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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Thorstens wahrer Freund
Eingestellt am 21. 06. 2013 22:49


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Aligator
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Registriert: Apr 2013

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„Aber das ist genau der Punkt, Wladi. Die Filmgesellschaft hat sein Werk beschnitten. Sie wollten nur nach Schema F Kohle machen. Was war denen schon am Film gelegen, … geldgeile Wichser!“
Wladi grinste dämonisch. Die Lampe an der Decke tauchte das Zimmer in gelbes Licht.
„Du scheinst auf diesen Dreck ziemlich abzufahren.“
„Dreck?“ Thorsten hob die Brauen. „Dieser Film ist ein ikonisches Meisterwerk!“
Wladi zog sich blaue Einmalhandschuhe über die Hände. Er trat ans Pflegebett und sagte:
„Die Kritiker sehen das anders: zu lückenhaft, zu oberflächlich, nur vage an der Romanvorlage. Hab mal nach gegoogelt. Und als wir ihn uns letztens bei dir reingezogen haben, wäre ich fast eingepennt.“
„Eeeh!“, krähte Herr Kaiser schrill, als er von Wladi ruckartig in die Seitenlage gebracht wurde.
„Da bist du auch ganz schön breit gewesen“, erwiderte Thorsten mit einem Grinsen. „Aber im Ernst jetzt, wie soll das Ganze stimmig sein, wenn die eine ganze Stunde raus geschnitten haben? … Oh Mann, der stinkt ja wieder grauenvoll!“ Thorsten verzog das Gesicht, als er Herrn Kaisers Windel entfernte und das Ausmaß seiner Defäkation begutachtete.
„Warum riecht eigentlich jeder von denen anders, wenn sie doch alle die gleiche Sondennahrung bekommen?“, fragte Wladi und drehte den Kopf zur Seite, während er den Bewohner hielt.
„Jedenfalls ist das reine Ansichtssache.“ Thorsten machte ihn sauber. „Ich sage ja nicht, dass der Film perfekt ist. Man hätte sicherlich noch einiges besser machen können. Aber die Grundstimmung, das ist es, was bei mir reingehauen hat. Diese düstere, kalte Galaxis …“
„Eeeh!“
„Kannst du mal ein bisschen leiser schreien, Alter? Wir haben drei Uhr nachts!“
Wladi rüttelte zur Verstärkung seiner Worte an Herrn Kaisers knochigem Körper.
„Bin gleich fertig, Herr Kaiser“, sagte Thorsten. „Und dann diese abgedrehte Gedankensprache. Verstehe überhaupt nicht, warum die das nicht öfters so machen. Ist doch interessant, was die Figuren im Film so denken, ich meine, nicht nur so ein scheiß Tagebuchauszug von 'ner Tussi in 'nem Liebesfilm. Davon gibt’s schon mehr als genug!“
„Ich weiß nicht“, meinte Wladi. „Bei mir muss einfach mehr Blut fließen, wenn's mich unterhalten soll. Auf Gelabere und Raumschiffe steh ich nicht so.“
Sie hatten die neue Windel angelegt, lagerten Herr Kaiser auf die andere Seite und deckten ihn wieder zu. Wladi blickte dem Bewohner in die Augen.
„Sieh dir den an, vor ein paar Monaten haben wir mit ihm noch Witzchen gerissen. Aber nach dem Schlaganfall ist da oben wohl nicht mehr viel übrig. Haaalloooo! Kannst du mich hööören?“
Herr Kaiser blickte ihn verstört an, zeigte aber ansonsten keine Reaktion.
„Tss“, Thorsten schmunzelte. „Der ist wohl beleidigt.“ Er stupste Herrn Kaisers Nase an.
„So, junger Mann. Für heute ist' s aber genug“, befahl er laut. „Jetzt wird geschlafen und nicht mehr gesch…"
„Eeeh!“
„Komm wir gehen in den Pausenraum, Thorsi. Ich brauch jetzt 'nen starken Kaffee!“
„Sicher, aber wir haben noch die ganze B-Seite vor uns. Na ja, gehen wir halt schnell.“

Thorsten schob den Abwurfwagen hinaus und beide schlurften in Richtung Kaffeemaschine. Als sie an einem Fenster im Gang vorbei kamen, blieb Thorsten auf einmal stehen.

„Schau mal, da draußen! Hast du das gesehen?“, fragte er.
„Was denn?“
„Na, da waren gerade solche Lichter, strahlende, vorbeihuschende Lichter. Das sind nie im Leben Flugzeuge gewesen.“
Wladi blickte ihn müde an. „Oh Mann, die haben die Laser von der Disco wieder angemacht. Was denn sonst?“
„Ich weiß nicht.“ Thorsten suchte alle Ecken des schwarzen Himmels ab.
„Alter, ich brauch jetzt meinen Kaffee. Da war nichts.“
„Ich weiß doch, was ich gesehen hab“, behauptete Thorsten.
Schließlich ging er weiter, gefolgt vom lässig grinsenden Wladi. Er schloss die Tür zum Pausenraum auf und sie ließen sich auf die Stühle fallen. Wladi öffnete die Thermoskanne.

„Willst du auch Einen, Thorsi? Oder bist du noch zu geschockt von deiner Aliensichtung.“
„Genau das ist das Problem: Wenn Menschen in ihren Aussagen nicht ernst genommen werden. Da war was. Beweis du mir doch erst mal das Gegenteil!“
„Hilfe die Harkonnen kommen!“ Wladi verdrehte die Augen, aber Thorsten ließ sich nicht beirren:
„Im Prinzip müssten die UFO-Leugner erst jeden Winkel des Universums durchforstet haben, damit sie sicher sein können, dass dort draußen niemand ist.“
„Alter, du hast sie nicht mehr alle, wie soll das denn gehen?“
„Ich sagte ja im Prinzip.“
Wladi gähnte. Erst blickte er auf die Uhr, dann ins Leere.
„Weißt du, vielleicht hab ich ja auch mal eins gesehen. Aber was soll das Ganze? Wenn die grauen Scheißerchen unentdeckt bleiben wollen, na dann sollen sie doch! Was ändert sich für mich, ob die nun da sind oder nicht? Die kümmern sich' n Dreck um uns. Würd ich übrigens auch, an deren Stelle.“
Er nahm einen großen Schluck aus der Tasse. Dann sagte er:
„Thorsi, versteh mich nicht falsch, aber ich hab keinen Bock auf so unnötige Diskussionen. Und das um die Uhrzeit. Lass mich bitte in Ruhe damit, okay?“
Verbittert blickte ihn Thorsten an.
„Sicher, wir sind ja nur zum Arbeiten hier. Ich geh dann mal eine rauchen. Wenn du Bock hast, kannst du ja nachkommen.“ Er stand ruckartig auf und verließ den Pausenraum.

Auf dem Gang kam ihm Jesicca entgegen, die auf Wohnbereich 3 arbeitete.
„Hallo, Thorsten“, sie lächelte ihn an, „gehst du mit, eine rauchen?“
„Hab ich gerade vor“, erwiderte er und schloss das Raucherzimmer auf.
Sie setzten sich an einem Tisch und Thorsten gab ihr Feuer.

„Ruhig heute Nacht. Bin schon fertig mit dem letzten Rundgang,“ sagte sie und blies den Rauch zur Decke.
Thorsten rauchte seine Kippe heiß. Er schien in Gedanken zu sein. Nervös trippelte er mit den Füßen.
„Alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte sich Jessica.
„Klar.“
„Wenn du jemanden zum Reden brauchst … ich meine, ist sicherlich nicht leicht für dich gewesen in letzter Zeit …“
„Geht schon.“
Jessica lehnte sich zurück. „Ich habe letztes Jahr meine Oma verloren. Das ist nicht dasselbe, aber ich hab sie auch sehr gern gehabt.“ Sie schaute ihn an, aber er war nicht erreichbar.
Sie berührte seine kalte Hand, die neben dem Aschenbecher lag. Thorsten hielt sie teilnahmslos.
So saßen sie einige Zeit da.

„Ich will einfach nur meine Ruhe haben, verstehst du?“, sagte Thorsten plötzlich. Seine trüben Augen blickten sie an. Die Unterlippe zuckte. Dann wurde sein Griff fester.

„Du tust mir weh, lass los!“
Verdutzt ließ er ab.
„Tut, tut mir leid, ich ...“, stammelte Thorsten.
„Weißt du was, ich gehe besser. Ruf mich an, falls du noch Hilfe brauchst“, sprach Jessica, drückte die Kippe aus und ging, ohne sich zu verabschieden.

Wladi kam ins Raucherzimmer.
„Was ist denn in die Alte gefahren, guckt mich nicht mal an, als wäre ich Luft. Haste ihr irgendwo hin gelangt?“
„Hör auf! Die ist schon in Ordnung“, sagte Thorsten mit ernster Miene. „Ich bin hier das Problem.“
Wladi musterte ihn kopfschüttelnd. „Haste dir in letzter Zeit mal selbst zugehört? Ich bin hier das Problem. Alter, mag sein, dass du Probleme hast, aber wer ist denn schuld daran? Du etwa?“
Thorsten sagte nichts.
„So was passiert nun mal. Besoffene Autofahrer wird’s immer geben. Sie war halt zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Wenn sie nicht kurz vorher mit dir Schluss gemacht hätte, wäre sie dort auch nicht lang gelaufen, oder?“
Thorsten stützte seinen Kopf mit beiden Händen und presste die Augenlider zusammen.
„Scheiß doch auf die Verräterschlampe! Gut, dass der sie umgefahren hat, das hat sie verdient, verdient, verdient ...“
„Halt dein Maul!“, schrie Thorsten aus vollem Hals, lies den Kopf auf die Tischplatte fallen und fing bitterlich zu weinen an.

Nach einer Weile öffnete Jessica die Tür.
„Thorsten, ist alles in Ordnung?“, fragte sie vorsichtig.
„Der Typ macht mich wahnsinnig“, winselte er.
„Welcher Typ?“
„Wladi, natürlich.“
„Welcher Wladi, denn?“

Und Thorsten konnte sie nur hilflos anschauen.

Version vom 21. 06. 2013 22:49
Version vom 22. 06. 2013 11:29
Version vom 22. 06. 2013 16:31
Version vom 25. 06. 2013 23:49
Version vom 30. 06. 2013 11:41

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