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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Tot ist tot
Eingestellt am 11. 02. 2019 17:33


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Penelopeia
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Tot ist tot

- In der zentralen Überwachungsstelle lĂ€uft ein seltenes Störungssignal ein
- Der diensthabende Polizist, Mik Meier, bittet seine Zwillingsbruder Kim Meier, sich um das Problem zu kĂŒmmern, der aber hat angeblich einen großen Fisch an der Angel: Er meint, die Mitarbeiterin eines Prostituiertenringes erwischt zu haben
- Aus diesem Grund beschließt Mik Meier, sich selbst um das Problem zu kĂŒmmern

Das Störungssignal fĂŒr Nr. XML 37732701 aus Überwachungszelle 2323 erhob durch eine hektisch in Rot blinkende Zeile und einen ins Hirn stechenden Piepton Anspruch auf höchste Beachtung: Der Piep war nicht von Dauer, er intervallte und schwallte auf und ab; die nervige Struktur des akustischen Signals sollte vermutlich ein hohes Level der Störung zum Ausdruck bringen.
Der wachhabende Polizist der Nachtschicht, ein Mittvierziger namens Mik Meier – leicht untersetzte Figur, BĂŒrstenhaarschnitt, abstehende Ohren –, gĂ€hnte, öffnete die Augen, versuchte die Stelle des optischen Teiles der Störungsmeldung zu lokalisieren. Langsam, gebremst vom Widerwillen am Dienst, wanderte sein Blick ĂŒber die linke, die mittlere, die rechte Monitorwand.
Diverse Altmeldungen blinkten da im Takt von fĂŒnf, sechs, acht oder noch mehr Sekunden vor sich hin; das waren bestĂ€tigte, registrierte Meldungen. Wenn eine Störung bestĂ€tigt wurde, sank die Taktrate auf die halbe Frequenz und nahm in der nachfolgenden Zeit immer weiter ab; erreichte allerdings, solange die Ursache der Störung nicht bearbeitet war, keinen Dauerzustand. (Miks Vorschlag, einem Störungssignal nach Ablauf einer bestimmten Zeit, vielleicht von Stunden oder Tagen, Dauer zuzugestehen, war bei den Vorgesetzten auf heftige Ablehnung gestoßen: Sie hatten sehr schnell erkannt, dass es fĂŒr die Dauer eines Blink-blink zwei Möglichkeiten gab: entweder Null oder Eins, also Dauerleuchten oder Dauer-Aus. Vor dieser Entscheidung aber scheuten sie sich wie der Teufel vor dem Weihwasser oder, um einen zeitgemĂ€ĂŸeren Vergleich zu bemĂŒhen, wie der gemeine Servicetechniker vor den komplexen Steuermodulen der Billig-Alexa vom Discounter. Ein Dauerleuchten konnte ja doch ĂŒbersehen werden, und ein Dauer-Aus war gleichbedeutend mit der Auslöschung der Meldung.)
Es gab Blinks, die mussten uralt sein, denn ihre Taktrate lag bei mehreren Minuten, ja Stunden – wodurch sich die diensthabenden Polizisten an einige dieser Langsam-Takter bereits gewöhnt hatten, etwa so, wie man sich an einen alten Bekannten gewöhnt, den man dauernd vor der Nase hat. Sie waren Untote, verblassende Zeugen mit erlahmendem Mitteilungswillen von Störungen im Ablauf des zivilen Lebens, UnfĂ€llen, Morden, StromschlĂ€gen


Da, in der untersten rechten Ecke der rechten Monitorwand, wo die Meldungen aus diversen no-go-Areas und sonstigen aufgegebenen Stadtgebieten positioniert waren, blinkte eine Zeile schnell, hektisch, leuchtend rot. Das musste die neue Meldung sein!
Er drĂŒckte einen Reset-Knopf; der nervige Ton verstummte, das Blinken verlangsamte sich auf halbe Taktrate. Meier Ă€chzte in der Art eines alten, aus dem Leim gehenden Holzstuhles, lehnte sich zurĂŒck, löste den Blick von der Monitorwand; starrte zur Decke. Noch eine halbe Stunde bis zum Schichtwechsel. Schon siebeneinhalb Stunden in diesem Verhau. Verdammt, wie konnte das einer ĂŒberhaupt aushalten, die vielen Störungen, AusfĂ€lle, Alarme
 Sollte er Meldung machen? Nach kurzer Überlegung entschied er: nein, er wĂŒrde kein Meldeprotokoll absetzen, jedenfalls kein eigenes.
Die GrĂŒnde lagen klar auf der Hand: Erstens generierte das System ohnehin vollautomatisch ein Protokoll zu jeder Störung. Zweitens Ă€nderte sich mit einer weiteren, von ihm verfassten Meldung zu einer Störung nichts. Keiner wĂŒrde sich um das Problem kĂŒmmern. Keiner wĂŒrde einen Wagen rufen und sich vor Ort der Angelegenheit annehmen. Drittens betraf die Meldung eine Örtlichkeit in einer der so gut wie aufgegebenen Areas. Viertens gab es zwar immer noch ein Bereitschaftssystem fĂŒr besonders eilige FĂ€lle, aber das funktionierte lĂ€ngst nicht mehr, wie ursprĂŒnglich gedacht. Die selbstfahrenden Taxis waren reparaturanfĂ€llig, sie standen zu großen Teilen in den WerkstĂ€tten, tagelang, wochenlang. Es gab kaum Ersatzbatterien, auch waren Verschleißteile wie Reifen, Radlager, Motorregler usw. seit Jahren rationiert. Wie also sollte eine Einsatzkraft, wenn sie denn zur VerfĂŒgung stand, in spĂ€testens einer halben Stunde, wie das die Vorschrift vorsah, am Ort des Zwischenfalls eintreffen? FĂŒnftens: Auf den Monitoren standen eine Reihe von Störmeldungen an, eine Vielzahl langsam blinkender und teilweise fast zum Blink-Stillstand gekommener Textzeilen zeugte davon. Wenn es gut ginge, wĂŒrde in den nĂ€chsten Tagen eine turnusmĂ€ĂŸige Roboterstreife der Bereitschaftspolizei den Block von außen inspizieren, er könnte die Meldung mit einem Hinweis versehen, die Wohnungen des betroffenen Blockes ein wenig zu durchleuchten.
Es war ja so: Oft fanden die Beamten die Bewohner nicht mehr lebend vor. Bei Eintritt des Todes gab ein Durchschnittschip ein Notsignal, das ja eigentlich ĂŒberflĂŒssig war: Tot sei tot, witzelten Meiers Kollegen, da sei Eile weiß Gott nicht mehr angebracht; dann starrten sie meist wieder auf die langsam und immer langsamer blinkenden LĂ€mpchen.
Sechstens hatte Meier in wenigen Minuten Feierabend. Er gĂ€hnte nochmal und Ă€chzte zeitgleich ungeniert. Schloss die Augen. Stellte sich ein kĂŒhles Bier vor, wie er es öffnete, langsam in ein Glas laufen ließ, das Glas zum Mund fĂŒhrte


Etwas stimmte nicht. Etwas war anders an der letzten Störmeldung. Er schob sich mit der Rechten die bleischweren Augenlider hoch, quÀlte sich aus seiner halb liegenden Haltung, beugte sich zu dem Monitor mit der seltsamen Textzeile. Las genauer. Dachte angestrengt nach.
TatsĂ€chlich: Es handelte sich um keine normale Störmeldung, wie sie im Falle des Todes oder eines noch laufenden Todeskampfes eines ChiptrĂ€gers erzeugt wurde. Es handelte sich um eine seltene, ihm selbst nur von der Ausbildung her bekannte Störung. In der blinkenden Textzeile stand doch tatsĂ€chlich zu lesen: No signal. Das konnte nur bedeuten: Ein Chip hatte aufgehört zu existieren. Oder der TrĂ€ger war mit seinem „copulator“, seinem „Verbinder“ abgetaucht, entschwunden in die Bereiche des Nichtkontrollierbaren.
Gab es denn wirklich noch solche Orte, Katakomben quasi, nicht kontrollierbare Verstecke? An der Existenz von no-go-Areas war kein Zweifel, ganz und gar nicht. Aber Bereiche, die der Überwachung komplett unzugĂ€nglich waren? Unausdenkbar.
Solche Bereiche gab es, jedenfalls nach offizieller Lesart, nicht in diesem Lande!
Alle BĂŒrger sollten zu jeder Zeit erreichbar sein. Keiner sollte sich allein fĂŒhlen. Das war Staatsdoktrin, und keiner widersprach, lagen die Vorteile doch auf der Hand: Die Kommunikation war grenzenlos und total – wenn der Staat Informationsbedarf hatte; die Polizei, das Amt fĂŒr Gesundheitskontrolle, das Finanzamt, alle möglichen Behörden wussten jederzeit, wie es BĂŒrger X oder Y ging, wo er sich aufhielt, welche Probleme, Wehwehchen oder seltsamen Gedanken er hatte. Dass ein Eingreifen und eine effiziente Hilfe auf Grund der vielfĂ€ltigen Probleme der neuen Techniken gar nicht mehr möglich waren, stand auf einem anderen, kaum thematisierten Blatt


Dem Polizisten Mik Meier kam eine Idee. Er rief seinen Zwillingsbruder Kim an, bat ihn, sich doch mal kurz um den TrĂ€ger von XML 37732701, wohnhaft in Überwachungszelle 2323, zu kĂŒmmern; soviel er wisse, sei diese genannte Zelle doch sein derzeitiger Einsatzort?
Kim Meier entschuldigte sich: Er habe momentan keine Zeit, sei voll eingespannt in einen wichtigen Fall.
Mik Meier wurde hellhörig. Wichtiger Fall?
Kim Meier druckste herum, erklĂ€rte endlich, er habe möglicherweise die Mitarbeiterin eines Prostituierten-Netzwerkes an der Angel. Er lieferte eine kurze Beschreibung der Person und begrĂŒndete seinen Verdacht.
Freilich, eine gewisse Unsicherheit bleibe. Instinktiv fĂŒhle er jedoch, dass er da ein heißes Eisen im Feuer habe. Er, Mik, könne sich ja vor Ort ein Bild machen und dann seine Meinung kundtun. Er trĂ€te dann gerne zurĂŒck und ĂŒberließe ihm den Fall. Außerdem, bei dieser Gelegenheit, könne er ihm noch was ĂŒberreichen, am besten am Eingang des Schrottplatzes zwischen Bahndamm und der Wohnsiedlung „Born der vollendeten Nachhaltigkeit“.
Mik Meier schwankte. Überlegte hin und her. Was steckte hinter diesen diffusen Andeutungen? Wollte ihm sein Bruder eine Gelegenheit zu einer kleinen Erpressung einrĂ€umen, ihm eine kleine Abwechslung von seinem tristen Dienst vor den Monitoren verschaffen?
Und was verbarg sich hinter dem angedeuteten Geschenk? Eine Einladung zu seinem Geburtstag? Eine abgetragene Hose? Er kannte seinen Bruder als ausgeprĂ€gten Geizkragen. Eine Einladung oder auch eine abgetragene Hose, das war noch vorstellbar. Aber eine ganze Frau – das heißt: eine schnelle Nummer – so mal auf die Schnelle zu verschenken, das traute er seinem kleinkarierten BrĂŒderchen nun ganz und gar nicht zu.
Der Aufforderung Folge zu leisten und die Gelegenheit zu nutzen, dafĂŒr sprach andererseits eben die Aussicht auf ein schönes, kleines, kostenloses Abenteuer. Und wenn die Frau die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage nicht verstehen sollte, und die daraus resultierende einzige Möglichkeit, einer Bestrafung aus dem Wege zu gehen, nicht wĂ€hlte, wĂ€re ihm ja der offizielle Weg der Übergabe einer ertappten Delinquentin an die Einsatzstelle gegeben: Meriten gĂ€be das, eine kleine PrĂ€mie, vielleicht eine Beförderung

Mik ließ sich langsam gegen die weichgepolsterte Lehne seines Massagesessels sinken, richtete den Blick auf den rechten Monitor mit der seltenen Störung am unteren rechten Rand, und ĂŒberdachte nochmals die aktuelle Situation und alle daraus folgenden Möglichkeiten fĂŒr eine Befriedigung seiner Lust, die Beschleunigung seiner Karriere, die Steigerung seines Renommees.

                        *

Die zwei waren lange Konkurrenten gewesen, zu Hause, in der Schule, in der gemeinsamen Lehre, im Beruf dann als Mechatroniker, den sie in unterschiedlichen Klitschen, winzigen, schmierigen HinterhofwerkstĂ€tten, fĂŒr kleines Geld mit großer Unlust ausĂŒbten.
Wenn sie in ihrer Freizeit mit achtzehn, neunzehn Jahren an prĂ€historisch alten Verbrenner-Autos, die es eigentlich gar nicht mehr hĂ€tte geben dĂŒrfen, die aber trotzdem in finsteren, versteckĂ€hnlichen Garagen bis in die neuen, elektromotorisch-abgasfreien Zeiten gerettet worden waren –, wenn sie also an solcherlei Relikten einer vor Jahrzehnten zu Ende gegangenen Ära fossilen Wahnsinns herumschraubten und Motoren tunten oder die Software der SteuergerĂ€te zu ĂŒberlisten versuchten, um am Wochenende, bei illegalen Rennen auf abseitigen PlĂ€tzen verfallener Industriebrachen, die Stoßstange vorn zu haben, ging es nicht nur darum, aus dem öden Alltagstrott, angefĂŒllt mit dem ewigen Austausch von Batterien, Rekuperatoren, Generatoren, Kameras, Schwarmsteuermodulen, Spurhalteassistenten, Atemalkoholcontrollern usw. auszubrechen; es ging auch nicht in erster Linie darum, den Jungs vom Kiez die Grenzen zu zeigen; nein, es ging wohl vor allem darum, einander ein Schnippchen zu schlagen. Und wer ein solches Rennen gewann, machte Eindruck, bei den Kumpels, bei den MĂ€dchen.
Vermutlich ging es immer nur darum: um MĂ€dchen, um „BrĂ€ute“. Das war das Ziel aller AktivitĂ€ten, nichts sonst!
Die zwei waren drauf und dran, eine kriminelle Karriere einzuschlagen. Sie wurden bei Rennen mehrmals von Polizeistreifen kontrolliert, erhielten Strafen, mussten die FĂŒhrerscheine abgeben. Das kratzte sie nicht. „Nun erst gerade!“, großmaulten sie und machten weiter. Motzten die Autos auf, bohrten die EinspritzdĂŒsen grĂ¶ĂŸer, mischten sich hochoktanige, raketenĂ€hnliche Treibstoffe zusammen. Fuhren die Rennen ohne FĂŒhrerscheine und Gurte, aber mit Hammerpromille im Blut. Protzten mit ihrer Coolness vor ihren Freunden. PrĂŒgelten sich. Rauchten alle möglichen KrĂ€uter. Experimentierten mit Drogen. FĂŒhlten sich unangreifbar. Riesig. Stark.
Unsterblich.
Das wĂ€re wahrscheinlich bis zu Haftstrafen oder einem Crash mit Genickbruch gegangen, hĂ€tten die zwei an einem schönen Samstagabend im Juni nicht zeitgleich ihre sorgsam restaurierten alten Autos zu Schrott gefahren. Sie rutschten aus einer Kurve, einer hinter dem anderen, und knallten gegen die bunt besprĂŒhte Betonwand eines stillgelegten Straßenbahndepots. Die Airbags funktionierten, was ein echtes Wunder war nach all den Jahren, es gab zweimal einen Knall, die TĂŒren flogen aus den rostigen Angeln. Sie selbst entstiegen, ein weiteres und noch grĂ¶ĂŸeres Wunder, den qualmenden Blechhaufen und sahen sich an. Grinsten zwar noch, als handele es sich um eine Lappalie, etwa von der GrĂ¶ĂŸe eines kleinen Kratzers im Blech; doch beiden zitterten die Beine, und blass waren sie wie echte Leichen.
Frauen waren nicht zugegen. Was GlĂŒck.
Bis zum Herbst taten sie nur noch das Nötigste auf ihren Arbeitsstellen. Die Wochenenden versumpften sie trĂŒbsinnig in ihrer Stammkneipe. Das Leben schien irgendwie gelaufen. Doch Mik dachte nach, auch wenn man ihm das nicht gerade ansah.
Schließlich, nach Wochen, kam er zu einem Entschluss. Er machte seinem Bruder Kim den Vorschlag, es doch mal auf der anderen Seite zu versuchen.
Was das sein solle, die „andere Seite“? Kim schaute leicht bedeppert. Das andere Ufer?
Mik: „Na, du Blödmann. Seh‘ ich so aus? Ich meine es ernst. Wir machen was völlig Neues, was fĂŒr die Zukunft.“
???
Mik: „Wir bewerben uns bei den Bullen“!
Kim zeigte ihm einen Vogel und drehte sich um.

Kurz vor dem Weihnachtsfest bewarben sich beide bei der Polizei. Eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen bei ihrem Vorleben.
Wider Erwarten erhielten sie eine Einladung zu einem VorstellungsgesprĂ€ch, wider Erwarten einige Wochen spĂ€ter eine Zusage, dass sie, falls die weiteren ÜberprĂŒfungen und Tests positiv ausgehen sollten, sie die gewĂŒnschte Stelle antreten könnten.
Wider Erwarten passierte genau das. Die Durchleuchtungen und TiefenschĂŒrfungen brachten – angeblich – nichts, aber auch gar nichts zutage, was einem Polizeidienst im Wege hĂ€tte stehen können.
Eine ErklĂ€rung fĂŒr die seltsame Entwicklung der Dinge fiel keinem ein. Sie drehten und wendeten die unverstĂ€ndlichen VorgĂ€nge stumm und staunend in ihren Köpfen, bedachten sie von vorn nach hinten und umgekehrt, kamen zu keinem Ergebnis, schoben sie in die große Ablage fĂŒr ungelöste LebensrĂ€tsel, fĂŒgten sich in ihr Schicksal wie erschöpfte Therapeuten oder alte, lebensmĂŒde Leute, und traten, mehr oder weniger wortlos-desillusioniert, in den Staatsdienst.
Nach einigen Jahren verbissener Ausbildung und nicht sonderlich abwechslungsreicher Arbeit im Bereich der Sicherung genehmigter Demonstrationen verfassungswidriger Elemente, erhielten sie neue Aufgaben. Ihr gemeinsamer Vorgesetzter legte ein Wort ein fĂŒr die beiden bei seinem Vorgesetzten – oder vielleicht zwei, also eines fĂŒr jeden –, er sah wohl, dass Mik und Kim allmĂ€hlich auf gefĂ€hrlich platt-profillosen Reifen durchs Leben kurvten. Er wollte sie wieder in die Spur bringen, indem er ihnen einen Karriereschub verpasste!
Und das passierte tatsÀchlich: Mik Meier wurde in einer trockenen, warmen Einsatzzentrale vor drei WÀnden von Monitoren stationiert, Kim Meier durfte eine Sonderausbildung als verdeckter Ermittler antreten.
Um diese Rolle glaubhaft auszufĂŒllen, dachten sich Kims Vorgesetzte die unterschiedlichsten KostĂŒmierungen fĂŒr ihn aus. Mal war Kim als Heizungsmonteur im Einsatz, mal als Mitarbeiter eines Stromlieferanten, mal als Dealer fĂŒr gesuchte Ersatzteile, wertvollen Schrott oder auch Drogen. Dass die ÜbergĂ€nge gleitend waren und mitunter auch in die Bereiche des Illegalen fĂŒhrten, war ihm ausdrĂŒcklich – aus GrĂŒnden der Glaubhaftigkeit in der Szene – nicht nur gestattet, es war ihm angeraten worden! Kim nutzte die prĂ€chtigen neuen Möglichkeiten und ĂŒbte stundenweise auch gleich eine TĂ€tigkeit fĂŒr einen privaten Wachdienst aus, ohne seine Dienststelle darĂŒber zu informieren.

                        *
Der Polizist Mik Meier quĂ€lte sich nach seiner Nachtschicht aus dem bequemen Massagesessel und machte sich auf den Weg. Nicht nach Hause riss es ihn – denn da war niemand, der auf ihn wartete, keine Frau, kein Hund, höchstens ein Regal voller Pornofilme und ein KĂŒhlschrank mit ein paar Flaschen Bier. Sondern, aus GrĂŒnden starker Neugier, in Richtung Zelle 2323.
Zwei Dinge könnten ihm ein bisschen Abwechslung bringen, hoffte er: eine Frau, falls die denn wirklich das verbotene Gewerbe verfolgte, und das unbekannte Geschenk seines Bruders, angeblich eine sehr, sehr wichtige, seltene und begehrte Sache, die er schon lange suche. Fast war Mik Meier in seinen Gedanken mehr bei dieser rĂ€tselhaften Verheißung als bei der Hure. Die war wohl ohnehin lange in anderen Betten, es sei denn, sie war so hĂ€sslich, dass sie keinen Kunden fand. Oder sie war bereits von einer Roboterstreife eingesammelt worden.

Es dĂ€mmerte bereits, als er nach etwa einem halbstĂŒndigen, ruhigen Spaziergang mit einer gemessenen Anzahl erholsam-tiefer AtemzĂŒge, die doch seine innere Spannung nicht hatten mindern können, in den Bereich der Zelle 2323 gelangte. Er drĂŒckte sich in einen der HauseingĂ€nge und scannte das Umfeld ab.
Kaum einer war zu dieser Zeit unterwegs. Ab und an kurvte eines der fĂŒhrer- und fahrgastlosen Ruftaxis vorbei. Magere Vögel pickten lustlos in den gammeligen AbfĂ€llen auf der Straße herum, Ratten huschten geschĂ€ftig ĂŒber den Gehweg.
Eine Frau klapperte mit schnellem Schritt die Straße herunter.
Eine junge, hĂŒbsche Frau in einer roten Jacke, halblangem Jeansrock und Pumps!
Das passte! So hatte Kim sie beschrieben. Mik Meier duckte sich in den Hauseingang zurĂŒck, wartete, bis sie in unmittelbarer NĂ€he war. Sprang aus seiner Deckung, fixierte die Frau streng: „Hundert?“
Die Frau stand wie vom Blitz erstarrt. „Hundert was?“
„Na, entfuhr es Mik voller UnverstĂ€ndnis, „mit was zahlen wir wohl auf dem Schwarzmarkt?“
Die Frau sammelte sich, presste die Lippen aufeinander. „Na, meist mit Kilowattstunden! Aber fĂŒr was?“
Sie stemmte die HĂ€nde in die HĂŒften und wippte herausfordernd mit den BrĂŒsten.
Nun verschlug es Mik die Sprache. Die Frau tat doch tatsĂ€chlich so, als wisse sie nicht, um was es hier gehe. Tat, als habe sie nicht eben ein eindeutiges Angebot, sondern eine Frage nach dem Wetter gestellt bekommen. (Wer sich an dieser Stelle fragt, wieso Mik, der sowohl aus privaten TriebgrĂŒnden wie auch aus ermittlungstechnischen Vorschriften heraus den Freier mimte, sein Angebot in einer so seltsamen WĂ€hrung abgab, dem sei in Erinnerung gerufen: Bargeld gab es seit Jahrzehnten nicht mehr. Illegale Leistungen wie Schwarzarbeit, Drogen, sexuelle Dienste mussten also auf andere Art entlohnt werden. Begehrte Naturalien rĂŒckten an die Stelle des abgeschafften Bargeldes, Lebensmittel, Alkoholika, Drogen und so weiter. Eines der am meisten begehrten Naturalprodukte war der Strom. Denn den gab es nur noch zeitweise und meist rationiert. Der Staat hatte eine beschrĂ€nkte Übertragung ungenutzter Strommengen zugelassen. So konnte ein BĂŒrger, der vielleicht freiwillig den Sommer ĂŒber bei vierzig Grad schmorte und auf den Betrieb seiner aircondition verzichtete, die eingesparte Menge mit einem Code kennzeichnen und einem anderen Verbraucher auf dessen Stromkonto schieben. Gedacht war das System vom Staat zur Verbesserung des Sparverhaltens. Und so wirkte es auch. Es wurde gespart auf Teufel komm raus, um bestimmte Dinge und Leistungen, die auf legalem Wege nicht mehr erhĂ€ltlich waren, unbesehen und ohne staatliche Kontrolle bezahlen zu können.)
Mik wagte einen letzten Versuch. „Okay, okay. Sagen wir“ – er atmete tief ein, bedachte die ungeheure GrĂ¶ĂŸe der vor seinem Geiste stehenden Zahl und die möglicherweise dafĂŒr erhĂ€ltliche sĂŒĂŸe Gegenleistung, erschauerte unmerklich, ließ noch einen bedeutungsvollen Moment der Stille verstreichen, ehe er, mit einer Schweißperle auf der Stirn, fortfuhr –, „sagen wir: tausend. Tausend Kilowattstunden. Das reicht fĂŒr zwei Winter!“
Die Frau sah ihn unglĂ€ubig an; lachte kurz auf; sprach, sie habe keinen Bedarf und sei außerdem mĂŒde, da sie gerade vom Nachtdienst komme, und drĂŒckte sich mit einem spöttischen Augengefunkel an dem verdutzten Polizisten Mik Meier vorbei, der als solcher nicht erkennbar war, da er sich in diesem Moment in Zivil auf dem Nachhauseweg befand, wenn auch auf Umwegen.
Sie verschwand in eben dem Hauseingang, der ihm als Deckung gedient hatte.
Mik Meier fluchte auf die verpatzte Chance, eine möglicherweise als Prostituierte illegal TĂ€tige stellen zu können. HĂ€tte sie sein Angebot angenommen, er hĂ€tte nicht gezögert, den Dienstausweis zu ziehen. Und dann? Vermutlich wĂ€re es ein Leichtes gewesen, die Dame mit dem Vorwurf illegaler Prostitution und angedrohter Festnahme gefĂŒgig zu machen. Er hĂ€tte ja auch zehntausend sagen können, oder hunderttausend! Wieso war er wieder so bescheiden!?
Aus und vorbei. Die Chance vertan. WÀre er nicht so geizig gewesen, hÀtte er sie haben können. Ohne eine einzige Kilowattstunde!
UnschlĂŒssig stand Mik Meier noch eine Weile herum. Was hatte ihn hergefĂŒhrt? Er dachte angestrengt nach. Ach ja, die seltsame Störung eines möglicherweise verschwundenen Chips. Verschwunden – ja wohin denn? Vielleicht in den Katakomben von Rom? Wie lĂ€cherlich war das doch. Katakomben gab es nicht, jedenfalls in dieser Stadt, da gab es höchstens stillgelegte U-Bahnhöfe und –tunnel, aber auch in denen konnte ein ChiptrĂ€ger nicht verschwinden, die Überwachungstechnik war so hoch entwickelt und so sensibel, dass sie sogar Chips ohne eigenes Sendemodul zuverlĂ€ssig orten und auslesen konnte.
Er brÀuchte eigentlich nur nachsehen, der TrÀger des Chips wohnte ja ganz in der NÀhe, in Zelle 2323, und die befand sich hier.
Doch Mik Meier war nicht mehr sonderlich nach der ErfĂŒllung im Dienst gefasster VorsĂ€tze zumute. Er dachte an seine Jugend. An all die verpatzten Chancen bei Frauen. Es war – niederschmetternd.
Ein GerÀusch aus der Ferne riss ihn aus seinen sentimentalen Erinnerungen. Ein Zug raste durch den anbrechenden Morgen. Ihm fiel das Versprechen seines Bruders ein. Er rief ihn an, sagte, er sei auf dem Weg zum Schrottplatz, in zehn Minuten sei er dort.

TatsĂ€chlich trafen sich die ZwillingsbrĂŒder etwa zehn Minuten nach Mik Meiers im MorgendĂ€mmern getĂ€tigter Abgabe eines fĂŒr seine Begriffe großzĂŒgigen, auf den EmpfĂ€nger leider nicht ganz ĂŒberzeugend wirkenden Angebotes fĂŒr ein erhofftes, nicht ganz einvernehmliches GeschĂ€ft illegalen Charakters; sie trafen sich in einer dunklen, vermĂŒllten Straße, am Eingang eines Schrottplatzes, zwischen einem brĂ€sig im VorstadtgelĂ€nde flĂ€zenden Bahndamm und einer qualmenden Einfamilien-Neubausiedlung namens „Born der vollendeten Nachhaltigkeit“.
Mik Meier hustete seinem Bruder frustriert und erwartungsvoll zugleich ins Gesicht. Kim presste den Zeigefinger auf die Lippen, zog den gechipten Dienstausweis aus der Hosentasche und ĂŒber den Scanner neben der EingangstĂŒr. Mit einem leisen Plopp öffnete sich diese, die zwei traten ein. Kim lief vorneweg, direkt bis zu einem Container. Er zeigte auf eine Waage. Trat nĂ€her. Blinzelte unglĂ€ubig. Riss die Augen auf.
Die Waage war leer.

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