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The Old Man
Eingestellt am 01. 03. 2006 07:40


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
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The Old Man

Reden wir ĂŒber den alten Mann und die Alte Welt. Hemingway liebte Venedig und auch gewisse tief verschneite AlpentĂ€ler mit HĂŒtten darin. Paris liebte er zu jeder Jahreszeit und von der Alten Welt noch die JagdgrĂŒnde Afrikas unterm Kilimandscharo. Aber am lang andauerndsten liebte er wohl in unserer Weltgegend Spanien.
Die Handlung des Romans „Fiesta“, der 1926 unter dem englischen Titel „The Sun Also Rises“ erschien, fĂŒhrt dann auch nach Pamplona. Die Fiesta San Fermin, die Hemingway zugrunde legt, beginnt in Pamplona am 6. Juli 1924. Das kirchliche Fest dauert 7 Tage und 7 NĂ€chte. Auf der Prozession tanzt die Bevölkerung, behĂ€ngt mit KnoblauchkrĂ€nzen, von Trommlern unterstĂŒtzt, lautstark durch die nordwestspanische Stadt. Kampfstiere werden losgelassen. Todesmutige Leute rennen vor den wutschnaubenden Stieren durch Pamplonas Gassen um ihr Leben. Manche LĂ€ufer sterben wirklich noch am selben Tag. Absurd!
Doch zuvor geht es ausgiebig durch die Pariser CafĂ©s. Der Ich-ErzĂ€hler Jacob Barnes, von seinen Schriftstellerfreunden Jake genannt, ist in einem Pariser NachrichtenbĂŒro als Korrespondent beschĂ€ftigt. Immerhin betrĂ€gt sein Guthaben zu Romanbeginn 1832 Dollar. Er kommt aus Kansas City. Im Krieg, als er in einem Lazarett lag, hat er die Hilfsschwester Brett kennengelernt. Jake war seinerzeit in die junge Frau, die inzwischen zweimal verheiratet war und nun Lady Ashley heißt, verliebt.
Robert Cohn aus New York schreibt in Paris an seinem zweiten Buch. Es geht mit dem Schreiben nicht so recht vorwĂ€rts. Er hat Frances Clyne am Hals. Frances klagt Jake ihr Leid. Robert habe ihr die Ehe versprochen und nun einen RĂŒckzieher gemacht. Jake weicht aus. Er weiß mehr, sagt es aber Frances nicht: Brett hatte in San SebastiĂĄn eine AffĂ€re mit Robert.
Jake reist mit Bill Gorton ĂŒber Bayonne nach Pamplona zur Fiesta. Der Schriftsteller Bill kam extra mit dem Dampfer aus New York, um sich die StierkĂ€mpfe in Spanien anzusehen. Jake ist in Pamplona als Aficionado bekannt. Das ist ein aus Liebhaberei am Stierkampf stark Interessierter. Deshalb bekommt er im Hotel Montoya ein paar von den gefragten Zimmern fĂŒr sich und seine Freunde. Es gibt nicht viele Amerikaner unter den Aficionados. Deshalb achten die Spanier Jake so sehr, daß sie ihm sogar seine trinkfreudigen Englisch sprechenden Freunde verzeihen. Robert ist schon vor Ort. Er putzt sich fĂŒr Brett heraus. Jake haßt ihn, da er Brett immer noch gern hat. Brett reist spĂ€ter mit Michael Campbell, Mike genannt, an. Sie will den Schotten, der vielleicht einmal reich werden wird, ehelichen.
Obwohl die Trinkerin Brett auf der Anreise kollabiert, genießt sie die Fiesta in vollen ZĂŒgen. In der Arena sitzt sie bald vorn an der Barriere und schaut ungerĂŒhrt hin, wie ein Stier mit seinem Horn dem armen Pferd den Leib aufschlitzt. Robert findet die Vorkommnisse in der Arena eher ekelerregend. Aber die HauptbeschĂ€ftigung der Freunde besteht ohnehin im tĂ€glich mehrfach wiederkehrenden Trinkgelage. Bei einem solchen beschwert sich Mike, betrĂ€chtlich angeheitert, ĂŒber Robert. Mike spricht seinen "Besitzanspruch" auf Brett deutlich an und fordert Robert unmißverstĂ€ndlich auf, Pamplona zu verlassen. Robert, der niemals betrunken ist, lĂ€ĂŸt sich nicht abweisen. Er hĂ€lt sich auch nach Mikes verbaler Attacke bestĂ€ndig in Bretts NĂ€he auf und liefert "ZĂŒndstoff". Robert ist stolz darauf, das er mit einer Adligen einmal paar Tage zusammenlebte. Die Bettgeschichte kann ihm keiner nehmen. Er bezeichnet Jake als seinen einzigen Freund.
Brett bewundert den 19jĂ€hrigen Torero Pedro Romero in der Arena und beginnt ein VerhĂ€ltnis mit dem 15 Jahre jĂŒngeren. Der Hotelbesitzer Señor Montoya sieht das als Spanier gar nicht gern, wenn ein Torero Cognac trinkt und sich mit einer dĂŒrftig bekleideten AuslĂ€nderin öffentlich zeigt. Brett spricht Jake im Roman durchgĂ€ngig mit Liebling an und beklagt sich bei ihm ĂŒber den Trunkenbold Mike. Robert könne sie ebenso nicht mehr ertragen. Sie ist nervlich am Ende und bezeichnet Jake als ihren einzigen Freund.
Es stellt sich heraus, Mike ist ein Bankrotteur.
Robert kann nicht verwinden, daß Brett im Hotelzimmer des Toreros Romero weilt. Er dringt in diese PrivatsphĂ€re ein und verletzt den außerhalb der Arena ausgesucht höflichen Romero im Gesicht. Dann verprĂŒgelt er auch noch den bedauernswerten betrunkenen Jake. Zuletzt flĂŒchtet Robert - wahrscheinlich zurĂŒck nach Paris zu Frances Clyne. Nach Romeros letzter famoser Corrida (Stierkampf) in Pamplona sucht Brett mit dem jungen StierkĂ€mpfer das Weite. Nach der Fiesta verlassen Jake, Mike und Bill gemeinsam Spanien. Ihre Wege trennen sich in SĂŒdfrankreich an der AtlantikkĂŒste. Jake kehrt einfach so nach Spanien zurĂŒck. Brett teilt ihm ihren Aufenthaltsort telegrafisch mit: Madrid. Das ist ein Hilferuf. Jake nimmt einen schnellen Nachtzug und trifft Brett verlassen im Hotel an. UnbekĂŒmmert unternehmen beide LebenskĂŒnstler eine vergnĂŒgliche Taxifahrt durch die heiße spanische Metropole, kommen dabei erneut einander nĂ€her und bedauern ihr unglĂŒckseliges VerhĂ€ltnis. Brett weiß noch aus den Zeiten im Lazarett, nach Jakes Verwundung ist es mit seiner Manneskraft nicht mehr weit her.

Die Handlung, wie oben skizziert, ist lediglich Skelett fĂŒr einen großen Roman. „Fiesta“ ist mehr als eine Story, in der sich ein paar spleenige, Englisch sprechende Weltenbummler so richtig gehen lassen. Gewiß, das tun die handelnden Figuren auch und zwar nach Herzenslust. Das Besondere in dem Roman, das wir jetzt gleich gern benennen möchten, ist auch nicht der Stierkampf, jene fĂŒr manchen Nichtspanier so witzlose Veranstaltung. Das Besondere ist ein GefĂŒhl, das der Autor uns vermittelt. Jenes GefĂŒhl steckt immer in NebensĂ€chlichkeiten – in einem GesprĂ€ch, einem Gang durch die Stadt, einem Kneipenbesuch oder einer Begegnung mit der spanischen Landschaft unter meist wolkenlosem Himmel. Es lauert beim Fischen am Gebirgsbach oder beim Autofahren. Eines kann Hemingway gut unterdrĂŒcken: die verdammte Empfindsamkeit. Wehwehchen oder auch handfeste LĂ€sionen – wenn sie nun mal aus Versehen an die OberflĂ€che getreten sind – werden nie ausgemalt, sondern eher bagatellisiert oder sogar konsequent vertuscht. Es sind immer die knallharten Objekte dieser total verrĂŒckten Welt, die Hemingway ganz lapidar beschreibt. Mit der Anordnung ihrer Abbilder im Text ruft der Autor jenes berĂŒhmte LesegefĂŒhl-GefĂŒhl in uns hervor. Nicht ernst kommt es daher, sondern eher mitunter Heiterkeit erregend. Nicht lautes Lachen, aber manchmal ununterdrĂŒckbares. Vielleicht heißt das GefĂŒhl in etwa: „Jetzt bin ich dran! Nun lebe ich in vollen ZĂŒgen – selbst wenn die Welt zusammenkracht!“
Leichtsinnigerweise haben wir mit dem Philosophieren begonnen. Dann könnten wir auch noch zur Sprache bringen, weshalb Ernest Hemingway „fĂŒr seine kraftvolle und innerhalb der heutigen ErzĂ€hlkunst stilbildende Meisterschaft, jĂŒngst an den Tag gelegt in ‚The Old Man and the Sea‘“ den Nobelpreis fĂŒr Literatur 1954 bekam. Kraftvoll ist vieles gewesen, was Hemingway gemacht hat. Wir haben da die Fotos im Sinn, worauf er als kraftstrotzender Weidmann mit seinen JagdtrophĂ€en abgelichtet ist.
Hemingway hat die Gefahr gesucht – schon 1917 an der italienisch-österreichischen Front auf Seiten der Italiener im heutigen Nordosten Italiens, beschrieben in „In einem andern Land“ (engl.:“A Farewell to Arms“, 1929). Das ging dann weiter mit dem Besuch unzĂ€hliger Stierkampfveranstaltungen in der spanisch sprechenden Welt, verewigt in gleich drei seiner Spanien-BĂŒcher: „Fiesta“, „Tod am Nachmittag“ (engl.: „Death in the Afternoon“, 1932) und posthum „GefĂ€hrlicher Sommer“ (engl.: “The Dangerous Summer“, 1985). Wir wollen auch seine burschikosen AventĂŒren in den heimatlichen Staaten, der Karibik und unter der Sonne Afrikas erwĂ€hnen, obwohl das ein klein wenig ĂŒber unseren eng gefaßten thematischen Rahmen „Alte Welt“ hinausragt. Ernest Hemingway hat den Tod zu seinem literarischen Thema gemacht, könnten wir behaupten. DafĂŒr bekommt man aber wahrscheinlich keinen Nobelpreis. Ein jeder, der ernsthaft Antwort auf die Frage nach dem Grund der PrĂ€miierug sucht, muß schon Hemingways „atomare“ Sprache ein Weilchen auf sich wirken lassen. Wir wissen es aus der Schule, ĂĄtomos soll das Unteilbare sein. Ist es aber nicht. Hemingways SĂ€tze sind in den meisten seiner Romane von einer verblĂŒffenden PrimitivitĂ€t. Die vielseitenlangen staccato-Kurzdialoge allĂŒberall im Gesamtwerk können einen Leser, wenn er gerade mal schlecht drauf ist, schon fast erschlagen. Jedoch aus den Atomen entstehen beim Lesen MolekĂŒle und das ganze wird im Leserhirn kein breiiges Konglomerat, sondern erscheint, spĂ€testens paar Tage nach dem Ende der LektĂŒre, zumeist als Kunstwerk. Wir nennen es AtmosphĂ€re, Stimmung, Fluidum – diese bemerkenswerte Ausstrahlung jener Hemingwayschen Sprachatome – auch in „Fiesta“. Spanien lebt in dem Buch. Wir können uns nach „Fiesta“ die Fahrkarte dort hinunter eigentlich sparen, wenn Spanien nicht so reizend und sonnig wĂ€re.
Da wir gerade ĂŒber den Nobelpreis Hemingways schwatzen; es gibt noch ein anderes Buch, wofĂŒr er den großen Preis der Sveriges Riksbank verdient hat. Die Rede ist von dem Roman „Über den Fluß und in die WĂ€lder“ (engl.: “Across the River and into the Trees“, 1950). Auch darin sind Hemingways Erlebnisse aus den beiden Weltkriegen eingearbeitet. Zwar muß sich der Leser anfangs durch eine an seinen Nerven zerrende Entenjagd quĂ€len, aber wenn er die paar Seiten glĂŒcklich hinter sich hat, kommt es knĂŒppeldick. ErzĂ€hlt werden die letzten Tage des Weltkriegs-Veteranen Richard Cantwell und seine Liebe zur wunderschönen blutjungen Venezianerin Contessa Renata. Dieses Feuerwerk des umwerfenden Humors, der Liebe zu Venedig, der Liebe zu den schönen Frauen, der Liebe zum Leben, das Hemingway noch einmal abbrennt, sucht Seinesgleichen in der schönen Literatur. Die hervorstechende Maxime von Richard Cantwell könnten wir grob umschreiben mit: „Ich gewinne immer mehr Abstand zu mir selber und der Welt. Von weit oben herab betrachte ich das Gewimmel dort unten gelassen, milde und liebevoll – bald so wie aus der Gottperspektive.“
Zwar haben solche prĂ€chtigen Juwelen wie die Humor-Passagen in Hemingways letztgenanntem Werk Seltenheitswert, können aber vom Leser mit ein wenig Lese-Energie durchaus gehoben werden. In unserem Sprachraum gibt es ĂŒbrigens auch mindestens drei von der Sorte – den „Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe, den „Felix Krull“ von Thomas Mann und „Die Blechtrommel“ von GĂŒnter Grass. Was Wunder? Thomas Mann und GĂŒnter Grass sind ja auch NobelpreistrĂ€ger.

Der U.S.-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, geboren und starb am 2. Juli 1961 in Ketchum, Idaho.
Ernest Hemingway: Fiesta
Roman (1926)
Rowohlt TB 22603 0


Hedwig Storch 3/2006

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Hedwig

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The Old Man

Liebe Hedwig,

ich bin ganz erschrocken, dass noch niemand etwas zu deinem Text geschrieben hat, aber so viele haben ihn gelesen. Ein Autor braucht doch ein Echo, damit er weiß, ob die Richtung stimmt. Das war das Vorwort, und jetzt komme ich zum Inhalt:
Was mir in allererster Linie an deinem Text gefĂ€llt, ist die verstĂ€ndliche Sprache, auch wenn sie an wenigen Stellen ruhig ein Gran intellektueller sein könnte. Den Beitrag finde ich insgesamt gelungen, wenn die Aufgabe hieß, schreib was zu "Fiesta", aber du beziehst auch andere Werke ein und weist auf Allgemeines bei Hemingway hin, und da sehe ich auf den Titel "The Old Man" und bin schon wieder ganz friedlich.
Vielleicht ist die Inhaltsangabe von "Fiesta" (ohne Wertung) ein bisschen zu opulent geraten? Ich glaube auch, deinen Lesern musst du den Stierkampf nicht unbedingt erklĂ€ren. Was mir persönlich fehlt, ist die Ausleuchtung des Zeithintergrundes, und wenn ich das bedenke, kann ich nicht so uneingeschrĂ€nkt "gelungen" sagen. Hemingway war doch auch ein politischer Mensch, nicht nur ein Abenteurer, und das muss man bei ihm immer berĂŒcksichtigen. Dies sind so meine HauptĂŒberlegungen zu deinem Text, und ich hoffe, dass du irgendwas damit anfangen kannst.

Lieben Gruß
Hanna

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