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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tragik eines Waldbewohners
Eingestellt am 07. 11. 2005 23:36


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zyranikum
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2005

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Tragik eines Waldbewohners


Endlich wurde es wieder Winter in ihrer Heimat! Man spĂŒrte schon den frostigen Hauch des Windes durch die Wipfel pfeifen, aber in dem jungen BĂ€umchenspross, ĂŒber dessen Schicksal noch in diesem Jahr gerichtet werden sollte, verursachte dieser Umstand keinerlei Missbehagen. Im Gegenteil, denn er freute sich ĂŒber den weißen Winterzauber der die Äste so zĂ€rtlich bedeckte, als hĂ€tte man sie in den wohligsten Stoff gebettet. Die anderen BĂ€ume neigten oft dazu ĂŒber dieses Laster zu murren, doch die junge Tanne sah es als eine besondere Herausforderung immer mehr Schnee in ihren Ärmchen zu umklammern, bis sie die ganze Beute irgendwann nicht mehr halten konnte und mit einem Schlag alles zu Boden fiel. Sie selbst war, entsprechend ihrem Alter noch nicht besonders hoch gewachsen und so kam es auch vor, dass der Schnee der von den NadelbĂ€umen ĂŒber ihr heruntertropfte, sie selbst traf und ihr den gesammelten Schatz aus den HĂ€nden riss. Die LaubbĂ€ume des Waldes hatten bereits ihre BlĂ€tter vom Wind in weite Ferne tragen lassen und etwas schadenfroh blickte die kleine Tanne oft die mĂ€chtigen StĂ€mme der Eichen und Kastanien empor, da sie dieses lustige Spiel nicht spielen konnten. Da konnten ihre Äste noch so dick sein, der Herbst hatte schon lĂ€ngst ihr Kleid verspeist und durch das Land verstreut. Fast sah es so aus, als hĂ€tte er es gleich wieder hochgewĂŒrgt und halb verdaut die bunten Flecken wahllos auf dem Waldboden verteilt, so kam es zumindest der kleinen Tanne vor, aber die musste sich ja nicht mit solchen Problemen auseinandersetzen. Ganz andere Sorgen beschĂ€ftigten ihr sanftes GemĂŒt, denn wie in jedem Jahr wĂŒnschte sie sich nichts sehnlicher als von einem Menschen in den Stand des Weihnachtsbaumes gehoben zu werden. Schon vielen ihrer Bekannten und auch ihren Eltern wurde diese Ehre in den vergangenen Wintern zuteil und kaum noch erwarten konnte sie es, bis auch sie an der Reihe war gefĂ€llt zu werden, um ihren Körper in eine andere Welt tragen zu lassen. Wie konnte dieses neue Heim nur Gutes fĂŒr sie bedeuten! Über Generationen wurde sich unter den Tannen des Waldes die Geschichte erzĂ€hlt, wie einmal von Menschenhand ausgewĂ€hlt dem GlĂŒcklichen ein Leben voller Aufmerksamkeit und Pflege entgegenstrahlte. GeschmĂŒckt und bewundert wurde man und kein Menschlein konnte sich je daran satt gesehen haben. So blieb ihr nur das unertrĂ€gliche Warten bis auch ihr Stamm die richtige GrĂ¶ĂŸe erreicht hatte, was sich vermengt mit dem ewigen Hoffen, dass sie auch schön genug war, zu einem tiefen Wehleid entwickelte. Wie oft schon hatte sie im Sommer den Kindern hinterhergeschaut die im Wald verstecken spielten und wie oft hatte sie ihnen dann zugerufen, dass sie sie im Winter zu ihrem Weihnachtsbaum krönen sollten, doch geantwortet hatten sie nie. "Was waren das nur fĂŒr seltsame Wesen", dachte sie manchmal, "wie sie so beweglich durch die Gegend springen, als gĂ€be es kein Morgen!"
Beneidenswert waren sie in ihren Augen und so wĂŒnschte sie sich schon in jungen Jahren nichts sehnlicher als in Ewigkeit in ihrer Gegenwart zu weilen.
Nicht lĂ€nger mĂŒsste sie im Schatten der grĂ¶ĂŸeren BĂ€ume um ein wenig Licht bitten und auch der ewige Wurzelkampf im harten Boden fĂ€nde so sein jĂ€hes Ende. Die Menschen wĂŒrden kĂŒnftig fĂŒr sie sorgen und sie pflegen. Die Kinder wĂŒrden mit ihr in den schönsten TĂ€nzen in himmlischer Freude verglĂŒhen und fĂŒr immer wĂ€re sie befreit von all dem Konkurrenzkampf der im Wald so grausam tobte.
Die Eichhörnchen vergruben bereits ihre letzten NĂŒsslein vor der großen Ruhe des Winters, als die ersten Menschen mit der Absicht einen Baum auszuerwĂ€hlen durch den Forst streiften. Viele gingen ohne sie nur im Geringsten zu beachten an der jungen Tanne vorbei, andere betrachteten sie kurz, gingen aber trotzdem weiter in den Wald hinein. Dabei rief sie doch jedem von ihnen zu! Dass sie es kaum noch erwarten könne, dass sie stark genug sei und beinah flehend klang es wie sie ihre Sehnsucht, sie mĂŒsse sterben wenn sie nicht in diesem Winter befreit werden wĂŒrde zu panischer Angst steigerte. Niemals wieder wollte sie sich durch ein weiteres Jahr quĂ€len, erst recht nicht noch einen FrĂŒhling erleben, in dem all das GlĂŒck der Wiedergeburt aus jedem Keim rauschte. Ewig unglĂŒcklich wĂ€re sie bei diesem Anblick geworden, da ihr einziger Wunsch, ihr einziges LebensglĂŒck mit diesem Winter von dannen geweht wĂ€re. Manisch schlug es auf ihr GemĂŒt, dieser Drang nach Bewegung, nach VerĂ€nderung! Nicht lĂ€nger wollte sie an diese kahle, eintönige Landschaft gekettet sein um Tag fĂŒr Tag, Jahr um Jahr, an dieser unertrĂ€glichen Wiederholung des Lebenszyklus zu Grunde zu gehen. Wie sicher wĂŒrde der nĂ€chste FrĂŒhling ihr Ende sein, wenn es nicht bald geschehe!
Schließlich kamen sie. Ein junges MĂ€dchen, an der Hand des Vaters geleitet, erklĂ€rte mit emphatischer Stimme, dass sie jene junge Tanne zu Hause haben wollte, die sich so sehnsĂŒchtig nach der MenschennĂ€he streckte. Schon blitzte die scharfe Axt auf und mit wenigen SchlĂ€gen lag das BĂ€umchen flach gebettet im kalten Schnee. Schmerzvoll drangen die Hiebe durch ihr Fleisch, doch sie biss die ZĂ€hne zusammen um keinen Laut aus ihrem Leib dringen zu lassen. Die anderen BĂ€ume hatten nie von solch einer Pein berichtet, doch war auch sie still, sie sollten ja nicht denken, sie sei zu schwach um mitgenommen zu werden. Nur ein kleines Opfer hatte sie zu bringen, bevor sie in ewigem GlĂŒck so sorglos ihr neues Dasein verkosten konnte, so dachte sie noch kurz zuvor, ehe ihr das Gegenteil bewiesen werden sollte. GĂ€nzlich verschmutzt vom Umherschleifen durch den matschigen Schnee wurde der entwurzelte Leib dann unsanft auf ein Autodach katapultiert, auf dem er erneut gefesselt seine Reise antrat. Zu den Schmerzen der abgetrennten Wunde kam nun noch das Leid, dass sie bei jedem abgebrochenen Ästlein zu spĂŒren bekam. Das waren wahrlich nicht wenige und wie ein Blitz fuhr es bei jedem Glied durch ihre Zellen, dass sie fĂŒr ihr GlĂŒck zu opfern gedachte, doch selbst als sie die hellen Lichter der Stadt so fĂŒrchterlich blendeten kamen ihr noch keine Zweifel an dieser EntfĂŒhrung. Immer noch berauscht von ihren Erwartungen kompensierte sich die imaginĂ€re Vorfreude mit dem Leid, welches sie zu durchstehen hatte. Doch es kam zu keiner Wende, denn auch als sie in dem großen Haus der Familie angekommen waren, stand das BĂ€umlein noch mehrere Tage eingespannt in einer widerlich schmeckenden Sieche, die sie gĂ€nzlich ohne NĂ€hrwerte nicht lange am Leben halten konnte. Erst als ihr Kleid endlich geschmĂŒckt wurde, atmete sie wieder auf und voll Hoffnung blickte sie erneut auf den ersehnten Tag, an dem ihr GlĂŒck in die Endlosigkeit verlagert werden sollte. Wie glitzerten ihre Äste plötzlich! Mit welch Prunk wurde ihre sterbende HĂŒlle fĂŒr den Tod verziert! Wie einfĂ€ltig war ihr Wesen nur, dass sie noch immer nicht erkannte welch eigentliches Unheil der Mensch an ihr verrichtet hatte. Auch der große Festtag von dem ihr soviel erzĂ€hlt wurde kam, doch auch diesen hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Das MĂ€dchen, ĂŒbrigens Else genannt, sang sehr seltsame Lieder, noch dazu mit einem etwas gequĂ€lten Gesichtsausdruck, doch die abendliche Gesellschaft schien davon hoch entzĂŒckt zu sein. Welch entsetzliche Todesangst machte sich in ihr breit, als auf einmal der seltsame Schmuck, der an ihren schwachen Ärmchen zog, auf einmal angezĂŒndet wurde! Unheimlich nah zĂŒngelten die Flammen um ihren trockenen Körper und wie außerordentlich gemein sie erst kicherten! "Lecke Wunden", schienen sie zu flĂŒstern und sie wusste schon gar nicht mehr zu unterscheiden, ob ihr nun von den vielen Flammen, oder von ihrer Aufregung so heiß ums GemĂŒt wurde.
Ihr einziges GlĂŒck an ihrem Raub war, dass sie nicht mehr darĂŒber nachdenken konnte, wie schön es doch im Wald gewesen war, da sie am nĂ€chsten Morgen schon welkend, mit vielen anderen ihrer damaligen Freunde, an einem MĂŒlleimer ihren letzten Halt gefunden hatte. UnterschĂ€tzt hatte sie die Falschheit der Menschen, ĂŒberschĂ€tzt hingegen das Vertrauen zu ihren Verwandten.

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Hohe Geister wollen schaffen, lieben und untergehen...(Nietzsche)

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flammarion
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das

ist von anderen leuten schon trefflicher beschrieben worden. außer der falschheit der menschen ist kein neuer gedanke drin. und den finde ich auch noch unangebracht, denn nicht die menschen hatten der tanne was vorgegaukelt, sondern ihre artgenossen.
lg
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Old Icke

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