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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tokyo
Eingestellt am 28. 07. 2014 15:34


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DasKatastrophenprinzip
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Ich rieche nichts.

Es verbl√ľfft mich, denn ich bin mir sicher, noch niemals in einer geruchlosen Stadt gewesen zu sein. Jede, so glaubte ich, sei gepr√§gt durch ihren eigenen Duft, ebenso individuell wie ihre Bewohner und ihre Architektur. Die Kopfnote durch das Klima und die Herznote durch die lokale K√ľche geformt, mit einer Basis aus allerhand Sorten Pisse. Zumindest was die St√§dte Europas angeht. Das Aroma einer Stadt verweilt l√§nger als alles andere im Kopf. Prag riecht nach Schnee, Sevilla nach vertrockneten Olivenb√§umen. London riecht nach Geld, Mode und schimmligen Mauern. Paris riecht nach Zigaretten, Leder, Farbe und Blumen.

Tokyo leuchtet geruchlos.

Drei Tage durchschwimme ich jetzt Tokyos Straßen. Die Leuchtreklamen weisen mir den Weg. Obwohl ich nicht weiß, wo es schön und wo es hässlich ist, wo gefährlich und wo man als Tourist was erleben kann, bin ich bisher nicht vom Weg abgekommen: Stets gelange ich an Orte, die mir gefallen, die mir gut tun. Hier kann man nichts falsch machen, dessen bin ich mir sicher. Die Stadt breitet sich klar und deutlich vor mir aus; sie ist wunderschön, kunterbunt und öffnet sich mir ohne Hintergedanken.
Der fehlende Geruch allerdings verwirrt mich, l√§sst mich zweifeln. Es erscheint nicht richtig, als w√§re ich gar nicht hier, in der modernsten der Gro√üst√§dte, sondern s√§√üe zu Hause auf der Couch und schaute zu, wie ein Kameramann mir Tokyo weist: Die Restaurants, die Gesch√§fte und Spielotheken, die buntgekleideten M√§dchen, die in Folie eingeschwei√ütes Toilettenpapier verteilen; anzugtragende Gesch√§ftsm√§nner, die am Ende des Zebrastreifens durch heftige Verbeugungen voneinander Abschied nehmen; and√§chtig umherstreifende Frauen in seidenen Kimonos mit zu Paketen gebundenen Obis auf dem R√ľcken und all die anderen Wunder Tokyos, die sich mir allzu friedlich darbieten. Der Dreck, der Schrecken und die stinkende Aufdringlichkeit mir bekannter Gro√üst√§dte aber werden ferngehalten, verbergen sich vor meinen Sinnen.

Ich bleibe stehen und atme.

Eine Gruppe junger Frauen in Kimonos zieht an mir vorbei, sie duften k√∂stlich nach parf√ľmierter Seife. Unvermittelt setzte ich ihnen nach: In keiner anderen Stadt, riechen die Menschen so gut wie hier. Die mich umgebende Sauberkeit tut unwahrscheinlich gut, mir kommen die Tr√§nen. Aber sie ist echt. Normalerweise meide ich die N√§he anderer Menschen, besonders in der U-Bahn, im Bus oder an Stra√üenkreuzungen ertrage ich den Geruch nicht, zusammengesetzt aus kaltem Rauch, zu lange getragener W√§sche und durch billiges Rasierwasser aufgestockte Alkoholfahnen: Er erinnert mich zu sehr an meinen Vater. Hier aber trete ich nah an die Menschen ran, lasse mir ihren seifigen Duft in die Nase wehen. Ein paar Mal war ich kurz davor, den Kopf in den Nacken einer Frau zu legen, den seidenen Flaum an meiner Nase sp√ľrend ihren Wohlgeruch zu stehlen und damit mein altes Leben wie einen √ľbelriechenden Geist zu vertreiben. Unter den Menschen Tokyos f√ľhle ich mich wie ein Barbar. Ein haariges, stinkendes, schwitzendendes Unget√ľm; ein Wanderer aus einer vergessenen Welt. Die Stadt singt und tanzt um mich herum und ich verstehe nichts, bin ein Analphabet aus der Vergangenheit. Die Ginza hinab zum kaiserlichen Palastgarten treibend genie√üe ich wie Tokyo um mich herum flirrt und denke: Hier kann mir nichts passieren und st√ľrbe ich jetzt gleich, so w√§re es sicherlich ein sauberer, duftender Tod.

Ich blicke auf und möchte sterben.

Um mich schwillt der kaiserliche Palastgarten. Es ist zerm√ľrbend still. Wie kann es derma√üen still sein in einer Stadt, so laut, so bunt, so gewaltig wie diese? In der es nach Fisch, Nudelsuppe, Sake und Algen stinken sollte, die Nase aber vergebens nach Halt schnuppert. Wie kann man sein, in einer Stadt ohne Geruch? Wie kann ich hier sein, die ich stinke und schwitze und alles verpeste? Die Hochh√§user Tokyos umz√§unen den Garten, f√§rben den Himmel stahlblau. Die D√§mmerung, sie kommt fr√ľh und pl√∂tzlich, weilt nicht lange und ist gerade deshalb beeindruckend sch√∂n. Tokyo saugt den letzten orange-roten Streifen in sich auf und es ist Abend.
Mein letzter Blick, nachdem ich mich durch die kunterbunte Shibuya, das blinkende Akihabara und die flimmernde Ginza habe treiben lassen, soll auf die Skyline gerichtet sein. Zuletzt möchte ich das Blau sehen, das man nur dort vom kaiserlichen Garten aus sehen kann, genau dann wenn die Sonne untergeht und die Dämmerung Tokyos Pracht entblößt.

Und meine Zeit in dieser Stadt ist vorbei.



Tokyo leuchtet geruchlos.

Drei Tage durchschwimme ich jetzt Tokyos Straßen. Die Leuchtreklamen weisen mir den Weg. Obwohl ich nicht weiß, wo es schön und wo es hässlich ist, wo gefährlich und wo man als Tourist was erleben kann, bin ich bisher nicht vom Weg abgekommen: Stets gelange ich an Orte, die mir gefallen, die mir gut tun. Hier kann man nichts falsch machen, dessen bin ich mir sicher. Die Stadt breitet sich klar und deutlich vor mir aus; sie ist wunderschön, kunterbunt und öffnet sich mir ohne Hintergedanken.
Der fehlende Geruch allerdings verwirrt mich, l√§sst mich zweifeln. Es erscheint nicht richtig, als w√§re ich gar nicht hier, in der modernsten der Gro√üst√§dte, sondern s√§√üe zu Hause auf der Couch und schaute zu, wie ein Kameramann mir Tokyo weist: Die Restaurants, die Gesch√§fte und Spielotheken, die buntgekleideten M√§dchen, die in Folie eingeschwei√ütes Toilettenpapier verteilen, anzugtragende Gesch√§ftsm√§nner, die am Ende des Zebrastreifens durch heftige Verbeugungen voneinander Abschied nehmen, and√§chtig umherstreifende Frauen in seidenen Kimonos mit zu Paketen gebundenen Obis auf dem R√ľcken und all die anderen Wunder Tokyos, die sich mir allzu friedlich darbieten. Der Dreck, der Schrecken und die stinkende Aufdringlichkeit mir bekannter Gro√üst√§dte aber werden ferngehalten, verbergen sich vor meinen Sinnen.

Ich bleibe stehen und atme.

Eine Gruppe junger Frauen in Kimonos zieht an mir vorbei, sie duften k√∂stlich nach parf√ľmierter Seife. Unvermittelt setzte ich ihnen nach: In keiner anderen Stadt, riechen die Menschen so gut wie hier. Die mich umgebende Sauberkeit tut unwahrscheinlich gut, mir kommen die Tr√§nen. Aber sie ist echt. Normalerweise meide ich die N√§he anderer Menschen, besonders in der U-Bahn, im Bus oder an Stra√üenkreuzungen ertrage ich den Geruch nicht, zusammengesetzt aus kaltem Rauch, zu lange getragener W√§sche und durch billiges Rasierwasser aufgestockte Alkoholfahnen: Er erinnert mich zu sehr an meinen Vater. Hier aber trete ich nah an die Menschen ran, lasse mir ihren seifigen Duft in die Nase wehen. Ein paar mal war ich kurz davor, den Kopf in den Nacken einer Frau zu legen, den seidenen Flaum an meiner Nase sp√ľrend ihren Wohlgeruch zu stehlen und damit mein Leben wie einen √ľbelriechenden Geist zu vertreiben. Unter den Menschen Tokyos f√ľhle ich mich wie ein Barbar. Ein haariges, stinkendes, schwitzendendes Unget√ľm; ein Wanderer aus einer vergessenen Welt. Die Stadt singt und tanzt um mich herum und ich verstehe nichts, bin ein Analphabet aus der Vergangenheit. Die Ginza hinab zum kaiserlichen Palastgarten treibend genie√üe ich wie Tokyo um mich herum flirrt und denke: Hier kann mir nichts passieren und st√ľrbe ich jetzt gleich, so w√§re es sicherlich ein sauberer, duftender Tod.

Ich blicke auf und möchte sterben.

Um mich schwillt der kaiserliche Palastgarten. Es ist zerm√ľrbend still. Wie kann es derma√üen still sein in einer Stadt, so laut, so bunt, so gewaltig wie diese? In der es nach Fisch, Nudelsuppe, Sake und Algen stinken sollte, die Nase aber vergebens nach Halt schnuppert. Wie kann man sein, in einer Stadt ohne Geruch? Wie kann ich hier sein, die ich stinke und schwitze und alles verpeste? Die Hochh√§user Tokyos umz√§unen den Garten, f√§rben den Himmel stahlblau. Die D√§mmerung, sie kommt fr√ľh und pl√∂tzlich, weilt nicht lange und ist gerade deshalb beeindruckend sch√∂n. Tokyo saugt den letzten orange-roten Streifen in sich auf und es ist Abend.
Mein letzter Blick, nachdem ich mich durch die kunterbunte Shibuya, das blinkende Akihabara und die flimmernde Ginza habe treiben lassen, soll auf die Skyline gerichtet sein. Zuletzt möchte ich das Blau sehen, das man nur dort vom kaiserlichen Garten aus sehen kann, genau dann wenn die Sonne untergeht und die Dämmerung Tokyos Pracht entblößt.

Und meine Zeit in dieser Stadt ist vorbei.



Version vom 28. 07. 2014 15:34
Version vom 06. 08. 2014 10:05

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DasKatastrophenprinzip
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Hallo Wipfel und Alligator,

es freut mich, dass euch mein Text gefallen hat. Bei meiner allerersten literarischen Ver√∂ffentlichung habe ich √ľberhaupt nicht mit positiver Reaktion gerechnet und freue mich daher umso mehr :-)

@Alligator: Ich stimme dir zu, die Kategorie Kurzprosa w√§re letztlich passender gewesen. Solche Einordnungen liegen mir nicht besonders, zuk√ľnftig werde ich das geneuer √ľberdenken.
Danke auch f√ľr die konstruktiven Anmerkungen, habe den Text entsprechend ge√§ndert und getreu dem Motto "Kill your Darlings" den Schluss umstrukturiert und jetzt wirkt es wirklich stimmiger.

Es freut mich, dass ich euch beide mitnehmen konnte, besonders, weil genau das mein Ziel war.

Danke K.

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