Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95290
Momentan online:
468 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tortilla mit Zwiebeln
Eingestellt am 06. 06. 2015 11:03


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Ji Rina
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2015

Werke: 17
Kommentare: 703
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ji Rina eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Manchmal ist es schon verrĂŒckt, wenn man daran denkt, was alles hĂ€tte sein können und dann doch nicht war. Heute Morgen zum Beispiel war ich fest entschlossen, mir eine Tortilla mit Zwiebeln zu machen. Alles war vorhanden: Eier, Zwiebeln, Öl. Diesen Gedanken konnte mir also keiner mehr wegnehmen.
Gegen zwölf Uhr ging ich mit meinem Hund spazieren. Wir liefen durch das an mein Haus angrenzende Olivenfeld, besuchten ein halbes Dutzend andere Hunde, die in den GĂ€rten vor den Eingangstoren ihrer HĂ€user saßen, und gingen dann ĂŒber die Hauptstraße auf ein großes Feld, in dessen NĂ€he manchmal, Schafe grasen.
Mein Hund rannte vorweg und schnĂŒffelte die Erde nach Wieseln ab. Plötzlich entdeckte ich am Fuße eines Baumes einen wilden Spargel. Es schlich sich der Gedanke in meinen Kopf, keine Tortilla mit Zwiebeln, sondern eine mit Spargeln zu machen. Aber da war ja nur dieser einzige Spargel – und das wĂ€re wohl zu wenig. Als ich ein StĂŒck weiterging, sah ich den nĂ€chsten, einsam unter einem Baum, kurz darauf noch einen. Und dann entdeckte ich einen Busch, unter dem bestimmt zehn, zwanzig StĂŒck standen. Ich lief also zurĂŒck zum ersten Baum, dann wieder zum nĂ€chsten, ging die ganze Strecke ein zweites Mal entlang und pflĂŒckte sie alle nacheinander.
Eine Stunde spĂ€ter, als ich in der KĂŒche stand und mir eine Tortilla mit Spargel machte, kam mir jemand in den Sinn, den ich vor einiger Zeit mal kennengelernt hatte. Es geschah im Winter irgendeines Jahres. Ich las in einer auslĂ€ndischen Zeitschrift eine Anzeige, in der ein Typ (dieser, von dem ich jetzt erzĂ€hlen will) eine Partnerin suchte. Ich meldete mich, und war ihm gleich sympathisch. Eine Weile schrieben wir uns Briefe, und nach drei Wochen schickte er mir ein altes Foto aus seiner Jugendzeit. Eines Tages schrieb er, dass seine Eltern sich freuen wĂŒrden, dass er mich, diese kleine Spanierin, auf diese Art kennengelernt habe, und dass sie sich noch mehr freuen wĂŒrden, wenn ich sie mal besuchen kĂ€me. Die Sache nahm also einen ernsten Verlauf, und ein paar Mal rief er mich sogar an. Er sagte, dass es so verrĂŒckt sei, jemanden in einem anderen Land gefunden zu haben – und dass die Wege des Lebens unvorhersehbar seien. So ging das eine Weile, ich glaube im Großen und Ganzen acht Wochen. Zu mehr kam es dann nicht. Plötzlich ließ er nichts mehr von sich hören und er rief mich auch nie wieder an. Einige Zeit spĂ€ter bekam ich dann einen Brief von ihm, in dem er mir erklĂ€rte, er habe ein anderes MĂ€dchen kennengelernt, ganz in der NĂ€he seiner Stadt. Und dass, naja, wie so Dinge halt passieren, er sich in sie verliebt habe.

Zwei Jahre spĂ€ter, ich wusste ĂŒberhaupt nicht mehr, wie der Typ in seiner Jugendzeit mal ausgesehen hatte, schrieb er mir plötzlich einen Brief, in dem er mir erzĂ€hlte, dass er dieses junge MĂ€dchen inzwischen geheiratet habe und sie in einem zweistöckigen Haus an einem Waldrand lebten; dass sein inzwischen zweijĂ€hriger Sohn (Johnny) in den Kindergarten ginge, und seine Frau einen kleinen Laden mit Wollartikeln besĂ€ĂŸe, in dem sie von neun Uhr morgens bis achtzehn Uhr abends arbeite. Auf der nĂ€chsten Seite schrieb er, dass er sich noch genau an mich erinnern könne, an meine schöne Handschrift und die netten Worte, an die schönen TrĂ€ume, die wir mal hatten. Und dass es damals durchaus eine Möglichkeit gegeben hĂ€tte (die es dann aber nicht gab) –, dass er zu mir gekommen wĂ€re, um mich zu besuchen. SpĂ€ter wĂ€re er vielleicht sogar geblieben, und dass er sich hier bei mir genauso gut eine Zukunft hĂ€tte aufbauen können, wie er es im Endeffekt in seinem Land gemacht hatte. Er schrieb, wie sehr ihm das alles leid tĂ€te, aber dass das Leben, so oder so, nun mal weiterginge. Im Inneren des Umschlags lag dann noch ein kleines Foto, auf dem seine Frau, - nordisch, hĂŒbsch, mit freundlichem LĂ€cheln -, und sein Sohn Johnny zu sehen waren.

Ich gab ihm auf diesen Brief keine Antwort.

Der Typ war aus Ipswich. Zwischen Ipswich und meinem Wohnort liegen fast zweitausend Kilometer. WĂ€hrend dieser Zeit mĂŒssen sich auf dieser Strecke unzĂ€hlige Dinge abgespielt haben: Überschwemmungen, die ganze Dörfer entzweigerissen haben; ZĂŒge, die entgleist sind; Tunnel, in denen sich aufeinanderfahrende Autos getĂŒrmt haben. Es kam die Schweinepest. Das Tropische Fieber. Politikerwahlen. Kriege in mehreren LĂ€ndern. Ich habe diesen Typen noch nie in meinem Leben gesehen, ich habe keine Ahnung, wo er am Körper Leberflecken besitzt. Ich kenne auch nicht seine SchuhgrĂ¶ĂŸe oder die Form seiner FingernĂ€gel, nicht seine Augenfarbe oder seinen Geruch. Die wenigen Gemeinsamkeiten unserer jeweiligen Interessen waren der reinste Zufall. Außer seiner metallischen Stimme am Telefon und seiner Handschrift kenne ich von diesem Typen nichts. Ich könnte jetzt auch gar nicht sagen, ob er eine Tortilla mit Spargel gegessen hĂ€tte oder lieber eine mit Zwiebeln. In all dieser Zeit ist auch sehr viel passiert: Ich hatte mehrere Male eine Grippe, von der er gar nichts wusste. Man hatte mir meinen FĂŒhrerschein gestohlen, und ich musste einen neuen beantragen. Eine meiner Katzen war an einem zwölften Juli jenes Jahres plötzlich verschwunden, und nicht er, sondern ich habe darunter sehr gelitten.

Aber heute, so wie ich hier gerade stehe, und die Spargel in kleine StĂŒckchen schneide und mich dabei frage, ob ich nicht gleich zwei Tortillas statt nur einer machen sollte, freue ich mich fĂŒr ihn. Es ist schön, dass er sein Fleckchen an der Sonne noch gefunden hat.

Ich denke, dass diese Mitteilung fĂŒr die gesamte Menschheit sehr wichtig ist. Und wenn nicht, dann nutze ich die Gelegenheit, um diesen Typen aus Ipswich zu grĂŒĂŸen und ihn wissen zu lassen, dass hier heute ein trĂŒber Tag ist, fĂŒnfzehn Grad, aber dass der Wetterbericht von Radio Catalunya Sonne vorausgesagt hat. Und dass die Tortilla aus drei Eiern sehr viel grĂ¶ĂŸer ausgefallen ist, als ich dachte.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Mistralgitter
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2015

Werke: 85
Kommentare: 375
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mistralgitter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Leider bin ich nicht der Typ aus Ipswich, aber ich habe deine Geschichte sehr gerne gelesen.
Hier ist es sehr heiß seit Tagen und ich esse die Spargel eher auf deutsche Art mit Kartoffeln, Butter, Schinken und manchmal so, wie man sie sonst nicht kennt z.B. mit Zaziki oder Knoblauchquark und Oliven als Beilage.
Wilden, unentdeckten Spargel wĂŒrde ich auch gerne finden.

All diese AlltĂ€glichkeiten, die großen und die kleinen, die bedeutsamen und weltbewegenden und die völlig unscheinbaren, sehr privaten, die erwiderten und die abgelehnten GefĂŒhle ergeben unseren Lebensflickenteppich. Und immer wieder irrgeistern frĂŒhere, nicht gelebte Beziehungen unverhofft durch unsere Köpfe, obwohl doch alles entschieden ist seit Jahren. Und der flĂŒchtige Gedanke stellt sich ein: Was wĂ€re, wenn... man gemeinsam auf Spargelsuche gegangen wĂ€re ...?

Diese Geschichte finde ich in ihrer zurĂŒckhaltend, unaufdringlichen Art sehr lesenswert. Das einzige, was mich stört, ist die Bezeichnung "Typ". Ich vermute, dass er gewĂ€hlt wird, um etwas lockerer daher zu kommen. In meinen Ohren klingt er jedoch etwas abwertend - das hat der Prot. jedoch in diesem Text nicht verdient. WĂ€re es möglich, ihm stattdessen einen Namen zu geben?

LG
Mistralgitter

__________________
AST: "Ach, wissen Sie, in meinem Alter wird man bescheiden - man begnĂŒgt sich mit einem guten Anfang und macht dem Ende einen kurzen Prozess."

Bearbeiten/Löschen    


Stefan Sternau
???
Registriert: Jan 2015

Werke: 28
Kommentare: 148
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Stefan Sternau eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Ji Rina,

offen gesagt war ich nach dem ersten Lesen deiner Geschichte etwas erstaunt. Ich fragte mich: Was hat deine Tortilla eigentlich mit dem „Typen“ zu tun, mit dem du vor einiger Zeit eine Briefreundschaft bzw. Telefonbekanntschaft hattest? Eigentlich gar nichts.

Aber dann versuchte ich, mich etwas mehr in deinen Text einzufĂŒhlen. Ich glaube, da verfolgst hier weniger einen Ă€ußeren, kausal-linearen Handlungsablauf, sondern mehr eine innere Kette von Gedanken und GefĂŒhlen, einen assoziativen Ablauf, der Ähnlichkeit mit dem Surfen im Internet hat.
Und so machte die Geschichte fĂŒr mich dann Sinn. Die Verbindung zwischen Tortilla und Typ ist einfach die, dass du beim Zubereiten der Tortilla an den Typen denken musstest. Mehr nicht.

Dazu passt auch: Du nennst die Geschichte „Tortilla mit Zwiebeln“, weil das der innere Plan war, und das zĂ€hlt mehr, als dass du real Tortilla mit Spargeln zubereitest.

Ich finde deinen ErzĂ€hlstil durchaus reizvoll: du reihst wichtige Aussagen und unwichtige Details aneinander, du erzeugst so eine lakonische und auch ironische AtmosphĂ€re – im Sinne einer amerikanischen ErzĂ€hltradition?

Genug der Analyseversuche, mir hat's einfach gefallen. Und ich habe Appetit auf Tortilla bekommen, ĂŒbrigens, die mit Spargel wĂŒrde ich auch vorziehen.

Liebe GrĂŒĂŸe

Stefan

Bearbeiten/Löschen    


13 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung