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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Tötliche Liebesqualen
Eingestellt am 16. 04. 2015 16:46


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Wolfgang Bessel
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Tötliche Liebesqualen

Als ich vonne liebesschmachtenden Else zurückkam, stand bereits meine Frau Berta mit eiskaltem Gesicht und verschränkten Armen vor der Jagdhütte. So richtig widerlich herausfordernd, wenn se dat verstehen tun.
Ich sah für mich sehr dunkle Wolken aufziehn. Die „sittliche Gefährdung“, die nämlich von dat Else ausging, hatte se wohl schon son bisken mitgekriegt.
Ich muss auch ziemlich verdattert angetrabt sein.
Dat mit die Gefühle ging bei mir leider nich so schnell vorbei wie bei anderen Schwerenötern.
„Willi, Du wars aber ganz schön lange bei die Else. Geschlagene drei Stunden! Hat se Dir beim Ausmisten vonne Jagdklamotten schöne Augen gemacht? Schau mich ma an, Willi. Wat iss dat? Wat hasse da am Mund? Iss dat etwa Lippenstift? Kuck an, dat gibt et doch nich! Ich maloch mir inne Hütte en Wolf und Herr Püttmann geht auf Balztour! Ich kenne Deine Stärken, mein Freund, dat sind die Schwächen für andere Weiber!“
Dusselig wie ich war, hatte ich vergessen, mir Elses Lippenkleister vom Äser zu wischen. Willi, dachte ich, Liebe macht nich nur blind, sondern auch dämlich.

„Berta, mein Mauseschwänzchen, dat kann schon sein, dat et Lippenstift iss, ich hab dat Else nur en Begrüßungskuss auffe Backen gegeben, dabei isse mir vielleicht anne Schnute vorbei geschrappt.“
„Schmier mich nich an! Leugne nich! Du wars scharf auf die Waffen, da waren Dir alle Mittel recht. Ich kenne Dich! War denn für uns wat Interessantet dabei?“
„Bertalein, ich hab dat Auto voll Gewehre und anderen Jagdkram, komm, kuck Dir dat ma an. Ich soll die Sachen verscheuern und darf mir für meine Mühen und als Andenken an ihren Verblichenen Engelbert einige Teile davon aussuchen.“
„Ja, wenn dat so iss, dann will ich ausnahmsweise keinen Hallas wegen dem Lippenstift machen.“
Meine Berta hatte optimale Charaktereigenschaften. In Momenten, wo et wat zu holen gab, war se wirklich nich zíckig. Noch ma Schwein gehabt!

Sie staunte Bauklötze als sie die tollen Lang- und Kurzwaffen inne Augen nahm. „Willi, wir haben dat Vorkaufsrecht und behalten natürlich die besten Brocken für uns. Son Schnäppchen machen wir nie wieder!

Ne Woche später rief ich die gute Else an und berichtete, dat wir uns en paar Sachen ausgesucht und den Rest an andere Jäger verkauft hätten. Sie bekäme insgesamt sechstausend Euro.
Dat Geld interessierte se überhaupt nich. Für sie war nur wichtig, dat se endlich ma wieder wat von mir hören tat.
„Willi, Du Liebe meines Lebens, Diamant meines Herzens, der in mir die Glut mit einem einzigen Anruf zu Feuer entfacht und mein Herz erwärmt. Wann kommst Du endlich?“
Ach, herrje! Jetz begann der Balztanz von neuem!
„Warte ma, Else, heute geht et nich. Morgen hab ich Geburtstag, da kann ich auch nich. Tagsüber kommen der Bürgermeister und en paar Jäger zum Gratulieren, abends will ich anne Benjeshecke ansitzen. Komm doch morgen auch zur Hütte, dann kann ich Dir auch gleich die Kohle übergeben. Sonst könnte ich erst übermorgen.“
„Ja, Liebster, Übermorgen passt es gut, sagen wir um Elf?“
„Iss gebongt, Else.“
Die Geburtstagsgratulanten waren bis Spätnachmittag alle gut abgefüllt. Ich hatte tagsüber nur en Glas Wein verpitscht, weil ich abends unbedingt meinen Geburtstagsbock erlegen wollte.
Der „Bock mit dem grauen Gesicht“ war heimlich. Der war schon unheimlich! Denn dat wäre heute bereits mein siebter Ansitz auf den „Unerreichbaren“in der Liebeszeit, der Blattzeit. Sechsmal trat er im letzten Büchsenlicht aus. Ich kletterte vorsichtig die Leiter hoch.
Nanu, wat war dat? Ich hörte plötzlich ein leichtet Keuchen. Dat war mit Sicherheit mein ersehnter Bock, der hier seine Auserwählte trieb! Ich leuchtete mit dem Glas die Wiese ab. Der Bock war nich zu sehn. Wachsam klomm ich die Leiter hoch und öffnete leise die Kanzeltür.
Hatte ich en Riss inne Pupille? Ich stand kurz vorm Herzstillstand – so hab ich mich erschrocken!
Da saß dat Else im Neglischee, oder wie man für son Nachthemd sagen tut, strahlte mich an und hielt mir en Rodonkuchen mit brennenden Kerzen vor die Nase. Auffe Sitzbank stand en Fresskorb mit dieden tollsten Delikatessen.
„Herzlichen Glückwunsch, mein Geburtstags-Käfer, mein liebster Knuffel-Willi.“ Ich stellte verwirrt die Waffe inne Ecke und legte den Rucksack ab.
Und ehe ich mich vom Schock erholt hatte, packte sie mich und knutschte mich so leidenschaftlich, dat mir die Sinne schwanden. Dabei keuchte sie genauso wie eben der angebliche Bock.
War die Frau denn völlig übergeschnappt?
Ich war noch völlig kolone im Kopp und stammelte: „E... Else, wat machsse für Sachen mit mir?“ Und in einem Anfall von geistiger Umnachtung fügte ich Blödmann hinzu: „Else, dat iss dat schönste Geburtstagsgeschenk meines Lebens, Du biss wirklich ne tolle Wurst, schnall Dich an, ich will Dich schnäbeln.“
Als sie kurz darauf begann, nach Luft zu japsen, fiel mir ihre gespielte Ohnmacht wieder ein. Ich ließ schlagartig von ihr ab, denn hier oben stand ja kein Eimer mit Wasser zum Wiedererwecken.
Meine Fresse, war ich blöd! Ich begriff erst jetz, wat ich mit meinen Worten angerichtet hatte. Ganz schnell und heil musste ich aus dieser Nummer wieder rauskommen. Hohe Diplomatie war jetz gefragt. Leider war Fingerspitzengefühl noch nie meine Stärke. Ich war bei so wat total überfordert. Dennoch: Reden war dat Gebot der Stunde. Ich wollte der Else nich gleich harte Worte an den Kopp knallen. Wer weiß, wie sie darauf reagiert hätte. Womöglich wär se vor lauter Enttäuschung in meinen Armen verendet. Trotzdem: Ich musste die Affäre beenden, um wieder inneren Frieden zu finden.
„Else, lass uns vernünftig sein und erst ma wat mampfen und en Schlücksken Wein süffeln.“ Ich machte ne Pulle auf und druckste herum:
„Also, wie soll ich sagen, Else? Wir müssen ma grundsätzlich wat abklären. Pass ma auf: Sonne Liebe läuft nich ohne Kummer und Tränen ab. Ich mag Dich sehr, aber mehr so als Kamerad, wenne verstehn tus. Kameradschaft iss wat selten Schönet und iss sehr wichtig im Leben.“
Sie schaute mich ungläubig an. Ich setzte jetz meinen ganzen Charme ein: „Elsemaus, Du muss nich jedet nette Wort und Küsschen von mir auffe Goldwaage legen. Und eins musse Dir unbedingt merken: Den meisten Jägern geht et mit ihren alten Jagdhüten wie mit ihren Frauen: sie sind nich mehr schön, aber sie können sich nich von ihnen trennen. Verstehsse, wat ich damit meinen tu?“

Else wollte den Spruch nich verstehn. Sie umschlang mich wie ne Python! Ich wehrte mich mit Händen und Füßen und stieß dabei mit dem Fuß an den Kuchen mit die brennenden Kerzen. Ruckzuck war der Teppichboden am kokeln. Ich sprang auf und löschte mit der halben Pulle Wein die Flammen. Den Rest soff ich in einem Zug weg, denn mein Schlund und Lecker waren vom Rauch und der Knutscherei verdammt drög geworden.
In der Kanzel lauerten zum Glück Verbündete von mir, die allerdings mit Diplomatie nix am Hut hatten. Links oben anne Decke erspähte ich en Wespennest, und weil ich dort keine größeren Flugbewegungen registrieren tat, nahm ich an, dat nur ma son Spähtrupp da rein und raus flog. So war dat aber nich. Dat Nest war rappelvoll!
Die Wespen verstanden die Verräucherung der Kanzel als gemeinen Angriff auf ihr Volk und hatten von die Störerei offensichtlich die Schnauze voll. Zielbewusst griffen se an: Die Tiere wussten sehr genau, wer hier den Zirkus veranstaltet hatte. Mehrfach haben die Biester dat Else gestochen. Sie schrie wie am Spieß, sprang in ihrem Nachthemd zur Tür und fegte mit nem Affenzahn die Ansitzleiter hinunter. Die Wespen hinter ihr her!
Ich schnappte meine Waffe, schmiss den Rucksack von oben inne Wiese und verdrückte mich ebenfalls. Zwei tapfere Krieger hatten mich irrtümlich als Mitschuldigen ausgemacht und, zack! verpassten se mir drei Stiche – direkt in den Nacken rein.
Ich hatte im Rucksack son Anti-Insekten-Zeug und tupfte damit Elses Einstiche ab. Sie behandelte mich natürlich auch, nur viel zärtlicher. Sie küsste und leckte ständig meinen Nacken, damit die Schwellungen schneller verschwinden sollten.
Elses Beulen klangen nach en paar Minuten ab. Meine nich. Im Gegenteil, der Schmerz wurde unerträglich und die Schwellungen fühlten sich an wie Taubeneier. Die Party war zu Ende.
„Else, mein Bock-Ansitz und unsere Geburtstagsfeierlichkeiten gingen leider inne Hose. Ich hab schreckliche Schmerzen im Nacken, ich muss sofort zur Hütte. Dumm gelaufen, Else, tut mir leid.“
„Ja, Liebster, fahr nur zu Deiner Frau. Lass mich ruhig allein.“ Sie flennte. Oh, jetz wollte se mich auf diese Tour weich kloppen. Nich mit Willi Püttmann.Die war ja anhänglicher als ne Klette! Hatte die Frau denn überhaupt nix kapiert?
„Else, heul Dich ruhig aus, Tränen sind die besten Augentropfen. Fahr nach Hause, bis übermorgen.“
Gut, ich fand den Abschied auch nich gerade prickelnd, aber wenn jemand hormonell so außergewöhnlich bestückt iss und immer gleich rattendoll wird, dann muss man schon ma Tacheles reden und auffe Bremse treten.
Ich wischte mir dieset Mal Elses Lippenstift aussem Gesicht und fuhr zur Hütte.
Berta witterte den Brandgeruch an meinen Klamotten. „Willi, wat war los? Hasse irgendwo am Lagerfeuer gestanden? Du wolltest doch den alten Bock oben anne Hecke schießen.“
Ich klagte mit schmerzverzehrtem Gesicht, en „Hypotronder“ war nix dagegen:
„Berta, kuck ma, hier im Nacken haben mich Killerwespen erwischt. Auffe Kanzel war en Wespennest, dat wollte ich ausräuchern. Dabei iss mir fast die ganze Kanzel abgefackelt. Die Biester haben sich an meinem herrlichen Körper gerächt, ich erleide schreckliche Qualen. Kuck Dir ma die Beulen an, die sind so groß wie Äppel. Dat iss mein Ende.“
„Willi, Du übertreibs ma wieder, D u stirbs nich so leicht, stell Dich nich so jammerlappig an! Unkraut ...“, sie vollendete diesma nich den gemeinen Spruch.

Kuck an, dachte ich, die beiden Frauen trennen doch Welten. Ich fand nun Elses Nackenküsse wieder himmlisch. Tiefenpsychologistisch, also tief in mir drin, wirkten geheimnisvolle Gegenkräfte. Meine guten Vorsätze hätte ich jetz gerne übern Haufen geschmissen.
Berta haute mir en kalten Lappen mit „Klosterfrau Melissengeist“ in den Nacken und verordnete mir Bettruhe.
Schachmatt fiel ich in mein Bett und spulte den Abend noch ma gedanklich ab. Ich sah dat Else im durchsichtigen Nachthemd auffe Kanzel, auch den leckeren Gugelhupf und den Fresskorb. Ich sah aber auch den erhofften Bock inne Wiese stehn und beschloss, morgens um Fünf die „Wespen - Kanzel“ wieder aufzusuchen. Die Viecher würden sich bis dahin beruhigt haben oder waren längst verduftet.
Punkt vier Uhr stand ich auf. Der Schmerz im Nacken hatte nachgelassen. Ich pirschte zur Kanzel, öffnete äußerst vorsichtig die Kanzeltür, weil ich den Wespenangriff noch nich vergessen hatte, da haute et mich ausse Socken. Ich war starr vor Schreck!
Die Else lag da oben tot auffe Sitzbank! Dat Nachthemd sah aus wie en Leichenhemd und war von oben bis unten mit Blut besudelt. Um Himmels Willen, die Frau hatte sich dat Leben genommen! Oder war se vielleicht anne Wespenstiche verendet? Nee, son Blutbad konnten die Wespen nich angerichtet haben.
Ich Schuft hatte die arme Else gestern so mies behandelt und alleine zurückgelassen! Wat war ich doch für ein Mistkerl! Ich kniete vor ihr hin und flehte:
„Else, tu mir dat bitte nich an, wach auf, Else! So wach doch bitte, bitte wieder vonne Toten auf!“ Sie wachte nich auf. Die Frau war inne Ewigen Jagdgründe eingegangen.
Jetzt hatte ich den Salat! Mich befiel en extremet Muffensausen. Bei die Überprüfung aller DNA-Merkmale würde ich natürlich sofort als Täter feststehn, dat war mir klar, und ich sah mich auch schon im Knast. Schlimmer als Zuchthaus wäre allerdings Bertas Rache. Ich konnte mir die Kugel geben!
Ich beugte mich noch ma vorsichtig zu der leblosen Else herunter. Hörte ich da etwa leise Schnarchgeräusche? Na klar! Im selben Moment witterte ich eine fürchterliche Fahne. Sie lebte! Sie lebte wirklich noch! Hubertus hab Dank! Zehn Kerzen sind Dir sicher! Halleluja!
Dat Else hatte sich offenbar vor lauter Liebesfrust en paar Pullen Rotwein aus ihrem Fresskorb reingeschüttet und beim Schlucken wat von der Brühe über dat Nachthemd gekippt. Sie schlief hier oben nur ihren Rausch aus!
Ich ließ se pennen, legte ihre Hinterläufe ein wenig zur Seite und versuchte, mich zu beruhigen indem ich krampfhaft versuchte, mich auf den Bock zu konzentrieren. Dat ging überhaupt nich. Ich war mit die Nerven am Ende. So Belastungen hält auf Dauer kein Mensch aus! Noch son paar Schoten, dachte ich besorgt, dann können se Dich inne Klapsmühle stecken.

Et dämmerte, und ich sah aus ungefähr 200 Metern en Stück Rehwild aussem Rapsfeld treten. Das Stück kam langsam näher und äste am Wiesenrand. Ich konnte et noch nich ansprechen. Von Minute zu Minute wurde et heller. Hoffentlich verschwand et nich wieder vor Büchsenlicht.
Aha! Jetz endlich konnte ich den alten Bock deutlich im Glas erkennen. Er stand auf ungefähr einhundertzwanzig Meter breit, und ich ließ fliegen. Bautz! Der Bock lag.
Da lag aber noch jemand – auffem Kanzelboden. Dat Else! Die war vor Schreck vom Sitz gefallen und stierte mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Willi, warum hast Du mich erschossen? Sag mir, warum?“
„Else, Du biss vielleicht noch besoffen, aber tot bisse nich. Tot iss nur mein Bock.“
„Waidmannsheil, Willi, entschuldige die Unannehmlichkeiten, ich hab gestern entsetzlich gelitten, Deine Worte haben mich sehr gekränkt. Ich sammle meine Sachen ein und fahr nach Hause. Birg Deinen Bock und schau mich bitte nich an, ich muss ja fürchterlich aussehen.“
Und ob, dachte ich – wie en Gespenst vonne Geisterbahn!

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Wolfgang M. A. Bessel
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