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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Träume eines Missbrauchs-Opfers
Eingestellt am 29. 03. 2018 17:47


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Lea
Hobbydichter
Registriert: Mar 2018

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Traum 1 (29.03.2018)

Ich bin in einer Wohnung und mitten in einem Gespräch mit Meli. Sie und ihr Freund wohnen hier. Wir lachen, berühren uns so vertraut wie beste Freunde es nun mal tun. Ein Klaps gegen das Schulterblatt, eine Faust gegen den Oberarm. Wir necken uns, aber worum es im Gesagten eigentlich geht, verstehe ich gar nicht. Wir stehen an einer Essinsel inmitten einer chaotischen Küche. Sie liegt im hinteren linken Eck dieser Ein-Zimmer-Wohnung. Überall ist Papier verstreut, Zeitschriften stapeln sich. Ich nehme das Durcheinander wahr, es hat aber keine Bedeutung.

Er betritt den Raum. Groß, gut gebaut, Haare in die man seine Finger vergraben möchte und Augen in denen man versinken kann. Sein Blick schweift durch den Raum und trifft meinen. Mein Herz hämmert gegen meine Brust und schnürt mir dabei die Kehle zu. Wie in Zeitlupe schaffe ich es auszuatmen. Meine Hände zittern, mein ganzer Körper bebt vor Gefühlen. Er lächelt mich an. So ehrlich, offen und gutherzig. Ich weiß, dass er ein guter Mensch ist. Jemand den man findet und nie wieder gehen lassen sollte. Er kommt auf mich zu. Seine Augen glühen. Dieses tiefe Braun voller Liebe und Zuneigung. Wie ein Magnet fühle ich mich angezogen. Möchte aufstehen, meine Hände ausstrecken. Diese braune Wuschelfrisur durchwühlen. Seinen Duft tief einatmen, während ich meine Lippen auf seine presse.

Ich erwache aus meiner Trance. Presse die Augenlider ganz fest zusammen, um wieder in der Realität anzukommen. Blinze ein, zwei, drei Mal und atme tief durch, um die aufsteigende Panik in mir zu beruhigen. Als ich meinen Kopf wieder ins Geschehen hebe, wendet er sich ab. Geht zu Meli. Nimmt sie in den Arm. Sie legt sanft die Hand auf seine rasierte Wange. Er zieht ihr Becken an sich heran. Ein Kuss. Ein Lachen. Gute Laune. Ein stechender Schmerz der mich durchfährt und den ich versuche zu verdrängen.

Plötzlich wird mir wieder bewusst, dass wir ein Dreiergespann sind. Zwei beste Freundinnen und ihr Freund, mit dem ich ebenfalls befreundet bin. Lange Jahre der Zusammengehörigkeit dringen zu mir durch. Etwas, das man einfach nicht zerstören möchte. Eine Vertrauensbasis, die eine Unschuld und Naivität mit sich bringt. Meli redet. Ihr Mund bewegt sich, die Augen strahlen vor Begeisterung, aber wieder verstehe ich kein Wort. Er versucht seine Aufmerksamkeit ihr zu Widmen, aber sein Blick bleibt an meinem Hängen. Schmerz und Schuld sind alles was ich nun noch fühle. Und ich weiß, es geht ihm genauso.

Diese kleine Unterkunft hat einen Whirlpool zu bieten, in dem wir uns plötzlich zu dritt wiederfinden. Es wird gelacht, geblödelt, gespielt und geärgert. Eine aufgesetzte Unschuld die sowohl ich als auch er perfekt zu beherrschen scheinen. Doch seine Blicke durchbohren mein Innerstes und hinter der Maske zerbreche ich in tausend Stücke. Er kommuniziert nonverbal mit mir. Wir verstehen uns auch ohne Worte. Er versucht mich zu erreichen. Möchte, dass ich ihn ansehe, während ich standhaft versuche dem aus dem Weg zu gehen. Ein Fuß berührt mich sanft unter dem blubbernden Wasser. Stupst mich an. Streichelt über meinen großen Zeh. In mir zieht sich alles zusammen, während ich über einen Scherz von Meli lache. Eine Frau betritt den Raum. Ich kenne sie offensichtlich, wundere mich nicht über ihr Erscheinen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit legt sich über uns. Als müssten wir nun unseren Pflichten nachgehen. Doch nur Meli verlässt das Wasser und geht. Ich möchte aufstehen. Der Situation entfliehen. Kann mich nicht bewegen, obwohl ich weiß, dass ich es sollte. Ich schließe die Augen, versuche ruhig zu atmen. Wir sollten hier nicht zu zweit sein. Seine Schulter berührt meine, als er sich neben mich setzt. Wir sitzen nebeneinander und starren beide geradeaus. Keiner sagt ein Wort. Nur seine Hand gleitet in meine und hält sie fest. Beruhigend. Entschuldigend. Genauso nach Halt suchend wie ich.

Einen offensichtlichen Zeitsprung später findet der Tag ein Ende. Vor den Fenstern des Gebäudes geht die Sonne unter. Wir sind erneut zu dritt. Ich trage einen Pyjama, sitze auf dem Boden und spiele mit dem Freundschaftsarmband an meinem Handgelenk. Mit dem Rücken ans Sofa gelehnt nehme ich ein Bett links von mir wahr. Groß, bequem, viel zu luxuriös für die Größe der Wohnung. Er liegt darin, das Haar zerzaust, den nackten Oberkörper gegen die Rückwand gelehnt. Meli setzt sich an seiner rechten Seite auf die Matratze, cremt sich die Hände ein, die Haare zu einem kurzen, blonden Pferdeschwanz gebunden. Ich möchte gehen. Stehe auf, verabschiede mich murmelnd. „Stell dich nicht so an. Du weißt, dass du hier bleibst“, höre ich meine Freundin sagen. Mein Herz beginnt erneut zu hämmern. Sein Blick fleht mich an nicht zu gehen. Ich kaue auf meiner Unterlippe. Es ist so falsch. Trotzdem krieche ich zu seiner Linken unter die Decke.

Verkrampft versuche ich mich zu beruhigen. Ich empfinde so viel. Es schwappt in Wellen über mich. Er liegt neben mir. Seine nackte Schulter an meiner. Ich höre seinen Atem. Sehe, wie sich seine Brust hebt und senkt. Unsere kleinen Finger verankern ineinander. Die Wärme, die von seinem Körper ausgeht bringt mich zum Schwitzen. Mein Atem geht flach, versucht das ziehende Gefühl in meinem Bauch abzuschwächen. Er hebt unsere Hände. Zieht sie unter der Decke hervor und legt sie an seine weichen Lippen. Seine Augen sind geschlossen. Wie in einem stummen Gebet. Ich spüre Verzweiflung, Angst und Sehnsucht. Ein resignierender Atemstoß seinerseits sprengt den Bann. Seine Hand entgleitet meiner während er sich zu Meli umdreht. Betonschwer landet sie auf dem Leintuch. Nur Zentimeter trennen uns und trotzdem ist es ein Abgrund der zwischen uns liegt. Eine Träne rinnt leise aus meinem Auge. Sie rinnt über meinen seitlich liegenden Kopf. Landet auf der Nasenspitze und tropft auf die Matratze. Ruhig. Atmen. Nur kein Geräusch machen. Meli schläft. Sie darf nicht aufwachen. Ein Bein wird abgewinkelt. Es umschließt meine Wade, verankert meinen Fuß, zieht mich langsam in die Bettmitte. Haare die mich kitzeln, ein zitternder Seufzer. Seine Beine an meinen. Ein Versuch meine Trauer zu abzunehmen, meine Ängste zu teilen. Ich rutschte mit dem Oberkörper näher. Presse meine Wange gegen seinen Rücken. Vergrabe die Nase im Polster und atme. Meine Hand hebt sich ferngesteuert und malt mit der Spitze des Zeigefingers sanft die Konturen seiner Muskeln nach. Eine hauchende Bewegung, nur um zu zeigen, dass ich ihn Berühren möchte.

Ein riesiges Schwimmareal umhüllt mich als ich das nächste Mal den Kopf hebe. Ich blinze, bewege meine Pupillen unter den geschlossenen Augen und reiße sie danach auf um zu erkennen wo ich bin. Ein Ausflug mit Freunden. Mehrere Kerle, viele Mädchen. Ich in einem aufblasbaren Donut an dem ich Hänge, während meine Körper vom Kopf abwärts im Wasser treibt. Es ist laut, das Echo von freudigen Schreien dröhnt mir in den Ohren. Ich kenne jeden hier. Es ist niemand fremd, aber auch nicht wirklich Freund. Wo ist er? Er sollte hier sein. Suchend wandert mein Blick durch den Raum. Er treibt langsam heran. Die Haare hängen ihm feucht über die Stirn zu den Augen. Dieses Lachen im Gesicht. So ehrlich, aufrichtig und kindlich. Er ist einer von den Guten. Die Geräusche werden Dumpf als er sich, mit den Füßen am Boden, langsam gehend durch die Strömung nähert. Er fixiert einen Freund, der hinter mir auf einer Banane schwimmt. Unsere Köpfe begegnen sich auf einer Linie. Ein Tropfen bahnt sich seinen Weg von der Schläfe zum Kinn. Meine Hand schießt vor. Legt sich sanft um seine Wange und wischt den Tropfen mit dem Daumen weg. Die Zeit bleibt stehen. Ich will ihn zu mir ziehen. Will ihn küssen. Möchte schreien. Hinter ihm sehe ich Meli. Seine Hand mit ihrer Verankert. Ihre Augenbrauen kneifen sich fragend zusammen. Ich fühle mich ertappt. Ein Schulterzucken von mir. Trotz der zementschweren Last auf ihnen leicht zu schaffen. Sie zeigt mir verspielt die Zunge, hat es schon als freundschaftlichen Akt akzeptiert. Ich lasse mich mit der Strömung treiben. Weg von ihm.

Hoch oben blicke ich auf all die badenden Menschen. Ich sehe das ganze Areal. Ein Sprung, den hier nur die mutigsten machen. Johlende Jungs treiben mich an. Bin ich hier gelandet um mir etwas zu beweisen? Um ihm etwas zu beweisen? Nein, ich bin hier um eine Adrenalin-Euphorie zu spüren, die den Schmerz mildern soll. Auf andere Gedanken kommen. Er weiß, ich bin hier oben. Er weiß, dass es gefährlich ist. Er macht sich Sorgen. Die Situation wirkt so bedrohlich, als könnte mir hier etwas passieren. Doch ich spüre, es ist nicht so. Als hätte ich hier schon tausende Male gestanden. Ein Stoß in den Rücken bringt mich schlussendlich zum Fall. Ich gleite durch die Luft. Habe keine Angst. Die Landung ganz unten kommt viel zu schnell. Hart treffe ich aufs Wasser, Luftblasen strömen meinen Körper hinauf und erzeugen eine Gänsehaut. Das nachträgliche Prickeln an meinen Beinen vertreibt den Schmerz des Auftreffens. Sein Schrei hallt in mir wieder. Ein besorgter Aufruf, der die Luft durchschnitt. Ich tauche auf, seine Arme halten mich umklammert. So schlimm war das nicht. Wieso habe ich dann das Gefühl, als hätte ich mir hier gerade fast das Leben genommen? Schuldbewusst drücke ich ihn an mich. Streiche ihm die Haare aus dem Gesicht. Seine Stirn ruht an meiner, während er mich erneut fixiert. Diese Augen. Er versucht immer das Richtige zu tun und quält sich. Es ist niemand mehr hier. Wir sind alleine. Das ist unsere Chance. Aber das können wir nicht. Wo ist Meli? Wieso ist niemand hier? Diese Erkenntnis lässt mich erschauern. Ich klammere mich an seine Haare, beiße die Zähne aufeinander und kneife die Augen zu als hätte ich Migräne. Fest, fordernd und mit einer Abneigung die mir den Magen zuschnürt presse ich meine Lippen auf sein. Schnaufend drücken unsere Nasen aneinander. Es ist kein schöner Kuss. Er ist verwirrend und scheußlich. Mit einem Klagelaut löse ich seine verkrampften Finger von meiner Taille und wende mich ab.

Ein Abendessen hüllt mich in ein elegantes Abendkleid. Ich fühle mich fehl am Platz und unwohl in dem Outfit, obwohl ich weiß, dass es mir gut steht. Der Seidenstoff schmiegt sich wie ein Negligé um meinen Körper. Tisch gereiht an Tisch. Er ist hier. Sitzt mit Freunden an einem Vierer. Ich flüchte schnellen Schrittes in die ihm entgegengesetzte Richtung. Eine rote Rose drückt mit in die Handfläche, in der ich ebenfalls eine kleine Ausgehtasche halte. Sie lässt mich aufschluchzen. Jemand ruft mich. Viele bekannte Gesichter und auch unbekannte, die ich trotzdem kenne. Zwei davon sind seine Brüder. Ich freue mich. Möchte es ihm gleich sagen, weil ich weiß wie nahe sie sich stehen. Diese Familie liebt sich. Ich wäre so gerne Teil davon. Ich eile zurück. Klappere mit meinen High Heels auf ihn zu. Schon von weitem fängt er meinen Blick und sieht mich fragend an. Ich erkenne auch Wut. Zorn mir gegenüber, den ich nicht verstehe. Was habe ich getan? Ich bleibe stehen, zeige mit dem Finger auf ihn und bitte ihn mit einer Handbewegung mir zu folgen. Mit einem unsicheren Seitenblick erhebt er sich. Ich nehme wie selbstverständlich seine Hand und ziehe ihn mit mir. Wir stoppen vor seinen Brüdern. Ich warte auf das freudige Wiedersehen. Dieses Gefühl von Loyalität und Glück möchte ich mitempfinden. Doch er begrüßt sie nur steif mit einem Schulterklopfen und richtet seine Aufmerksamkeit auf mich. “Du bist also nicht hier um mit mir zu knutschen?“ Das passt nicht. Dieses Wort erzeugt Ekel. Es klingt viel zu aufdringlich. Es ist viel zu laut und prägnant. Ich erstarre. Alle Augen sind auf mich gerichtet. „Nein, bin ich nicht“ höre ich mich sagen. Abneigung und Trotz schwingt in meiner Stimme mit. Er will mich herausfordern. Ich schalte in Verteidigungsmodus. Meine Arme verschränken sich wie selbstverständlich vor meiner Brust. Ich bin hier nicht die Böse. Das sind wir beide.

Energisch packt er meinen Arm und zieht mich davon. Wir müssen es aussprechen. Die Zeit ist gekommen. Es macht mir Angst. Das geht viel zu schnell. Ich bin nicht bereit. Im Schutz einer Seitentür halten wir. Ich schnaufe, obwohl der Weg körperlich nicht anstrengend war. Verzweifelt drückt er eine Faust gegen die Wand. Er leidet so sehr. Er möchte doch eigentlich immer nur das Richtige tun. Mein Mitgefühl erdrückt mich. Ich will, dass er glücklich ist. Ich will ihnen nicht im Weg stehen. Ich will ihr nicht wehtun. Und Trotzdem gehe ich zu ihm und umschließe meine Faust mit seiner. Langsam lockern sich seine Finger. Die Haut färbt sich vom Blut wieder zirkuliert rot. Meine Fingerspitzen suchen die seinen. Legen sich sanft auf seine Haut und gleiten an den Fingergliedern hinab. Unsere Hände schließen sich zu einer gemeinsamen Faust während unsere Blicke sich suchen. Seine Augen schreien nach Hilfe. Sie lieben alles, was er gerade sieht. Wir geben nach. Wissend, dass wir dem hier nicht mehr entkommen können. Legen unsere Lippen aufeinander und atmen gleichzeitig erlösend auf. Mein Herz schlägt in meinem ganzen Körper. Ich fühle es, von den Zehenspitzen bis in die Haarwurzeln die sich aufstellen. Ich rieche ihn, spüre ihn und kann es nicht stoppen.

Ein Raum voller Mädchen sitzt um mich herum. Ein Teller mit Essen steht vor mir. Ich habe keinen Appetit. Sehe mein eigenes Spiegelbild in der Fensterscheibe und betrachte die Stadt unter mir. Wir sind hoch oben und ich trage erneut ein bodenlanges Kleid, das sich wie ein Käfig anfühlt. Meli neben mir sieht die ganze Zeit unruhig auf ihr Handy. Alle Sekunden drückt sie auf den Homebutton, der Bildschirm erleuchtet, zeigt die Uhrzeit und wird wieder schwarz. Sie wartet. Sie wartet auf ihn. Er ist noch nicht hier und sie hat seit gestern nichts von ihm gehört. Ich spüre ihre Nervosität und weiß woher sie rührt. Heute ist Entscheidungstag. Viele Mädchen müssen heute das Haus verlassen. Wie konnte ich nur hier landen. Solche Shows schaue ich mir selbst nicht einmal im Fernsehen an. Was mache ich dann hier? Mein Handy vibriert. Es klappert gegen den Glastisch und ich zucke erschrocken zusammen. Eine Nachricht: „Es geht los.“ Verwirrt lege ich es wieder auf die Seite. Ich lausche einem Gespräch hinter mir. Bekomme mit, dass es sich um die jetzige Situation handelt. Gerüchte machen die Runde. Ich will sie nicht glauben. Hoffnung ist ein gefährliches Gefühl.

Er betritt den länglichen Raum. Bleibt neben dem Aufzug, aus dem er getreten ist stehen und blickt all diesen Gesichtern entgegen. Er schaut in meine Richtung. Jedoch ist er soweit weg, dass ich nicht sagen kann, ob er mich oder Meli ansieht. Sie strafft ihre Schultern, presst ihr Handy zwischen die Finger. Ich kann sie nicht ansehen. So versteift und gewappnet. Ich beiße mir auf die Unterlippe und wende mich wieder ihm zu. Er ist abgewendet, hält sein iPhone in der Hand und tippt eine Nachricht. Neben mir wird sie empfangen und nach einem tiefen Atemzug erhebt sich meine beste Freundin. Mehrere Mädchen tun es ihr gleich, alle unter minderer Anspannung als sie. Das darf nicht passieren. Es würde zu viel verändern. Ich bin nicht bereit. Panik überkommt mich. Diese Auseinandersetzung ist zu viel für mich. Meine Finger berühren ihr Handgelenk bevor ich es verhindern kann. Sie sieht mich kämpferisch an. Ich habe nicht den Mut dazu. „Viel Glück. Du schaffst das.“ Das einzige, was ich sagen kann, aber eigentlich gar nicht will. Ein dankbares Lächeln liegt auf ihren Lippen. Sie hat keine Ahnung.

Ein Zirkel aus Mädchen versammelt sich um ihn. Er nennt ein paar Namen, lässt die Genannten in den Aufzug steigen und verschwinden. Ich werde aufgerufen mich mit ein paar anderen ebenfalls bei ihm zu positionieren. Meli steht ebenfalls noch dort und bewahrt ihre Haltung. Ich möchte mich unsichtbar machen. Kann ich dieser Situation entfliehen, oder bin ich nur eine Marionette in diesem Schauspiel? Ich versuche hinter den Rücken anderer zu verschwinden. Es ist unvermeidlich. Er versucht das Richtige zu tun – so wie immer. Er trennt sich von ihr. Seine Freundin. Meine beste Freundin. Ich schlucke und bin wie versteinert. Alle im Raum halten die Luft an, während ich das komplette Gespräch zwischen den beiden verpasse und nur mitbekomme wie sie weinend den Raum verlässt. Eine Schar bildet sich um ihn. Er muss getröstet werden. Doch er möchte nicht getröstet werden. Er will nur noch weg von hier. Ich dränge mich an den anderen vorbei und verlasse das Gebäude. Er wird mir folgen. Er hat es wegen mir getan.

An der frischen Luft holt er mich ein. Er wirbelt mich herum und legt sofort seinen Mund auf meinen. Ich bin so glücklich. Ich bin so schuldbewusst. Wir wollen zusammen sein, aber das können wir nicht ohne diesem wichtigen Menschen wehzutun. Doch das haben wir bereits. Das haben wir bereits vor langer Zeit. Der Kuss ist erlösend und ich verzehre mich nach all den Gefühlen, die er in mir auslöst. Endlich kann ich ihn haben. Endlich ist er mein. Endlich habe ich die Zuflucht, die ich mir so wünsche. Ich lege meine Arme um seinen Nacken und flüstere leise ein Wirrwarr aus Schuldbekenntnissen und Unglauben. Er umschließt meine Hände mit seinen und nimmt mir das Wort mit einem weiteren Kuss. Wir schaffen das. Wir sind füreinander da, teilt er mir stumm mit. Doch an einer Sache komme ich nicht vorbei. Ich muss Meli begegnen, denn die Sorge um sie trifft mich wie ein Schlag.

Etwas stimmt nicht. Gehetzt nehme ich diese Schwingung wahr. Es zieht mich in diese Wohnung. In diese Küche mit der Insel. Ein Aufzug bringt mich dorthin. Er ist verschmiert mit roten Buchstaben. „Ich werde gehen“, steht dort geschrieben. Es ist Blut. Nein, es ist Lippenstift. Trotzdem fühlt es sich wie geplanter Suizid an. Ich eile in den Raum und sehe Menschen versammelt um den Berg von Zeitschriften in der Mitte der Küche. Zum Ersten Mal nehme ich richtig Notiz davon. Plötzlich interessieren mich die Berichte. Es geht um uns. Dieses Szenario hier. Die vielen Mädchen. Und um ihn und Meli, das getrennte Paar. Ich komme näher und weiß nicht, was ich sagen soll. Meine beste Freundin kommt auf mich, Tränen in den Augen. Die Mascara ist bereits verschmiert und zieht ihre Spuren auf den Wangen. „Bist du es?“, werde ich angeschrien, Ein Artikel landet vor meinen Augen. Es gibt eine andere. Jeder weiß es. Niemand weiß, wer es ist. Ich bin die andere. „Nein, bin ich nicht“, höre ich mich trotzdem sagen. Eine Handfläche landet klatschend auf meiner Wange. Meli hat mich geschlagen. Zorn blitzt in ihren Augen. „Bist du es?“, fragt sie erneut. „Nein, bin ich nicht.“ Wie eine Katze lässt sie die Fingernägel über mein Gesicht gleiten. Ich spüre Kratzspuren und bewege mich trotzdem nicht. Stattdessen schaue ich ihr tief in die Augen und sage: „Das bin nicht ich. Wir sind doch Freunde.“ Bin ich wirklich so ein Mensch? Und die Erkenntnis lässt mich erschrocken zusammenfahren: Ja, ich könnte tatsächlich zu so etwas fähig sein.

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ENachtigall
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Hallo Lea, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Dein Beitrag ist spannend und gut geschrieben.

Ich möchte an dieser Stelle - mit Verweis auf den Forentext - darauf hinweisen, dass Verfasser und Protagonisten eines Beitrags in diesem Unterforum von allen Lesern und Kommentatoren besonders bewusst von einander zu unterscheiden sind.
"Tagebuch" heißt die literarische Form.

Das ist bei einem Text dieses Titels, denke ich, wichtig, hervorzuheben.

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