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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Thylda
Eingestellt am 21. 05. 2014 16:25


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Karinina
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Thylda - oder : Meine sonderbare Freundin

Vor dem hohen Bogenfenster meines Zimmers tut sich ein weites, ebenes Land auf, das sich gleichf├Ârmig bis an den Horizont hin ausdehnt und in einem entschiedenen Gegensatz zur Aussicht aus den Vorderfenstern des Hauses und dem Hause selbst steht.

Vorn hinaus liegt das st├Ądtischste Gro├čstadtbild, das man sich nur denken kann, gemildert durchaus durch den Blick in das liebliche Elbetal mit den Loschwitzh├Ąngen, dem Luisenhof, der wei├čen Kuppel der Sternwarte des Ardenneschen Anwesens, den drei bekannten Elbschl├Âssern und der Saloppe.

Das Haus selbst ist reinster Jugenstil, viel farbiges Glas, viel warmes Holz, viel geschmiedetes Eisen, geschwungene Linien, stilisierte Ornamente, W├Âlbungen, Grazilit├Ąt, nichts Plumpes, ein Kleinod.

Dieser rasche, nicht vermutete ├ťbergang zwischen der Stadt und den Feldern hat mich schon einmal ├╝berrascht, damals, als ich das erste Mal aus diesem Fenster in das Land hinaussah und sich mir ein gro├čes St├╝ck ├ľdland mit riesigen Brennesselmeeren darbot.

Ich habe nichts ├╝brig f├╝r das Land, oder besser gesagt, damals hatte ich nichts ├╝brig daf├╝r. Ich sagte zu Thylda, sie solle sich Gardinen kaufen. Oder ein Rollo.
ÔÇ×JaÔÇť,sagte Thylda damals, ÔÇ×ein Rollo ist das Richtige.ÔÇť

Und sie lachte. Ich wu├čte, warum sie lachte, ich wu├čte auch, dass dieses Lachen eine Spur zu selbstsicher war und eigentlich wu├čte ich an diesem Fenster urpl├Âtzlich alles ├╝ber Thylda, obwohl ich mir heute, angesichts meiner eigenen Stimmung, nicht mehr so sicher bin.

Wahrscheinlich bin ich in dem Alter, in dem sich Thylda damals befand. Ich meine nicht das konkrete Alter, ich meine das Alter, in dem man sich von einem Tag zum anderen befinden kann, pl├Âtzlich, ohne Vorank├╝ndigung.

Ich f├╝rchte, es ist mir bewu├čt geworden, als ich, durch einen der merkw├╝rdigsten Zuf├Ąlle, ausgerechnet dieses Zimmer f├╝r meine Dienstreise nach Dresden zugewiesen bekam.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Thylda eine besondere Rolle in meinem Leben gespielt hat. Vermutlich hatte ich sie sofort vergessen. Vermutlich habe ich mich daf├╝r sogar gesch├Ąmt. Ich nehme an, Thylda war nicht nur f├╝r mich eine ÔÇ×EntgleisungÔÇť, sie wird es f├╝r eine ganze Reihe ganz bestimmter Jungens gewesen sein, ich nehme an, ich war einer von den letzten, vielleicht der Vorletzte ├╝berhaupt.

Der Letzte allerdings war ich nicht.
Aber das hat mich damals in keiner Weise gest├Ârt, ich w├╝rde sagen, es st├Ârt mich auch heute noch nicht, w├Ąre nicht etwas, was mich, angesichts des frisch aufgebrochenen, endlosen Ackers davor und angesichts einer hellen Stelle an der ockerfarbenen Wand in dem noch immer wie damals m├Âbilierten Zimmer auf eine merkw├╝rdige Weise anr├╝hrt.

Es muss etwas zwischen mir und Thylda vorgegangen sein, hier, in diesem Zimmer. Vielleicht sogar nur in mir, denn Thylda war wohl auf diese Geschichten auf herzzerbrechende Weise vorbereitet und eingespielt.

Ich sage Ihnen das, weil dieser schroffe Gegensatz zum Villenvorort, in dem sie wohnte, f├╝r uns immer ein Grund f├╝r Sp├Ą├če war: So eigentlich war Thylda auch. Wer sie noch nicht gesehen hatte und nur ihre Stimme kannte, hielt sie f├╝r eine z├Ąrtliche, warmherzige sehr intelligente Superfrau. Aber es war nicht nur ihre Stimme allein, es war auch das, was sie sagte, dieses wunderbare, abgewogene sehr stilvolle Deutsch. Kein Wort zuviel, keines zuwenig, alles in ungewohnten, aber nie ├╝bertriebenen Wendungen, weich und dunkel, ein aus gro├čen Tiefen kommendes Alt.

Wenn Thylda aber zwischen den B├╝cherregalen durch den Lesesaal schritt "wackelte die Wand" wie man so sch├Ân sagt. Ein Tausendtalerpferd! Ein Bauer von echtem Schrot und Korn. Und: Sie war auch immer in Grau gekleidet, in ein unauff├Ąlliges, b├Ąurisches Grau.

Heute bilde ich mir ein, dass Thylda mit Absicht immer in Grau gekleidet war und mit nichts anderem als ihrer Stimme auf sich aufmerksam machen wollte.

Und trotzdem war das erste, was man den neuen Volont├Ąren mit auf den Weg gab, eine Warnung:
ÔÇťGeht ihr aus dem WegÔÇť, sagte der Bereichsleiter, ÔÇ×mit Thylda ist nicht zu spa├čen...ÔÇť
Wir lachten dumm, denn Thylda war nun wirklich die Letzte, nach der wir uns umgesehen h├Ątten.
Jetzt sage ich mir, dass gerade diese Warnung einen gewissen Reiz f├╝r mich gehabt haben muss. Und wahrscheinlich nicht nur f├╝r mich.

Ich hatte eigentlich mit Thylda nichts zu tun. Wir arbeiteten in getrennten Bereichen. Manchmal h├Ârte ich ihre Stimme hinter einer Wand von B├╝chern hervor, dann verhielt ich mich unbewu├čt still, es war einfach ein Erlebnis, ihr zuzuh├Âren. Aber keiner von uns Volont├Ąren wollte gern neben ihr gesehen werden, wir gingen ihr aus dem Weg. Hin und wieder aber musste einer von uns mit Thylda eine Betriebsausleihe ├╝bernehmen. Wir waren jedesmal gespannt, wen es treffen w├╝rde und wie er am n├Ąchsten Tag auf Thylda reagierte. Es gab die verschiedensten Varianten. Nur Thylda blieb immer gleich. Sie hat nie einen von uns anders angesehen als die anderen, sie hat ├╝berhaupt nie jemanden in dem Sinne angesehen. Es gab ├╝berhaupt nichts, was zwischen Thylda und einem von uns hin und her gegangen w├Ąre.

Vielleicht aber war doch alles ganz anders, denn, wenn sie so spurlos an uns vorbeigegangen w├Ąre, wieso war sie dann die Frau, ├╝ber die ich heute nachdenke? Wieso konnte dieses Etwas damals in diesem Zimmer zwischen Thylda und mir vorgegangen sein?
Alle anderen Frauen aus dieser Zeit, mehr oder weniger jung, mehr oder weniger attraktiv, haben nichts dergleichen hinterlassen, obwohl es eine Reihe kleinerer Abenteuer zwischen mir und ihnen gegeben haben muss, denn schlie├člich kam ich als ÔÇ×erfahrenerÔÇť Mann ÔÇ×unter die HaubeÔÇť.

Es kann also nicht ganz stimmen, wenn ich mir einbilde, Thylda h├Ątte keine Rolle in meinem Leben gespielt.
Was also war mit Thylda?

Ich nehme an, dass ich mich eine Zeitlang vor der Betriebsausleihe mit Thylda erfolgreich gedr├╝ckt hatte, denn es war kurz vor Ende der Volont├Ąrzeit, dass ich mit ihr zur Betriebsausleihe musste.
Der Bus mit den B├╝chern streikte auf der R├╝ckfahrt und Thylda bat mich, ihr die Kiste mit den B├╝chern hinauf in ihre Wohnung zu bringen. Es war schon Nacht, als ich mit ihr durch das stille Villenviertel den Berg hinaufstieg und sie mir, oben angelangt, den Blick in die erleuchtete Stadt hinunter zeigte. Wir standen in diesem Jugendstil-Treppenhaus, es war sehr still, und diese Stille und dieser Blick in das Tal, ich wei├č es nicht, vielleicht aber war es das schon, was mich verf├╝hrte.
Ich sagte ihr alles m├Âgliche. Ich nehme an, ich war betrunken. Das zumindest habe ich lange Zeit als Entschuldigung vor mir selbst geglaubt.
Thylda h├Ârte sich alles gelassen an. Sie lachte manchmal, es war etwas in darin, dass mich noch mehr anstachelte. Ich glaube, dass sie das wusste.
In dem Treppenhaus mit den bunten Ornamentglasscheiben, dem Geruch nach altem Holz, nach B├╝chern und s├╝├čen Gew├╝rzen- ÔÇ×Es ist MyrrheÔÇť, sagte sie zwischen sehr erfahrenen K├╝ssen- suchte mich eine unbeschreibliche Begierde heim nach gro├čer Sch├Ânheit, nach Ruhe, nach Hin- oder Aufgabe, weniger nach Besitz, mehr nach sich verlieren. Ich tr├Ąumte mich gewisserma├čen von Treppenstufe zu Treppenstufe durch das mir aufgetane Lichtermeer der Stadt im Tal hinauf in eine stilisierte Welt, in einen Wunsch, in etwas Verwunschenes. Ich sagte, dass ich sie sehr begehre, dass sie sch├Ân sei, weich, sanft und zart. Ihre H├Ąnde schimmerten wei├č im Dunkel, ihre Augen waren schwarz und gro├č und sie fl├╝sterte und lachte und k├╝sste und streichelte mich, gab aber keine der Stufen freiwillig her, sie verteidigte jede Handbreit Boden nicht durch Abwehr, eher durch gro├če erfahrene Bereitwilligkeit, eher wie eine Frau, die wei├č, dass Verbot nur lockt.
ÔÇ×JungchenÔÇť, fl├╝sterte sie und lachte, ÔÇ×ach Jungchen, du Kleiner...ÔÇť

ÔÇ×Ich liebe dich...ÔÇť, sagte ich in Ekstase immer wieder in alle Falten ihres grauen Kleides, in ihr Haar, in die Beuge ihrer entbl├Â├čten Arme, in ihren Nacken, ├╝berall hin, wohin mein Mund mich trieb.

Und zwischen ihren K├╝ssen fl├╝sterte sie:
ÔÇ×Ja, mein Kleiner, alle Jungens lieben mich, auch du, bis du mich am Morgen mit meinem dicken Hintern in der K├╝che stehen siehst, wenn ich dir das Fr├╝hst├╝ck mache...ÔÇť

Und sie lachte auf ihre resignierte und erfahrene Art und ich hatte schon meinen Fu├č in ihrer T├╝r und meine Hand in ihrem Kleid...

In der Nacht, auf das zerw├╝hlte Bett fiel hin und wieder ein Strahl vom Mondlicht, das durch dunkle Wolken seinen Weg gefunden hatte, zerrann etwas von meiner Gier nach ihren K├╝ssen. Etwas dr├Ąngte mich, abzulassen von ihr. Ich f├╝hlte mich wie gefangen, eingesperrt, wie festgehalten, oder gebunden. Ihre weiche Haut, deren makelloses Wei├č im Mondlicht schimmerte, schien mir kalt, wie aus Eis, obwohl sie doch gerade noch hei├č und lockend gewesen war. Ihr Haar, dass ungebunden in langen Wellen seinen zarten Duft um mich verstr├Âmte, schien mir wie ein Gespinst aus Polypenarmen, die mich zu zerrei├čen drohten, und der so verlockende, gerade noch ersehnte Eingang in ihr Inneres, den ich mit meinen Fingern, mit Lippen und Mund so sehr erkundet hatte, schien mich auszuspeien und wegzudr├Ąngen, hinauszuschleudern in eine f├╝r mich vermauerte Welt.

Urpl├Âtzlich machte ich mich los von Thylda, entwand mich dem Spinnennetz ihres Haares, stie├č ihre wei├č schimmernden Arme fort von meinem Leib und entriss mich ihren klammernden Beinen und F├╝├čen, die sie um meine Beine und F├╝├če geschlungen hatte wie die Arme einer Krake.

Ich st├╝rzte aus dem Bett, verletzte mir die rechte Hand, glitt von dem Bettvorleger aus und aus dem Raum hinaus in den Flur. Ich raffte meine Sachen zusammen, die weit verstreut herumlagen und rannte halb bekleidet durch dieses sagenhafte Treppenhaus, dass mir nun wirklich ganz einerlei war.

Zwei Tage sp├Ąter hatte ich Dresden verlassen. Eine Erinnerung an die Nacht mit Thylda versenkte ich tief in den hintersten Winkel meines Herzens.
Irgendeinmal h├Ârte ich ├╝ber die internen Bibliotheksnachrichten, dass Thylda die Bibliothek in Dresden verlassen hatte, nachdem ein junger Volont├Ąr sich nach einer Betriebsausleihe mit ihr das Leben genommen hatte.

Jetzt stehe ich in diesem Zimmer und betrachte den hellen Fleck auf der ockerfarbenen Wand. An das Bild, das da gehangen hatte, erinnere ich mich nicht. Und sicher ist es vermessen zu behaupten, dass es genau das Bild ist, was mich jetzt dr├Ąngt, mir einzugestehen, dass ich Thylda geliebt habe, aufrichtig, das es ihr Wesen war, diese durch Verlust erfahrene Frau, diese Resignation in ihr, diese Absage an wirkliche Liebe.

Jetzt, unter diesem leeren Fleck, h├Ątte ich sie nehmen wollen wie sie war, trotz ihrem dicken Hintern, trotz ihrem b├Ąurischem Gehabe. Im hellsten Tageslicht h├Ątte ich sie umfangen, ins aufgeschlagene Bett getragen,
ihre Bl├Â├če mit meiner Bl├Â├če bedeckt und mich in sie versenken wollen wie in ein Meer aus all der sinnlos verschenkten Liebe...


Version vom 21. 05. 2014 16:25

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USch
Guest
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Hallo Carinina,
ein paar Vorschl├Ąge, die den Texte verbessern k├Ânnen:

Vor dem hohen Bogenfenster meines Zimmers tut sich ein weites, ebenes Land auf, das sich gleichf├Ârmig bis an den Horizont hin ausdehnt und in einem entschiedenen Gegensatz zur Aussicht aus den Vorderfenstern des Hauses und dem Hause selbst sich zeigt. steht.

Vorn hinaus liegt das st├Ądtischste Gro├čstadtbild, das man sich nur denken kann, gemildert durchaus durch den Blick in das liebliche Elbetal mit den Loschwitzh├Ąngen, dem Luisenhof, der wei├čen Kuppel der Sternwarte, Komma! des Ardenneschen Anwesens, den drei bekannten Elbschl├Âssern und der Saloppe.

Das Haus selbst ist reinster Jugenstil, viel farbiges Glas, viel warmes Holz, viel geschmiedetes Eisen, geschwungene Linien, stilisierte Ornamente, W├Âlbungen, Grazilit├Ąt, nichts Plumpes mit p!, ein Kleinod.

Dieser rasche, nicht vermutete ├ťbergang zwischen der Stadt und den Feldern hat mich schon einmal ├╝berrascht, damals, als ich das erste Mal aus diesem Fenster in das Land hinaussah und sich mir ein gro├čes St├╝ck ├ľdland mit riesigen Brennesselmeeren darbot.

Ich habe nichts ├╝brig f├╝r das Land, oder besser gesagt, damals hatte ich nichts ├╝brig daf├╝r. Ich sagte zu Thylda, sie solle sich Gardinen kaufen. Oder ein Rollo.
ÔÇ×JaÔÇť,sagte Thylda damals, ÔÇ×ein Rollo ist das Richtige.ÔÇť

Und sie lachte. Ich wu├čte, warum sie lachte, ich wu├čte auch, dass dieses Lachen eine Spur zu selbstsicher war. Ich wu├čte und eigentlich an diesem Fenster urpl├Âtzlich alles ├╝ber Thylda, obwohl ich mir heute, angesichts meiner eigenen Stimmung, nicht mehr so sicher bin.

Wahrscheinlich bin ich heute in dem Alter, in dem sich Thylda damals befand. Ich meine nicht das konkrete Alter, ich meine das Alter, in dem man
sich von einem Tag zum anderen befinden kann,Leerzeichen pl├Âtzlich, ohne Vorank├╝ndigung.

Ich f├╝rchte, es ist mir bewu├čt geworden, als ich, durch einen der merkw├╝rdigsten Zuf├Ąlle, ausgerechnet dieses Zimmer f├╝r meine Dienstreise nach Dresden zugewiesen bekam.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Thylda eine besondere Rolle in meinem Leben gespielt hat. Vermutlich hatte ich sie sofort vergessen. Vermutlich habe ich mich daf├╝r sogar gesch├Ąmt. Ich nehme an, Thylda war nicht nur f├╝r mich eine ÔÇ×EntgleisungÔÇť, sie wird es f├╝r eine ganze Reihe ganz bestimmter Jungens gewesen sein, ich nehme an, ich war vermutlich einer von den letzten, vielleicht der Vorletzte ├╝berhaupt.

Der Letzte allerdings war ich nicht.
Aber das hat mich damals in keiner Weise gest├Ârt, ich w├╝rde sagen, es st├Ârt mich auch heute noch nicht, w├Ąre nicht etwas, was mich, angesichts des frisch aufgebrochenen, endlosen Ackers davor und angesichts einer hellen Stelle an der ockerfarbenen Wand in dem noch immer wie damals m├Âbilierten Zimmer auf eine merkw├╝rdige Weise anr├╝hrt.

Es muss etwas zwischen mir und Thylda vorgegangen sein, hier, in diesem Zimmer. Vielleicht sogar nur in mir, denn Thylda war wohl auf diese Geschichten auf herzzerbrechende Weise vorbereitet und eingespielt.

Ich sage Ihnen das, weil dieser schroffe Gegensatz zum Villenvorort, in dem sie wohnte, f├╝r uns immer ein Grund f├╝r Sp├Ą├če war: So eigentlich war Thylda auch. Wer Thylda sie noch nicht gesehen hatte und nur ihre Stimme kannte, hielt sie f├╝r eine z├Ąrtliche, warmherzige sehr intelligente Superfrau. Aber es war nicht nur ihre Stimme allein, es war auch das, was sie sagte, dieses wunderbare, abgewogene sehr stilvolle Deutsch. Kein Wort zuviel, keines zuwenig, alles in ungewohnten, aber nie ├╝bertriebenen Wendungen, alles sehr weich und dunkel, ein aus gro├čen Tiefen kommendes Alt.

Wenn Thylda aber zwischen den B├╝cherregalen durch den Lesesaal schritt "wackelte die Wand" wie man so sch├Ân sagt. Ein Tausendtalerpferd! Ein Bauer von echtem Schrot und Korn. Und: Sie war auch immer in Grau gekleidet, in ein unauff├Ąlliges, b├Ąurisches Grau.

Heute bilde ich mir ein, dass Thylda mit Absicht immer in Grau gekleidet war und mit nichts anderem als ihrer Stimme auf sich aufmerksam machen wollte.

Und trotzdem war das erste, was man den neuen Volont├Ąren mit auf den Weg gab, eine Warnung:
ÔÇťGeht ihr aus dem WegÔÇť, sagte der Bereichsleiter, ÔÇ×mit Thylda ist nicht zu spa├čen...ÔÇť
Wir lachten dumm, denn Thylda war nun wirklich die Letzte, nach der wir uns umgesehen h├Ątten.
Jetzt sage ich mir, dass gerade diese Warnung einen gewissen Reiz f├╝r mich gehabt haben muss. Und wahrscheinlich nicht nur f├╝r mich.

Ich hatte eigentlich mit Thylda nichts zu tun. Wir arbeiteten in getrennten Bereichen. Manchmal h├Ârte ich ihre Stimme hinter einer Wand von B├╝chern hervor, dann verhielt ich mich unbewu├čt still, es war einfach ein Erlebnis, Leerzeichen ihr zuzuh├Âren. Aber keiner von uns Volont├Ąren wollte gern neben ihr gesehen werden, wir gingen ihr aus dem Weg. Hin und wieder aber musste einer von uns mit Thylda eine Betriebsausleihe ├╝bernehmen. Wir waren jedesmal gespannt, wen es treffen w├╝rde und wie er am n├Ąchsten Tag auf Thylda reagierte. Es gab die verschiedensten Varianten. Nur Thylda blieb immer gleich. Sie hat nie einen von uns anders angesehen als die anderen, sie hat ├╝berhaupt nie jemanden in dem Sinne angesehen. Es gab ├╝berhaupt nichts, was zwischen Thylda und einem von uns hin und her gegangen w├Ąre.

Vielleicht aber war doch alles ganz anders, denn, wenn sie so spurlos an uns vorbeigegangen w├Ąre, wieso war sie dann die Frau, ├╝ber die ich heute nachdenke? Wieso konnte dieses Etwas damals in diesem Zimmer zwischen Thylda und mir vorgegangen sein?
Alle anderen Frauen aus dieser Zeit, mehr oder weniger jung, mehr oder weniger attraktiv, haben nichts dergleichen hinterlassen, obwohl es eine Reihe kleinerer Abenteuer zwischen mir und ihnen gegeben haben muss, denn schlie├člich kam ich als ÔÇ×erfahrenerÔÇť Mann ÔÇ×unter die HaubeÔÇť.

Es kann also nicht ganz stimmen, wenn ich mir einbilde, Leerzeichen Thylda h├Ątte keine Rolle in meinem Leben gespielt.
Was also war mit Thylda?kein Leerzeichen

Ich nehme an, dass ich mich eine Zeitlang vor der Betriebsausleihe mit Thylda erfolgreich gedr├╝ckt hatte, denn es war kurz vor Ende der Volont├Ąrzeit, dass ich mit Thylda ihr zur Betriebsausleihe musste.
Der Bus mit den B├╝chern streikte auf der R├╝ckfahrt und Thylda bat mich, ihr die Kiste mit den B├╝chern hinauf in ihre Wohnung zu bringen. Es war schon Nacht, als ich mit ihr durch das stille Villenviertel den Berg hinaufstieg und sie mir, oben angelangt, den Blick in die erleuchtete Stadt hinunter zeigte. Wir standen in diesem Jugendstil-Treppenhaus, es war sehr still, und diese Stille und dieser Blick in das Tal, ich wei├č es nicht, vielleicht aber war es das schon, was mich verf├╝hrte.
Ich sagte ihr alles m├Âgliche. Ich nehme an, ich war betrunken. Das zumindest habe ich lange Zeit als Entschuldigung vor mir selbst geglaubt.
Thylda h├Ârte sich alles gelassen an. Sie lachte manchmal, es war etwas in diesem Lachen darin, dass mich noch mehr anstachelte. Ich glaube, dass Thylda sie das wusste.
In dem Treppenhaus mit den bunten Ornamentglasscheiben, dem Geruch nach altem Holz, nach B├╝chern und s├╝├čen Gew├╝rzen. Punkt ÔÇ×Es ist MyrrheÔÇť, Komma sagte sie zwischen sehr erfahrenen K├╝ssen, Komma suchte mich eine unbeschreibliche Begierde heim nach gro├čer Sch├Ânheit, nach Ruhe, nach Hin- oder Aufgabe, weniger nach Besitz, mehr nach Verlieren, sich verlieren, oder wie immer man das bezeichnen soll. Ich tr├Ąumte mich gewisserma├čen von Treppenstufe zu Treppenstufe durch das mir aufgetane Lichtermeer der Stadt im Tal hinauf in eine stilisierte Welt, in einen Wunsch, in etwas Verwunschenes. Ich sagte, dass ich sie sehr begehre, dass sie sch├Ân sei, weich, sanft und zart. Ihre H├Ąnde schimmerten wei├č im Dunkel, ihre Augen waren schwarz und gro├č und sie fl├╝sterte und lachte in einer Art und k├╝sste mich und streichelte mich, und gab aber, dass muss ich sagen, keine der Stufen freiwillig her, sie verteidigte jede Handbreit Boden nicht durch Abwehr, eher durch gro├če erfahrene Bereitwilligkeit, eher wie eine Frau, die wei├č, dass Verbot nur lockt.
ÔÇ×JungchenÔÇť, fl├╝sterte sie und lachte, ÔÇ×ach Jungchen, du Kleiner...ÔÇť

ÔÇ×Ich liebe dich...ÔÇť, sagte ich in Ekstase immer wieder in alle Falten ihres grauen Kleides, in ihr Haar, in die Beuge ihrer entbl├Â├čten Arme, in ihren Nacken, ├╝berall hin, wohin mein Mund mich trieb.

Und zwischen ihren K├╝ssen fl├╝sterte sie:
ÔÇ×Ja, mein Kleiner, alle Jungens lieben mich, auch du, bis du mich am Morgen mit meinem dicken Hintern in der K├╝che stehen siehst, wenn ich dir das Fr├╝hst├╝ck mache...ÔÇť

Und sie lachte auf ihre resignierte und erfahrene Art und ich hatte schon meinen Fu├č in ihrer T├╝r und meine Hand in ihrem Kleid...

In der Nacht, Leerzeichen auf das zerw├╝hlte Bett fiel hin und wieder ein Strahl vom Mondlicht, das durch dunkle Wolken seinen Weg gefunden hatte, zerrann etwas von meiner Gier nach ihren K├╝ssen. Etwas dr├Ąngte mich, abzulassen von ihr. Ich f├╝hlte mich wie gefangen, eingesperrt, wie festgehalten, oder gebunden. Ihre weiche Haut, deren makelloses Wei├č im Mondlicht schimmerte, schien mir kalt, wie aus Eis, obwohl sie doch gerade noch hei├č und lockend gewesen war. Ihr Haar, dass ungebunden in langen Wellen seinen zarten Duft um mich verstr├Âmte, schien mir wie ein Gespinst aus Polypenarmen, die mich zu zerrei├čen drohten, und der so verlockende, gerade noch ersehnte Eingang in
ihr Inneres, Leerzeichen den ich mit meinen Fingern, mit Lippen und Mund so sehr erkundet hatte, schien mich auszuspeien und wegzudr├Ąngen, Leerzeichen hinauszuschleudern in eine f├╝r mich vermauerte Welt.

Urpl├Âtzlich machte ich mich los von Thylda, entwand mich dem Spinnennetz ihres Haares, stie├č ihre wei├č schimmernden Arme fort von meinem Leib und entriss mich ihren klammernden Beinen und F├╝├čen, die sie um meine Beine und F├╝├če geschlungen hatte wie die Arme einer Krake.

Ich st├╝rzte aus dem Bett, verletzte mir die rechte Hand, glitt von dem Bettvorleger aus und aus dem Raum hinaus in den Flur. Ich raffte meine Sachen zusammen, die weit verstreut herumlagen und rannte halb bekleidet durch dieses sagenhafte Treppenhaus, dass mir nun wirklich ganz einerlei war.

Ich hoffe du kannst damit was anfangen. Vielleicht noch etwas weniger Thylda als Name und mehr sie.
LG USch

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Karinina
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Thylda

Danke, lieber Usch, das werde ich heute im laufe des Tages machen. Liebe gr├╝├če an Dich

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Karinina
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F├╝r DocSchneider

Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Thylda als Nicknamen gibt, wir haben uns aber inzwischen bekannt gemacht und ich mag die Nicknamenthylda wirklich sehr. Soll ich meine Geschichte umbenennen? Mach ich vielleicht, wenn es irritiert. Zur Zeit bin ich in Urlaub und an einer fremden Tastatur, schwierig...L.G. Karin

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Karinina
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Noch mal Thylda

Ich danke Dir Thylda, dass ich meine Dame nicht umbenennen muss. Ich habe lange gegr├╝belt, aber ich w├╝├čte wirklich nicht, was f├╝r ein anderer Name der Figur gerecht w├╝rde. Sehr gefreut habe ich mich ├╝ber Raphaels Worte. Genau das wollte ich eigentlich schreiben. Ich habe ├╝berlegt, ob ich das Bild an der Wand nennen muss, aber eigentlich sollte es ein Phantom bleiben, das Nichtgesagte.Lieber USch, die Verbesserung kommt noch, ich war verreist und muss erst Luft holen...
L.G. Karin

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