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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Torstein I: Der große Sprung nach vorn
Eingestellt am 23. 05. 2018 15:52


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Blumenberg
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Der große Sprung nach vorn


Torstein hat alles minutiös geplant. Neben der empfohlenen Tagesration an Ballaststoffen, Kohlehydraten, Zucker, Vitaminen und Aminosäuren, gibt es heute Mittag Omega3 Fettsäuren, die sind ein essenzieller Bestandteil gesunder Ernährung. Eigentlich mag er keinen Fisch, zwingt sich aber trotzdem einmal in der Woche dazu, ihn zu essen. Geschmack ist ein Luxus dem er abgeschworen hat, seine Gesundheit verlangt das. Schließlich ist der Körper eines jeden Tempel, und wer würde schon jemanden anbeten, dessen Tempel heruntergekommen ist. Angebetet zu werden ist schließlich das höchste Ziel. Reicht es dabei sich selbst sein einziger Gläubiger zu sein? Die völlige Einheit von Gott und Gemeinde. Ihm nicht, Torstein ist ehrgeizig. Deshalb richtet er, obwohl er ausschließlich für sich alleine kocht, alles so an als warte nebenan ein Restaurantkritiker. Das Auge isst mit. Nicht seines, er hat Hunger, sondern das durch die Linse seiner Handykamera vermittelte Auge jener, denen er sein Festmahl präsentiert, bevor er es zu sich nimmt. An guten Tagen klatschen ihm die Likes noch während des Essens Beifall, nur noch selten schlägt ihm ein Ausreißer trollend auf den Magen. Er hat sich entwickelt: von ungeschickt präsentiertem Gemansche auf dem Teller, hin zu einer ästhetischen Darbietung dessen, was er zu sich nimmt. Darunter postet er neuerdings auch die Nährwerte seiner Mahlzeit. Alle sollen sehen, dass er es ernst meint mit seinem Tempel - weit über das Ästhetische hinaus. Er ist kein Poser, er ist jemand, den es anzubeten lohnt. Das haben sie begriffen. Seine Gemeinde wächst stetig.

Ob er vielleicht das Rezept parat hätte? Fragt eatoptimizely79.

Torstein ist nicht sicher, ob er antworten soll. Teilt ein Gott seine Geheimnisse? Man soll keinen anderen Gott neben sich dulden, so viel weiß er. Aber wie ist es damit, den Normalsterblichen rezepteweise dabei zu helfen, sich einem anzunähern. Wann wird der Jünger zum Rivalen? Er will nicht so sein und sendet eatoptimizely79 das Rezept mit ein paar ergänzenden Tipps für die optische Gestaltung. Der Kerl hat sich schon häufig positiv auf seinem Instagram Account geäußert. Anschließend macht er seinen Powernap.

Zwanzig Minuten später ist es Zeit für das Buch mit dem er im Augenblick an seinen Speedreading-Fähigkeiten feilt. Bei der Arbeit wird er regelmäßig mit Massen an Dossiers, Kostenanalysen, Einschätzungen und Anfragen konfrontiert, und es wird Zeit, dass er endlich einen Weg findet, damit zurechtzukommen. Die Technik schwingt den Taktstock und Torstein hat zu folgen. Genauer gesagt: konzentriert und mit stetem Rhythmus das Augenpaar bewegend, seine Denkmaschiene dazu zu nötigen, Teile des angelesenen Satzes zu vervollständigen, was bisher nur leidlich funktioniert.

Die Vibration seines Smartphones unterbricht ihn schon nach wenigen Sätzen: Rezept erhalten! Kann es kaum erwarten, das auf meinem Blog zu teilen. Habe mir auch schon was ganz Frisches für die Optik überlegt.

Blog? eatoptimizely79? Seit wann denn das? Eine Unverschämtheit, da will sich einer mit seinem Rezept… So ein Fatzke, bestimmt tut er so, als sei ihm das von ganz alleine gekommen. Als sei es nicht Torstein gewesen, der auf das Teilchen genau den Nährstoffgehalt aus den angegebenen Tabellen errechnet und die einzelnen Geschmackskomponenten so wunderbar aufeinander abgestimmt hat. Ein Blog also…
Schnell sucht er nach dem ihm unbekannten Frevel. Da! Da ist er! Wordpress, aus vorgefertigten Bausteinen zusammengeschustert. So ein Versager, nichts Eigenes nur zusammengeschnorrte Sachen anderer. Aber diese Bilder! Wie geschickt das Licht arrangiert ist. Die Kamera ist hochauflösender als seine, das sieht er sofort. Profiequipment, nicht wie bei ihm mit der Handykamera fotographiert. Eine Beleidigung. „Alexa, setz Kamera kaufen auf meine to-do-Liste“ schreit er „Ich habe Kamera kaufen auf deine To-Do-Liste gesetzt.“ Schallt es aus dem Wohnzimmer zurück.

Warte nur eatoptimizely79, nun steht es auf seiner Liste, nicht mehr lang und deine Bilderchen interessieren niemanden mehr. Ihn schon gar nicht, er will nichts mehr sehen, schmeißt das Handy aufs Sofa und sieht auf die Uhr. Wie dringend er jetzt seinen Sport braucht, aber der ist erst in einer halben Stunde dran, wenn der optimale zeitliche Abstand zu seiner Mahlzeit erreicht ist. Also weiter Speedreading - hier fehlen wegen des ärgerlichen Blogs fast zehn Minuten. Er nimmt sich vor, in seiner Pause zu schauen, wo er die in seinem Wochenplan noch nachgeholt bekommt. Jetzt aber weiter, nur nicht noch mehr in Verzug geraten.

Endlich ist die quälende halbe Stunde um und er kann sich abreagieren. Rein in die Sportsachen. Ein schnelles Selfi mit der Uhr im Hintergrund, soll ruhig jeder sehen, wie gut er sein Zeitmanagement im Griff hat. Nur noch sein Tagesprogramm dazu und er kann loslegen. Heute ist Oberkörper angesagt, Schwerpunkt auf der Armmuskulatur. Er muss endlich seinen Trizeps vernünftig ausdefinieren, sonst wirkt der Kontrast zu seinem Bizeps hässlich. Er hasst es, das Ungleichgewicht jeden Morgen im Spiegel zu sehen und hat schon einiges probiert. Mit dem neuen Programm ist Torstein zuversichtlich, das Problem endlich gelöst zu bekommen. Eigengewicht ist das Zauberwort. Das Kreuz, das du beim Trainieren trägst, ist immer so schwer, wie du es verdienst. Bist du eine fette Sau, leidest du exakt im Maß deines Übergewichts. Das ist Gerechtigkeit. Gerechtigkeit und Challenge zugleich. Du, nur du bist dein Feind. Jedes Gramm Körperfett verhöhnt dich mit erhöhter Intensität, zieht dich runter, kämpft gegen dich. Das ist deine Passion. Hier muss der Wille über den Körper siegen, sonst bist du nichts. Was für ein knackiges Statement. Das muss er unbedingt posten. Bis vor ein paar Wochen hat er noch Hanteln verwendet, sowas von Gestern. Eatoptimizely79 trainiert bestimmt immer noch mit den Dingern. Torstein nicht, er ist immer am Puls der Zeit. Wer stehen bleibt fällt zurück. Ihm passiert das nicht, er bleibt nicht stehen. Für nichts und für niemanden. Wenn einer der Mensch der Zukunft sein will, dann muss er ihr entgegenrennen, und das so schnell er kann. Der zweite steht im Schatten. Für ihn ist der Platz an der Sonne immer schon vergeben. Man muss sich nur die Bilder von Sportlern auf dem Siegertreppchen ansehen. Wer erinnert sich schon an mehr als das gezwungene Lächeln des Zweiten, der dem Sieger gratuliert.
Das Programm ist gut. Torstein muss wieder an eatoptimizely79 denken und legt seine Verachtung für diesen impertinenten Schnorrer in jede einzelne Übung hinein. Eine bessere Kamera muss her, am besten sofort. Während er keuchend dem Gewicht seines Körpers wiedersteht, cancelt er seinen nächsten Freizeittermin. Alexa bestätigt ihm die Terminänderung. Duschen, dann Recherche heißt es jetzt.

Alles viel zu geleckt! Misstrauisch beäugt Torstein die Kommentare unter den Kameras. Seit er weiß, dass Firmen bei Drittanbietern Rezensionen en Gros kaufen, ist er auf der Hut. Er steht auf und geht in die Küche. Tee hilft ihm beim Denken, er trinkt ihn wie die Einheimischen auf dem Suq von Oujda. Da wird der Verkaufsstand seit Generationen vom Vater an den Sohn vererbt, die wissen wie man seinen Tee zu trinken hat. Der Zucker süßt den Mund, nicht den Tee, murmelt er wie ein Mantra, während er den Würfel kurz in die dunkelbraun schimmernde Flüssigkeit taucht und dabei zusieht, wie er sich vollsaugt.

Torstein hat den Alten, dem er diese Weisheit verdankt, auf dem Rückweg aus der Wüste getroffen. Er fährt einmal im Jahr dorthin, um zu schweigen. Andere gehen ins Kloster, er ist der aktive Typ, wandert zehn Tage lang mit den Beduinen. Vier Tage in die Wüste hinein, vier heraus. Torstein ärgert sich jedes Jahr darüber, wie geschäftig es dort mittlerweile zugeht. An so einem lebensfeindlichen Ort, wenigstens da, konnte er doch erwarten, nicht alle paar Stunden auf eine Straße, kamelreitende Touristen oder eine von diesen Esoterikgruppen zu treffen, die irre lachend die Dünen herunterrutschten, high von ihrem Erlebnis mit Mutter Erde. Aber dazwischen, dazwischen liegt dieser eine Tag. Der Tag, an dem er in sich selbst spazieren geht, nackt und völlig allein mit den Elementen. Dann fühlt er sich wie der Gott Bamba aus der mollussischen Dichtung - es gibt nur ihn und das Nichts… Dieses Gewahr werden der eigenen Kraft und Möglichkeiten. Ein unfasslich einfaches Glücksgefühl…

Hab dein Rezept nachgekocht und mal so richtig in Szene gesetzt! Du wirst es lieben, Mann!

Ob Bamba sich wohl bewusst war, dass dieser Typ dabei sein würde, als er aus Langeweile die Welt erschaffen hat? Aber wer achtet schon bei einem Großprojekt auf eine einzelne Kennziffer. Torstein nimmt den Zuckerwürfel zwischen die Zähne und trinkt seinen Tee. Auf dem Weg zur Arbeit fährt er gelegentlich an einem Fotoladen vorbei, dort wird er sich beraten lassen. Das Ganze gab eine gute Story für die nächste Afterwork-Party ab. Alle Welt kauft im Internet, da kam er sich schon beinah wie ein Rebell aus der Underground-Szene vor.

„Was meinen sie denn Bitteschön mit einer Beratungspauschale?“ Torstein ärgert sich über den selbstbewusst vorgetragenen Hinweis. Der Verkäufer erinnert ihn an die Asiaten, mit denen er in der nächsten Woche weiterverhandeln muss. Bis zum Anschlag höflich, aber in ihrer Position hart wie Granit.

„Sonst kaufen sie nachher nur wieder bei diesen Onlinediscountern. Sie verfällt, wenn sie hier was kaufen. Ansonsten berate ich sie natürlich auch gerne, nur kostet das eben 50 Euro. Angebot und Nachfrage, sie verstehen schon.“

Torstein ringt mit sich. Den Quatsch würde er sich an jedem anderen Tag keine Minute länger anhören, aber ihn drängt die Zeit. So richtig in Szene gesetzt? Was verflucht nochmal soll das heißen? Er hat es bisher nicht über sich gebracht, sich das Elend dieses Pfuschers anzusehen. Außerdem würde er sich wieder maßlos über die wunderbare Fotoqualität ärgern. Also gilt es aufzurüsten, gespart werden kann wo anders. Es drängt ihn. Dieser verdammte Blog. Torstein kramt sein Telefon hervor. Es ist noch schlimmer als er befürchtet hat. Das ganze Arrangement…die Bilder. Erbarmungslos scharf sieht er den tot gebratenen schwarzen Heilbutt vor sich. Darauf drapiert eine Zitronenscheibe -unbehandelt!! - Hat der Typ noch wie was von Food-Carving gehört? Und wie zum Hohn noch ein verdammter Dillzweig. „Empfehlen sie, Mann!“, herrscht er den Verkäufer an und sackt in sich zusammen. „Hochpreisig“, haucht er mit letzter Kraft.

Eine halbe Stunde später verlässt er den Laden mit einer Alpha99. Er hat sich auch noch für ein Beleuchtungssystem entschieden, das in den nächsten Tagen geliefert werden soll. Torstein ist zufrieden, das Ganze hebt ihn auf ein völlig neues Level. Wird Zeit, dass er mehr Follower findet. Die bringen mehr Traffic und mehr Likes. Er sieht sich selbst als Influencer. Neulich hat er sogar eine Nachricht von einem Typen bekommen, dessen ganzes Leben er verändert haben soll. Er hat sich groß gefühlt, als er das gelesen hat.

Wie sieht’s aus, Mann. Schon geteilt?

Den da, den Rezeptpantscher, den muss er loswerden. Eine wütende Antwort ist gefragt. Torstein juckt es in den Fingern. Doch er besinnt sich. Was, wenn der gekränkte Spinner das postet? Lieber diplomatisch sein. Aber wie? Ein wohlwollend strenger Kommentar vielleicht? Nein, das wäre zu viel Aufmerksamkeit. Nicht, dass er sich ermutigt fühlt. Teilen kommt ohnehin nicht in Frage. Also doch eine Abfuhr? Oder soll er ihn einfach ignorieren? Verdammt, er hat vergessen ein Beweisselfie vor dem Laden zu machen. Die Kamera wollte er in Siegerpose in die Luft recken. So porträtiert der Vorgänger den Nachfolger, die Vergangenheit rebelliert im Hintergrund gegen die Zukunft. Ohne eine solche Inszenierung wäre die Analogstory nur halb so rebellisch, sein großer Sprung nach vorne nicht bezeugt. Torstein macht auf dem Absatz kehrt und hastet zurück, während es zu regnen beginnt.

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