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Leselupe.de > Fantasy und Märchen
Theophanie
Eingestellt am 16. 08. 2019 04:48


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Aerath
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2019

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Die riesige Tempelanlage war fast immer völlig überfüllt. Die Gläubigen schoben und drängten sich von einem der Schreine zum nächsten. Erschöpfte Pilger lagen in all dem Gewirr und Getobe auf dem Boden und schliefen vor Erschöpfung und religiöser Verzückung. Das Brüllen von Opfertieren, das Klappern kultischer Instrumente und der leiernde Gesang der Priester und Anbetenden, der Geruch von Blut, Ghee, tausenden von Kerzen, Weihrauch, langsam in der Sonne vergärender Milch und welken Blumen hüllte den ganzen Kultbezirk in ein Miasma aus Gerüchen und Eindrücken. Tausende Menschen, die oft tage- oder wochenlang gewandert waren, um hierher zu kommen, waren eine weitere olfaktorische Kirsche.

Aber ganz früh am Morgen, in den Minuten vor dem Sonnenaufgang, da lag der Tempel in absoluter Stille. Über den Tempelseen hing der Nebel und keine Massen schoben sich durch die mit tausenden von Statuen geschmückten Tortürme und über die Höfe. Das war ihre ganz persönliche Zeit. Noch bevor der Alltag ihrer Familie begann schlich sie regelrecht aus dem Haus, ihr Mann schnarchte noch in den Kissen und die Kinder waren auch noch nicht wach. Sie brauchte nur einen kurzen Weg durch die Stadt gehen, um den riesigen Tempel zu erreichen, nickte müden Wächtern freundlich zu und ging dann auf den ersten Hof.

Hier hielt sie stets inne, genoss das Gefühl von Freiheit, betrachtete den Lotus, der sich verschlafen aus seinem nassen Bett gen Himmel zu recken begann, die Kraniche und Ibisse, die nach Fischen und Fröschen suchten. Selbst die Tempelaffen, sonst eine heilige, aber äußerst lästige Plage, lagen noch dösend unter den Kolonnaden.
Priti passierte einige Schreine, die Blumen und das Milchkännchen im Arm, und bog dann in den Schrein ihrer Schutzgöttin Taamasik ein. Die Göttin, in ewigem Tanz, ihre dutzenden Arme wirbelnd um ihren Körper, eine Kette aus Schädeln und Blumen um den Hals, erwartete sie bereits im Dämmerlicht des Schreins.

Taamasik war die Schutzgöttin der Frauen und vor allem der Mütter, liebreizend konnte sie sein, aber auch furchterregend und blutdurstig. Ihre Regeln für ihre Verehrerinnen waren streng, aber gerecht. Die gute Frau war ihrem Ehemann treu und stets gehorsam, umsorgte die Kinder, schützte ihre und die Ehre der Familie, war still, zurückhaltend, freundlich und fürsorglich. Priti war genau in diesem Sinne erzogen worden, sie war die perfekte Anhängerin ihrer Göttin und gab diese Tugenden auch an ihre drei Töchter weiter. Sie unterrichtete sie im Musizieren, in der Handarbeit und den Tätigkeiten im Haushalt – und natürlich schaute sie sich bereits nach geeigneten Ehemännern für ihre drei Juwelen um.

Heute wollte sie dafür beten, dass Baagh, der zwar etwas beleibte, aber sehr wohlhabende Sohn der Nachbarn auf das Verlobungsangebot mit ihrer ältesten Tochter Gulaab eingehen würde. Schon seit drei Jahren arbeitete Priti unermüdlich auf dieses Ziel hin und jetzt war Gulaab fünfzehn Jahre alt und damit genau im heiratsfähigen Alter. Ihre zweite Tochter Prakaash, vierzehn Jahre alt, war so hübsch, dass bei ihr die Verehrer Schlange standen und sie musste sich bereits die Vorwürfe ihrer zweiten Tochter anhören, dass sie nicht heiraten könne, so lange ihre Schwester nicht endlich in den Ehestand eingetreten wäre. Aber so wollte es nun einmal die Tradition- und auch die Göttin hatte es so verfügt.

Sie begann mit ihrer kleinen privaten Anbetungszeremonie und opferte die Blumen und die Milch aus dem kleinen Metallkännchen. Die weiße Flüssigkeit goss sie, wie jeden Morgen, auf die Füße der großen Steinstatue ihrer geliebten Göttin und sang dabei einige der uralten Hymnen, deren Inhalte sie eigentlich gar nicht richtig verstand. Erst danach legte sie die Blumen vor die Statue und kniete sich betend vor das Standbild. Sie murmelte die Bitten um eine rasche Verlobung ihrer Ältesten halblaut vor sich hin, sie störte ja niemanden.

„Wie bitte?“. Die Stimme erklang ganz plötzlich hinter ihr und brachte sie ganz aus dem Konzept. Priti beschloss die Störung zu ignorieren, aber ihr stieg ein Duft in die Nase, der ihre Augen tränen ließ. Blumen, Erde, Regen, Weihrauch, etwas süßlich-metallisches, alles vertraut und doch fremd.
„Ich habe dich etwas gefragt, ich bin es eigentlich nicht gewohnt zu warten!“ nörgelte eine Frauenstimme hinter ihr. Jetzt war auch Priti genervt und drehte sich ruckartig herum – und ihr Mund klappte auf und ihre Augen traten fast aus den Höhlen.

Vor ihr stand, mit einem ziemlich gelangweilten Gesichtsausdruck, Taamasik, daran bestand überhaupt kein Zweifel. Dutzende Arme, behängt mit Ketten, manche davon sahen verdächtig nach Schädeln aus, um die Hüften ein goldenes Tuch und das Haar aufgetürmt zu einem kunstvollen Berg.

„Was guckst du mich denn an wie eine heilige Kuh. Ich habe dich etwas gefragt. Was hast du da gerade gebrabbelt? Dieses Geflüster kann doch kein Gott verstehen!“
Priti war einer Ohnmacht sehr nahe. Ihr Hals fühlte sich an wie zugeschnürt und sie hatte das Gefühl, alle Kontrolle über ihren Körper zu verlieren.

„Hallo?? Du meine Güte, man könnte ja meinen, du hast noch nie eine Göttin gesehen! Oh, richtig, ihr Sterblichen seid ja immer so leicht verwirrt, Moment!“

Priti konnte nicht genau sehen, was da vor ihr geschah, aber die Gestalt der Gottheit schien auseinanderzufließen und sie hatte den Eindruck für Bruchteile von Sekunden alle Gestalten und Formen der großen Göttin zugleich zu sehen, die liebreizende Braut des Königs der Götter, Bhayaanak, eine Tigerin, eine Löwin, eine Elefantenkuh, ihre kriegerische Seite, ganz schwarz und besudelt mit Blut, ein Baum, eine sprudelnde Quelle und tausend mehr Formen bevor dann eine strahlend schöne junge Frau in einem roten Gewand vor ihr stand. Das alles hatte keine Sekunde gedauert und doch war es, als ob ein Sturm durch Pritis Geist getobt hätte. Die Frau war ein wenig größer als der durchschnittliche Mensch und von ihrem Körper ging ein seltsames, diffuses Leuchten aus. Sie stellte fest, dass die Göttin jetzt genauso aussah, wie Priti sie sich vor ihrem inneren Auge immer vorstellte.
„Besser? Ja, bestimmt. Also, was hast du da jetzt gerade vor dieser nicht sehr vorteilhaften Statue von mir gesagt? Man konnte ja kein Wort verstehen!“
Priti warf sich auf den Boden, ihre Stirn berührte den kühlen Boden. „Oh Herrin, Lobpreis deinen tausend Namen, Ehre… „
„Überspringen wir das, ja? Ich kenne meinen Namen und ich weiß, ich bin ziemlich großartig, immerhin bin ich eine Göttin. Ich möchte doch einfach nur wissen, was du um diese Uhrzeit hier zu suchen hast und was du willst!“
„Herrin, ich bin hier, um für meine älteste Tochter zu beten, aber dass weiß du doch sicherlich bereits!“
Die Göttin runzelte die Stirn. „Ach, und woher sollte ich das wissen?“
„Aber ich komme doch jeden Morgen hierher und seit Monaten bete ich stets für meine Gulaab. Sie soll doch den Nachbarn heiraten und ich hoffe er willigt ein!“
Die Göttin schaute sie, als ob sie den Verstand verloren hätte. „Und du meinst, weil du hier vor einer Statue betest weiß ich darüber Bescheid? Das ist aber eine reichlich seltsame Vorstellung, findest du nicht?“
„Die Priester lehren uns doch, dass die Seelen der Götter beim Gebet in ihren Bildern anwesend sind…“
„Götter haben doch keine Seele, so ein ausgemachter Blödsinn, und in Statuen halte ich mich grundsätzlich nicht auf. Ihr habt auch immer wirklich bescheuerte Ideen, ihr Menschen!“
Der Tonfall der Göttin bestürzte Priti, so hätte sie sich ein Treffen mit ihr bestimmt nicht vorgestellt.
„Darf ich mal fragen – also natürlich darf ich, ich bin eine Göttin, ich darf alles – was ich mit dein Eheplänen deiner Tochter zu tun haben soll. Warum soll mich das überhaupt interessieren?
Priti erstarrte fast. „Aber du bist die Göttin der Frauen und Mütter, es ist doch deine Aufgabe, doch um die Gläubigen zu kümmern!“
Die Göttin trat einen Schritt auf sie zu und in ihren Augen funkelte es gefährlich. „Meine Aufgabe, so so, ich wusste gar nicht, dass die Menschen jetzt schon bestimmen, was wir tun. Ich dachte immer, das wäre andersherum. Was sagt denn überhaupt deine Tochter zu der Ehe, will sie diesen Nachbarn heiraten?“
Die Angst ließ Priti ganz geduckt stehen. „Das weiß ich nicht, aber das spielt doch auch keine Rolle, sie wird eine gute, gehorsame Ehefrau sein, eine liebende Mutter, so wie du es dir von uns Frauen wünscht!“

Die Götti starrte sie an, als ob sie den Verstand verloren hätte. „Wie ich das will? Was hab‘ ich denn damit zu tun? Wenn du mich fragst, sollte deine Tochter jemanden heiraten, den sie zumindest leiden kann, oder eben gar nicht heiraten, muss doch nicht sein. Also nicht, wenn es nach mir geht. Mich kümmert doch nicht, ob irgendeine Tochter einer Frau, die ich nicht kenne, heiratete. Wer stellt denn bitte so dämliche Regeln auf?“
Priti erstickte fast. „Aber, aber… ihr Herrin. Im Buch Achchhee aus shaaleen mahila se heißt es doch: ‚Die große Mutter aber stieg herab von ihrem himmlischen Thron und brachte die Weisheit unter die Frauen und sie sprach: Seht, ihr seid meine Töchter und ich gebe euch Regeln. Ihr sollt eurem Manne dienen und die Kinder pflegen. Ihr sollt still sein und hübsch, wie die Blumen, ihr seid sollt euer Leben der Familie widmen. Alkohol und Fleisch sind euch verboten, denn sie trüben den Sinn und verzerren das Gesicht‘. Weiter gebt ihr uns Regeln für keusche Kleidung, für die Erziehung der Töchter, die Ehe und vieles mehr!“ Sie war fast verzweifelt.
„Achchhee …. Also dieses Dings, dieses Buch, wer hat denn das geschrieben? Ich erinnere mich jedenfalls nicht, jemals so einen Unsinn erzählt zu haben. Dem Mann untertan? Na da muss ich aber wirklich lachen. Frag mal meinen Mann, wer da wem untertan ist, hahaah! Und keusch? Warum sollte man denn keusch leben? Das ist doch wirklich ausgemachter Blödsinn. Ich bin niemals von irgendwo herabgestiegen um irgendwem ein Buch zu diktieren, daran würde ich mich doch wohl erinnern. Welchen Sinn sollen solche Regeln denn überhaupt machen? Und was hätte ich davon?“
„Aber wir wollen doch ein den Göttern wohlgefälliges Leben führen!“ Priti wollte am liebsten einfach tot umfallen.
„Mir gefällt doch keine Keuschheit – und ich liebe Wein, meine Güte, letzte Nacht … aber das ist egal. Gottgefälliges Leben sagst du? Da gibt es glaub ich wirklich Kollegen, die auf so etwas wertlegen, aber die sind weit weg und wenn du so nuschelst hören die dich bestimmt nicht. Es tut mir ja fast leid dich zu enttäuschen, aber ihr Menschen seid uns herzlich egal. Ihr habt eine Aufgabe: Anbetung, nicht beten, nicht bitten, nicht dieses endlose Geseieer über Krankheiten, Armut, Liebe oder den ganzen lächerlichen Unsinn eures dummen Lebens. Anbetung, Verehrung, dafür seid ihr da. Den ganzen Kram mit Regeln, gutem Leben und Nächstenliebe habt ihr euch selbst ausgedacht, da haben wir gar nichts mit zu tun. Mit Glück übrigens auch nicht besonders viel, aber beim Unglück, da haben wir doch oft die Hand im Spiel. Guck nicht so blöd, Menschen verehren uns mehr, wenn sie leiden, das ist doch ganz einfach. Eine kleine Überschwemmung und die Leute strömen in die Tempel, sind voller Angst und Glauben – und sie bringen vernünftige Opfergaben. Das ist Macht. Dann strömt wahre Macht zu uns. Manchmal geben wir auch ein bisschen Glück, zugegeben, man ist ja kein Ungott. Ein Hirte streichelt das Kalb ja auch, bevor er es schlachtet. Glaub mir, Schätzchen, mit ein bisschen Milch und albernen Blumen lockst du keinen Gott hinter einer Wolke hervor!“
„Aber warum bist du mir erschienen?“ Priti war plötzlich zornig, unendlich zornig.
„Dir erschienen? Jetzt mach aber mal halblang. Das war reiner Zufall. Du standst eben hier herum, als ich mal nach dem Rechten sehen wollte. Tempel sind Orte der Macht, hierher kommen täglich tausende, voller Angst, Sehnsucht und Glauben. Manchmal kommen wir eben zu so einem Ort, das ist wie ein erfrischendes Bad, wie ein Glas kaltes Wasser an einem heißen Tag. Du standst hier nur dumm rum und hast unverständliche Sachen genuschelt. Ich habe jetzt aber auch wirklich genug von dir. Ich gehe! Beim nächsten Mal: Verehrung, denk dran, Anbetung – und vernünftige Opfergaben, ich mag Milch nicht einmal.“

Und dann verschwand die Göttin einfach, ganz undramatisch. Priti wankte und lehnte sich an eine der kühlen Steinsäulen. Der Geruch der Göttin hing noch in der Luft und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass das kein Traum gewesen war, keine Halluzination. Ihre Welt hätte jetzt eigentlich in Scherben liegen müssen, seltsam, da war aber keine Verzweiflung, sondern nur eine Mischung auf Entsetzen, Wut – und Befreiung.
Da war also keine gütige, aber auch strafende Göttin, die sie auf jedem Weg begleitete. Schön, auch gut. Jetzt nur nicht über verpasste Chancen nachdenken. Das Treffen mit dieser arroganten Kuh von Göttin hatte ihr einen Schleier von den Augen gezogen. Es würde keine Hochzeit mit dem dicken Nachbarn geben. Das rief sie sogar laut heraus. Oh, und ihr Mann würde sich warm anziehen können, wenn sie nach Hause käme, ganz sicher! Sie nahm das Milchkännchen und ging, beschwingt von einer ganz neuen Energie über den Tempelhof und zurück in ihr Haus.

"Das wird dich was kosten Schätzchen", sagte die Göttin und Gulaab nickte lächelnd.


Version vom 16. 08. 2019 04:48
Version vom 16. 08. 2019 11:00

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