vielleicht wächst dort die Blume Immerblau.“
Ich blickte in seine Augen und lächelte.
Irgendwann schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war er fort. Keine Spuren, nichts.
Ich blickte ĂĽber das Wasser und fragte mich, welches Schild wohl am Ende des Meeres steht.

Sie stand am StraĂźenrand. Ein Jo-Jo in ihrer Hand. Auf und ab. Vollkommen selbst-los.
Mit dem Ab des Jo-Jo zerschmetterten ihre Augen das Fenster des Hauses gegenüber. Sie bohrte sich durch die Mauern, öffnete das Küchenfenster auf der Rückseite des Gebäudes und lief über Felder und Wiesen, rauschte durch Wälder und floss mit den Bächen und Flüssen ins Meer. Schwamm am Horizont entlang, um im richtigen Moment in die untergehende Sonne zu springen. Ging durch die Nacht und sah sich in jenem Augenblick am Straßenrand stehen, als das Jo-Jo nach oben schoss.
Über allem ihre Stimme…
„Hallo, ist irgendjemand hier…hallo, ist irgendjemand hier?“,
…die Sand zu Glas schmelzen ließ.
„Hallo, ist irgendjemand hier?“
Sie schloss ihre Augen und schwebte inmitten ihres eigenen Universums davon...

...keine ahnung
warum ich bin
vielleicht ergibt sich
einmal ein sinn
der mir zeigt
warum ich am leben bin

keine ahnung
warum ich bin
niemals
ergibt sich ein sinn
vielleicht ist das der grund
warum ich am leben bin

Das Jo-Jo blieb zurĂĽck. Hing in der Luft. Auf und ab!

Ein junger Mann kam aus dem Haus gegenĂĽber. Mit einer Scherbe des Fensters durchschnitt er die Luft und nahm das Jo-Jo in die Hand.
Auf seinem T-Shirt stand: Willkommen in The Good Life.

Auf und ab, auf und ab!

Ich sah dies alles, während ich in den Rückspiegel schaute ...und die türen, fenster, häuser, die straße, selbst die kirche sich zu uns neigten, unseren weg verfolgend.

Mein Blick fiel auf das Schild am Ortsausgang.

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