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Leselupe.de > Lange Texte
The true Story V
Eingestellt am 08. 09. 2004 21:46


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Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 31
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Endlich fand ich sie. Im Hauptzelt, mitten in einer Gruppe rausgeputzer Pinkel. Die feinen Herren waren farbenpr├Ąchtig kost├╝miert, in aufwendige, mittelalterliche Klamotten verpackt. Aber unter ihren rotgr├╝n changierenden Samtw├Ąmsern und blitzblank polierten Br├╝nnen rann B├╝rohengstschwei├č, der normalerweise in wei├če Hemden und modisch geschnittene Zweireiher sickerte. Die Honoratioren der Stadt, mindestens, wenn nicht noch eine Liga h├Âher. Politiker. Industriemanager. Strippenzieher.
Linda Kates stand zwischen diesen Verbrechern und strahlte eine minzene Frische aus. Der lange, hei├če Tag mit all seinen Belastungen hatte ihr nichts anhaben k├Ânnen. Das ultramarine Kleid, das ich schon morgens an ihr bewundert hatte - von keiner einzigen Knitterfalte verunstaltet. Sie war die Prinzessin hier. Huldvoll l├Ąchelte sie einem Kerl mit Federhut zu, der ihr gestenreich irgendeine Unsinnigkeit erl├Ąuterte. Ein freundliches, verbindliches L├Ącheln, als w├Ąre sie ├Ąu├čerst interessiert daran, gerade diesen Quatsch erz├Ąhlt zu bekommen.

Linda-Baby, dachte ich, Linda-Baby, was f├╝r eine tragische Ungerechtigkeit! Du ertr├Ągst diesen ganzen Stumpfsinn hier, du l├Ą├čt dich f├╝r die hehre Sache verbraten und dein Mann poppt Knaben im Walde...
Es war nicht ganz einfach, sich durch die ganzen Schleimer um sie herum einen Weg zu bahnen. Schlie├člich schaffte ich es. Ich tippte ihr von hinten auf die Schulter. Die verkleideten Pinkel machten angewiderte Gesichter. ?Wo sind die Jungs von der Abfallbeseitigung, wenn man die mal braucht?', dachten sie wohl.
- "Linda, sorry, wenn ich dich st├Âre..."
Sie drehte sich um, erkannte mich, und das Strahlen ihrer Augen lie├č elektrische Ladungen zwischen meinen wichtigsten Synapsen explodieren.
- "Oh, hallo Hank! Nein, du st├Ârst ├╝berhaupt nicht! Wie geht's, bist du bereit f├╝r deinen Auftritt?"
- "Yeah... Well, naja, eben nicht. Ich kann Selvin nicht finden. Meine Texte liegen bei ihm im Auto, wei├čt du..."
- "Kein Problem. Ich hab die Zweitschl├╝ssel."
Sie wendete sich nach einem der geschniegelten Kerle um. - "Benjamin, kannst du mir kurz meine Handtasche..."
Der Angesprochene streckte ihre Handtasche vor, als h├Ątte er seit Stunden f├╝r diesen Moment geprobt.
- "Danke, Benjamin, mein Lieber..."
Mit einem Griff hatte sie die Autoschl├╝ssel und gab sie mir.
- "Hier, bitte, Hank. Und keine Panik! Wenn die Lesung mit ein paar Minuten Versp├Ątung beginnt, ist das auch nicht gleich der Weltuntergang."

W├Ąhrend endlich die Sonne ihren Abgang zelebrierte und das schrille Kreischen des Convents wohltuend einheitlich rot f├Ąrbte, machte ich mich auf die Suche nach Kelvins Wagen. Als ich einen orange-roten Hampelmann nach dem Weg zum Parkplatz fragte, wollte er wissen, welchen der drei Parkpl├Ątze ich meinte - den im S├╝den, den im Osten oder den im Westen? Fluchend irrte ich durch die Gegend. Das Conventsgel├Ąnde selber war schon riesig. Die Parkpl├Ątze drum herum waren noch riesiger. Es wurde nun mit einem Male sehr schnell dunkel. Ich trug selten eine Armbanduhr und noch weniger w├Ąre ich auf den Gedanken gekommen, jemanden nach der Uhrzeit zu fragen. Aber meine innere Uhr sagte mir, da├č ich jetzt, wo ich schwitzend durch die endlosen, ihre gespeicherte Tageshitze ausstrahlenden Autoreihen irrte, eigentlich schon so langsam auf der B├╝hne im Hauptzelt h├Ątte erscheinen sollen.
Von hohen Holzpf├Ąhlen herab warfen Halogenstrahler ein scharfes Licht auf die Karosserien, das alle Farben egalisierte. Ich versuchte, mich an die Silhouette von Selvins Wagen zu erinnern. Autos waren nicht so mein Gebiet, ich konnte mir nie ihre Fabrikatnamen merken, wenn sie mir nicht gerade selbst geh├Ârten. Es war aussichtslos. Hier standen Tausende von Pickups herum. Millionen. Trilliarden. Ich w├╝rde an Auszehrung und Altersschw├Ąche vergehen, bevor ich den richtigen Wagen f├Ąnde. Und weit und breit keiner von den orangenen Hampelm├Ąnnern, den ich h├Ątte fragen k├Ânnen, ob er zuf├Ąlligerweise wisse, wo der Mann der Festivalorgainsatorin ihren Wagen abgestellt habe... Nur einzelne Familien, die sich auf den R├╝ckweg machten, ein paar verkleidete Spinner und ziellos Torkelnde, die nach versteckten Ecken suchten, um sich unbeobachtet zu ├╝bergeben. Ich w├╝rde mich versp├Ąten, das stand nun fest. Normalerweise war mir sowas egal, es geh├Ârte zu Hank Chinasky, da├č er zu sp├Ąt kam. Es war Teil des Programms. Aber diesmal war ich von Linda eingeladen worden. Ich wollte die ultramarinblaue Prinzessin nicht entt├Ąuschen.

Verzweifelt blickte ich mich um. Dort hinten, am Rande des Parkplatzes, wo die Halogenstrahler kaum noch hinreichten, waren drei m├Ąnnliche Gestalten zu sehen. Nicht orange, aber vielleicht hatten sie ja inzwischen Dienstschlu├č und ihre Uniformen gerade ausgezogen oder so. Irgendjemanden mu├čte ich fragen. Also rannte ich r├╝ber zu ihnen. Sie standen um einen Wagen herum und guckten hinein. Einer von den dreien schien den anderen beiden etwas zu erkl├Ąren. Ich kam n├Ąher. Sie waren alle drei recht gro├č, trugen Jeans, hellkarierte Hemden und Turnschuhe. Ihre Haare waren ordentlich geschnitten, passend zu ihrem ganzen sportlichen ├äusseren.
In dem Moment, als ich sie ansprechen wollte, sah ich, da├č der Wagen, um den herum sie standen, der von Selvin war. Als sie mich bemerkten, wandten sie sich von dem Auto ab, einer machte eine lustige Bemerkung und die anderen beiden lachten laut und herzhaft.
- "Naja", h├Ârte ich den einen noch sagen, "Mir w├Ąre daf├╝r ein Sportcoup├ę doch lieber..."
Die H├Ąnde l├Ąssig in die Hosentaschen gesteckt, kamen sie mir entgegen, beachteten mich aber nicht weiter, sondern wurden vielmehr von einem weissen Cadillac angezogen, der drei├čig Yards weiter in der Reihe stand.
Autofreaks, dachte ich. Meine Eltern waren fr├╝her jeden Sonntag mit dem Wagen durch die Suburbs gefahren und hatten sich stundenlang G├Ąrten angeguckt. G├Ąrten! Stundenlang. Ich hatte hinten gesessen und gequengelt, weil ich lieber an den Strand fahren oder mit meinen Kumpels Baseball spielen wollte, aber meine Eltern fanden, da├č die Familie am Sonntag zusammengeh├Ârte, und au├čerdem wollten sie sich Vorg├Ąrten anschauen. Welche B├Ąume dort angepflanzt wurden. Welche Blumen es so gab. Wie die Hecken beschnitten waren.Ob Teiche angelegt worden waren. Gartenfreaks. Wenn ich zu laut quengelte und wir gerade auf einer freien, geraden Stra├če ohne Gegenverkehr waren, dann sagte mein Vater zu meiner Mutter: "Halt mal den Lenker!"
Dann drehte er sich zu mir rum in dem dunkelroten Kunstledersitz und scheuerte mir eine.

Es gab Gartenfreaks. Und es gab Autofreaks. Ich hatte keine Zeit, mir dar├╝ber noch mehr Gedanken zu machen. Nur kurz die Texte schnappen und zur├╝ck zum Hauptzelt. Zu meiner ├ťberraschung war die Beifahrert├╝r gar nicht abgeschlossen! Wahrscheinlich hatte Selvin mitgedacht, war zwischendurch mal hier gewesen und hatte sie mir extra offen gelassen. Ziemlich leichtsinnig, fand ich. Immerhin h├Ątten die drei eben Autodiebe sein k├Ânnen. Ich schaute kurz, ob was fehlte im Wageninneren. Aber mir fiel nichts auf, und au├čerdem hatte ich mir nicht extra gemerkt, was denn h├Ątte fehlen k├Ânnen. Die Pappmappe mit meinen Texten lag jedenfalls auf der Ablage unter der Windschutzscheibe, wo ich sie hingelegt hatte. Ich nahm sie mir, schloss die Beifahrert├╝r ab und ├╝berpr├╝fte auch die anderen T├╝ren. Dann rannte ich r├╝ber zum Hauptzelt in der Mitte vom Conventsgeb├Ąude. Es war von weitem an emporragenden St├Ąben zu erkennen, um die farbige Lichterketten rankten.

Vor dem Eingang wartete Selvin auf mich. Er zeigte Nerven.
- "Mann Hank, wo bist du denn abgeblieben? Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr! Die Band, die vor Dir dran war, gibt inzwischen ihre siebte Zugabe! Vier davon Wiederholungen..." Er war in Hektik, aber nichts an ihm deutete an, da├č er mich vorhin im Wald erkannt h├Ątte.
- "Sorry, Selvin, ich hatte meine Mappe bei dir im Auto. Und dann warst du auf einmal weg und sp├Ąter mu├čte ich Linda suchen, und dann hat die mir den Schl├╝ssel gegeben und dann hab ich das Auto nicht gefunden, weil da alles so beschissen beleuchtet war und..."
- "Jaja, schon gut, erz├Ąhl mir das alles sp├Ąter. Rein mit dir und ich will ne gute Show sehen, klar?"
Ich nickte und wollte reingehen. Er hielt mich am ├ärmel zur├╝ck.: "Nein, hinten rum! ├ťber den B├╝hneneingang. Und wir m├╝ssen doch erstmal die Swordfisch-Trombones da runterholen... Los, mach, da├č du in die Puschen kommst, ich geh hier vorne rein. Oh Mann, was f├╝r ein Stress!"
Ich umrundete das Zelt und hinten war tats├Ąchlich eine ├ľffnung mit einem Pappschild dar├╝ber:
K├╝nstlereingang.
Es war nichts beleuchtet. Ich stolperte ├╝ber irgendwelche Kabel, dr├╝ckte einen schwarzen Teppichvorhang zur Seite und war im Umkleideraum backstage. Gerade wurde auf der gegen├╝berliegenden Seite ein weiterer Teppichvorhang zur Seite gedr├╝ckt und die Swordfish-Trombones kamen ebenfalls in den Umkleideraum. Sie sahen nicht gl├╝cklich aus. Hinter dem Vorhang h├Ârte ich vereinzelte Pfiffe und Buh-Rufe. Einer der Musiker, der ein fast zwei Meter langes Blechinstrument in den H├Ąnden hielt und dem die Schminke durch den Schwei├č abgepl├Ąttert war wie der Schokoladen├╝berzug von Softeis, giftete mich an.
- "Chinasky, aha, der legend├Ąre Chinasky! Weil du Idiot irgendwo deinen Rausch ausschlafen mu├čtest, haben die da drin uns fast gelyncht. Ich sollte dir das Ding hier um den Hals wickeln!"
Er streckte mir seine Riesentrompete wie eine Keule entgegen. Ich dr├╝ckte mich an den hinter ihm reinkommenden Musikern vorbei und gelangte ├╝ber eine Stahlblech-Treppe auf die B├╝hne. Ich konnte den Moderator sehen, einen langen, knochend├╝rren Kerl im Narrenkost├╝m. Ich winkte ihm zu. Er sah mich und schien erleichtert.
- "Okay Leute, ihr habt etwas auf ihn warten m├╝ssen, schwarze Raubritter verlegten ihm den Weg, doch es gelang den tapferen Mannen unseres Burgherren, ihn zu befreien aus den Klauen der Ge├Ąchteten und..."
- "Halt's Maul, schieb ab!" h├Ârte ich jemanden aus dem Publikum br├╝llen. Ein anderer rief: "Wir wollen endlich was geboten kriegen hier, genug mit der Zeitschinderei!" Ein paar andere fielen ein und gr├Âhlten ihren Protest. Oh ja, sie waren gut vorgew├Ąrmt!

- "Nun gut, wie ihr wollt!", rief der Hofnarr in sein Mikrofon. Seine Stimme ├╝berschlug sich. Es gab eine R├╝ckkopplung. Neue Kundschaft f├╝r den H├Ârger├Ątverk├Ąufer vor Ort. Das Protestgebr├╝ll aus dem Publikum zahlte mit gleicher M├╝nze zur├╝ck und legte noch ein paar fliegende Bierdosen obendrauf..
- "Meine Damen und Herren - hier ist er: Hank Chinasky! Bitte seeeeeehr!"
Der Kasper machte, da├č er weg kam, und ich marschierte hinter einer Trennwand hervor auf die B├╝hne. Aus irgendwelchen Lautsprechern ert├Ânte ein Tusch. Mir war inzwischen sowieso alles egal.

Zig Scheinwerfer waren auf die B├╝hne gerichtet und blendeten schlimmer als die Sonne am Mittag. Das Publikum war nur eine blutr├╝nstige, flirrende dunkle Masse, in der ich keine einzelnen Gesichter erkennen konnte. In der Mitte der B├╝hne stand ein einbeiniger, runder Bar-Tisch, daneben ein Barhocker. Oben auf dem Tisch stand ein Mikrofon. Ich knallte meine Textmappe auf den Tisch, nahm mir das Mikrofon und informierte: "Wenn nicht sofort einer diese beschissenen Scheinwerfer ausmacht, dann ist der Abend f├╝r mich beendet."
Noch mehr Buhrufe und Pfiffe, weitere Getr├Ąnkedosen, aber ein paar Leute stimmten auch zu, klatschten und fingen rhythmisch an zu schreien: "Licht aus, Licht aus, Licht aus!"
Jemand rief: "So eine h├Ą├čliche Visage kann man nur im Dunkeln ertragen!"
Jemand anders rief: "Hey Chinasky, Du siehst aus wie aus'm G├Âbeleimer gezogen!"
Ich grunzte ins Mikro: "F├╝hl mich auch so, hab bis eben unter deiner Alten gelegen. Das erkl├Ąrt auch meine kleine Versp├Ątung. Sie war ausgehungert. Konnte einfach nicht genug kriegen..."
Einige buhten, einige pfiffen, einige lachten. Die Lacher waren aber in der Mehrheit. So war es immer. Man mu├čte sie gegeneinander ausspielen. Es gab bei jeder Lesung ein paar St├Ąnkerer, die sich hervortun wollten. Sie wollten es wissen. Sie warfen den Fehdehandschuh. Man mu├čte sie bei den H├Ârnern packen. Der G├Âbeleimer-Schreier hier lie├č zum Beispiel nicht locker.
- "Da mu├čt du dich irren, Chinasky, meine Olle w├╝rde so einen wie dich nie ranlassen. Nicht mal meine Gro├čmutter w├╝rde sich mit so einem alten Fettsack wie dir abgeben! Du hast ihn wahrscheinlich einer Kuh reingesteckt!"
In diesem Moment fand endlich jemand den Lichtschalter und alle Strahler bis auf einen, der genau auf den Barhocker fiel, gingen aus. Ich ging r├╝ber in den Lichtkegel und sagte dann:
"Nein Bruder, es war deine Alte, soviel steht mal fest. Und wei├čt du, warum sie mich wollte?" Ich lie├č f├╝r einen Moment meine Hose runter, zeigte mein Gem├Ącht vor und zog die Hose dann sofort wieder hoch.
- "Weil sie zur Abwechslung mal einen richtigen Zehnzoll-Spargel brauchte und nicht so ein verrunzeltes M├Âhrchen wie deins!"
Der Clou war dabei, die Hose schnell genug wieder hochzuziehen, damit der ├ťberraschungsmoment daf├╝r sorgte, da├č den Leuten mein Schwanz in der Erinnerung viel gr├Â├čer vorkam. Er war ja eigentlich nur Durchschnitt, vielleicht etwas dr├╝ber. Aber riesig war er nicht. Eine Nutte, bei der ich in besseren Zeiten mal Stammkunde gewesen war, hatte ihn einen "Scheinriesen" genannt. Er wirkte an mir gr├Â├čer, als er war, wenn ich ihn kurz vorzeigte. Der beste Bluffer legt kurz seine Karten auf den Tisch. Und das funktionierte immer, ich hatte den Trick schon ein paarmal auf Partys ausprobiert, wenn jemand mir Schl├Ąge androhte.
- "So Kollege, komm hoch, zeig dein Ding vor! Dann rufen wir dein M├Ądel an und fragen sie mal, was sie denn davon h├Ąlt!", f├╝gte ich hinzu. Damit hatte ich den Mob auf meiner Seite. Sie johlten und lachten und klatschten und jemand fing mit dem "Ausziehn, ausziehn, ausziehn!"-Rufen an. Der Schreihals hielt die Klappe und verbarg sich im Dunkeln. Gut f├╝r ihn. Gut auch f├╝r mich.
Ich trat etwas aus dem Scheinwerferkegel vor, guckte ins Publikum, suchte den Blickkontakt mit Einzelnen.
- "So, m├Âchte sonst vielleicht jemand hier die Show ├╝bernehmen und uns was bieten? Na? Keiner?! Okay, dann k├Ânnt ich ja mal irgendwas lesen, oder?"

Lesungen waren wie Frauen. Man konnte Gl├╝ck haben und alles von ihnen bekommen, was man sich w├╝nschte. Sie konnten sich aber auch als Verh├Ąngnis erweisen. Beide waren jedenfalls spannend. Und man mu├čte sich immer voll reinh├Ąngen und alles geben, was man hatte. Selbst das reichte meistens nicht aus.
Es gab M├Ąnner, wenn die ein Date mit einer Frau hatten, dann bereiteten sie sich darauf vor. Mit System. Sie machten ganz konkrete Pl├Ąne. Sie ├╝berlegten sich, was sie anzogen. Sie rechneten aus, wohin sie mit der Frau am besten gehen sollten: Ins Theater, ins Kino, in ein Restaurant oder auf eine Sado-Maso-Party? Die spionierten vorher aus, worauf die Frau stand. Welches Aftershave sie mochte. Sie nahmen sich genau soviel Zeit, wie es brauchte. Wenn einer von diesen Typen nach dem Restaurantbesuch mit der Frau auf die Stra├če trat und am Himmel waren Sterne zu sehen - dann wu├čte er ganz genau, was zu tun war. Zum Beispiel konnte er sagen: "Okay, Baby, such dir einen von denen aus. Welcher es auch sein mag, ich werde ihn dir da herunterholen, wirst schon sehen!" Oder er fing an, die Frau in ein Fachgespr├Ąch ├╝ber Astrologie zu verwickeln. Er tat genau das Richtige, und am Ende hatte er sie im Bett. Frauen waren f├╝r diese Kerle eine Art Rechenaufgabe: wenn man's systematisch anging, dann hatte man schlie├člich das gew├╝nschte Ergebnis.
Vielleicht gab es auch Dichter, die Lesungen auf diese Weise angingen. Sie checkten schon im Vorfeld ab, was f├╝r ein Publikum kommen w├╝rde. Und dann stellten sie ihre Texte genau f├╝r dieses Publikum zusammen. Kinder kriegten Kindergeschichten. M├Ąnner kriegten M├Ąnnergeschichten. Junge Frauen kriegten Geschichten, in denen der Sex immer durch Erotik ersetzt wurde. Und alte Frauen kriegten Geschichten, in denen kein Alkohol vorkam. Diese Dichter hatten ihr Publikum voll im Griff. Sie wu├čten, wann sie etwas Lustiges bringen mu├čten, und wann etwas Trauriges. Sie wu├čten, wann es mit einem Thema genug war, und wann man eine Pause einlegen mu├čte, damit die Leute Sekt und Orangensaft trinken konnten. Selbst die kurzen Momente, in denen es spontanen Applaus und l├Ąnger anhaltendes Gel├Ąchter geben w├╝rde, hatten sie eingeplant. Diese Dichter waren Stars, bei ihnen zuhause stapelten sich die Preise und Auszeichnungen. Agenten schrieben ihnen lange, h├Âfliche Briefe, in denen sie um eventuelle Gespr├Ąchstermine gebeten wurden. Solche Dichter waren geschaffen f├╝r Lesungen.

Wenn ich ein Date mit einer Frau hatte, dann trank ich mir Mut an. Meistens mehr, als gut war. Manchmal klappte es, dann hatte ich genau den richtigen Pegel erreicht, war brillant und lustig, und die Frauen lachten sich schlapp und kriegten ganz feuchte H├Âschen. Dann war der Abend geritzt. Aber meistens hatte ich zuviel oder zuwenig getrunken, und dann war ich entweder zu ehrlich oder zu aufdringlich und meist beides zusammen. So endete ein Date damit, da├č die Nachbarn der Frauen die Polizei anriefen, oder da├č die Frauen mich schon nach dem ersten Drink sitzen lie├čen.
Mit Lesungen war es ├Ąhnlich. Es gab Tage, da lief alles wie von selbst. Da konnte ich die Leute da unten dirigieren wie ein General seine Truppen. Wenn ich wollte, da├č sie lachten, dann lachten sie, wenn ich wollte, da├č sie ersch├╝ttert in Stille verfielen, dann gelang mir das, und an solchen Tagen wollten sie immer mehr und mehr Zugaben und ich konnte vorlesen, was ich wollte - sie waren von allem begeistert. Aber es gab eben auch die anderen Tage. Man konnte es vorher nie wissen.

Ich setzte mich auf den Barhocker, suchte ein bi├čchen rum in meinen Bl├Ąttern, um die Spannung zu erh├Âhen. Dann legte ich los mit ein paar kurzen Gedichten. Das hier war ein Fantasy-Convent. Meine Gedichte handelten normalerweise von dem, was ich erlebt hatte. Von verr├╝ckten Jobs, verlorenden Pferdewetten, verdorbenem Rotwein und noch verdorbeneren Frauen. Aber es war leicht, die Gedichte abzu├Ąndern. In einem Gedicht hatte ich Streit mit einer Nutte, die vorher abkassiert hatte und dann ihren Job nicht richtig erledigen wollte. Ich machte aus ihr eine Dirne und aus den Dollars machte ich Taler. Das war einfach und meine Gedichte reimten sich ja nie.
In einem anderen Gedicht hatte ich Ärger mit einem Vorgesetzten. Aus dem machte ich einen Grafen. Statt mit der Kündigung drohte er mir mit der Streckbank.
Niemand merkte etwas. Ich wurde mutiger. Ein Gedicht handelte von einer Flugzeugentf├╝hrung. Wie die Leute da in ihren Sitzen hocken und Schi├č haben, und ein kleines M├Ądchen f├Ąngt an zu heulen. Nicht, weil sie Angst vor den Kidnappern hat, sondern weil die Batterien von ihrem Walkman leer sind. Es war nicht einfach, dieses Gedicht in ein Fantasie-Gedicht umzudrehen. Das Flugzeug wurde ein Drachenschiff und die Passagiere waren die Rudersklaven, aber was sollte ich aus dem M├Ądchen mit dem Walkman machen? Ich stockte, murmelte irgendwas und fing dann mittendrin mit einem neuen Gedicht an. Es war ein Gedicht ├╝ber das Trinken. Da mu├čte man nichts gro├čartig ver├Ąndern.

Trotzdem merkte ich, da├č die Leute im Publikum nerv├Âs wurden. Sie waren gelangweilt oder verwirrt, was wenig Unterschied machte. Also legte ich eine Pause ein. Selvin hatte zum Gl├╝ck ganze Arbeit geleistet und, wie im Vertrag festgelegt, einen K├╝hlschrank organisiert, der auf der B├╝hne stand. Ich ging hin und machte ihn auf. Er war bis oben hin mit Bierdosen gef├╝llt und im Seitenfach standen eine Flasche Gin und zwei Flaschen Tonic Water. Nur ein Glas hatten die Jungs von der Convent-Leitung vergessen. Aber egal. Ich nahm drei Dosen Bier und warf sie ins Publikum. Das kam immer gut an. Es waren nur drei Dosen und da sa├čen bestimmt zweihundert Leute, aber sie alle freuten sich ├╝ber das Bier und glaubten, ich w├Ąre gro├čz├╝gig. Ich nahm mir den Gin und ne Flasche Tonic Water und eine Dose Bier und ging zur├╝ck zu meinem Bar-Hocker. Ich knackte die Dose und zischte das Bier in einem Zug weg. Ich machte eine Show daraus, lie├č das Bier so richtig in hohem Bogen rauspullern und jeder konnte sehen, da├č ich das alles ohne abzusetzen in mich reinlaufen lie├č. Naja, ein bi├čchen von dem Zeug lief auch daneben und rann mir am Hals entlang ins Hemd, aber das machte bei der Hitze nicht viel aus. Wegen der ganzen Kohlens├Ąure mu├čte ich R├╝lpsen und tat das direkt ins Mikrofon rein. Es h├Ârte sich an wie Gewittergrollen und das Publikum applaudierte.
Jetzt konnte ich mir den Gin mit dem Tonic in der Bierdose mixen, das tat ich auch, nahm noch einen guten Schluck und machte dann mit Lesen weiter. Nun waren sie wieder voll bei der Sache. Ich gab ihnen ein paar Seiten von einer Fantasygeschichte, die als Fortsetzungsreihe in der FT erschien. Es war der Text, der erst in der n├Ąchsten Ausgabe gedruckt werden w├╝rde. Als ich diesen Text ank├╝ndigte, jubelten und pfiffen ein paar Leute. Sie freuten sich echt, da├č sie die Fortsetzung jetzt schon erleben durften und nicht wie die anderen Idioten sich erst in zwei Wochen die Zeitschrift w├╝rden kaufen m├╝ssen. Sie kamen sich privilegiert vor.
Es war die Story von einem Typen, der durch irgendeinen schwachsinnigen Zufall in ein Fantasy-Computerspiel geraten war. Durch einen St├Âpsel im Ohr. Es war vollkommener Bl├Âdsinn. Der Typ erlebte in diesem Fantasy-Spiel alles M├Âgliche. Momentan war er Waldarbeiter in einem Zauberwald und mu├čte dort gemeinsam mit gr├╝nen Monstern und Zwergen und schwulen Elfen in einem Blockh├╝ttendorf leben.
Diese Serie war der gr├Â├čte Mist, den ich jemals geschrieben hatte. Gerade deswegen kam sie wahrscheinlich so gut an. Die Zeitschrift hatte schon Hunderte von Fanbriefen bekommen deswegen. Ein arbeitsloser Regisseur, dessen vom Koks zerst├Ârte Nase in einer Operation eine Scheidewand aus Gold erhalten hatte, wollte die Story sogar verfilmen. Mein Agent Tony lag mir andauernd in den Ohren mit dieser Story, ich sollte auf Vorrat schreiben, weil ich manchmal wochenlang zu besoffen war, um was zu Papier zu bringen. Er wollte die Figuren aus der Geschichte an die Werbeindustrie verkaufen. Kleine gr├╝ne Plastikmonster und so weiter. Deswegen hatte ich angefangen, genau diese Geschichte zu hassen. Was sollte der d├Ąmliche Held dieser d├Ąmlichen Geschichte in diesem d├Ąmlichen Wald mit seinen d├Ąmlichen B├Ąumen? Ich wu├čte nichts von W├Ąldern. Natur war nicht mein Ding.
Deswegen war die j├╝ngste Folge auch besonders langweilig geworden. Jetzt, wo ich die Zeilen vor meinen Augen sah, wurde mir beinahe schlecht wegen all dem Unsinn. Also machte ich es wie bei den Gedichten vorher: Ich hielt mich nicht ans Manuskript, sondern erz├Ąhlte einfach, was mir gerade so einfiel. Der Held in dem Text hatte einen schwulen Kumpel. Tom hie├č der. Ein Langweiler, der nicht mal richtig pokern konnte. Eigentlich sollte er der beste Freund des Helden werden und gro├če Taten vollbringen. Aber jetzt ├Ąnderte ich die Handlung mal ein bi├čchen ab. Er wurde von den gr├╝nen Monstern verdroschen. Aber so richtig! Yeah! Ich f├╝gte eine brutale Pr├╝gelszene ein. Z├Ąhne flogen durch die Gegend. Haarb├╝schel wurden ausgerupft. Knochen splitterten. Am Ende lag der arme Homo vollst├Ąndig mit Bandagen umrollt im Krankenbett.
Ich schaute kurz auf. Vorn im Publikum konnte ich ein paar betroffene Gesichter sehen. Das hatten sie wohl nicht erwartet. Ich mixte mir eine neue Dose Gintonic. So langsam kam ich in Fahrt. Es war grandios, hier zu sitzen und zu lesen, und die Leute starrten einen bewundernd an. Der Gintonic inspirierte mich. Meine Sinne wurden sch├Ąrfer, ich f├╝hlte eine fundamentale Kraft in allen m├Âglichen Ecken meines K├Ârpers. Das Feld war unterwegs und mein Favorit lag vorn. Yeah!
Da die Geschichte, die ich erz├Ąhlte, sowieso nichts mehr mit dem vor mir liegenden Text zu tun hatte, konnte ich durch die gesenkten Augenwimpern weiter die Leute im Publikum beobachten. Ich konnte einzelne Gesichter heranzoomen wie mit einer Kamera. Ganz links in der dritten Reihe sa├č ein d├╝rrer Typ mit Che-Guevara-B├Ąrtchen und Nickelbrille. Ich war mir sicher, da├č er der Typ gewesen war, der mich einen Speik├╝bel genannt hatte. Er machte eine skeptische Visage, legte zwei Finger an den Backenknochen, zwei an die Wange und den Daumen auf den Hals. Er guckte nicht zu mir, sondern fixierte irgendeinen Punkt auf dem Boden. Vielleicht bereitete er einen Vergeltungsschlag vor.
Meine Story erz├Ąhlte sich von selbst weiter, sie rollte wie ein Eisenbahnwagon, den man langsam angeschoben hatte, und der auf einem Gleis stand, das bergab f├╝hrte. Ich mu├čte mich nicht drum k├╝mmern. W├Ąhrend ich erz├Ąhlte, konnte ich mit den Gedanken ganz woanders sein.
Da hinten, ganz au├čen auf einem Klappstuhl, der wohl nachtr├Ąglich in den Gang gestellt worden war, sa├č ein M├Ądchen von ungef├Ąhr zwanzig Jahren. Es hatte einen Rock an. Ich kannte dieses M├Ądchen irgendwoher. Es sah gut aus. Der Rock ging ├╝ber die Knie. Sie hatte die Beine ├╝bereinandergeschlagen. Ziemlich sexy. Woher kannte ich dieses Girl? Ich stellte mir vor, wie seine Beine unter diesem Rock aussahen.
Meine Story rollte immer schneller dahin. Jetzt tauchte darin auf einmal die Freundin des Helden auf. Sie lag nackt auf einer Waldlichtung. Keiner wu├čte, wie sie dahinkam. Sie hatte die gleichen Haare, das gleiche Gesicht wie das Girl mit dem Rock. Ich trank meine Gintonic-Dose aus und mixte mir gleich den n├Ąchsten Drink. In mir wuchs die Power wie ein galoppierendes Pferd aus gl├╝hendem Stahl. Ich hatte alles unter Kontrolle. Ich war der Dichter. Was ich sagte, wurde wahr. Die Freundin des Helden lag nackt da, und neben ihr lag noch eine andere nackte Frau. Alle waren sie nackt. Sie wollten mich. Ich war ihr Gott und Sch├Âpfer. Sie flehten, da├č ich Unverg├Ąngliches in ihnen zeugte. Chinasky, der st├Ąhlerne Hengst, der Prometheus der Zauberw├Ąlder.
Das Girl schlug die Beine anders herum ├╝bereinander. Verdammt, was f├╝r Wahnsinnsformen! Ich kannte sie. Die nackten Frauen klemmten mich zwischen ihren Schenkeln fest. Die Dose war schon wieder leer. Ich f├╝llte nach. Irgendjemand im Publikum rief etwas. Ich kannte dieses Girl, verdammt, ich kannte es, woher nur? Dieses Rock-Biest! Die Story ratterte mit einem Affenspeed Richtung Tal. Eine einzige Orgie. Vorne in der ersten Reihe standen zwei Leute auf, ein Ehepaar vielleicht. Sie gingen. Wohin gingen sie? Wohin f├╝hrte unser aller Weg? Es war mir gleich. Ich hatte den ├ťberblick. Alles unter Kontrolle. Die Dose war leer. Ich f├╝llte nach. Sie blieb immer noch leer. Aus der Ginflasche tr├Âpfelte es nur noch. Ich stand auf und ging r├╝ber zum K├╝hlschrank. Jemand hatte sich einen Spa├č ausgedacht. Der K├╝hlschrank hatte R├Ąder. Er versuchte, mir zu entkommen. Verdammtes Biest mit deinen geilen Schenkeln! Ich erwischte ihn. K├╝hlschr├Ąnke hatten keine Chance gegen mich! Ein paar Dosen rollten mir entgegen. Ich kickte sie Richtung Publikum. Jemand lachte, jemand rief irgendwas. Ich knackte mir zwei Dosen, nahm in jede Hand eine. Auf dem Weg zur├╝ck zum Hocker trank ich abwechselnd aus der linken und aus der rechten Dose. Was f├╝r ein ├ťberfluss! Ich war das gl├╝hende gefl├╝gelte Ro├č. Zur Abk├╝hlung go├č ich mir etwas Bier ├╝ber die wehende M├Ąhne. Aah!
Wie sollte ich sie ansprechen? Sie sa├č da auf ihrem Hocker und schaute mich an mit diesem Gesicht, das ich kannte und doch wu├čte ich ihren Namen nicht. Wie sollte ich rankommen an diese Beine, an diesen Rock, an diese rotblonden Haare? Dann fiel es mir ein.
- "Zigarettenpause!", rief ich und klappte meine Mappe zu. Ein paar Zettel fielen zu Boden.

__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

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