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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tiefer Fall
Eingestellt am 20. 06. 2015 03:59


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kleinerbaer
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2013

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Dieser Morgen war sonnig und klar.
Er passte perfekt zu meinem Leben. Ich joggte mit meinem Hund um den Kemnader See. Dabei ließ ich meine Gedanken schweifen. Nichts entspannt mehr, als ein gemĂŒtlicher Dauerlauf.
An diesem Sonntagmorgen war ich besonders zufrieden mit mir. Es war mir gelungen, zwei Mitarbeiter aus meiner GroßbĂ€ckerei zu entsorgen. Schließlich ging es nicht an, dass sich meine Angestellten, Brötchen in die eigene Tasche steckten. Mit Hilfe eines Privatdetektives und einigen Überwachungskameras konnte ich die zwei ĂŒberfĂŒhren. Der Detektiv half mir auch, die beiden Strolche zur KĂŒndigung zu bewegen.
Wie gesagt, ich war sehr zufrieden mit mir. Niemand verarscht Thomas MĂŒller!
Nach dem Laufen fuhr ich nach Hause in den Parkweg.
An diesem sonnigen Tag störte es mich auch nicht, dass niemand mehr in meiner Villa auf mich wartete. Meine Frau hatte kein VerstĂ€ndnis fĂŒr mich und war vor einem Jahr mit den beiden Kindern ausgezogen. Seitdem versuchte sie mich auszunehmen. Aber meine AnwĂ€lte hatten das im Griff.
Ich versorgte den Hund, holte die Post und ließ mich mit einen GlĂ€schen Chablis auf dem Sofa nieder.

Die Post war der ĂŒbliche Quatsch: Rechnungen, der Anwalt meiner Frau und jede Menge Werbung. Da klingelte es. Ein hĂ€sslicher Mann in einer blauen Uniform stand vor der TĂŒr.
„Guten Tag, Mein Name ist Hoff. Sind sie Herr Thomas MĂŒller?“
„Wer will das wissen? Und wozu?“ Meine gute Laune bekam erste Risse.
„Ich bin Justizwachtmeister und habe eine Zustellung fĂŒr Herrn Thomas MĂŒller. Sind sie das?“
„Ja, ja, geben sie her, das Ding. Was soll das denn sein.“
„Augenblick, bitte. Das muss alles seine Richtigkeit haben. Wenn sie mir den Erhalt bitte quittieren wĂŒrden?“
„Ja, verdammte BĂŒrokratie. So, fertig.“
Der Beamte gab mir das Schreiben und verabschiedete sich.
Ich riss den Wisch auf und stutzte. „Anklageschrift“ stand darauf. Ich setzte mich erst mal.
In dem Schreiben stand jede Menge Unsinn. Ich sollte meine Mitarbeiter ĂŒberwacht, genötigt und sogar bedroht haben. Unglaublich. Hielten die Behörden jetzt schon jeden minderbemittelten HilfsverkĂ€ufer fĂŒr glaubwĂŒrdig? Ich ging sofort rĂŒber in die Nachbarvilla zu meinem Anwalt.
Der las sich das Schreiben ganz in Ruhe durch.
„Kein Problem“, meine er, „das machen wir schon. Die haben nichts in der Hand.“
Beruhigt, die Angelegenheit in fÀhige HÀnde gelegt zu haben, widmete ich mich wieder meinem Chablis.

Am nÀchsten Morgen stand mein Fall in der Presse.
Nicht nur im Lokalteil, nein, es war die Titelstory der WAZ. Erbost rief ich den Chefredakteur an.
„Rico, was soll der Mist. Sieh zu, dass ich aus den Schlagzeilen verschwinde.“
„Tut mir leid, Thomas, Pressefreiheit.“
„Spinnst du? Denk mal dran, was ich alles fĂŒr dich gemacht habe!“
„Keine Chance. Da musst du durch.“
WĂŒtend schmiss ich den Hörer auf die Gabel.
Wer glaubte der Penner, wer er war. Ich hatte schließlich jahrelang alle seine Urlaube bezahlt.
Zur Ablenkung fuhr ich meinen PC hoch, um meine neue Werbekampagne auf Facebook zu kontrollieren. Aber irgendwie hatte sich die ganze Welt gegen mich verschworen. Auf Facebook war ein shitstorm gegen mich im Gange. WĂŒtend rief ich meinen Medienberater an. Der ging nicht ans Telefon.
Also nahm ich meinen goldenen, Siebener BMW und fuhr in meine BĂ€ckerei. Ich schritt durch die TĂŒr und stutzte. Kein einziger Kunde im Laden. Sofort holte ich meine GeschĂ€ftsfĂŒhrerin ran.
„Guten Tag, Herr MĂŒller.“
„Zur Sache, Frau Rische, was ist hier los?“
„Nun gut. In allen Filialen bleiben die Kunden aus. Ihr Medienberater und ihr komplettes Design-Team haben gekĂŒndigt. Und es sieht so aus, als ob der Rest ihrer Mitarbeiter nachziehen wird.“

Bis hierhin hatte ich die Situation noch nicht richtig ernst genommen. Jetzt fing ich an zu schwitzen, alles drehte sich, meine Knie gaben nach. Als ich wieder zu mir kam, kniete Frau Rische neben mir. „Geht`s wieder? Sie waren plötzlich weggetreten.“
„Ja, schon O.K.“ Ich stand auf und wankte in mein BĂŒro.

Zwei Monate kĂ€mpfte ich gegen die Presse, die öffentliche Meinung im Internet und um meine Kunden. Ich verlor in jeder Beziehung. Die WAZ brachte jeden Tag eine Negativschlagzeile ĂŒber mich. Leider stimmte das meiste davon. Durch Facebook beeinflussten meine Gegner die Kunden. Nach den zwei Monaten war klar; ich musste schließen.
Kurz darauf folgte die Gerichtsverhandlung. Mein Anwalt versicherte mir immer wieder, es könne nichts passieren, wir hÀtten die besseren Karten. Nun, mein Anwalt verdiente sein Geld, und ich wurde zu dreieinhalb Jahren ohne BewÀhrung verurteilt. Zu der Nötigung und Bedrohung waren noch zahlreiche weitere Anklagepunkte dazu gekommen.

Ich hatte ein halbes Jahr Zeit, mich um meine GeschĂ€fte zu kĂŒmmern. Als ich mich dann in der Justizvollzugsanstalt Bochum zum Strafantritt stellte war ich ein armer Mann. Mit dem Verkauf der Firma, der Villa und meines Autos kam ich gerade schuldenfrei aus der Geschichte, aber es blieb nichts ĂŒbrig. Selbst meinen Hund musste ich an meine Frau abgeben.

So hatte ich alles, was ich noch besaß bei mir, als ich den Knast betrat. Das nahm man mir dann dort auch noch weg. Ich musste mich ausziehen, unter Beobachtung duschen, meine Sachen wurden durchsucht, anschließend bekam ich GefĂ€ngnissachen zum anziehen und etwas, dass sie „BĂŒndel“ nannten; eine Wolldecke in der ein paar TĂŒcher, Besteck und Geschirr eingerollt waren. Ein Beamter brachte mich zu meiner Zelle, einer Notgemeinschaft, wie er es nannte.
Ich betrat den Raum zitternd, mit Angstschweiß auf der Stirn. Es gab drei Pritschen, von denen zwei besetzt waren. Das Klo war mitten im Raum, nur durch eine Schamwand abgetrennt. So weit war ich nun gesunken.
Zumindest war meine Angst vor den zwei Typen unbegrĂŒndet. Nachdem wir uns bekannt gemacht hatten waren sie sogar ganz nett. Horst war schon fĂŒnfzig, von oben bis unten tĂ€towiert. Er saß, weil er das Klauen nicht sein lassen konnte. Miro, ganz ohne TĂ€towierungen, war wohl nicht ganz so harmlos. Schwerer Raub und gefĂ€hrliche Körperverletzung waren nur zwei der Taten von denen er erzĂ€hlte. Er hatte insgesamt vierzehn Jahre bekommen.
Heute weiß ich, dass ich mit den beiden unheimliches GlĂŒck hatte. Alleine hĂ€tte ich keine Woche ĂŒberlebt. Ich konnte nicht kĂ€mpfen und Geld, um mich aus Problemen raus zukaufen hatte ich auch nicht. Die Zwei deckten mir vom ersten Tag an den RĂŒcken.

So lernte ich erst einmal ein Jahr lang Demut. Außer meinem Anwalt besuchte mich niemand. Aber auch wenn es schwer zu glauben ist, ich war zufrieden.
Durch Zellenarbeit hatte ich etwas Geld verdient. So konnte ich mir einen Fernseher leisten und alles an Lebensmitteln, was ich brauchte.
Als Horst entlassen wurde gab er mir noch einen letzen Tip: „Als Unternehmer wirst du kaum noch ne Chance bekommen. Wenn du nicht so enden willst wie ich, versuch im Knast in Langendreer ne Ausbildung zu machen.“
Dann war Horst frei. Geschafft hat er es nicht. Der Abteilungsbeamte hat mir gesteckt, dass er sich eine Woche nach seiner Entlassung im Stadtpark erhÀngt hat. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich hemmungslos geheult. Seinen Rat habe ich befolgt. Ich beantragte die Verlegung in den offenen Vollzug nach Bochum-Langendreer. Problemlos bekam ich meine Chance. Was folgte war die hÀrteste Zeit meines Lebens.
Ich ließ mich zum LandschaftsgĂ€rtner ausbilden. Ohne die RĂŒckendeckung von Horst und Miro musste ich mit fast zweihundert weiteren Gefangenen auskommen. Nicht zu vergessen die Ausbilder und Beamten.
Nach knapp drei Jahren Haft wurde ich vorzeitig entlassen. Meine GesellenprĂŒfung hatte ich mit glatt eins abgeschlossen und durch Vermittlung der JVA einen Arbeitsplatz bekommen. Noch nie in meinem Leben war ich so stolz. Meine alten Bekannten hĂ€tten mich nicht wieder erkannt. Ich war durchtrainiert, zuvorkommend, und von meiner frĂŒheren Arroganz war nichts geblieben.
WĂ€hrend meiner Hafturlaube hatte ich eine nette Frau kennen gelernt.
Ich war tief gefallen, aber der Fall hat meine Seele gerettet.
Der Morgen, als meine Freundin mich zur Entlassung abholte war sonnig und klar.

__________________
Verschwende Deine Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis; vielleicht gibt es keins.

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Hyazinthe
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Hallo kleinerbaer!
Diese Geschichte von der Bekehrung vom Saulus zum Paulus kaufe ich dir nicht ab, dazu ist sie zu unwahrscheinlich. Dazu die vielen Klischees: Der zynische, durchtrainierte GeschĂ€ftsmann mit Hund und Villa, natĂŒrlich geschieden, weil seine Frau es mit ihm nicht mehr ausgehalten hat, der vom "Entsorgen der Mitarbeiter" spricht, soll sich wandeln zu einem demĂŒtigen Handwerker, der dann auch noch eine "nette Frau" kennenlernt? Nein, das ist einfach zu viel!

Dennoch: Du schreibst recht flott, deine Dialoge sind lebendig und teilweise witzig.

Gruß, Hyazinthe
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