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Leselupe.de > Lange Texte
The true Story III
Eingestellt am 08. 09. 2004 21:19


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Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 31
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Ich verzichtete darauf, zu Monica und Bob und ihrem colafixierten Balg zur├╝ckzukehren. Vielleicht gab es hier auf dem Conventgel├Ąnde ja noch etwas Interessantes zu sehen. Aber schon, als dieser Gedanke sich wie eine giftige Schlange in mein Hirn schl├Ąngelte, wurde mir ├╝bel. Etwas Interessantes zu sehen! Dazu kamen all diese Idioten her, die Familien und pickeligen Einzelg├Ąnger, die schlaffen Studenten und die Dorfm├Ądchen. Mal sehn, ob es nicht was Interessantes zu entdecken gibt! Es war widerlich. Wer nach Interessantem suchte, an dem knabberten schon die Maden.
Also drehte ich eine Runde, ohne nach irgendetwas Interessantem Ausschau zu halten. Interessant! Bah! Ich sah es so richtig plastisch vor mir, wie Bob und Monica mit ihrem sauber gewaschenen S├Âhnchen am Fr├╝hst├╝ckstisch sa├čen. Bob las in der Zeitung und dann: - - - "Hey, Monica, hier steht, da├č bei dem Fantasy-Convent heute abends eine Dichterlesung stattfindet. W├Ąre das nicht mal eine Abwechslung? Guck mal: Hank Chinasky liest aus seinen Werken! Wollen wir uns das nicht mal angucken?"
- "Ja, Bob, das h├Ârt sich interessant an!"
Interessant! Ja, wahrscheinlich kamen manche dieser Spinner hierher, weil sie es interessant fanden, einen Dichter auf der B├╝hne bluten zu sehen. Interessant! Interessant!!! Es war verdammt hei├č. Ich hatte mir mit dem Met einen Schluckauf eingefangen. Interes-hick-sant! Hick! Verdammt, das war doch v├Âlliger Schwachsinn. Chinasky, der interessante - hick - Bastard! Was suchte ich hier? Warum war ich hier? Warum mu├čte nur die Sonne so verdammt brennen? Ich lehnte mich an irgendeinen Pfosten im Schatten von irgendwas. Wie sp├Ąt war es? In welchem Zelt sollte die Lesung stattfinden? Ich versuchte, meinen Schluckauf unter Kontrolle zu bringen. Gar nicht so einfach.
Unwiderstehliche Wellen stiegen aus dem mit Honigwein bis zur Oberkante gef├╝llten Magen empor und ersch├╝tterten mich wie ein Erdbeben. Ich gab wohl eine echte Witzfigur ab, an einen Pfosten gelehnt und vibrierend wie ein Zweitakter mit Fehlz├╝ndungen.
Auf der gegen├╝berliegenden Seite des Wegs kam ein junges P├Ąrchen vorbei. Beide blond und schlank, sie mit endlos langen, braungebrannten Beinen und kurzem wei├čem Rock, er mit einem kurz├Ąrmligen Jeanshemd, aus dem mit keltischen Mustern t├Ątowierte Arme guckten, fitnessstudiooptimiert. Sie tuschelten, er deutete mit dem Daumen auf mich. Machte er sich lustig? Fand er das vielleicht interessant, wie ich hier in den Seilen hing?
Sowas konnte man sich nicht bieten lassen.
- "Hey, du t├Ątowierter Schleimscheisser, was glotzt Du so, h├Ą? Bin ich ein nackter Pudel oder was? Willst dich wohl vor deiner kleinen Nutte aufspielen, wie?"
- "Komm, Alterchen, beruhig dich mal, du bist ja betrunken!"
- "Ich bin betrunken? Ich bin stockn├╝chtern, du Matratzenfurz! Ich kann es nur nicht ertragen, wenn Wichtigtuer wie du sich auf Kosten anderer dicke tun, nur um von ihren Ischen mal wieder einen saftigen Blowjob besorgt zu kriegen!"
- "H├Âr mal, Opa, mach jetzt aber halblang, ja? So redet man nicht von Damen!"
- "Damen? Dieses Flittchen, das herumrennt und seine Beine zeigt, um jeden Wichser fickerig zu machen, das soll eine Dame sein? Eine l├Ąufige H├╝ndin ist das!"
- "So, jetzt reichts, Daddy. Du entschuldigst dich jetzt sofort bei meiner Begleiterin, oder..." Er kam drohend auf mich zu, obwohl das M├Ądchen ihn zur├╝ckzuhalten suchte.
- "Oder was? ODER WAS??? Solche halben Portionen wie du kommen bei mir nicht mal auf den Fr├╝hst├╝ckstisch!"
Das war's, mehr brauchte es nicht. Er schlug eine Gerade, die direkt auf meine Nase gezielt war. Schnell aber einfallslos. Ich drehte mich zur Seite, seine Faust zischte an meinem Gesicht vorbei, sein Schwung trug ihn weiter und genau in mein emporgezogenes Knie. Ein blutiger Anf├Ąnger, ich hatte ihn genau zwischen den Beinen erwischt. Japsend wie ein Karpfen an Land sackte er in sich zusammen. Euphorie schoss in mir empor, warmer, fl├╝ssiger Zucker. Mein Schluckauf war weg! Der kleine blonde Fitnesscenterwichser lag mir zu F├╝├čen. Ich brauchte nur zuzutreten. Yeah! Das M├Ądchen kreischte. Sie beugte sich nach vorn, w├╝hlte mit den H├Ąnden in ihren langen Haaren, ihre Beine bildeten ein X. Sie schrie um Hilfe. Sie mu├čte nicht lange schreien. W├Ąhrend ich noch ├╝berlegte, ob ich zutreten oder ob ich es lieber lassen sollte, weil man auf einem Bein so unsicher stand, kamen zwei der Ordnungskr├Ąfte in ihren orangenen Strampelanz├╝gen herbei. Zwei halbe Portionen. Ich war mit dem Tattoo-Kerl fertig geworden, dann w├╝rde ich auch mit diesen Hampelm├Ąnnern keine Probleme haben.
- "Kommt her, ihr Arschl├Âcher, ich zeig euch mal, was wirklich interessant ist!", br├╝llte ich. Ich griff mir den ersten von beiden an den Haaren und wollte seinen Kopf herunterrei├čen. Doch da waren gar keine Haare, meine Hand krallte sich in der Luft fest, und dann zog jemand den Pfosten weg, an den ich mich gelehnt hatte und dann war auf einmal ein Loch unter meinen F├╝├čen und jemand ri├č mir den rechten Arm aus dem Gelenk heraus und ein Nashorn knallte in meinen R├╝cken und eine Stahlpresse umfasste meinen Hals und dann lag ich auf der Erde und einer der Hampelm├Ąnner dr├╝ckte sein Knie direkt in mein Gesicht.
- "Ihr Bastarde, ihr feigen Bastarde, ich mach euch alle fertig! Ich bin unschuldig, ich habe niemandem etwas getan! Ihr Schweine, ihr... Ich bin Hank Chinasky, klar? Hank Chinasky, der ber├╝hmte Dichter, ich halte hier auf eurem verschissenen Convent eine Lesung, ich bin interessant, jawohl, ich bin interessant, alle wollen mich h├Âren, ihr d├╝rft mich hier nicht grundlos zusammenpr├╝geln, das ist nicht gerecht!"
Dann fing ich wegen all der Ungerechtigkeit an zu heulen und gleichzeitig kam der Schluckauf wieder und dann drehte sich mir alles im Kopf und ich mu├čte nur deswegen nicht kotzen, weil mir die Kraft dazu fehlte. Statt dessen schmeckte ich den Sand zwischen den Z├Ąhnen. Dieser ganze Spinner-Convent fand auf einem Acker statt, auf festgestampfter Erde, mit zertretenen Grashalmen darin und kaum weniger Zigarettenkippen. Die Security-Jungs dr├╝ckten mein Gesicht in dieses Gemisch und ich konnte allerhand verschiedene Nuancen schmecken, ohne dieser Vielfalt wirklich etwas abzugewinnen. Ich mu├čte niesen, konnte aber nicht, ich atmete Steinchen und Sand und etwas S├╝├čes ein. Vielleicht hatte gerade hier ein Kind mit seinem Softeis gekleckert. Diese Mischung scho├č mir in die Nase hoch wie eine Prise Kokain f├╝r Trolle - sollte ich das vielleicht in meiner n├Ąchsten Fantasy-Story verwenden? Ich kam nicht dazu, es zu notieren. Der Sandstrahl kam wie ein D-Zug in meinen Stirnh├Âhlen an und explodierte dort.

Vor Jahren, noch vor meiner Zeit als Brieftr├Ąger, hatte ich mich als Tagel├Âhner mit allen m├Âglichen Jobs ├╝ber Wasser gehalten. Ich hatte auf Plantagen Erdbeeren gepfl├╝ckt, Metallteile aus Industriem├╝ll sortiert oder in Warenlagern dabei geholfen, gro├če Kontingente an Hot-Dog-Wagen in Regale hoch zu wuchten. Jobs, bei denen man abends nicht mehr die Kraft hatte, sich die ├ťberstunden zu notieren, die man geleistet hatte.
Damals war ich froh gewesen, als man mir den Sandstrahlerjob anbot. Zwei gro├če Werfen waren Pleite gegangen und der Konkursverwalter wollte alles, was auf deren Gel├Ąnde herumstand, an die Koreaner verkaufen. Dazu mu├čten der Rost und die verblichenen Farben von den Geb├Ąuden und Maschinen, den Containern und den Krananlagen heruntergeholt werden. Wir bildeten Zweimannteams, die mit Sandstrahlern die verrotteten Ger├Ątschaften auf Hochglanz schmirgelten. Da die Strahlmedien zum Anl├Âsen der Farben ├Ątzende Substanzen enthielten, wurden wir in Schutzanz├╝ge gepackt, die uns wie Astronauten aussehen lie├čen. Es war hei├č in diesen Schutzanz├╝gen, denn sie waren luftdicht und schwer. Man konnte nur ungef├Ąhr eine Viertelstunde darin arbeiten, bis das Gef├╝hl des Erstickens so dr├Ąngend wurde, da├č man eine Zigarettenpause einlegen musste. Wir machten alle zehn Minuten eine Zigarettenpause und unsere Zigarettenpausen waren sehr lang, aber das konnten wir uns leisten, denn eigentlich h├Ątten wir gar nicht mit diesen giftigen chemischen Substanzen unter freiem Himmel hantieren d├╝rfen.
Wenn wir mit den Strahlern auf die Wellblechw├Ąnde hielten und die Farben dort in gro├čen Placken abfielen, waren wir in einen r├Âtlichen Nebel aus Giften, Wasser, feinstem Sand und Farbpartikelchen geh├╝llt, wie Marsmenschen im Sandsturm. Der Nebel senkte sich dann auf das Gel├Ąnde und die R├╝ckst├Ąnde wurden mit dem n├Ąchsten Regen weggewaschen und ich begann zu der Zeit, kein Wasser aus dem Hahn mehr zu trinken, denn nicht weit von dem Werksgel├Ąnde war die Zentralstelle der st├Ądtischen Wasserwerke. Unsere Arbeit war hart, aber gut bezahlt, sie war illegal und deswegen scheuchte uns niemand. Wir machten viele Zigarettenpausen und nahmen immer eine etwas st├Ąrkere K├Ârnung bei den Strahlmitteln und eine h├Âhere Dosierung der L├Âsungsmittel als vorgeschrieben. So reinigten wir den Quadratmeter doppelt schnell.
Ich arbeitete zusammen mit einem Ex-Str├Ąfling, der f├╝r bewaffneten Raub├╝berfall und Vergewaltigung 8 Jahre gesessen hatte. Seinen richtigen Namen habe ich mir nicht merken k├Ânnen. Alle nannten ihn Bresche, weil er mal bei einer Kneipenschl├Ągerei jemandem mit der Bierflasche s├Ąmtliche Schneidez├Ąhne herausgeschlagen und diesem Jemand danach noch in das blutige Gesicht getreten hatte. Vor Gericht nach seinem Motiv gefragt, hatte er geantwortet: "Ich springe f├╝r andere Leute in die Bresche!" Das hatte ihm 4 Jahre Jugendknast und seinen Spitznamen eingebracht.
Bresche hatte bald herausgefunden, da├č man mit den Sandstrahlger├Ąten nicht nur rostige Container auf Vordermann bringen konnte. Statt dessen machte er sich einen Sport daraus, die ├╝berall auf dem verlassenen Werksgel├Ąnde nistenden V├Âgel mit dem Sandstrahler "abzupusten", wie er es nannte. Im Flug traf er sie nicht, aber viele der Tauben und Schwalben blieben in ihren Nestern, statt vor uns zu fliehen. Er hielt dann mit dem Strahler drauf - es machte swffffft! - und die V├Âgel zerspritzten wie mit Wasser gef├╝llte Luftballons, nur da├č dann noch ein paar Federn in der Luft herumwirbelten. Einmal hatte er ein Schwalbennest aus einer Wandnische heruntergeholt. Vier oder f├╝nft halbnackte Vogelkinder robbten auf dem Boden entlang. Die Schwalbenmutter flog verzweifelt um unsere K├Âpfe herum.
- "Hey, Hank, pass auf, jetzt spiel ich Billard!", br├╝llte Bresche aus seinem Schutzanzug heraus. "Das erste V├Âgelchen in die linke Seitentasche!" Er ging ganz nah ran an eins der K├╝ken, kniete sich davor, legte den Strahler wie einen Queue ├╝ber die linke Hand, dr├╝ckte dann den Abzug. Das K├╝ken wurde von dem Luft-Sand-Strahl mehrere Meter weit ├╝ber den Fu├čboden gepustet und kam als Mettb├Ąllchen an der linken Mauer an.
"So, und jetzt ├╝ber die Bande!", kreischte Bresche. Er visierte das n├Ąchste K├╝ken an und pustete es gegen eine herumstehende ├ľltonne, von der es abprallte und als Klecks im Nirgendwo verschwand. So ging er mit allen K├╝ken vor, das letzte warf er in die Luft und versuchte, es im Fallen mit dem Sandstrahl zu erwischen.
W├Ąhrend der ganzen Zeit flog ihm die Schwalbenmutter emp├Ârt tschilpend um den Kopf herum. Er versuchte, sie ebenfalls zu erwischen mit dem Strahl, aber sie war schnell und er zielte schlecht. Das machte ihn w├╝tend, ich h├Ârte ihn dumpf schimpfen hinter seiner Schutzmaske. Er stellte die D├╝se des Srahler anders ein, soda├č sie nun breit spr├╝hte. So erwischte er die Schwalbenmutter schlie├člich mitten im Flug. Sie wurde von dem Strahl erfa├čt und klatschte gegen eine Containerwand. Bresche rannte hin, die Schwalbenmami lebte noch. Benommen und mit verletztem Fl├╝gel versuchte sie, h├╝pfend zu entkommen. Aber Bresche stellte die D├╝se wieder auf den schmalen, harten Strahl.
"Pass auf, Hank, jetzt amputier ich dem Mistvieh seine Ohren!"
Ich pa├čte nicht auf, sondern ging eine rauchen, um diesem sadistischen Trottel nicht weiter als Publikum zu dienen.
Einen Tag sp├Ąter waren wir dabei, riesige Silos zu entrosten. Die Silos waren in den Boden eingelassen, standen in einer Art Betonschalen. Man mu├čte eine eiserne Leiter runterklettern, um an die unteren Teile der Silos ranzukommen, zwischen der Mauer und der Silo-Schale waren gerade mal eineinhalb Meter Platz. Die Silos hatten mehrere Farbschichten, darunter auch eine Rostschutzschicht, die eigentlich als kratzfest galt. Wir mu├čten die ganz heftigen ├ätzmittel einsetzen, die unter das Strahlmedium gemischt wurden. Die Betonschalen verhinderten, da├č unsere Strahlmittel und die abgestrahlten Farbklumpen wegflogen oder im Erdreich versickerten. Die giftige Br├╝he sammelte sich auf ihrem Boden und dampfte vor sich hin. Wir standen mit unseren Strahlern in einem dicken Nebel, es gab sogar extra Lampen, die auf einer Schiene am Strahler arretiert wurden, soda├č man immer in die Richtung leuchtete, in welche der Strahl geschickt wurde. In dem giftigen Brodem konnte man sonst kaum zwei Meter weit sehen. Es war eine ziemlich aufwendige Angelegenheit, die Strahlmittelbeh├Ąlter runter in die Betonwannen zu schaffen, und in unseren dicken, unflexiblen Schutzanz├╝gen brauchten wir jedesmal eine halbe Ewigkeit, wenn wir die Leiter hoch - und runterkletterten.
In einer unserer ausgedehnten Zigarettenpausen mu├čte Bresche schei├čen gehen. W├Ąhrend er steifbeinig Richtung Klowagen wankte, kam mir eine Idee. Ich nahm mir Bresches Kopfschutzmaske und drehte den Atemfilter auf. Dann entnahm ich das Filtermedium, einen Aktivkohlefilter, den er gerade gegen den alten Filter ausgetauscht hatte. Den alten Filter angelte ich aus dem M├╝lleimer und setzte ihn verkehrt herum in Bresches Maske ein. Den sauberen, ungebrauchten Filter warf ich in den M├╝lleimer.
Als wir sp├Ąter wieder an die Arbeit gingen und uns die Schutzmasken aufsetzten, meinte ich. "Komisch, meine Maske stinkt so sehr, da├č ich kotzen k├Ânnte!"
Bresche stimmte mir zu. "Meine auch. Liegt vielleicht an den neuen Filtern..."
- "Kann sein!", nickte ich.
Unten, in der Betonschale, konnte ich Bresche nicht sehen, denn wir befanden uns auf den entgegengesetzten Seiten des Silos. Doch pl├Âtzlich h├Ârte ich ein metallisches Klappern, wie wenn jemand mit einer Metallstange auf das Silo schl├╝ge. Ich ging den Halbkreis herum - und sah Bresche ohnm├Ąchtig am Boden in der Br├╝he liegen. Seinen Strahler, der ihm aus der Hand gefallen war, hatte er vorher wohl auf Dauerbetrieb eingestellt. Nun zuckte der Srahler wie eine von Elektroschocks gepeinigte Klapperschlange hin und her, knallte abwechselnd gegen die Silo- und die Betonwand und spr├╝hte mit seinen 8 At├╝ weiter. Ich konnte nicht hin zu Bresche, um ihm zu helfen, denn wenn ich in den Strahl geraten w├Ąre, h├Ątte der mir glatt einen Arm oder gleich den Kopf abs├Ąbeln k├Ânnen. Sein Druck reichte immerhin, hatn├Ąckige Farbr├╝ckst├Ąnde von Stahloberfl├Ąchen zu rasieren. Ich stand also in sicherer Entfernung und schaute zu, wie der Strahler hin und her sprang, als w├Ąre er lebendig, und den Kompressor hinter sich herzog, bis der umfiel und sich dabei wohl selbst ausschaltete. Nun konnte ich endlich r├╝ber zu Bresche. Der Strahl hatte ihn einmal voll getroffen gehabt und seinen Schutzanzug vom linken Fu├čkn├Âchel bis hoch zur H├╝fte sauber aufgeschnitten. Blut suppte aus dem Anzug und tropfte in die dampfende Giftso├če in der Betonwanne. Es war gar nicht so einfach, so einen Riesen wir Bresche auch nur bis zur n├Ąchsten Leiter zu schleppen - hochwuchten konnte ich ihn keinesfalls. Ich setzte ihn mit dem R├╝cken an die Beton-Wand.
- "Warte mal kurz," br├╝llte ich ihm durch die Atemmaske zu, "Ich hole Verst├Ąrkung!"

Es dauerte eine Weile, bis ich es ├╝ber die rutschige Leiter nach oben geschafft hatte. Dann ri├č ich mir den Helm vom Kopf, weil es in diesem verdammten Anzug hei├č wie in einer R├Ąuchertonne war, und spazierte gem├Ąchlich r├╝ber in Richtung der Baracken, wo unser Vorarbeiter ├╝ber dem Papierkram zu br├╝ten pflegte. Nur die letzten drei├čig Meter rannte ich, st├╝rmte ohne anzuklopfen ins B├╝ro und br├╝llte irgendwas von einem Unfall.

Sie brauchten vier Mann, um Bresche aus der Betonschale rauszuhieven. Sie nahmen ihm den Schutzhelm ab und untersuchten, ob er noch lebte. Ja, er lebte noch.
Bis zur ├╝bern├Ąchsten Woche. Die Amputation seines Beines hatte er schon ├╝berstanden gehabt. Aber bald bildeten sich an seinem ganzen Restk├Ârper Pusteln und platzten auf. D├╝nne, durchsichtige Fl├╝ssigkeit lief heraus, und dann begann Bresche, Blut zu husten. Zwei Wochen nach seinem Strahler-Billard-Spiel lag Bresche eingescharrt in einem anonymen Grab, denn er hatte keine Familie und keine Freunde, die sich um seine Grabst├Ątte h├Ątten k├╝mmern k├Ânnen.
Als Arbeitskollege gab ich ihm das letzte Geleit. Mir fiel bei dem Begr├Ąbnis auf, da├č auf dem ganzen Friedhof an diesem Tag kein einziger Vogel Lust zum Zwitschern hatte. Oder ich bildete ich mir vielleicht nur ein. Der Geistliche sch├╝ttelte sich ein paar L├╝gen aus dem ├ärmel, behauptete, ein wichtiger Freund sei von uns gegangen und so fort. Dann trat ich ans Grab und schippte eine Schaufel Sand auf Bresches billigen Kiefernsarg. W├Ąre damals in Bresches Sandstrahlger├Ąt so grober Sand gewesen, er h├Ątte statt einer abgest├╝rzten Schwalbenmutter sogar einen Elefanten damit k├Âpfen k├Ânnen...


Ich erwachte mit einem feuchten Tuch auf der Stirn. Wo war ich? Als ich mich aufsetzen wollte, schnitten gl├╝hende Stahlf├Ąden in meinen Hinterkopf.
- "Bleib liegen, bleib liegen!", forderte mich eine Stimme auf, die ich kannte. Linda!
- "Hi Baby, wie geht's denn so?", wollte ich wissen, aber die Worte kamen mir nicht so fl├╝ssig wie sonst ├╝ber die Lippen, denn jemand schien mir Tischlerleim in den Mund gesch├╝ttet zu haben.
- "Mir geht's soweit ganz gut, aber du scheinst ein wenig von der Rolle zu sein.", sagte Linda.
- "Einer der Security-Jungs hat mich informiert. Was war los? Hast du tats├Ąchlich die Schl├Ągerei angefangen? Warum denn? Was hatte der arme Kerl dir denn angetan?"
- "Er hat zuerst zugeschlagen."
- "Aber du sollst ihn provoziert haben."
- "Kann schon sein", murmelte ich. Mir fehlte momentan noch etwas die Kraft f├╝r eine ├╝berzeugende Stehgreifdichtung. "Es tut mir leid, hab mich wohl daneben benommen."
- "Das will ich meinen, Sir!", sagte jemand im Hintergrund des Zeltes. Einer von den orangenen Hampelm├Ąnnern.
- "Es war so hei├č und..."
- "Und du hattest einen ├╝ber den Durst getrunken, nicht wahr?", erg├Ąnzte Linda mich.
- "Well - ├Ąhm - yeah..."
- "Ich hab deinem Opfer f├╝nfhundert Dollars in die Hand gedr├╝ckt, als Schmerzensgeld.", informierte Linda mich weiter, "Er wird auf eine Anzeige verzichten."
- "Aber er hatte zuerst..."
- "Meines Wissens war seine Freundin die einzige Zeugin. Alle anderen wurden erst auf euren Kampf aufmerksam, als du gerade ausholtest, um jemandem, der vor dir auf der Erde lag, ins Gesicht zu treten. Deine Version der Angelegenheit d├╝rfte vor Gericht etwa gehandicapt beim Rennen um den Sieg sein..."
- "Well, oh Mann... Shit! Aber Du sollst doch keine f├╝nfhundert Dollars f├╝r meine Dummheit zahlen, Linda!"
- "Wir werden Dir's von der Gage abziehen, Hank. So, und damit wir das k├Ânnen, lehn dich jetzt mal zur├╝ck und versuche, die zwei Stunden bis zu deiner Lesung noch etwas Kraft zu sch├Âpfen."
- "Ich soll lesen? In meiner Verfassung?"
- "Ich dachte immer, Hank Chinasky sei einer von den ganz harten Knochen?"
- "Well, da is was dran."
- "Na also. Zeig mal ein bi├čchen Cojones! Und vielleicht hat unser Doktor hier (sie zeigte auf einen Mann in wei├čem Kittel, der bislang ausserhalb meines Gesichtsfeldes auf seinen Auftritt gewartet zu haben schien) noch das eine oder andere Mittelchen, das dich schnell wieder auf die Beine bringt."
Mit diesen Worten entschwand Linda aus dem Zelt. Ich lag auf einem mit Papier ├╝berzogenen Tisch. Eben noch hatte mir ein Sandstrahler das Gehirn im Kopf fl├╝ssig ger├╝hrt und jetzt hatte ich noch zwei Stunden bis zu meinem grossen Auftritt.
- "Doc?", fragte ich, und versuchte, mit den Fingern zu schnipsen, "ich br├Ąuchte Ihre Hilfe!"
- "Ja, Mister Chinasky?!"
- "Kann man in diesem Laden eventuell ein k├╝hles Bier bekommen?"

__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

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