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Leselupe.de > Lange Texte
The true Story II
Eingestellt am 06. 09. 2004 19:16


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Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 31
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Selvin Kates war Dozent f├╝r englischsprachige Literatur am ├Ârtlichen College. Seine Frau Linda war Vorsitzende eines Vereins zur F├Ârderung der Fantasy-Kultur. Ich hatte bislang nicht einmal gewu├čt, da├č es eine Fantasy-Kultur gab oder da├č man sowas als f├Ârderungsw├╝rdig erachten konnte.

Wir trafen Linda am fr├╝hen Abend jenes Tages, als ihr Mann mich vom Flughafen abgeholt hatte. Ich sollte auf einer Fantasy-Messe eine Lesung aus einigen meiner j├╝ngst erschienenen Stories halten. Linda hatte diese Fantasy-Messe mitorganisiert, es war f├╝r sie eine wichtige M├Âglichkeit, den Gedanken der Fantasy-Kultur zu verbreiten und ihm Ansehen zu schaffen. Sie war eine jener Frauen, von denen Typen wie ich nicht mal tr├Ąumten, weil man sparsam sein mu├čte mit seinen Tr├Ąumen.
Als sie mich begr├╝├čte, gab sie mir ihre tadellos gepflegte Hand und l├Ąchelte mich verbindlich aus ihren bernsteinfarben gl├Ąnzenden Augen an.
- "Hallo, Mister Chinasky, es freut mich, da├č Sie es auf sich genommen haben, aus der grossen Stadt hierher zu uns Hinterw├Ąldlern zu kommen. Mein Mann h├Ąlt gro├če St├╝cke auf Sie, er hat Sie vorgeschlagen!"
Ich warf einen Seitenblick auf Selvin. Er verdrehte ein bi├čchen die Augen und hob entschuldigend die Schultern.
- "Es ist f├╝r mich eine Ehre, hier eingeladen zu sein! Aber ich hab?s lieber, wenn man mich einfach Hank nennt", sagte ich, "Wenn jemand von Mister Chinasky redet, krieg ich immer einen Fluchtimpuls, weil ich denke, es ist ein Verwandter von mir in der N├Ąhe."
Linda lachte.
- "Okay, Hank, ich bin Linda. F├╝hle dich hier bei uns wie zuhause!"
- "Wird mir gewi├č nicht schwer fallen."
Ich ha├čte solch zeremonielles Gew├Ąsch eigentlich, ich ha├čte Menschen, die gezwirbelten D├╝nnpfiff ablie├čen und sich dabei kultiviert vorkamen. Linda lie├č mich diesen Ha├č vergessen. Wenn sie mir als Richterin mein Todesurteil vorgelesen h├Ątte, w├Ąre mir das ein Grund zum seligen Grinsen gewesen. Man konnte sich nicht satt sehen an ihr. Sie trug ein langes, wei├čes Kleid, das sie umflo├č wie ein sch├Ąumender Gebirgsbach und das ihre perfekte Figur voll zur Geltung brachte. Die Haare waren schwarz mit einem bl├Ąulichen Schimmer und wurden von einem silber durchwirkten Stirnband davon abgehalten, ins Gesicht zu fallen. Ich mu├čte an die Einb├Ąnde mancher Groschenromane denken, wo solche Frauen vor mittelalterlichen Burgen oder in den Armen stahlender Ritter gezeigt wurden. Aber Linda war nicht aus Papier, sondern real. Es war die pure Magie. Sie hatte mich sofort an den Eiern. Nein, schlimmer. Sie hatte sich meine Seele gekrallt, soviel war mal sicher! Sie hatte irgendwelche Enterhaken an unsichtbaren Seilen ausgeworfen und die hatten sich in meinem schwabbeligen Gehirn festgesetzt und als sie mich nun mit einer vollendet h├Âflichen Geste einludt, folgte ich ihr ins Haus wie ein dickes Frettchen unter Hypnose.
Die Kates wohnten in einem ausgedehnten, zweist├Âckigen Haus mit S├Ąulen davor und gro├čer Veranda und einem Swimmingpool hinten im Garten. Wenn man in ein Zimmer kam, dimmte das Licht automatisch hoch.
- "Bewegungsmelder...", informierte mich Selvin. Ich war beeindruckt.
- "Geht schon mal r├╝ber ins Wohnzimmer!", sagte Linda, "Ich bin noch nen Moment in der K├╝che besch├Ąftigt."
Ich latschte hinter Selvin Richtung Wohnzimmer. Man mu├čte dazu erst durch einen langen Flur mit hellem Holzparkett, vorbei an ein paar abstrakten Bildern, die von oben mit Halogenspots beleuchtet wurden. Das Wohnzimmer war wie ein griechisches Theater aufgebaut. Es ging ├╝ber f├╝nf halbkreisf├Ârmige Stufen nach unten, wo helle Sessel und eine Couch locker um einen gro├čen, niedrigen Glastisch gruppiert waren. Man konnte aus diesem Raum durch mehrere gl├Ąserne Schiebet├╝ren hinaus auf den Garten sehen, in dessen n├Ąchtlicher Dunkelheit der beleuchtete Swimmingpool wie ein riesiges, blaues Gl├╝hw├╝rmchen schimmerte. Vor zwei S├Ąulen stand ein Fl├╝gel. Er war weder kitschig wei├č noch aus Glas oder so, sondern schwarz, wie es sich f├╝r einen Fl├╝gel geh├Ârte. Kein hochn├Ąsiges Schmuckst├╝ck, sondern irgendwie ehrlich und funktional. Es lagen ein paar Notenbl├Ątter unter ihm, und auf seinem Notenhalter lehnten mehrere aufgeschlagene Hefte. Ein paar Gr├╝npflanzen in wei├čglasierten Tont├Âpfen belebten den Raum...
- "Chic habt ihr's hier", sagte ich.
- "Das hat alles Linda ausgeheckt.", sagte Selvin, "Sie leitet ein Innenarchitektenb├╝ro und ist sehr erfolgreich damit. Kates Systems ? vielleicht schonmal davon geh├Ârt? Naja, wohl eher nicht, die machen keine Werbung, sondern leben von Mund-zu-Mund-Propaganda. Wie auch immer - von meinem kleinen Dozentengehalt k├Ânnten wir uns so ein Leben bestimmt nicht leisten!"
Selvin ging r├╝ber an einen Schrank, der anscheinend in die Wand eingelassen war. "Was zu Trinken?"
- "Da sag ich nicht nein."
Selvin nahm einen gro├čen Krug aus dem Schrank, ├Âffnete dann einen anderen, ebenfalls in die Wand eingelassenen, Schrank und griff sich dort drei dickbauchige Weingl├Ąser.
"Sangria!", meinte er und wies mit seinem Kinn auf den Krug. - "Die mu├č man kalt trinken. Ich hoffe, du magst sowas."
- "Werd's mal ausprobieren. Ist ne Art mexikanischer Wein, oder?"
- "Spanisch. Mit Fr├╝chten drin."
- "Hhmm... Gut, ausprobieren kann nicht schaden."

Wir sa├čen in den hellen Sesseln, schl├╝rften eiskalte Sangria mit Orangenst├╝cken drin, dann kam Linda r├╝ber und trank ein halbes Glas mit, und dann gingen wir r├╝ber in die Wohnk├╝che, wo Linda ein ├╝berw├Ąltigendes Abendessen angerichtet hatte. Die Sangria hatte mich wieder hungrig gemacht. Ich lie├č es mir gutgehen und schob mir die H├Ąhnchenfl├╝gel und ged├╝nstete Zuchini und kr├Ąftig gew├╝rzten roten Reis und hauchd├╝nn geschnittenes kaltes Kalbfleisch rein, und dazu gab es einen trockenen Wei├čwein, der wie Wasser runterging. Nach dem Essen gingen wir wieder r├╝ber zu den wei├čen Sesseln und dem schwarzen Fl├╝gel und Linda spielte ein paar smoothe Jazz-Standards darauf und ich hielt mich wieder an den gro├čen Sangria-Krug, dem man langsam auf den Grund schauen konnte. Das Zeug schmeckte wie Fruchtsaft, aber ich merkte, da├č es mir zu Kopf stieg und geno├č das.

Ich r├Ąkelte mich in dem Sessel und h├Ârte Lindas Klavierspiel zu und Selvin, wie er sehr klug und kenntnisreich ├╝ber die zeitgen├Âssische Literatur sprach. Der blaue Leuchtk├Ąfer im Garten schien etwas abzuheben, glitzernde Diamantv├Âgel flatterten durch den Raum, saphirgr├╝ne Katzen schlichen auf Samtpfoten herein, und eine hopste hoch auf meinen Scho├č, rollte sich dort kuschelig schnurrend zusammen und w├Ąrmte mein Ding, und Selvin redete, und violett phosphoreszierende B├Ąnder flossen aus seinem Mund und tanzten im Kreis, Linda legte einen Strip hin, sie pellte sich ihr wei├čes Kleid herunter und wand sich mit gespreizten Beinen auf dem Fl├╝gel hin und her und ich guckte mir das an und mu├čte weinen, weil sie so sch├Ân war und meine Latte schmerzhaft gegen den gl├╝henden Rei├čverschlu├č unter der gr├╝nen Katze presste, und dann wurde das alles mir zuviel und ich kroch r├╝ber zu einer der Schiebet├╝ren, machte sie auf, stolperte runter in den Garten und kotzte in ein kleines chinesisches Bambusgeh├Âlz.

Linda weckte mich am n├Ąchsten Morgen. Ich lag in einem sauber duftenden Bett. Die Sonne strahlte schr├Ąg durch ein Fenster hinein. Linda trug ein Tablett mit Fr├╝hst├╝ck: dampfender Kaffee, franz├Âsische H├Ârnchen und Erdbeermarmelade. Ein gro├čes Glas mit frischgepre├čtem Orangensaft. Ein Teller mit R├╝hrei, unter welches Paprika gemischt war. Toastbrot und drei Tabletten Aspirin.
- "Hier Hank, ich denke mir mal, die kannst Du gebrauchen!", sagte Linda.
- "Oh shit, yeah, Linda, ich denke, du hast recht!", sagte ich.
Ich warf mir die Aspirin ein und sp├╝lte sie mit dem Orangensaft runter. Sie setzte sich auf die Kante vom Bett und schlug ein Bein ├╝ber das andere.
- "Sag mal, Linda, ich hab da nen kleinen Filmri├č... Hab ich mich sehr daneben benommen, gestern abend?"
- "Nein, keine Bange, du warst eigentlich sehr ruhig, hast nur etwas von violetten B├Ąndern gemurmelt und bist dann raus in den Garten, um spazieren zu gehen. Selvin hat dich nachher vom Swimmingpool weggeholt, weil er Angst hatte, du k├Ânnest reinfallen und ertrinken. Du hast immer gerufen: Ich mu├č ihn umr├╝hren, ich mu├č den Bastard umr├╝hren! Es war lustig und unterhaltsam, und du hast dich ├╝berhaupt nicht daneben benommen."
- "Hhmm... Tja dann..."
- "Es war nichts weiter."
- "Du hast also nicht getanzt und auf dem Fl├╝gel - ├Ąh..."
- "Ich hab auf dem Fl├╝gel gespielt und ein bi├čchen gesungen, aber getanzt habe ich nicht."
- "Ah - - - ja."
- "Wenn du willst, k├Ânnen wir ja heute abend bei der Party auf dem Fantasy-Convent miteinander tanzen..."
- "Hhm, naja, vielleicht besser nicht, wahrscheinlich krieg ich heute schon mit dem simplen Gehen oder Stehen Probleme."
- "Da hab mal keine Sorge, du f├╝hlst dich nur im Moment etwas angeschlagen, wegen der Sangria von gestern. Selvin tut da immer irgendein P├╝lverchen rein. Er sagt, das w├╝rde ihn inspirieren... Das l├Ą├čt aber sicherlich bald wieder nach."
- "Irgendein P├╝lverchen, hhmm?"
Linda lachte. "Ja, irgendein P├╝lverchen. Frag mich nicht, ich will gar nicht wissen, was!"


Ihr Lachen war wie ein Triller von Lionel Hampton auf dem Vibraphon, hell und voll zugleich. Sie trug heute ein ultramarinblaues Kleid und eine Glasperlenkette um ihren schlanken, braungebrannten Hals. Beim Lachen konnte man ihre wei├čen, regelm├Ą├čigen Z├Ąhne sehen. Sie duftete nach frischen Kirschbl├╝ten (oder sowas). Sie war umwerfend. Solche Frauen durften eigentlich ├╝berhaupt nicht existieren. Sie machten jeden Kerl in ihrer Umgebung zu einem sabbernden Wombat. Sie waren gef├Ąhrlich. Ihretwegen war Troja vernichtet worden, ihretwegen hatte old Adam in den sauren Apfel gebissen und den Rest der Menschheit in den Schlamassel mit reingezogen und alles.
- "Linda, wei├čt du was? Dein Selvin ist ein unversch├Ąmter Gl├╝ckpilz, da├č er eine wie dich gefunden hat."
Sie l├Ąchelte und stand auf. "Ich sehe das umgekehrt ? es war ein unverdientes Gl├╝ck, da├č ich ihn getroffen habe. Ich liebe ihn wirklich sehr!" Sie ging r├╝ber zur T├╝r.
- "So, jetzt lasse ich dich mal allein, damit du dich frisch machen kannst. Das Bad ist gleich gegen├╝ber auf dem Gang, ich hab dir Handt├╝cher und so bereit gelegt. Zwar ist deine Lesung erst heute abend, aber ich mu├č jetzt gleich zu dem Conventgel├Ąnde r├╝ber, bin ja schlie├člich da mit verantwortlich. Kannst nachher mit Selvin nachkommen und dir anschauen, was sonst noch so alles passiert beim ersten internationalen Great-Fantasy-Convent."
Damit war sie verschwunden. Ich lehnte mich zur├╝ck und beobachtete eine Weile die Fenstervorh├Ąnge, die leicht vom Luftzug bewegt wurden. Ich bedachte, wie das so alles zusammenhing in der Welt mit den M├Ąnnern und den schwarzhaarigen, schlanken Halbindianerinnen und wohin das alles f├╝hren sollte. Dann mu├čte ich pissen und ging r├╝ber ins Bad.



***



Selvin stellte seinen Pickup auf einem gro├čen, abgeernteten Maisfeld ab, das mit schwarz-wei├čem Plastikband als Parkplatz markiert worden war. ├ťberall ragten die Stoppeln von dem Mais hoch wie Tausende von vertrockneten Penissen in endlosen parallelen Reihen. Wenn ich mich nicht konzentrierte, nahm die Wirkung der Aspirin sofort ab und die Stoppelreihen begannen, obsz├Ân durcheinander zu schl├Ąngeln.
Es gab Ordnungskr├Ąfte, um die Besucherautos einzuweisen. Alle Ordnungskr├Ąfte steckten in orange-gelben Uniformen mit karierten Strumpfhosen. Viele der Besucher waren verkleidet. Es gab Frauen, die sich Schult├╝ten mit wehenden Schleiern an der Spitze auf den Kopf gest├╝lpt hatten. Es gab M├Ąnner, die sich in Kartoffels├Ącke geh├╝llt und Metallringe um die Oberarme gelegt hatten. Manche Besucher kamen mit Pferdeanh├Ąngern. Sie parkten ihre Pferdeanh├Ąnger, holten die Pferde raus, und dann ritten sie auf diesen Pferden, die mit bunten Decken und allerlei Klimperkram beh├Ąngt waren, r├╝ber zum Convent-Gel├Ąnde. Selvin und ich gingen hinter so einem Reiter her. Da hob das Pferd den Schwanz, l├╝pfte dadurch seine bunten Decken wie ein Frauenkleid und schiss uns direkt vor die Nase. Beinahe w├Ąre mir ein dunkelgr├╝ner, dampfender Batzen auf den Fu├č geplatscht. Selvin lachte. Ich fluchte. Der Reiter drehte sich um und legte einen Kettenhandschuh ans Visier seines Helms. Vielleicht sollte das eine Entschuldigung bedeuten. Vielleicht machte er sich ├╝ber uns lustig. Es war egal, denn wir standen hier unten, er sa├č oben und war von einem Stahlpanzer gesch├╝tzt und hatte an der Seite ein Schwert h├Ąngen, das kaum k├╝rzer als ich selbst war. Ich begann zu ahnen, da├č unbewaffnete Fu├čg├Ąnger im Mittelalter nicht viel Spa├č am Stadtverkehr gehabt hatten..
Auf dem Conventgel├Ąnde war die H├Âlle los. ├ťberall dr├Âhnte mittelalterliche Musik. Wild tanzende Verr├╝ckte mit Narrenkappen fiepsten auf Flockfl├Âten herum. Woanders wurde auf gro├čen Trommeln und verstimmten Fiedeln gel├Ąrmt. Ein langhaariger Typ mit nacktem, ├Âlig gl├Ąnzendem Oberk├Ârper spuckte Feuer. Etwas weiter weg schluckte jemand Dolche, a├č Glasscherben und stopfte sich meterlange lebendige Schlangen in den Hals.
Eine auf Zigeunerin gef├Ąrbte Blondine bot an, den Leuten aus der Hand ihr Schicksal zu lesen.
- "Los komm, Hank, schaun wir mal, was die Zukunft so bringt!", meinte Selvin.
- "Bullshit!", wehrte ich ab, aber er zerrte mich r├╝ber zu der Kleinen. Da sie beachtliche M├Âpse hatte und eine Stupsnase mit Sommersprossen, und weil ich kein Spielverderber sein wollte, setzte ich mich hin.
- "Zwanzig Dollars!", sagte die falsche Zigeunerin.
- "WAS? Zwanzig Piepen daf├╝r, da├č du dir irgendeinen Mist ausdenkst?"
- "Was sind zwanzig M├Ąuse, wenn man damit sein Leben zur├╝ck in die rechte Bahn lenken kann?", fragte sie. "Wenn du nicht soviel hast, S├╝├čer, dann mach?nen Abgang."
Ich ├╝berlegte, ob ich dieser kleinen Nutte eine reinhauen oder einfach so weggehen sollte, da steckte ihr Selvin einen Geldschein zu: "Ich w├╝├čte gern, was dieser Mann hier f├╝r eine Zukunft hat!"
Sollte ich protestieren? Die Kleine hatte ph├Ąnomenale Titten und die wurden durch ihr eng geschn├╝rtes, buntes Zigeunerinnenkleid so richtig zur Geltung gebracht. Also ├╝berlie├č ich ihr meine Hand.
- "Hhmmm...", sagte sie. Und nochmal: "Hhhhmmmm..."
Sie drehte meine Hand immer wieder hoch und runter, sie verfolgte mit dem Fingernagel irgendwelche Linien auf meiner Handfl├Ąche und das kitzelte ein wenig, aber es war auch sehr erregend, denn sie hatte lange Fingern├Ągel. Ich mag lange Fingern├Ągel bei Frauen sehr, die lassen mich immer an scharfen Sex denken. In der Realit├Ąt bedeuteten lange Fingern├Ągel in Verbindung mit Sex meist nur, da├č einem der R├╝cken zerkratzt wurde und man die n├Ąchsten Tage auf dem Bauch schlafen mu├čte. Aber in der Vorstellung waren lange Fingern├Ągel nicht viel schlechter als eine ge├Âffnete, feuchte Muschi.
Die gef├Ąrbte Zigeunerin lie├č sich Zeit. Sie wollte wohl nicht, da├č man ihr vorwarf, die zwanzig Dollar seien allzu leicht verdientes Geld. Fehlte nur noch, da├č sie vor Anstrenung zu schwitzen und zu keuchen begonnen h├Ątte. ├ťberall nur Fakes...
- "Nun", begann sie endlich, "Da sind viele Unklarheiten in deiner Hand zu lesen, Mann."
Ich wollte mich schon f├╝r diese pr├Ązise Vorhersage bedanken und aufstehen, aber sie war noch nicht fertig, denn sie hielt mich an der Hand zur├╝ck.
- "Ich sehe in deiner Hand ein Abh├Ąngigkeitsverh├Ąltnis. Es k├Ânnte sich um eine finanzielle Sache handeln. Oder um eine k├Ârperliche Sucht. Du solltest diesem Abh├Ąngigkeitsverh├Ąltnis zu entfliehen versuchen, sonst k├Ânnte es dir zuk├╝nftig noch eine Menge ├ärger machen."
- "Yeah, das ist eine sehr treffende Diagnose!", sagte ich, "Und niemand, der meinen Atem riecht, w├╝rde jemals auf die Sache mit dem Abh├Ąngigkeitsverh├Ąltnis kommen, nicht wahr?"
Aber die Zigeunerin lie├č sich nicht aus dem Konzept bringen. Sie fuhr mit ihrem Fingernagel ├╝ber eine Linie in meiner Hand.
- "Hier ?das ist die Lebenslinie. Die sieht komisch aus!"
- "Vielleicht h├Ątte ich mir nach dem Pissen die H├Ąnde waschen sollen..."
- "Guck ? die Linie geht da lang und dann da... Und hier endet sie dann abrupt! Das w├╝rde auf einen gewaltsamen Tod hindeuten..."
- "M├Ądchen, sag sowas nicht, das macht mir Angst!"
- "Das Sonderbare ist, da├č sie hier weitergeht! Hab ich noch nie erlebt. Hier, siehste? Hier stirbst du!"
Sie piekste dabei insistierend mit ihrem Fingernagel in meine schutzlose Handinnenfl├Ąche. Das schien mir eher eine Art Stilett als ein Fingernagel zu sein...
- "Und hier (sie piekste woanders) geht die Linie weiter."
- "Vielleicht bin ich ein Heiliger!", schlug ich vor. "Zuerst werd ich ans Kreuz geschlagen und dann, am dritten Tage, steh ich wieder auf."
- "Das k├Ânnte durchaus sein.", sagte die Zigeunerin und nickte dabei ernst.
- "Yeah, Baby, ich bin der Messias! Ich bin der Gesandte, der Verk├╝ndete, der gro├če Obermotz mit dem Riesending! Ich werde das Freudenreich einl├Ąuten, jawohl, das werde ich, alle werdet ihr zu mir beten, mich lobpreisen, mir Weihrauch und Myrrhe darbieten..."
- "Ja, klar, Mister, und meine M├Âpse sind aus Titanstahl."
- "Allright, gibt's sonst nochwas in meiner Hand zu lesen oder bist du durch mit der Lekt├╝re?"
- "Ja, da ist noch was drin zu lesen, aber wenn du eh nicht glaubst, was ich erz├Ąhle..."
- "Egal, Baby, erz├Ąhl einfach, wir wolln was h├Âren f├╝r unser Geld, komm, denk Dir noch was Originelles aus. Was mach ich nach meiner Wiederauferstehung?"
- "Das, was du jetzt gerade machst. Guck, S├╝├čer ? die Linie endet da, wo du so ungef├Ąr 36 oder 37 Jahre alt warst. Und sie f├╝hrt bis heute und noch weiter ? hier ? selbst auf der Handr├╝ckseite f├╝hrt sie immer noch weiter."

Ich sagte nichts. Als ich 36 Jahra alt gewesen war, hatte ich mal mit Magendurchbruch auf irgendeinem Schiebetisch im Keller eines Krankenhauses gelegen, und kein Schwein hatte sich um mich gek├╝mmert und eigentlich h├Ątte ich da krepieren m├╝ssen. Ich versuchte, mich zu erinnern, wie das genau gewesen war. Vielleicht war ich damals tats├Ąchlich schon im Jenseits herumgekrabbelt, bevor mich die ├ärzte dann wieder zur├╝ckgeholt hatten?
- "Okay", entschied ich, "Das reicht. Nicht, da├č du dich nachher noch verausgabst..."
- "Soll ich dir nicht noch sagen, welche Ereignisse die Zukunft f├╝r dich bereit h├Ąlt?"
- "Nein danke, das w├╝rde mir den ├ťberraschungseffekt nehmen."
- "Du hast aber bezahlt daf├╝r."
- "Selvin hat bezahlt, nicht ich... Hey! Wo ist der ├╝berhaupt?"

Ich drehte mich um, aber Selvin hatte mich einfach so mit der zickigen Zigeunerin allein gelassen.
- "Weg.", sagte sie.
- "Ach nee, ist das jetzt noch Teil der Vorstellung oder gibt's die Info umsonst?"
- "S├╝├čer, es bringt nichts, vor seiner Zukunft davonzulaufen."
- "Hab ich auch nicht vor."
- "Aber du hast Angst davor, dich mit ihr zu besch├Ąftigen."
- "Hab ich nicht."
- "Hast du wohl!"
- "So ein Bullshit!"
- "Sonst w├╝rdest du jetzt nicht aufh├Âren, mitten in der Sitzung."
- "Sitzung? Ist das hier ein Vorstands-Meeting?"
- "Du kannst dein Schicksal nicht abweisen."
- "Und du bist mein Schicksal, oder was?!"
- "Nein, aber ich kann dir dein Schicksal aufzeigen und dich auf den richtigen Weg f├╝hren."
- "Danke, ich finde den Weg schon selbst." Ich stand auf und wollte gehen.
- "Man kann seiner Zukunft nicht entgehen, keiner kann das!", sagte sie und versuchte, mich an der Hand festzuhalten. Ich ri├č mich los. Was f├╝r eine Klette! W├Ąhrend ich mich schon umgedreht hatte und wegging, rief sie mir hinterher: "Gedenke meiner Worte, Fremder! Dereinst, wenn alles verloren scheint, gehe dorthin, woher du gekommen!"

Ich tauchte in die n├Ąchstbeste Menschenmenge ein und sch├╝ttelte sie so ab. Herrgott, warum mu├čte ich immer an die verr├╝ckten Frauen geraten! Diese falsche Zigeunerin war vollkommen plemmplemm gewesen, trotz ihres appetitlich verschn├╝rten Apfelbusens. So waren sie, die Frauen, sie wollten einen fertig machen. Sie raunten unsinniges Zeug zusammen, sie guckten einem auf diese spezielle Art in die Augen, da├č man ganz kirre wurde und dann redeten sie und redeten und redeten. Das nahm nie ein Ende, Frauen verf├╝gten ├╝ber unendliche Best├Ąnde von Worten. Die quollen aus ihnen heraus, pausenlos, ohne Hoffnung auf ein Finale. Sie piekten einem Mann mit ihren Fingern├Ągeln in die H├Ąnde und attackierten ihn mit Worten. Worte. Worte! Sie waren wie M├Âsenhaare: l├Ąstig, aber man mu├čte sie in Kauf nehmen, wenn man zu den angenehmen Dingen vordringen wollte. Schicksal! Kein Mann w├Ąre auf so einen Quark gekommen. Man kann seiner Zukunft nicht entgehen! Ja toll ? wohin sollte man der Zukunft denn auch ausweichen wollen? Schicksal, Zukunft, Bestimmung, Lebenslinien ? alles so Sachen, mit denen ich ├╝berhaupt nichts zu tun haben wollte. Sollten sich andere um ihre Zukunft k├╝mmern! Ich hatte Wichtigeres zu tun.

Inzwischen war es sp├Ąter Mittag geworden. Und hei├č. Ich mochte die Sonne nicht. Ich mochte viele Dinge nicht, aber die Sonne stand in der Hinsicht ganz weit vorne. Sie brannte einem in die Augen und auf den Sch├Ądel. Sie sorgte daf├╝r, da├č ich schwitzte. Wenn ich schwitzte, dann stank ich. Schon merkte ich, wie mir mein Hemd hinten am R├╝cken zu kleben begann. Die Leute um mich herum schwitzen wahrscheinlich auch alle. Was f├╝r ein Wahnsinn: Hunderte, Tausende von Menschen, die sich mitten in der Pr├Ąrie zusammenfinden um gemeinsam zu schwitzen. Kinder liefen herum, leckten an rot verzuckerten ├äpfeln, schmierten sich mit Eiscreme voll und schwitzten. Schwitzende Hausfrauen in gebl├╝mten Kleidern und mit faltiger Haut am Hals riefen schrill nach irgendwelchen Familienmitgliedern. Ein paar als Bettelm├Ânche verkleidete, schwei├čperlige Jugendliche gr├Âhlten. Ein dickes, schwabblig schwitzendes M├Ądchen mit Brille kreischte, als sein Begleiter, ein ebenso h├Ą├člicher, aber astd├╝rrer Freund, ihm an den verschwitzten Busen fa├čte. Schwei├č ├╝berall, man h├Ątte ihn als Salzlake in Flaschen abf├╝llen oder Heringe darin einlegen k├Ânnen.

├ťberall in dem Gewusel verteilt standen H├Ąndler, die ihre Waren anpriesen. Manche hatten so mittelalterliche Sachen wie ger├Âstete Kastanien im Angebot, oder Armb├Ąnder, oder sie boten an, den Leuten Z├Âpfe ins Haar zu flechten und falsche keltische Tattoos aufzumalen. Andere verkauften Harry-Potter-Zauberst├Ąbe oder Glaskugeln oder einfach nur eisgek├╝hlte Coca Cola. Alle schrieen sie herum, da├č mir der Verdacht kam, sie h├Ątten sich mit dem ├Ârtlichen H├Ârger├Ąteh├Ąndler abgesprochen.
Ich gab es bald auf, nach Selvin Ausschau zu halten. Es war nicht gerade fair von ihm, mich hier so allein zu lassen, aber ich war ein Mann von knapp 50 Jahren und w├╝rde es wohl ├╝berleben. Meine Lesung war erst abends um acht ? also hatte ich noch einige Zeit herumzubringen. Und das bei der Hitze und zwischen all den Verr├╝ckten hier! Ich hatte Durst.
Zum Gl├╝ck gab es ├╝berall Zelte, in denen man was zu Trinken bekommen konnte. Direkt vor mir stand schon eins. Ich ging rein. Drinnen war es noch hei├čer als draussen. Die Luft h├Ątte man mit einer Flex in Ziegelsteinportionen teilen und dann als Baumaterial verkaufen k├Ânnen. Ich ging wieder raus aus dem Zelt. Verdammt! Doch gleich ein paar Meter weiter fand sich ein anderer Getr├Ąnkestand. Da mu├čte man nicht reingehen. Auf einem gro├čen Schild stand in gotischen Lettern zu lesen:
Hiero kredenzet wird eisesgek├╝hlter Honigwein! Der Humpen gar wohl gef├╝llet 6 ,--$
Ich bestellte bei einem rotgesichtigen, schwabbeligen Kerl, den ein an seine Lederweste geheftetes Schild als Mundschenk auswies, so einen Humpen mit Honigwein. Der Humpen war gar keiner, sondern ein Trinkhorn aus Plastik, das nur von ganz Weitem so aussah, als sei es das gewundene Horn eines Stiers. Ich probierte skeptisch ? aber dieser Honigwein schmeckte nicht ├╝bel. Er war tats├Ąchlich kalt, er war nicht zu s├╝├č und schmeckte ganz anders, als ich es erwartet hatte. Hinter dem Getr├Ąnkestand fanden sich ein paar Holzb├Ąnke an wackeligen Klapptischen, ├╝ber denen Leinent├╝cher als Sonnenschutz aufgespannt waren. Ich setzte mich auf eine dieser B├Ąnke. So w├╝rde ich die Zeit bis zu meiner Lesung vielleicht rumbringen k├Ânnen. Ich trank meinen Honigwein und schaute mir die Leute an, die sich auf dem staubigen Weg zwischen all den St├Ąnden entlangdr├Ąngelten und verzweifelt versuchten, sich zu am├╝sieren.
Gleich nebenan gab es einen Schmied. Ein gro├čer, b├Ąrtiger Brocken, braungebrannt, mit Muskeln wie ein Stier, mitten in der prallen Sonne. Er hatte in einem Abstand von vielleicht drei Metern um seinen Ambo├č eine zaunartige Absperrung aufgebaut. Davor standen die Leute und gafften. Der Schmied kloppte auf ein St├╝ck gl├╝hendes Eisen. Funken stoben. Es war eine vollendet dumpfe, langweilige, eint├Ânige, laute, dreckige, sinnlose Arbeit. Er hielt das St├╝ck Eisen mit einer Zange fest auf dem Ambo├č und haute mit einem Hammer darauf. Doing-ink! Doing-ink! Doing-ink! Dann drehte er das St├╝ck Eisen auf dem Ambo├č um und haute auf die andere Seite. Doing-ink! Doing-ink! Die Muskelmassen des Schmieds zitterten im Takt wie sehnig-brauner Plumpudding. Dann tauchte er das Eisen in einen gro├čen Holzeimer mit Wasser. Es zischte und die Gaffer machten: "Aaaaaah!"
Nun mu├čte der Gehilfe vom Schmied das Eisen nehmen und wieder in den Schmiedeofen stecken, der etwas entfernt vom Ambo├č aufgebaut worden war. Der Schmied nahm sich ein anderes St├╝ck gl├╝hendes Eisen aus der Esse, ging damit zu seinem Ambo├č und begann wieder mit dem Geh├Ąmmer. Doing-ink! Der Gehilfe mu├čte derweil einen gro├čen Blasebalg bet├Ątigen, welcher das Feuer in der Esse anfachen sollte. Er war ein pickeliger Junge mit nacktem Oberk├Ârper. Die Hitze aus dem Ofen hatte seine Haut krebsrot anlaufen lassen. Obwohl er eher d├╝nn als dick war, hatte er doch H├Ąngebr├╝ste, fast wie ein M├Ądchen. Nur um die Brustwarzen herum waren ein paar schwarze Haare zu sehen. Sie bildeten einen kl├Ąglichen Kranz wie ein paar verlassene, d├╝rre Negerkinder, die sich mitten in den Weiten des Fegefeuers an den H├Ąnden hielten. ├ťber diese roten, ├╝berlappenden Br├╝ste rannen dicke Schwei├čperlen, w├Ąhrend der Schmiedegeselle an dem Blasebalg herumstampelte. Ein Bild der ewigen Absurdit├Ąt des Daseins. Und die Leute standen darum herum und glotzten und lutschten an ihrem Wassereis oder juckten sich in der Arschritze oder pa├čten auf, da├č ihnen kein Taschendieb die Lippenstifte aus den Rucks├Ącken stahl.

Ich stand auf, holte mir mein n├Ąchstes Trinkhorn, setzte mich wieder an einen der Tische und trank weiter. Es sa├čen inzwischen noch allerhand andere Leute an den Tischen. Man konnten ihnen nicht entkommen, sie waren ├╝berall und machten sich breit und redeten und redeten und puhlten sich in der Nase, wenn grad niemand hinsah. Sie erz├Ąhlten sich, was sie schon alles gesehen hatten auf diesem Fantasy-Convent. Viele hatten genau dasselbe gesehen, und sie erz├Ąhlten es sich trotzdem noch und nochmal.
- "Wart ihr schon auf dem Turnierplatz?"
- "Ja, toll, nicht wahr?"
- "Ja, Wahnsinn. All die Ritter in ihren R├╝stungen!"
- "Und die Pferde von den Rittern!"
- "Ja, die waren auch toll."
- "Ob die das vorher absprechen, wer sich von wem aus dem Sattel heben l├Ą├čt?"
- "Nee, glaub ich nicht."
- "Das kracht jedes Mal ganz sch├Ân, was?!"
- "Ja, das kracht, Mann o Mann!"
- "Tut bestimmt weh, wenn die da vom Pferd runterfallen."
- "Ach was, die sind doch gepolstert."
- "Ja, auch wieder wahr. Ach guck mal, da kommen Sam und Jennifer!"
- "Hallo zusammen."
- "Hallo, ihr beiden! Wart ihr schon auf dem Turnierplatz?"
- "Ja, toll, nicht wahr?"

Und so weiter. Wenn man sich das anh├Ârte, konnte man nur bedauern, da├č old Jehova damals sich von Noah hatte bequatschen und seinen Plan mit der Sintflut verw├Ąssern lassen.
Ich holte mir mein drittes Horn. Jedes Mal lie├č ich mir eine Quittung geben. Spesenrechnung und so. Als Dichter mu├čte man sehen, wo man blieb. Ich setzte mich ganz aussen an einen Tisch, um m├Âglichst viel Platz zwischen mich und die anderen zu bringen.
Eine Familie kam und setzte sich direkt neben mich. Die Mutter hatte eine kantige Nase und Ringe unter den Augen, wahrscheinlich, weil sie seit Jahren Di├Ąt hielt. Der Vater hatte einen Schnurrbart und trug ein Hawaihemd. Der Sohn war vielleicht zehn Jahre alt, hatte wuschelige br├╝nette Haare und quengelte, weil er keinen Fruchtsaft, sondern Cola trinken wollte.
- "Wie oft hab ich dir schon gesagt, da├č Cola schlecht f├╝r die Z├Ąhne ist? Au├čerdem macht sie dick.", sagte seine Mutter.
- "Ich bin aber nicht dick!"
- "Aber du k├Ânntest dick werden, wenn du immer Cola trinkst und all die S├╝├čigkeiten in dich reinstopfst."
- "Ich krieg ja gar keine S├╝├čigkeiten von euch! Ihr seid ja so geizig."
- "Nein, wir wollen nur, da├č du gesund aufw├Ąchst."
- "Naja", fiel der Mann seiner Frau in den R├╝cken, "in dem Fruchtsaft ist aber garantiert auch Zucker."
- "Deswegen soll er sich den Saft ja auch mit Wasser verd├╝nnen!"
- "Aber dann schmeckt man ja gar nix mehr, das ist doch Schei├če!"
- "Kevin, du sollst nicht solche W├Ârter benutzen, wie oft hab ich dir das schon gesagt!"
- "Papa sagt auch immer solche W├Ârter!"
- "Aber nur, wenn sie wirklich angebracht sind. Nicht so inflation├Ąr wie du!"
- "Was ist inflation├Ąr?"
- "Das hat was mit Geld zu tun. Das verstehst du noch nicht. Pass lieber auf, da├č du nicht dick wirst, sonst lachen sie dich alle im Sportunterricht aus. Willst du das?"

Familien. Immer sprachen die Politiker mit weihevollem Vibrato in der Stimme von den Familienwerten, als sei die Familie irgendwas Besseres. In Wirklichkeit waren Familien die Keimzellen der Apocalypse. Hier entstanden Kriegstreiber, Massenm├Ârder und Bankangestellte. Es war hoffnungslos. Fast alle Menschen mu├čten durch diese Vorh├Âlle hindurch, wurden schon gleich zu Anfang in dieser M├╝hle zerbr├Âselt. Und die, die keine Familie hatten, die Kinder von Huren und Fixerinnen, von Unfallopfern oder Verbrecherinnen, sie kamen in Heime. Und Heime waren nicht mehr nur Vorh├Âlle, sondern schon Hauptabteilung.
Eine gro├čartige Melancholie stieg in mir auf, eine sanfte Verzweiflung, ein desparate Freude im Angesicht der Vergeblichkeit. Wie immer, wenn der Alkohol bei mir zu wirken begann. Dann zerflo├č ich innerlich, nahm das Leiden und den Wahnsinn der Welt in mir auf, um einen Rhythmus des Schwermuts daraus zu komponieren, in welchem meine Seele sich wiegen konnte.

- "Sagen Sie mal, sind Sie nicht Chinasky, der Schriftsteller?"
Es war der Familienvater, der mich das fragte. Er r├╝ckte zu mir r├╝ber.
- "Hhmm?!"
- "Ja, doch, ganz bestimmt, ich erkenne Sie. Hank Chinasky, nicht wahr? Ich hab Ihr Bild gesehen auf dem Einband von ? ├Ąhm... Ich komm grad nicht drauf. Aber Sie sind es, hab ich recht?"
- "Yeah..."
- "Oh Mann, was f├╝r ein Zufall! Wir sind Ihretwegen hier, wissen Sie das? Ich hab in der Zeitung gelesen, da├č Sie heute abend hier 'ne Dichterlesung geben. Da hab ich zu Monica gesagt ? ├Ąhm, darf ich vorstellen? Meine Frau Monica... Monica, das hier ist Mister Hank Chinasky, der ber├╝hmte Dichter, von dem ich dir erz├Ąhlt habe... Oh, enschuldigen Sie, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt: Bob Valentine mein Name, und das hier ist mein Sohn Kelvin... Kelvin, gib Mister Chinasky mal die Hand! Also da hab ich zu Monica gesagt: Das sollten wir uns anh├Âren, eine echte Dichterlesung, wann kriegt man sowas hier auf dem Lande schon geboten, nicht wahr? Was f├╝r ein Zufall! Kevin, du hast das gro├če Gl├╝ck, einem echten Dichter und Schriftsteller die Hand geben zu d├╝rfen. Oh, Mister Chinasky, ich bin ein gro├čer Fan von ihnen, ich habe alle ihre Beitr├Ąge in Fantasy today gelesen. Ganz toll, ganz gro├čartig!"
- "Well..."
- "Paps, was ist denn ein Schriftsteller?"
- "Das ist ein Mann, der Geschichten schreibt."
- "So, wie die in der Zeitung?"
- "Nein, eher so wie in deinem Buch mit der Geschichte von Feivel, dem M├Ąusewanderer..."
- "Mister, du schreibst Geschichten von Feivel?"
- "Nun, nicht direkt..."
- "Was f├╝r Geschichten schreibst du denn? Wovon handeln die denn?"
- "Die handeln von meiner Zeit als Leichenw├Ąscher. Und wie man Frauen fachgerecht die M├Âsen ausschleckt..."
- "Mami, was sind denn M├Âsen...?"

Als ich aufstand, um mir das Pfand f├╝r das Plastiktrinkhorn an dem Honigweinausschank abzuholen, hatten Bob und Monica kein Wort des Abschieds f├╝r mich.
__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

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