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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tierisches Verlangen
Eingestellt am 29. 07. 2019 17:47


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Robert Werner
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2018

Werke: 18
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Morgens und abends war er in GeschĂ€ften unterwegs und kam tĂ€glich zur etwa gleichen Stunde ĂŒber die große Kreuzung, um dann durch den Park nach Hause zu gehen. Ob er sie heute wohl wieder-sehen wĂŒrde? Manchmal ergab es sich ja, doch man konnte sich nicht darauf verlassen. Als er sie das zweite oder dritte Mal hier gehen sah, hatte sie bereits ein Erkennen signalisiert und darĂŒber war er hoch erfreut gewesen. Nun, was wĂŒrde heute sein? Er blieb stehen und gab vor, sich mit irgendetwas zu beschĂ€ftigen, um damit sein Warten zu kaschieren. Gestern fand ja ein Wiedersehen statt und obwohl sich beide kaum kannten, standen sie sich fĂŒr einen Moment so nahe gegenĂŒber, dass sich ihre Nasenspitzen fast berĂŒhrten. Doch dieser flĂŒchtige Augenblick war in der Tat sehr flĂŒchtig. SpĂ€ter gelang ihm sogar ein kleiner, unbeobachteter Spaziergang mit ihr im Park. Zart setzte sie ihre kleinen FĂŒĂŸchen zu kurzen Trippelschritten und er, neben ihr, war glĂŒcklich. Er ging auch oft rĂŒckwĂ€rts vor ihr her, um ihr beim Gehen in die Augen schauen zu können. In diese schönen, hellbraunen Augen, die immer leicht spöttisch zu schauen schienen. Manchmal öffnete sich dann leicht ihr Mund und ließ, neben ihrer rosa Zungenspitze, auch ihre kleinen perlweißen ZĂ€hnchen sehen. Dann wurden gestern vom spĂ€tnachmittĂ€glichen Sonnengegenlicht sogar ihre lieblichen Öhrchen durchleuchtet und zeigten ein rötliches Adergeflecht. Ach, wie war das alles schön, er war ja so verliebt.

Doch bald wĂŒrde er nicht lĂ€nger hier warten können, er war ja nicht alleine, und zĂŒgiger Heimgang wurde unvermeidlich. BlĂ€uliche Autoabgase kamen von der großen Kreuzung jetzt auf ihn zu gewabert, es war ohnehin heute herbstliches, unschönes Wetter. Bestimmt kam sie nicht mehr. Leider. Auch fing es an zu regnen und er spĂŒrte leichten Zug von der Leine. Seine Versorgerin war mit ihrem Telefonat inzwischen fertig geworden, steckte das Telefon ein und sprach: “Komm!“ zu ihm. Der Regen wurde stĂ€rker und warf kleine Wasserbomben in die flott strömende Leine, und aus dem leichten Zug wurde richtiger Wind. Damit war sein Traum fĂŒr heute ausgetrĂ€umt. Diese Liebe wĂŒrde wohl keine Zukunft kennen, waren doch beide fest an ihr Leben und Heim gekettet. Seine Versorgerin und er machten sich ĂŒber die StraßenbrĂŒcke „Leinenschloss“ auf den Heimweg in ihre kleine Wohnung in der Markthallengegend Hannovers. Die Frau war ziemlich groß, so schaute er von unten schrĂ€g zu ihr hinauf, fĂŒhlte sich nicht gerade unglĂŒcklich, aber bestens versorgt. Und morgen wĂŒrde aus Herbst und Regen ein neuer Tag empor wachsen, vielleicht gelĂ€nge am Ufer das AusbĂŒchsen mit der RehĂ€ugigen. Mit nichts wie hin zum Dampferanleger und dann: „Leinen los!“.

ErfĂŒllt von diesem seinen Innenleben marschierte er, die eigene zarte Seele streichelnd, in Richtung seines Heimes, bereit zu Aufnahme von Speis und Trank und folgender Entspannung. Ach, hĂ€tte er bloß, hĂ€tte er, und nicht nur seiner Selbst gedenkend, doch einen einz‘gen Blick beim Gehen er zurĂŒck geworfen! Dann hĂ€tte er sie sehen können! Von Ferne kommend, bog sie um die Ecke, erspĂ€hte ihn nun, der sich flugs entfernte und rannte los, den Abstand ĂŒberbrĂŒckend, denn ihm zu nahen, war nun hohes Ziel. Doch, ach, es rast ein Moped schnell vorĂŒber und UnglĂŒck folgt, schneller als Schreiben geht. Von starkem Aufprall in die Luft geschleudert, bestimmt schon tot, und dann, nach Flug und Fall, zerschmettert kommt zur Ruhe der lieb gewonn’ne Körper und das Haupt. Nur ihm gedachte sie in ihrer letzten Lebensfrist. Dem Mopedfahrer ist nicht viel geschehen, denn Hundetod bleibt SachbeschĂ€digung.

Hingegen er bleibt mit sich selbst beschĂ€ftig und tut sich richtiggehend leid. Der Blick zurĂŒck fand, wie gesagt, nicht statt. So wird er in den nĂ€chsten Tagen zwar noch warten, jedoch mit kleinem Ärger auf des Weibs UnzuverlĂ€ssigkeit. Und nach und nach wird er sie dann vergessen, bei Trank und Fressen in der Folgezeit.



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Ego sum, qui sum

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