Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92248
Momentan online:
389 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Totalitäre Heilsversuchung Atomwirtschaft
Eingestellt am 19. 03. 2011 22:12


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2009

Werke: 80
Kommentare: 102
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herbert Schmelz eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Rahmenbedingungen atomarer Unfälle
in Fukushima, Tschernobyl und anderswo

Vor 80 Jahren waren ähnlich depressive Grundstimmungen verbreitet wie heute. Die bösartigste Weltwirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts wühlte die Gemüter auf und verwirrte die Geister. Entsprechende Stimmungen heute werden durch noch komplexere Krisenerfahrungen genährt, weil der Verbund gesteigerten Wohlstands mit skandalöser Armut, unfassbarer Risiken mit technischem Fortschritt die Menschen ängstigt, lähmt und zugleich mit falschen Hoffnungen nährt. Diese ambivalente Tendenz wird durch die Tatsache gesteigert, dass das industrielle Großprojekt fast überall die Vorherrschaft übernommen hat. Das Subjekt kommt sich einsam und verloren darin vor. Allerdings hatten die liberalen Konzeptionen den Menschen geschmeichelt und ihm universale Menschenrechte von Geburt an zugeschrieben. Obwohl es manchmal so scheint, als gehe die Geschichte rücksichtslos darüber hinweg, werden die liberalen Kernideen weltweit gegen trügerische Hoffnungen zäh verteidigt.

Wir sahen, dass im Namen der Rettung der Nation und des zivilisatorischen Fortschritts, ohne Bedenken, der organisierte Massenmord betrieben wurde, wo die wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen gegeben waren. Krieg galt und gilt noch heute als unvermeidlicher, tödlicher Heilsbringer; Auschwitz wurde zur industriellen Mordmaschinerie, die nicht auf die Verhöhnung des Arbeitsbegriffs verzichten konnte; das Kriegsflugzeug und die Bombe funktionierten als geeignete Instrumente zur Erzeugung des anonymen Massentods und der Massenbestrafung: Dresden, Hamburg, Hiroshima, Nagasaki.


Heute, seit Freitag den 11. März 2011, müsse man bezüglich der aufgewühlten Stimmung von einer Zäsur der ‚friedlichen Nutzung’ der Kernenergie sprechen, sagen ihre Apologeten. Dabei übertrumpft die Gewalt eines Kernkraftwerks die Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe um ein Vielfaches. Die schreckliche Kombination von Beben, Tsunami und Reaktorkatastrophe in Fukushima an der Pazifikküste Japans halte auch für uns Lehren bereit, wird allenthalben unterstellt.

Am schnellsten waren die bekannten Radiostimmen in den USA, die jede Gelegenheit nutzen, um ihre religiös gefärbten Wahnvorstellungen zu verbreiten: Die Naturkatastrophe und die von Menschen gemachte seien ihrem Sinn nach eine >Strafe Gottes<. Die historische Quellenlage scheint mir allerdings eher rationale Deutungen zu empfehlen, die auch den Gotteszorn als Moment menschlicher Gemütsverfassung zu entschlüsseln vermögen.

Sigmund Freud, der mit Albert Einstein über den gefährdeten Frieden korrespondierte, erklärte 1930: >Die Menschen haben es in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten<. Diese Bestimmung ist nachvollziehbar, denn in der theoretischen Physik, und wenig später auch im Labor, war die atomare Kernspaltung eine nachweisbare und vor allem beliebig reproduzierbare Tatsache geworden. Seit dieser Zeit ist der unabhängigen, d.h. nicht käuflichen Wissenschaft, klar, dass die Beherrschung der freigesetzten Naturgewalt kein ökonomisches Spielchen ist, sondern einen großen Aufwand von Vorsichtsmaßnahmen erfordert.

Wo das Verhältnis zwischen gewaltigen Naturkräften und vernünftig abgewogenen Sicherheits- und Schutzmaßnahmen durch ökonomische, systemunabhängige Kleinkariertheit gestört ist, muss die Katastrophe, als von Menschen in voller Eigenverantwortung gemanagt, erwartet werden.

Die sich in der Praxis gegen diese theoretische Wahrheit stellen, befinden sich in einer unangenehmen Zwangssituation, die sie leicht zu Vertretern einer ungewollt totalitären Heilslehre macht. Sie wachsen gewissermaßen in Entwicklungen hinein, die sie selbst nur noch als positive Szenarien verstehen können, weil sie ihre falsche, unsachgemäße Abgrenzung zum Gewaltpotential der ‚friedlichen Nutzung’ der Kernenergie vorschnell erledigt hatten und haben.

So schreibt zehn Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl, 1996, unsere damalige Bundesumweltministerin, Angela Merkel: "Später habe ich Christa Wolfs Buch ‚Störfall’ gelesen. Einen solchen Schock der Ohnmacht, wie er hier dargestellt wird, hat der Unfall bei mir nicht ausgelöst. Ich habe als Physikerin ein eher rationales Verhältnis zur Atom-Technologie. Im übrigen war mein Glauben in russische Technik auch nicht sehr ausgeprägt. Tschernobyl war für mich in erster Linie wieder ein Beweis für die Schlamperei in Russland, die ich von Reisen her kannte". Franz Josef Strauß hatte ja zehn Jahre vorher in gezielter Verfälschung der Tatsachen von dem >kommunistischen Atomkraftwerksunfall< gesprochen.

Die russische >Schlamperei< war in Wirklichkeit der machtarrogante Staat sowjetischer Ausprägung, der auch nicht mehr durch Gorbatschows bessere Einsichten zu retten war. Die maßlose Verschleuderung menschlicher Ressourcen und die erschreckende Gleichgültigkeit der Machtelite gegenüber den sozialen Verhältnissen verursachte den Super-GAU, gewissermaßen als Experiment des Wahnsinns. Charakteristisch für eine solch gefährliche Situation ist nach meinen Beobachtungen, dass die politische Position nur als Meinung, Gesinnung oder Haltung sich behaupten kann, ohne an harten Tatsachen sich begründen zu müssen. Die politische Realität der formalen japanischen Demokratie ist nicht erst seit heute durch genau diesen Mangel charakterisiert.

Die Verantwortung verschwindet in einem undurchdringlichen Gestrüpp rechtlicher und bürokratischer Bestimmungen. Argumente wirken nur als Beruhigungspillen, Ablenkungsmanöver und spielen ihre meist öffentlich verborgene Rolle, indem sie der Bevölkerung unbekannte Lasten aufbürden. Die Staatsbürgschaften für die weltweiten Geschäfte der deutschen Atomindustrie, die nicht zufällig während des Unfalls mit einer Delegation gerade in Fukushima vertreten war, erfüllen genau diese Funktion. Dagegen ist die Versuchung, im europäischen Verbund Strom aus dem Ausland zu kaufen, ein drittrangiges Problem, das nur fruchtlose Polemik im Rahmen populistischer Politikinszenierung ermöglicht. Deren Abnutzungserscheinungen können wir heute beobachten.

Das Programm der heutigen Bundeskanzlerin, die aus der deutschen Atomindustrie eine Heilslehre zusammenbastelt, kennen wir seit 15 Jahren: "Ich halte die Kerntechnik für eine verantwortbare Technologie, und ich halte sie angesichts der Klimaproblematik auch für unverzichtbar. Ich erkenne an, dass wir die Entsorgungsproblematik bisher nicht gelöst haben. Ich halte sie aber für lösbar. Deswegen hoffe ich, dass die Atomkraft in Deutschland eine Zukunft hat, weil wir bei uns sehr hohe Sicherheitsstandards erreicht haben, die wir auf andere Staaten übertragen sollten. Weltweit sind rund 70 Kernkraftwerke in der Planung. Darauf sollten wir Einfluss nehmen". >Planung< und >Einfluss nehmen< im weltweiten Maßstab, das ist das zaghafte Eingeständnis, dass Frau Merkel bereit ist, mit der imperialistischen Methode deutschen Interessen zu schaden. Glücklicherweise wird aus überzeugenden Gründen daraus weniger 'Gewinn' gezogen, als ihre Erfinder heute zugeben wollen.

Denn die veraltete, äußerst riskante und ineffiziente Kernspaltung aus dem technologischen Ansatz der 50er Jahre bindet große Mengen Kapital, das inzwischen die Flucht in geringere Risiken angetreten hat. Wo es sich anbietet, überwälzen die Eigentümer jener Kapitalwerte zu überhöhten Preisen die Lasten auf den Staat. Mit den Schulden, Haushaltslöchern und dem engeren politischen Handlungsspielraum dürfen sich jetzt z.B. die grünen Wahlgewinner in Baden-Württemberg herumschlagen.

Die Antwort auf die politisch geforderte Einflussnahme richtet sich bei den weltweit etwa 400 Kernkraftwerksbetrieben nach den ökonomischen Rahmenbedingungen. Und hier verdichten sich die Ambitionen, aus den 400 wegen des weltweit steigenden 'Energiehungers' in den nächsten Jahrzehnten 1000 zu kreieren, zu einer mystischen Glaubenshaltung. Die Durchsetzung verbesserter, effektiver Sicherheitsstandards allerdings führt bei den Betreibern der Atomkraftwerke nur dann nicht zum Rückzug ihres Kapitals, wenn sie den Sicherheitsgewinn nicht selbst durch Verluste bezahlen müssen, wenn der Staat von der Rohstoff- bis zur Entsorgungsproblematik alle kostenträchtigen Maßnahmen subventioniert oder in eigener Verantwortung übernimmt. Im Gegenzug soll der Staat bei den Energiepreisen völlige Freiheit gewährleisten.

Eine solche Perspektive ist für diejenigen, die Wärme und Licht wirklich aus eigener Tasche bezahlen müssen, bestimmt nicht verlockend. Und schließlich sollten auch die für den Ausstieg stehenden Politiker ihre Politik nicht auf eine neue epochale Lüge gründen. Denn sowohl der Ausstieg aus dem Irrglauben, als auch der Einstieg in ein neues Zeitalter der regenerierbaren Energie wird einen hohen Preis fordern, an dem noch Generationen zu bezahlen haben. Und das ist für eine Entwicklung wohl verstandener Freiheit und Demokratie nötig.

Die Behauptung, dass die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie eine Zukunft haben müsse, wenn auch nur als ‚Brückentechnologie’, ist ein bereits gescheiterter Versuch, der Bevölkerung eine alternativlose Lösung der modernen Energieproblematik zu verkaufen. So war gelegentlich von der reicher werdenden Gesellschaft verlangt worden, es sei durchaus zumutbar, größere Opfer an Freiheit und Demokratie zu erbringen. Der Stil einer solchen Herrschaftsmethode, bei prunkvoller Vermehrung des äußeren Reichtums den Gürtel immer enger zu schnallen, ist auch in dem nutzlosen Verschwendungsprojekt >Stuttgart 21< am Werk.

Aber in unserer Gesellschaft selbst ist angesichts der konkurrenzfähigen regenerierbaren Energien ein Machtkampf um die Modernisierung der Infrastruktur und um Investitionen in eine dezentrale Energieversorgung entbrannt. Die kommunale Ebene des Staates muss statt der zentralisierten politischen Entscheidungsapparate gestärkt werden. Die Wissenschaften können und werden dann beim Umbau der Energieproduktion und -versorgung eine entscheidende Rolle spielen und eine breite öffentliche Diskussion über den besten Weg ebenfalls.



__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 19. 03. 2011 22:12
Version vom 20. 03. 2011 15:51
Version vom 06. 04. 2011 13:34
Version vom 27. 04. 2011 18:49
Version vom 27. 04. 2011 20:16
Version vom 02. 05. 2011 07:03

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!