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Leselupe.de > Kurzprosa
Tim und Wally
Eingestellt am 01. 02. 2017 14:16


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Homosapiens
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Tim stand noch eine Weile am Fenster, so wie immer sonntagsnachmittags nach ihrer Abreise. Wenn sie weg war, f├╝hlte sich die Luft um ihn pl├Âtzlich k├╝hl und d├╝nn an.

Trotzdem versp├╝rte er auch eine Art Erleichterung, seinen Lebensraum wieder allein ausf├╝llen zu k├Ânnen, nach einem Wochenende ihrer umfassenden, atemberaubenden Pr├Ąsenz. Ohne Kommentar und heiteren Tadel alles herumliegen lassen zu k├Ânnen, erstmal eine Zigarette zu rauchen, zum erkalteten Kaffeerest..... Aber da stand auch noch ihre Tasse auf dem Tisch, ihr Teller mit ein paar Kuchenkr├╝meln drauf, ein Papiertuch daneben mit einer Spur ihres Lippenstiftes.

Tim hatte Wally erst vor ein paar Monaten auf der Computermesse kennengelernt, er war dort gewesen wegen der Lehrerfortbildung an seiner Schule, sie wegen des elterlichen Hofes in einem Nest im S├╝den der Republik. Bei aller Unterschiedlichkeit der Berufe war die moderne Technik nirgendwo mehr wegzudenken. Allerdings h├Ątten zwei Menschen kaum verschiedener sein k├Ânnen als sie beide. Wally sah ein bi├čchen so aus wie ihr Taufname Walburga: ausladend, wohlgef├╝llt und ├╝ppig bedacht. Wie jemand, der allmorgendlich eine Kanne Milch trinkt, noch warm von der Kuh.

Tim f├╝hlte sich dagegen wie ein Schluck Magermilch, ein d├╝nner, blasser Typ, etwas farblos mit den hellblauen Augen unter der hohen Denkerstirn mit dem fr├╝h gelichteten Blond. Auch sein Name war Schicksal, ein kurzer Laut, kaum ausgesprochen, schon verklungen hinter geschlossenen Lippen.

Als Walburga ihn angelacht hatte mit ihren braunen Augen in dem herzf├Ârmigen Gesicht, war alles andere pl├Âtzlich wie ausgel├Âscht gewesen, Ines, die schlanke, dezente Kollegin und auch er selbst, der norddeutsche Gro├čst├Ądter, sein akademisches Denken und sein berufliches Dasein, das seinem Leben bis dahin durchaus Inhalte verliehen hatte. Ines war in seiner Welt ans├Ąssig, ihm ├Ąhnlich. Was sollte er mit seinesgleichen? Sie w├╝rde seinem Leben kaum mehr Gewicht verleihen. Wally mit ihrer selbstverst├Ąndlichen Urspr├╝nglichkeit war ├╝ber die eigentliche Bedeutungslosigkeit seines Lebens hinweggefegt und hatte ihm seine eigene, pl├Âtzlich gesp├╝rte Substanzlosigkeit zum Bewu├čtsein gebracht.

Ein einziges Mal war er seither ├╝bers Wochenende in Wally's Heimatdorf gefahren, von ihren Eltern zwar h├Âflich, aber doch voll Verlegenheit empfangen, im Dorfkrug dagegen mi├čtrauisch be├Ąugt. Gleich bei seinem Eintritt war der melodische Singsang des Dialektes jener Gegend verstummt und wollte an diesem Abend auch nicht wieder in Gang kommen. Seine Wenigkeit schien hier ein fr├Âhliches R├Ąderwerk zu blockieren, soda├č Wally k├╝nftig die Wochenendfahrten in den Norden auf sich nahm.

Etwas hatte sie gleich bei der ersten Begegnung an ihm wahrgenommen, das ihm selbst von sich unbekannt war: die stille, tiefe Sehnsucht in seinem Blick. Wally hatte im allerersten unbewachten Moment in seine Augen geschaut wie in einen der tiefen, sauberen Bergseen ihrer Heimat, vollgelaufene Felst├Ąler, Abgr├╝nde, die den Blick wie durch Glas bis zum Grund erlauben, ohne die M├Âglichkeit jedoch, in diese kalten, klaren Tiefen vorzudringen. Bei Tims Anblick hatte Wally pl├Âtzlich gesp├╝rt, was es hei├čt gebraucht zu werden, einfach als Teil jener Natur, der sie entstammte.

Seit sie zum Wochenende tatkr├Ąftig die Regie in seiner Wohnung ├╝bernahm, gab es kein Essen mehr vom Lieferdienst, seine Reihenhausk├╝che verstr├Âmte ungewohnt kr├Ąftige D├╝fte, Wally st├Ąrkte die Geschirrt├╝cher, stellte eine Steingutvase mit Blumen auf und erf├╝llte alles mit ihrer praktischen Lebendigkeit auf eine leichtf├╝├čige Art, die nur in scheinbarem Widerspruch zu ihrer kompakten K├Ârperlichkeit stand. Der magere Tim f├╝hlte sich im Vergleich zu ihr immer schwerf├Ąllig und unbeweglich, tiefgr├╝ndige Gespr├Ąche und komplizierte Gedankeng├Ąnge hatten in diesen Wochenenden keinen Platz. Es war, als ob Wally den kopflastigen Magerling regelm├Ą├čig schlafen legte und vom wahren Leben tr├Ąumen lie├č.

Und dann, am Sonntagnachmittag zum Abschied, nahm sie jeweils die ganze geballte Lebendigkeit mit sich und lie├č Tim in seinem Alltag zur├╝ck, in den der stille, nachdenkliche Mann erst langsam und vorsichtig wieder einkehrte, aus irgendwelchen unbemerkt gebliebenen Ecken und Winkeln, aber trotzdem froh, noch vorhanden zu sein. Oft klingelte dann abends irgendwann der ├Ąltere Nachbar Reiner bei ihm, der ihm so etwas wie ein Freund geworden war, falls so etwas in Tims Leben ├╝berhaupt vorkommen konnte. Reiner lie├č Tim immer erst eine Stunde oder zwei f├╝r sich allein, kam dann unter einem beil├Ąufigen Vorwand und h├Ârte Tim einfach zu, so lange, bis der Schmerz einer Leere verflogen war und Tim sich in seiner vertrauten M├Ąnnerwirtschaft wiederfand.

So war es auch an diesem Abend, an dem Tim jedoch erstmals von Wally's beil├Ąufig gefallener Bemerkung berichtete, da├č ihre Eltern sie gern mit dem Bauernsohn vom Nachbarhof verheiratet s├Ąhen..... Tim war nicht darauf eingegangen und hatte die Stichwunde eilig ignoriert, bis sie sich unter Wally's heiterem Geplauder unbemerkt verschlossen hatte. Nun jedoch war sie wieder sp├╝rbar.

Tim wagte sich an diesem Abend ungew├Âhnlich weit vor, als er Ha├čgef├╝hle gestand, Neid auf irgendeinen Bauernl├╝mmel, der die Lebendigkeit einzukassieren beabsichtigte, die Tim zugedacht war, um seine D├╝rftigkeit auszugleichen. D├╝rftigkeit? Reiner sah ihn an wie vom Donner ger├╝hrt. " Du tr├Ągst die Verantwortung f├╝r die n├Ąchste Generation. Ein intelligenter Mann, ein Weltb├╝rger, der ├╝ber den Tellerrand schaut, berufen zum Vorbild..... Willst du deine Begabungen stillschweigend im Kuhstall verschwenden? Vielleicht ist es umgekehrt, Wally hat etwas bei dir gesucht, vielleicht den Ausweg aus der eigenen d├Ârflichen Bedeutungslosigkeit? ├ťbrigens macht Ines weder L├Ąrm noch Wirbel, sie ist es sich wert, einfach auf dich zu warten," schlo├č Reiner. So viel hatte er noch nie an einem St├╝ck gesagt. Jetzt schwiegen sie beide.

Tim wu├čte nichts zu antworten, noch nicht. Er w├╝rde mal abwarten, bis die restlichen Anteile seiner selbst aus ihren Wochenendverstecken herauskamen und dann in der Gesamtheit mit sich allein zu Rate gehen.

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