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Leselupe.de > Kurzprosa
Traditionen in aufgedünsteter Weinachtsstimmung
Eingestellt am 05. 12. 1999 00:00


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Tabasco
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???

Registriert: Mar 2001

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Traditionen

Die Gans schmorte im Ofen und warf einen Geruch von organverpflanztem Rotkohl in zugenähten Apfelpellen um sich. Als wir, wie jedes Jahr vom allgemeinen Festtagsspaziergang zurückkehrten hatte unsere Erzeugerin schon allerhand viereckige Papp-packete, für die reihenweise Bäume, vielleicht sogar Weihnachtsbäume, von denen wir uns dieses Jahr nur einen kleinen holen konnten, vielleicht sogar aus genau diesem Grund, im Wohnzimmer, in das nun keiner mehr hineingucken durfte, gestapelt. Das sogenannte Feiertags-Bufet war auch schon gedeckt. Blank polierte Messer und Gabeln blendeten uns mit ihrem Antlitz und ließen die Fensterdekoration blass erscheinen, als ob es keine Bosheit auf dieser Welt gäbe. Natürlich waren wir wieder mal zu früh Heim gekommen um auch die Gans mit einem Blick auf dem Tisch erfassen zu können. Dies scheint eine unserer Weinachtstraditionen zu sein. Der Schein von Harmonie und Gemütlichkeit wurde durch den kahlen Fleck auf der Mitte des Tisches eindeutig betrübt. Selbstverständlich litten wir unter dem trostlosen Anblick, den selbst der bösartige Bestecksatz nicht mindern konnte, aber die meist betroffene schien dann doch die Erzeugerin zu sein. Eine stundenlange Arbeit voll Intensität und Elan war verloren. Es würde nicht das selbe sein, wenn wir jetzt weggucken und erst wieder den Tisch beäugen wenn auch die letzte Ecke mit Festtagsschmaus belegt ist. Andererseits stellte ich mir auch oft die Frage ob wir es ertragen hätten wenn wir das Gesamtwerk auf einen Schlag zu sehen bekommen hätten! Durch den Anblick der unvollendeten Tat bekam man schon mal einen Voreindruck und wurde auf das übersichtlich, überladene Chaos das circa 10 Minuten später den Tisch zieren würde, vorbereitet. Wahrscheinlich haben wir durch unsere Überpünktlichkeit bisher sämtliche Weihnachten überlebt. Natürlich waren alle, die mithelfen wollten das leblose, kopflose Tier und die vielen kleinen Spezialeffekte zu verzehren, schon eingetroffen. Ohne mutwillige Hintergedanken stürzte sich die wilde Meute, als es nun endlich so weit war, auf alles was nicht nach Fäkalien roch, als hätten sie schon drei Wochen vor der Bescherung sich nur von kalorienreduziertem Plastikgemüse und verdünntem dick-saurem Joghurt ernährt! Natürlich blieb wie jedes Jahr am Ende die Hälfte des Riech- und Frissgemisches auf dem Tisch stehen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür warum man noch zwei weitere Feiertage an den heiligen Abend angehangen hat. Irgendwer muss ja schließlich irgendwann irgendwie die Reste verzehren. Trotz der geschmackvoll und danke sagenden animalischen Geräusche der Gäste sah die Erzeugerin betrübt aus. Kein Wunder! Der große Feiertgsabwasch rutschte näher und näher! Niemand würde ihr helfen. Das wusste sie. Manchmal muss halt auch eine Frau tun was eine Frau tun muss! Doch wozu an solche banalen Gedanken Zeit und Energie verschwenden. Noch stand ein weiteres Highlight des Abends auf dem Plan! Operation: Wohnstube! Ich erhob mich als erster vom Stuhl und schlenderte in Richtung Wohnzimmer. Das Rudel geschenk-aufmach-süchtiger Wölfe folgte mir flink und unauffällig. Es schien als hätten sie den Festtagsschmaus nur so schnell verdaut um schleunigst an die Geschenke zu kommen. Meine 3-Wochen-Hunger-Kur-Theorie stellte sich in Frage. Waren alle so scharf darauf unnützes glitzerndes Zeug zu ergattern dass man sowieso nie braucht? Die Wohnzimmertür knarrte beim Öffnen und ein greller Schein, schlimmer als das nun von Speiseresten verdreckte Besteck, grinste uns an! Wie eine Atombombe stach uns der grelle Schein der Kalorien-Strahlung ins Knochenmark. Die alles entscheidende Schlacht was eröffnet! Jeder gegen jeden, ohne Einschränkungen! Das Fest der Liebe entbrannte wieder mal zum Hass und Kampf der Giganten. Diese brennende Wut in den Gemütern zeigten Gesichtsausdrücke die verlauten ließen: "Sieg oder stirb!", "Alles oder nichts!" und "Der Tod ist deine Erlösung, Schurke!" Die Frage wer nun wirklich das Familienoberhaupt ist, sollte für das nächste Jahr endgültig geklärt werden...

Tabasco 1999


(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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