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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Thränenbrühe
Eingestellt am 01. 12. 2006 07:37


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Vor dem Hesperus, jenem Roman, der seinen Verfasser Jean Paul seinerzeit berühmt machte, wird gewarnt. Den ersten Warnschuß feuert Friedrich Jacobs bereits im Erscheinungsjahr des umfänglichen Buches ab. Jacobs schreibt 1795: Es wird doch fast gar zuviel in diesem Buche geweint.
Größeres Geschütz fährt 1880 Friedrich Nietzsche auf. In Menschliches, Allzumenschliches II schreibt unser streitbarer Naumburger Philosoph im 99. Punkt von Der Wanderer und sein Schatten: Jean Paul... besaß Gefühl und Ernst, goß aber, wenn er davon zu kosten gab, eine widerliche Thränenbrühe darüber. Nietzsche nennt in seiner Pauschalverurteilung Jean Paul im selben Atemzug ein Verhängnis im Schlafrock.

Wenn wir den Hesperus heutzutage verbissen durchackern, befremdet uns die ewige Heulerei zwar auch, aber wir nähmen sie gern in Kauf, wenn nicht Jean Paul in seiner Schreibwut böse Lesebarrieren vor uns aufgetürmt hätte. Wir bemäkeln gerade den üblen, meist schwer nachprüfbaren Wust, der nichts oder aber herzlich wenig mit der eigentlichen Fabel zu tun hat. Und wir lassen uns beim Lesen gezwungenermaßen vom Autor an der Nase herumführen, können aber anschließende Belehrungen mit plausiblen Erklärungenen der gerade einverleibten, schwer verdaulichen Lektüre nicht auch noch schlucken, sondern neigen dann mitunter zu kleinen, bedauerlichen Wutausbrüchen.

Jetzt ist Schluß mit der ewigen Kritisiererei. Wir wollen alle miteinander unseren Dichter aus dem Fichtelgebirge feiern, von dem Hermann Hesse schwärmte, er habe den ganzen kühlhohen Sternenhimmel des klassischen deutschen Humanismus über sich. Prachtvoll.
Flugs wenden wir uns Stefan George, dem nächsten großen Jean-Paul-Verehrer, zu.
Der bedeutende deutsche Lyriker hebt 1896 in seiner Lobrede auf Jean Paul sechs Stellen aus dem Hesperus hervor und preist Jean Pauls rede mit unerwarteten glänzen und lichtern belebt mit heimlichen tönen mit versteckten pulsschlägen seufzern und verwunderungen. Diese Lobrede finden Sie z.B. in Peter Sprengel (Hrsg.): Jean Paul im Urteil seiner Kritiker (ISBN 3406072976) auf S. 218.
Eckart Goebel hat ein ganzes Buch über Jean Pauls Poesie geschrieben: Am Ufer der zweiten Welt. Jean Pauls "Poetische Landschaftsmalerei" (ISBN 3860571516).

Viktor, der Held des Romans, steht am Ufer der zweiten Welt, aber er schaut nicht hinüber in ihre unendlichen Gefilde, sondern kehrt sein Angesicht nach der Geliebten Klotilde zurück. Himmelskörper wie Hesperus, mit dem Morgen- und Abendstern Venus identisch, stehen am Ufer der zweiten Welt. Klotilde ist für Viktor der Hesperus jener schönen Abende, die er am Ufer der zweiten Welt verbringen darf.

Endlich kommen wir nach unserm unvermeidlichen Lobgesang zur heutigen Dichterfrage: Wenn wir über die Liebe zwischen Mann und Frau schreiben, wie könnten wir das anstellen?
Antworten suchen und finden wir bei Jean Paul. Der Dichter hat unser großes Problem mit poetischer Landschaftsmalerei unübertrefflich gelöst. Wir wollen nun weder bei Stefan George noch bei Eckart Goebel abgucken, sondern abschließend selber zwei Proben aus dem schier unerschöpflichen Hesperus herausfischen, die Jean Paul als Poet, wie ihn manch verliebtes Paar gerne hätte, doch auch ausweisen. Die Zahl in runden Klammern bezeichnet die Seite, auf der das Zitat in der Quelle steht.
Erstens: Der Unendliche hat in den Himmel seinen Namen in glühenden Sternen gesäet; aber auf die Erde hat er seinen Namen in sanften Blumen gesäet (357).
Was sagen wir dazu? Nun, vielleicht: Wenn ein Liebespaar zusammen in den Nachthimmel schaut, mag er zu ihr sagen: "Das da oben ist der Orion" oder so etwas Sachliches. Die Aufgabe für unser Pärchen bestünde aber in dem Zusammenhang, weniger sachlich zu reagieren. Hilft hier unsere Phantasie? Das müßte zu machen sein. Wir sind schließlich mehr als olle Fernsehkieker.
Zweites und letztes Zitat für dieses Mal: Wir schaueten nach Morgen, und dort hing weit in der Ferne und hoch in der Luft ein weites dunkelglühendes Land aus Duft, das zuweilen blitzte. 'Ist das nicht die Ewigkeit?'(439)
Allen Liebespaaren und denen, die es (wieder) werden wollen, sei die "Beantwortung" dieser jeanpaulschen Fragestellung als mittelschwere Hausaufgabe gegeben.

Jean Paul - das ist eigentlich Johann Paul Friedrich Richter - wurde am 21. März 1763 in Wunsiedel geboren und starb am 14. November 1825 in Bayreuth.

Jean Paul: Hesperus oder Fünfundvierzig Hundsposttage. Eine Biographie.
Roman (1795)


Quelle:
Verlag Gustav Hempel Berlin (ohne Angabe des Erscheinungsjahres, mit einer Vorrede zur dritten Auflage vom 1. Januar 1819). Druck von B. G. Teubner, Leipzig. 652 Seiten.

Ausgaben:
Eduard Berend (Hrsg.): Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Weimar 1927.
Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Werke. Hanser München 1959.

Hedwig Storch 12/2006

__________________
Hedwig

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