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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tomaten und Mord
Eingestellt am 11. 12. 2003 14:41


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Keks
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2003

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Wie esse ich die Tomate?

Mit aufgestelltem Kragen stand sie in einer Gondel und wies den Matrosen an, sich rechts zu halten.
Es wurde Herbst. Die B├Ąume, die die Kan├Ąle Venedigs s├Ąumten, k├Ąmpften um ihre letzten Bl├Ątter und durch die Gassen jaulte der Wind. Eine kalte Briese presste die get├Ânte Sonnenbrille gegen ihre Wimpern. Nerv├Âs massierte sie sich ihre Schl├Ąfe.
Sie hatte vor zwei Jahren ihren Job bei der Mafia aufgegeben. Es war nicht einfach gewesen, die Kontakte abzubrechen und unterzutauchen, aber seit l├Ąngerer Zeit war es still. Doch nun, vor zirka drei Wochen, fand sie einen Brief vor ihrer T├╝r. Auf den ersten Blick hatte es wie ein Liebesbrief ausgesehen und so hatte sie ihn mit fl├╝chtigem Interesse ge├Âffnet. Doch ihr Interesse stieg mit jedem Wort - wie auch ihr Entsetzen.
\"Seniora!\" Ein starker Ruck durchfuhr die Gondel und lie├č sie aufschrecken. Sie warf dem Matrosen einige M├╝nzen zu und sprang an Land.
Sie wusste nicht mehr genau, welcher Name genau unter der Nachricht gestanden hatte. Doch das was sie gelesen hatte, w├╝rde sie nicht vergessen - egal wie sehr sie es sich auch w├╝nschen mochte.
Jemand rempelte sie an und sie bog in eine Seitenstra├če. Ihr Ziel war ein kleines Stra├čencaf├ę. ÔÇÜDort wird jemand auf sie warten. Die Person wird drau├čen sitzen und fr├╝hst├╝cken.\' Es war kurz vor vier Uhr nachmittags und der Wind winselte an den Fensterl├Ąden der H├Ąuser.
Nat├╝rlich hatte sie erwogen nicht aufzukreuzen, doch in dem Brief hatte es weiter gehei├čen: ÔÇÜEntsprechen sie nicht den oben angegebenen Forderungen, sehen wir uns gezwungen sie pers├Ânlich aufzusuchen.\'
Wie ein Blitzgewitter jagte es unaufh├Ârlich durch ihren Kopf: Sie haben mich.

Sie r├╝ckte entschlossen ihre Sonnenbrille gerade und strich sich durchs Haar. Vor ihr lag das kleine Caf├ę. Es war nicht gut besucht, nur ein P├Ąrchen war hinter den Scheiben zu erkennen. Eine B├Âe fuhr unter ihren Mantel und lie├č sie erzittern. Vor dem Caf├ę standen ein kleiner Tisch und zwei St├╝hle. Sie straffte ihre Schultern und trat an den Tisch. Auf ihm lagen einige Cherrytomaten und ein Teller, an dessen Rand ein wenig Butter klebte. ├ťber den Tisch gebeugt sa├č ein Mann mit einer verschlissenen Melone auf dem Kopf.
Ungebeten setzte sie sich dem Mann gegen├╝ber. Dieser sah auf und l├Ąchelte sie an, dann sprach er: \"Ich hatte schon bef├╝rchtet, ich w├╝rde sie hier nicht treffen.\"
Er war alt. Doch seine Augen waren wach und seine Z├╝ge weise. Seine Brauen waren wei├č und sein Gesicht sauber rasiert, aber seine Kleidung sah, wie sein Hut, verkommen und abgerissen aus.
Er legte das Br├Âtchen in seiner Hand hin und steckte eine Hand in seine Tasche.
\"Ich habe etwas f├╝r sie, M├Ądchen.\" Er blickte auf. \"Sie wissen von wem.\" Er schob ihr einen kleinen Zettel zu. Sie nahm ihn nicht sondern sprach: \"Sie wissen was drin steht. Sagen Sie es mir.\" Der Alte sch├╝ttelte bedauernd den Kopf und deutete mit einem Finder zum bew├Âlkten Himmel. \"Befehl von oben. Es tut mir Leid, T├Ąubchen.\"
Mit starren Fingern entfaltete sie das Papier. ÔÇÜWir m├╝ssen ihnen mitteilen, dass wir ihre Dienste in Anspruch nehmen m├╝ssen. Eine bestimmte Person hat bestimmte Forderungen nicht korrekt erf├╝llt. Wir hoffen auf ihre Unterst├╝tzung.\' In sauberer Druckschrift folgten ein Name, Adresse und kurze Stichpunkte zum Aussehen und Charakter.
Kerzengerade sa├č sie auf ihrem Stuhl. Erst nach einigen Augenblicken lie├č sie den Zettel sinken und richtete ihren Blick wieder auf den alten Mann. Dieser l├Ąchelte immer noch warmherzig. Doch sie hatte eine kalte Hand an der Gurgel gepackt, die sie w├╝rgte. Mit ausdruckslosen Augen starrte sie durch ihn hindurch.
Seufzend wandte der Alten sich wieder seinem Fr├╝hst├╝ck zu. \"Wissen sie, meine Liebe, das Gesch├Ąft des professionellen Mordes kann man mit dem Essen einer Tomate vergleichen.\" Er lie├č eine der roten Fr├╝chte durch seine Finger gleiten. \"Wenn man zu schnell und gierig hineinbei├čt, zerplatzt sie am anderen Ende, wird matschig, der Saft l├Ąuft aus und deine H├Ąnde werden dreckig. Sofern du es nur einmal machst und es dann nicht wiederholst, kannst du ein wenig Tomate essen ohne zu deutliche Spuren zu hinterlassen. Doch ein kleiner Fehler oder ein schlauer Verfolger und du hast einen fetten Fleck auf deinem Hemd den du bis zum Ende deines Lebens behalten wirst.
Wenn du jedoch ├╝berlegst und vorsichtig die Schale mit den Z├Ąhnen eindr├╝ckst um dann erst den Saft herauszusagen um gen├╝sslich reinzubei├čen, verlierst du keinen Tropfen der Frucht. Du bekommst alles. Das kannst du so oft du willst wiederhohlen und du erh├Ąltst immer das Optimum an Gewinn.
Du siehst also, Erfahrung, Wissen und genaue Einsch├Ątzungen sind unverzichtbar. Ohne diese drei Dinge kannst du nicht planen, ohne einen Plan keinen Erfolg erzielen.\"
Er grinste und schnitt seine Tomate mit seinem Messer in mundgerechte St├╝cke und legte sie vor seinem Zuh├Ârer auf den Tisch. Dann nahm er eine zweite Tomate und biss schmatzend hinein, sodass der Saft auf den Teller klatschte. Immer noch breit grinsend schluckte er und leckte sich die Lippen.
\"Gute Ausr├╝stung, um einem die Arbeit zu erleichtern, und Freunde, die auch mal was auffangen, wenn mal was daneben geht, sind aber trotzdem unentbehrlich.\"
Er nahm eine dritte Tomate und steckte sie in sein Br├Âtchen. Die ├ľffnung die dadurch entstand, f├╝llte er mit einem Salatblatt und strich etwas Butter dar├╝ber. Er schien sich k├Âstlich zu am├╝sieren, als er das Br├Âtchen platt dr├╝ckte und seinen Beobachter interessiert anschmunzelte.
\"Aber am wichtigsten ist immer noch die Phantasie, erst sie macht einem die Sache schmackhaft. Und sie l├Ąsst dich Dinge in einer anderen Weise betrachten. Meine Kleine, alles ist eine Sache der Ansichtsweise.\"
Er nickte zufrieden und verspeiste, immer noch grinsend, sein Br├Âtchen.
Sie sprachen nicht, bis der Alte sich erhob. \"Du wei├čt also was niemals fehlen darf, h├Ârst du, niemals?\" Er l├╝pfte seinen Hut zum Abschied. \"Der Wille, mein M├Ądchen, der Wille ist ein starkes Werkzeug. Wenn du wei├čt was du willst, ist vieles einfacher.\" Er nahm sich die letzte Tomate und schob sie sich als Ganzes in dem Mund. \"Ich wollte Tomaten essen.\"
Leise summend verlie├č er sie. Sie sa├č unver├Ąndert stocksteif auf ihrem Stuhl.

Der Wind seufzte wie zuvor und sie stand vor der Adresse ihres Opfers. ÔÇÜDer Wille\', hallte es in ihrem Kopf. Die Waffe lag schwer in ihrer Hand; der Ekel vor ihrer Aufgabe auf ihrem Geist.
Es waren drei├čig Stunden vergangen, seit ihrem Treffen mit dem Alten. Sie hatte jede Sekunde mitgez├Ąhlt, gebeugt ├╝ber schwarzem Kaffee.
Nun stand sie knapp neben dem Lichtkegel einer Stra├čenlaterne und rieb ihre Finger nerv├Âs am Lauf ihrer Waffe. Die Nacht war lang gewesen und der folgende Tag l├Ąnger, doch sie hatte eine Entscheidung getroffen. Das gab ihr die Entschlossenheit und Kraft ihre Schritte zur Haust├╝r zu lenken.
Als sie sich ├╝ber den Lautsprecher als Postbotin ausgab, h├Ârte sie bereits Sirenen und hektisches Reifenquietschen. Die T├╝r summte und sie gelangte ins Treppenhaus.
Die T├╝r zur begehrten Wohnung war bereits ge├Âffnet und eine Person erwartete sie.
Sie presste ihre H├Ąnde in die Taschen und ging die paar Stufen empor.
\"F├╝r wen soll ich ein Paket annehmen?\" Diese Stimme - sie musterte die Person im fahlen Licht genauer. Sie erstarrte - ihr Opfer war ein Kind!
Sie blieb nicht stehen, sondern n├Ąherte sich wieder. In ihrem Kopf zuckten Bilder umher. Bilder von der Mafia gefolterter Menschen, hilflose Menschen: entkleidet, verpr├╝gelt, zerfetzt und zerst├Ârt. Sie sah den Jungen an, der vor ihr stand und sie fragend ansah.
Die Zeit stockte.
Sie zog ihre Waffe, entsicherte und zielte. Sie sah den Jungen zur├╝ckweichen und gegen den T├╝rrahmen prallen. Mit verzweifelten Augen und hochgerissenen Armen versuchte er seinen K├Ârper zu sch├╝tzen. Seltsam verzerrt drangen seine Schreie und sein Flehen an ihr Ohr.
Sie w├╝rden ihn finden. Sie w├╝rden ihn ├╝berall finden.
Ihre Augen brannten. Ihr ge├╝bten Finger legte sich um den Abzug und dr├╝ckte zu.
Ein Jaulen entfuhr dem Jungen und eine rote Bl├╝te begann auf seiner Stirn zu pulsieren. In letztem Reflex krallten sich die kleine Finger an den T├╝rrahmen, dann kippte der K├Ârper zur Seite und blieb seltsam verdreht liegen.

Es schien ihr wie eine Ewigkeit, bis sie die heulenden Sirenen der Polizei und die hysterischen Schreie der Mitbewohner h├Ârte.
Sie sah die Eltern des Jungen aus der Wohnung st├╝rmen und ├╝ber dem Jungen zusammenbrechen. Mittlerweile war der Boden benetzt mit Blut. Sie stand immer noch regungslos im Flur.
Deshalb hatte sie ihren Beruf geschmissen, hatte die Mafia verlassen wollen. Sie hatte all das hinter sich lassen und ein neues Leben anfangen wollen. Jetzt hatten sie sie wieder und w├╝rden sie auch nicht mehr freigeben.
Sie sah die Mutter zuckend ├╝ber ihrem Sohn liegen und den Vater, wie er mit erhobener Faust auf sie losging.
Ihre Augen brannten nicht mehr. In stiller Trauer rannen Tr├Ąnen ├╝ber ihre Wangen.
Der Mann holte gerade aus und nahm Anlauf um sie die Treppe hinunter zu schmei├čen. Doch ein lauter Befehl durchschnitt die Luft und er hielt inne um sich zu seiner Frau zur├╝ckzuziehen.
Sie verstand den Ruf nicht, aber wandte sich um. Als sie den Polizisten in der T├╝r sah, dachte sie nur: Endlich!
Der Mann kam mit gez├╝ckter Waffe vorsichtig auf sie zu. In der T├╝r gaben ihm drei seiner Kollegen Deckung.
Sie richtete ihre Waffe auf ihn, wohlwissend keine Kugel mehr geladen zu haben. Er z├Âgerte eine Sekunde. Seine Augen musterten sie. Sie l├Ąchelte und er dr├╝ckte ab.
Die Kugel bohrte sich in ihre Brust und schreiender Schmerz verzehrte sie. Mit einem Seufzer sackte sie zusammen. Alles wurde schwarz und K├Ąlte begann sie einzuh├╝llen. Dankbar durchfloss sie ihr letzter Gedanke: Ich bin frei.

__________________
"Wer Lyrik schreibt, ist verr├╝ckt
wer sie f├╝r wahr nimmt wird es."
Peter R├╝hmkorf

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