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Leselupe.de > Lange Texte
The true Story I
Eingestellt am 06. 09. 2004 18:25


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Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 31
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Es war so das eine zum anderen gekommen. Am Ende mu├čte ich auswandern. Zur├╝ck in das Land, aus dem ich eigentlich stammte: Deutschland. Ganz freiwillig tat ich's nicht.

Mein Agent Tony Jacobs schlug mir vor, ich solle doch mal Fantasy-Stories schreiben.
"Glaub mir, Hank, Fantasy - das ist angesagt im Moment! Herr der Ringe und so'n Zeug, die Leute wollen immer mehr davon. Das ist die gewaltigste Modewelle seit - seit ... - ├Ąh - seit Atlantis versenkt wurde! A propos Atlantis... Willste nicht mal eine Story dr├╝ber schreiben? Ich kenn da einen Verlag, der druckt alles, was mit Atlantis zu tun hat."
Ich wu├čte nichts von Atlantis. Ich wollte keine Fantasy-Geschichten schreiben. Ich war ein ernsthafter Dichter. Ernsthafte Dichter schrieben nur ├╝ber das, was sie kannten. Ich kannte mich mit dem Leben der amerikanischen Unterschicht aus. Deswegen handelten meine Stories und Gedichte von Trinkern, Huren und miesen Jobs. Aber das wollte niemand lesen. Keine Zeitschrift wollte meinen letzten Roman ver├Âffentlichen oder rezensieren. Er hie├č Die verlorene H├Ąlfte des Gehweges und handelte vom Leben eines einbeinigen Zuh├Ąlters. Ich kannte so einen Typen aus der Nachbarschaft. Einen fetten, einbeinigen Schwarzen mit Goldz├Ąhnen und einer Narbe, die ihm quer ├╝bers Gesicht ging wie ein Rei├čverschluss. Er hatte nur drei abgetakelte Nutten am laufen, die selbst an guten Tagen nicht mehr als f├╝nf bis sechs Freier hatten und an schlechten Tagen ihre Orangenhaut f├╝r nix in die Sonne hielten.

Mein Buch ├╝ber diesen Nigger war gut. Wahrscheinlich das Beste, was ich je geschrieben hatte. Es war hart, es war ehrlich, es besch├Ânigte nichts.

Kein Mensch wollte es lesen. Die Rechnungen stapelten sich neben meiner Wohnungst├╝r. Andere Sachen als Bier trank ich nur noch, wenn mich jemand einlud. Manchmal ging ich in Bars, nur um mich zu schlagen. Wenn ich gewann, nahm ich den anderen das aus den Taschen, was sie dabei hatten. Wenn nicht, dann lie├č ich mich bewu├čtlos pr├╝geln und bekam dann im Hospital ein kostenloses Fr├╝hst├╝ck und Schmerzmittel. Aber auf die Dauer zehrte so ein Leben an der Substanz.
Also sagte ich okay, als mir Tony immer und immer wieder mit den Fantasy-Stories in den Ohren lag.

Er erz├Ąhlte mir, da├č die Kids heute solche Fantasy-Stories als Video-Games konsumierten. Er zeigte mir eins dieser Spiele an seinem Computer.
"Ich spiel das nicht selber, Hank, ich hab's nur zur gr├╝ndlichen Recherche mal hier installiert!", sagte mein Agent.
Dann sa├č er eine halbe Stunde mit offenem Mund vor dem Monitor und war kaum ansprechbar. Ich ging r├╝ber in seine K├╝che und untersuchte den K├╝hlschrank. Tony war ein Spinner, aber ein Spinner, der immer ein paar Dosen Budweiser im K├╝hlschrank stehen hatte.
"Bring mir mal eins mit!", rief er.
Ich nahm drei Dosen raus, knackte eine sofort und nahm einen tiefen Schluck. Ah! - Es war k├╝hl und prickelnd, und ich guckte aus dem K├╝chenfenster meines Agenten auf einen Hinterhof, wo ein paar abgerissene Kinder um einen verkr├╝ppelten Baum tanzten. An den Baum war ein weiteres Kind gebunden und sie bewarfen es mit Sand, Colab├╝chsen und ausgerissenen Grasb├╝scheln.
"Kommst du?", rief mein Agent von nebenan.
Ich trank die Dose auf einen einzigen weiteren Zug aus, zerkn├╝llte sie und warf sie in den Abfalleimer. Dann ging ich mit den anderen beiden r├╝ber ins Arbeitszimmer. Ohne aufzuschauen streckte Tony seinen Arm aus. Ich ├Âffnete ein Bier und dr├╝ckte es ihm in die Hand.
"Bin gerade dabei, diese mistige kleine Zauberin Sybille zu killen!", informierte er mich.
"Da draussen killen deine Nachbarskinder grad auch jemanden.", sagte ich.
"Na, zum Gl├╝ck hab ich Doppelfenster, da h├Ârt man das Geschrei der Kids nicht so!", sagte Tony. "Yeah, verrecke, du durchtriebene Schlampe!" schrie er dann und klickte hektisch auf seiner Computermaus rum.
Ich knackte mir mein Budweiser, prokelte den Aluring ab und schnippte ihn durchs Zimmer. Mein Agent kriegte nichts mit. Ich lie├č mich in einen seiner ultramarinblauen Besuchersessel sinken, nahm einen Schluck und guckte mir die Zimmerdecke an. In den Ecken hingen feine Staubf├Ąden.

"Das hier, das ist die Zukunft! Da stehen die Leute heute drauf, glaub mir!", sagte Tony. "Fantasy-Welten, das will das zahlende Publikum heute! Dar├╝ber solltest du mal ne Story schreiben!"
"Jup."
"Was jup?! Machst Du's?"
"Mal sehn."
"Gut, aber beeil dich, damit wir nicht zu sp├Ąt in das Gesch├Ąft einsteigen!"

Also fing ich an, Fantasy-Stories zu schreiben. Ich dachte mir aus, wie es w├Ąre, selbst in so einem Computerspiel zu landen. Das Ganze war nat├╝rlich schwachsinnig, geistlos, armselig. Nur Hirnkranke konnten sich f├╝r Spiele begeistern, in denen andauernd Monster verkloppt und idiotische R├Ątsel gel├Âst werden mu├čten. Aber es gab ein Millionenpublikum, das in seiner Mehrheit aus solchen Schwachmatikern bestand. Ich mu├čte meine Miete zahlen.

Die ersten Stories liefen gut. Mein Agent fand einen Verlag, der sie ver├Âffentlichte. Ich schrieb die Geschichten immer nur in halbkomat├Âsem Zustand, mu├čte mir mehrere Liter reinsch├╝tten, bevor ich meinen Ekel ├╝berwinden konnte. Aber dann flutschte es um so besser. Fantasy-Stories waren so einfach zu schreiben, da├č ich gar nicht mitdenken mu├čte, sondern beim Schreiben Musik h├Âren und den Nuancen meiner Bierf├╝rze hinterherschnuppern konnte.
Die Leute hielten es f├╝r phantasievoll, wenn Ritter in gewienerten Konservenb├╝chsen herumreisten und irgendwelchen Drachen die Z├Ąhne einschlugen. Sie wollten, da├č unschuldige Frauen in Gefahr gerieten und daraus gerettet wurden. Sie wollten, da├č ein mieser Knochen die Welt tyrannisierte und dann von einem Helden, der als Findelkind aufgewachsen und von faltigen, sexuell frustrierten Erzieherinnen maltr├Ątiert worden war, in einem funkenstiebenden Fight besiegt wurde.

Die miesen Knochen hatten in den Fantasy-Geschichten immer das Nachsehen. Praktisch war, da├č die miesen Knochen auch immer wie miese Knochen auszusehen hatten. Sie waren fett und schwabbelig, oder sie waren klein und hinkten. Sie stanken aus dem Mund. Sie hatten schiefe Z├Ąhne. Oder wenigstens gelbe. Ihre Augen gl├Ąnzten diabolisch und ihre Stimme war entweder laut und grollend oder fistelnd und pfeifend wie R├╝ckkopplungen beim einem Free-Jazz-Konzert. Am Ende gewannen dann die Guten.
Mit derlei M├Ąrchen, welche die Leute auch noch f├╝r phantasievoll hielten, wurde das Publikum sediert. Ich mischte t├╝chtig mit, ich gab ihnen die fiesen Knochen und die unschuldigen sch├Ânen M├Ądels und die Burgen und Raben auf dem Dach und was sonst noch dazugeh├Ârte.

Aber dann fing ich an, mal was Neues reinzubringen in diese Geschichten. Spinnereien und L├╝gen hielt ich auf Dauer einfach nicht durch. Ich mu├čte die Wahrheit schreiben, und wenn es auch nur in gleichnishafter Form war. Ich begann, die Dinge, die ich kannte, so umzubiegen, da├č sie in diese Fantasy-Stories pa├čten, damit die Leute erfuhren , was wirklich los war.
Und die Leute nahmen die Wahrheit dankbar an. Sie schrieben mir Briefe. Einer kam von einem M├Ądchen aus Tennessee.

Hi, Mister Chinasky!
Ich lese seit Jahren in der Zeitschrift "Fantasy today", doch meistens hab ich mir nur die Bilder da drin angeguckt. Aber vor ein paar Wochen habe ich Ihre Story "Der melancholische Gesang des besoffenen Sumpfdrachen" gelesen und war davon sehr ger├╝hrt. Und als dann in der n├Ąchsten FT "Die hundertneununddrei├čig Folterwerkzeuge der Waldelfen" kam, verschlang ich die sofort. Sehr gut hat mir die Geschichte in der letzten FT gefallen, mit dem Titel "Der kalte Entzug der hei├čen Thaumaturgin". Mister Chinasky, darin konnte man sehen, wie genau Sie die innersten W├╝nsche und ├ängste von uns Frauen kennen. Ein Freund hat mir erz├Ąhlt, Sie w├╝rden immer nur von dem schreiben, was Sie selbst erlebt haben. Ist denn auch die Stelle, wo der Erz├Ąhler es der Thaumaturgin mit der Zunge macht, aus eigener Erfahrung gespeist? Am liebsten habe ich Ihre Fortsetzungsgeschichte "Hanks story" gelesen. Wie wahrhaft und tief empfunden sie da von der Liebe zwischen dem Helden und der sch├Ânen Sally mit den Innenkurven erz├Ąhlen! Das ist echt gro├če Literatur!
Mein Freund (nein, er ist nicht mein Boyfriend) sagt, Sie sind ein schmutziger alter Kerl, der alle Frauen v├Âgelt, die sich nicht vorsehen. Aber ich glaube, dieser Freund ist eigentlich nur neidisch, weil die Frauen, die er kennt, nicht mit ihm v├Âgeln wollen. Nur, wenn er ihnen Geld daf├╝r gibt und dann auch meistens doch nicht.
Ich schicke Ihnen mal ein Foto mit, damit Sie sehen, wie ein Fan von Ihnen aussieht. Wenn Sie wollen, k├Ânnen Sie mich ja mal anrufen. Ich schreib meine Telefonnummer hinten auf das Foto. Es ist meine Nummer auf der Arbeit, denn zuhause rufen Sie mich besser nicht an, wegen dem Freund, mit dem ich zusammenlebe. Naja, wir teilen nur die Wohnung, sonst nichts, jedenfalls nicht das Bett, oder was Sie jetzt so denken.
Gru├č und Ku├č von Ihrer Verehrerin
Susan Smith


Das Bild, das sie angef├╝gt hatte, zeigte ein M├Ądchen von ungef├Ąhr zwanzig Jahren, das in einem Sommerkleid vor einer Mauer aus Findlingen stand. Sie hob das Sommerkleid an. Darunter trug sie nichts.

Ich w├Ąhlte die Nummer, die hinten auf dem Foto stand.
"Block-House Nashville, Steaks, Salads and more. Mein Name ist Elvis Pradd, was kann ich f├╝r Sie tun?"
"Hier ist Chinasky, Henry Chinasky. Ich w├╝rde gern mit Miss Susan Smith sprechen, falls sie heute arbeitet."
"Worum geht es, Mister Chinasky?"
"Eine Familienangelegenheit. Sie erwartet meinen Anruf."
"Einen Moment bitte..."
W├Ąhrend der kleine Elvis aus Nashville nach Susan suchte, machte ich meine Hose auf und lehnte mich zur├╝ck.
"Jaaaaa?! Hallo? Hier ist Susan Smith am Apparat."
"Hi Susan, hier ist Hank!"
"Hank?"
"Hank Chinasky. Du hast mir einen Brief geschrieben..."
"Was? Echt? Der echte Chinasky? Oh Mann, das ist ja...! Ich h├Ątte nie gedacht, da├č ein Dichter wie Sie tats├Ąchlich ein M├Ądchen wie mich anrufen w├╝rde!"
"Warum nicht, Susan? Wir Dichter sind Menschen aus ganz normalen Zutaten. Fleisch, Blut, Haare, Ohren ? alles, was so dazugeh├Ârt. Und wir rufen andere Leute an, wie man das halt so macht als Mensch."
"Oh, Mister Chinasky, Sie sind ja soo witzig!"
"Susan, wie w├Ąr's, wenn du mich Hank nennst, wie alle meine Freunde?"
"Wow! Der legend├Ąre Chinasky bietet mir das Du an! Klasse, das nehme ich gern an, Mister... ├Ąh - Hank!"
"Allright, dann w├Ąre das ja gekl├Ąrt."
"Ja..."
"Tja."
"Hhm..."
"Well..."
"Hank, ich m├╝├čte jetzt eigentlich wieder arbeiten. Wei├čt du, wir haben hier ziemlich viel zu tun."
"Oh ja, klar. Wollte dich nicht von der Arbeit abhalten."
"Nein, nein, das macht ja gar nichts..."
"Dachte eben, ich ruf dieses s├╝├če M├Ądel in Nashville einfach mal an."
"Tolle Idee, wirklich!"
"Naja, aber nun mu├čt du wohl wirklich weiterarbeiten, sonst macht dir Elvis pers├Ânlich noch ├ärger, was?"
"Ja. Haha! Naja, er ist nicht mein Vorgesetzter oder so, aber hier sind so viele G├Ąste und alle wollen sie diese fettigen Steaks mit den dicken roten Bohnen und so..."
"Schon klar. War nett, mal mit dir geplaudert zu haben."
"Ja, sicher."
"Na dann..."
"Tja, dann..."
"Sch├Ânen Tag noch!"
"Äh, ja, danke. Äh ? NEIN!! Mister Chinasky, bitte noch nicht auflegen. Ich meine - Hank, bitte noch nicht..."
"Yeah, Susan?"
"Gib mir doch deine Telefonnummer, dann k├Ânnen wir nachher reden, wenn ich f├╝r heute fertig mit dem Job bin."

Ich gab ihr meine Nummer. Dann verabschiedeten wir uns. Sie ging zur├╝ck zu ihren G├Ąsten und den fetttriefenden Steaks und den dicken Bohnen. Ich machte meine Hose wieder zu. Manchmal tat man sinnlose Dinge.
Susan rief nicht zur├╝ck an diesem Tag. Auch nicht am Tag danach. Ich legte das Foto mit ihrer Nummer irgendwo als Lesezeichen in ein Buch. Vielleicht w├╝rde ich sie irgendwann nochmal anrufen. Vielleicht hatte sie sich meine Nummer ja nicht richtig notiert. Auf diesem Planeten gab es mehr Mi├čverst├Ąndnisse als Termiten. Sie durchl├Âcherten die Fundamente der Welt. Irgendwann w├╝rde alles zusammenbrechen.

Ich schrieb weiter meine Fantasy-Stories. Besonders die Fortsetzungsgeschichte Hanks Story kam gut an bei den Leuten. Die Auflagenzahl von "Fantasy today" stieg und stieg und ich war der Grund daf├╝r. Ich konnte meine Rechnungen bezahlen. Ich konnte wieder guten Whisky trinken. Ich kaufte mir neue Hosen und neue Schuhe. Ich begann, auf mein ├äu├čeres zu achten. Wenn ich in den Superm├Ąrkten meine Flaschen kaufte, pr├╝ften die Kassiererinnen nicht mehr mi├čtrauisch mein Geld, sondern sie l├Ąchelten mich an und sagten solche Sachen wie "Vielen Dank f├╝r Ihren Einkauf, Mister, besuchen Sie uns bald wieder!"
Beinahe h├Ątte ich mir die Z├Ąhne geputzt. Ich mu├čte verdammt aufpassen, nicht zu einem seelenlosen Lackaffen zu werden. Geld war praktisch, wenn man was zu Trinken kaufen mu├čte. Aber es machte schlaff und korrupt und willenlos.

Tony, mein Agent, rief mich eines Tages an.
"H├Âr mal, Hank, ich hab hier ein Angebot f├╝r eine Lesung. Da wird eine Art Messe f├╝r Fantasy abgehalten, zu der kommen Tausende von Fantasy-Begeisterten. Eine Riesensache, ein absoluter Knaller! Und die wollen dich f├╝r eine Lesung buchen! Na, was sagst du?"
"Tony, ich hasse Lesungen. Du wei├čt das. Nur schwanzlose Schleimhaufen treten bei Lesungen auf. Das Publikum auf Lesungen ist eine Meute von Vampiren. Sie wollen einen auffressen. Sie wollen einen fertigmachen. Sie wollen sehen, wie man blutet. Wer vor Publikum f├╝r Geld liest, ist eine Hure. Eine wahnsinnige Hure mit Todessehnsucht."
"Tausendzweihundert. Plus Flug und Bewirtungskosten."
"Wann hab ich am Flugplatz zu stehen?"

Die Fantasymesse fand mitten in der Pr├Ąrie statt, irgendwo bei einer Kleinstadt in Iowa. Ich mu├čte zweimal umsteigen, bis ich endlich in das Kaff gelangte. Da ich Angst vorm Fliegen hatte, trank ich immer vor und w├Ąhrend des Fluges. Auf den Fl├╝gen wurde aber kein purer Whisky ausgeschenkt, und daher kippte ich das runter, was auch alle anderen Passagiere auf den Fl├╝gen tranken: Bloody Marys. Ich hatte, als ich aus dem Flugzeug stieg, an die zwanzig Bloody Marys intus. Draussen war es ziemlich hei├č, die Sonne brannte herab wie ein Heizstrahler. Das schlug mir vor den Latz und brachte mich aus der Spur. Die letzten drei Stufen der Treppe verpa├čte ich und so war der erste K├Ârperteil von mir, der den Boden von Iowa ber├╝hrte, mein Kinn. Eine Stewardess eilte mir sofort zu Hilfe, aber mein Kinn war solche Landungen gewohnt. Ich blinzelte und war etwas orientierungslos. Aber man hatte jemanden geschickt, der mich abholen sollte. Selvin Kates war ein kleiner, drahtiger, bronzefarbener Kerl mit B├╝rstenhaarschnitt und hellbraunen Wildlederschuhen. Er hatte mich sofort entdeckt, als ich meinen Kopf aus der Maschine gestreckt hatte und unterst├╝tzte die Stewardess nun, mich aufzurichten.

Kurze Zeit sp├Ąter sa├č ich in Selvins Pickup und wir rollten entspannt ├╝ber eine scheinbar endlos lange, schnurgerade Piste. Selvins Wagen hatte eine Klimaanlage. Und eine klangkr├Ąftige Musikanlage. Die Boxen waren in den T├╝rseiten eingebaut. Selvin hatte eine CD mit Soul-Musik eingelegt. Ich mochte Klassik eigentlich lieber, aber der Sound pa├čte zur Landschaft. Die Wagent├╝ren pumpten mit jedem Beat.
"Lang mal nach hinten, da liegt eine T├╝te mit etwas Verpflegung.", sagte Selvin.
In der T├╝te waren zwei gro├če, in Plastikfolie gewickelte Sandwiches. Und ein knappes Dutzend Dosen Bier. Sie waren noch kalt. Ich wickelte eins der Sandwiches aus und reichte es Selvin. Dann wickelte ich das andere aus und bi├č selbst hinein. Es war mit kaltem Truthahnfleisch belegt und mit viel Salat und Tomaten und Gurken und einer Art Remoulade aufgepeppt. Das Brot war so ein franz├Âsisches, es war noch knusprig. Der Salat und die Tomaten waren ebenfalls frisch und knackig. Die Remoulade hatte das Sandwich noch nicht durchweicht. Es war das beste Sandwich meines Lebens. Ich bi├č ein gro├čes St├╝ck davon ab und kaute langsam und gr├╝ndlich. Meine Z├Ąhne zermalmten die Salatbl├Ątter und durchtrennten die zarten Fleischfasern. Es war ein erhebendes Gef├╝hl, beinahe sakral. Etwas Remoulade lief mir am Mundwinkel runter. Ich wischte sie mit dem ├ärmel ab. Dann knackte ich eine Dose auf und sp├╝lte den Sandwichbissen mit Bier runter.
Der Pickup brauste durch die langsam einsetzende D├Ąmmerung. Aretha Franklin gab ihr Bestes. Die Klimaanlage wedelte mir sanft eine erfrischende Brise zu. Die Kohlens├Ąure vom Bier prickelte lustig in meinem Bauch und ich r├╝lpste herzhaft. So w├╝rde es sein, wenn ich dereinst im Paradies auf den Wolken segelte, golden und gl├╝cklich.
Selvin schob sich die Sonnenbrille, die er bisher getragen hatte, nach oben in die Haare.
"Pa├č auf Hank", sagte er, "die Fahrt ist zugegebenerma├čen etwas lang und umst├Ąndlich, aber du wirst es nicht bereuen, zu unserer Fantasymesse gekommen zu sein. Ich verspreche dir, du wirst jede Menge toller ├ťberraschungen erleben."
"Na denn...", sagte ich, schlo├č die Augen und drehte die Lehne meines Sitzes weiter nach hinten. Eigentlich war ich gar nicht so gespannt auf irgendwelche ├ťberraschungen.
__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

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