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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tramonto
Eingestellt am 24. 09. 2003 15:14


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eli-fant
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Schon seit Jahrtausenden findet das Schauspiel statt und immer hat es Menschen in seinen Bann gezogen.
Von dem Felsen aus, der etwas au├čerhalb des kleinen italienischen Fischerdorfes an der K├╝ste aufragt, l├Ą├čt es sich besonders gut beobachten. Dabei ist es kein Schauspiel, das f├╝r Menschen gemacht w├Ąre. Unber├╝hrt davon, ob jemand es bewundert oder nicht, spielt es sich jeden Abend auf die gleiche Weise ab:
Wenn die Sonne sich dem Horizont n├Ąhert, verwandelt sich das glei├čend wei├če Gestirn in einen r├Âtlichen Feuerball. Dieser zaubert eine imagin├Ąre Stra├če aus tanzenden Lichtfunken auf die Wellen. Sie f├╝hrt fast bis zum Ufer, wird jedoch schon wenig sp├Ąter schmaler und blasser und entschwindet vollst├Ąndig, sobald die rote Kugel am Horizont versunken ist.
Dann liegt das Meer dunkel und majest├Ątisch vor dem noch rosigen Himmel.

Die enge kurvenreiche Stra├če hinauf, die zum Aussichtsfelsen am Meer f├╝hrt, wand sich ein deutscher Reisebus. Ganz oben befindet sich eine Trattoria; vor ihr spuckte er eine stattliche Anzahl mit Taschen und Fotoapparaten beladener Insassen aus, die sogleich ausschw├Ąrmten und sich auf die im Freien stehenden Tische verteilten.

"Herbert, Herbert!"
Eine weinerliche Frauenstimme ├╝bert├Ânte das allgemeine Tische- und St├╝hler├╝cken.
"Haben wir nicht vor ein paar Tagen ausgemacht, da├č derjenige, der das letzte Foto knipst, gleich den Film wechselt? Das w├Ąre eine Katastrophe gewesen, wenn ich es nicht jetzt noch gemerkt h├Ątte. Du wei├čt doch, da├č ich Bilder von Sonnenunterg├Ąngen so liebe!"

Zwei Tische entfernt von ihr blickte sich eine ├╝ppige Dame mittleren Alters suchend um.
"Wo ist nur der Herr Haberfeld geblieben? Er war mit Sicherheit im Bus. Gerlinde, hast du ihn gesehen?"
Sie senkte die Stimme. "Typischer Junggeselle - schrecklich menschenscheu. Wir m├╝ssen uns ein bi├čchen seiner annehmen."
"Aber klar doch", stimmte ihre Schwester zu. "Da kommt er schon! Mu├čte wohl gleich nach dem Aussteigen, scheint eine schwache Blase zu haben. - Herr Haberfeld!" Ihre Stimme schallte quer durch's Lokal. "Hierher! Wir haben einen Platz f├╝r Sie freigehalten - mit toller Sicht auf's Meer!"
Als der Gerufene sich n├Ąherte, grinste sie:
"Na, mein Lieber, das lohnt sich doch nicht, wegen einer einzigen Wurst gleich den Laden zu ├Âffnen!"
Herr Haberfeld starrte sie verdutzt an. Dann ging ihm ein Licht auf und er wandte sich mit betretener Miene ab, um den Rei├čverschlu├č an seiner Hose zu schlie├čen.
"Aber wenn der Laden schon mal offen ist", fuhr Gerlinde unbarmherzig fort, "was soll sie denn kosten, die Wurst?"
Herr Haberfeld l├Ąchelte hilflos.
"Ein Euro", murmelte er.
"Ein Euro", kreischte Gerlinde, "das ist billig! Da w├╝rd' ich glatt zwei nehmen!"
Gel├Ąchter.

Herr B├Ąuerle am Nebentisch schaute gereizt her├╝ber. Die Ursache f├╝r das Lachen war ihm entgangen und er konnte es grunds├Ątzlich nicht ausstehen, wenn jemand anderer als er selbst im Mittelpunkt stand.
"So", sagte er, lehnte sich zur├╝ck und warf einen Blick in die Tischrunde. "Ich trinke jetzt erstmal einen sch├Ânen Cappuccino. Meiner langj├Ąhrigen Erfahrung nach ist das ein idealer Aperitif. Macht das Essen bek├Âmmlicher."
"Im Reisef├╝hrer habe ich heute gelesen, da├č die Italiener nur morgens Cappuccino trinken", wandte Frau Zierhut, eine ├Ąltere, freundliche Dame ein. "Wer nach dem Mittagessen noch einen trinkt, gibt sich unweigerlich als Deutscher zu erkennen."
Herrn B├Ąuerles Gesicht lief dunkelrot an.
"Wenn jemand sich mit Cappuccino auskennt, dann ich!!!"
Frau Zierhut zuckte zusammen.
"Ich habe die offizielle Cappuccino-Fibel zu Hause. Und dieser Cappuccino -" Herr B├Ąuerle deutete auf das Gebr├Ąu, das der Kellner soeben vor ihn hingestellt hatte, "ist eindeutig nicht nach den vorgeschriebenen Regeln gemacht. Ein auf den Milchschaum gelegtes Zuckerst├╝ck mu├č drei bis zehn Sekunden sp├Ąter einsinken", dozierte er. "Dieser Milchschaum ist zu fest. Ja, so ist das. Bei Cappuccino macht mir kein Italiener etwas vor!"
Ein paar Augenblicke lang ├Ąhnelte seine Miene der eines Dackels, der gelobt werden m├Âchte, wurde jedoch s├Ąuerlich, als die erwartete Wirkung ausblieb. Er wandte sich wieder seinem Getr├Ąnk zu.

Die Aufmerksamkeit seines Gegen├╝bers, des ├Ąltlichen Herrn Schr├Âderbach, war inzwischen auf das neben ihm sitzende Fr├Ąulein Schneider gerichtet. Er r├╝ckte ein St├╝ck von seiner ebenfalls ├Ąltlichen Gattin ab und redete auf seine junge Nachbarin ein:
"Also, diese Reise ist in Ordnung. Gute Organisation - ich habe da in den vergangenen Jahren bei Studienreisen schon ganz anderes erlebt, kann ich Ihnen sagen. Und dieses Abendessen mit Aussicht auf den Sonnenuntergang ist wirklich eine nette Idee von der Reiseleitung."
Er beugte sich etwas vor, um einen unauff├Ąlligen Blick in Fr├Ąulein Schneiders Ausschnitt zu erhaschen. "Wissen Sie, n├Ąchstes Jahr wollen meine Frau und ich Sizilien machen. Das ist nat├╝rlich im Hochsommer nichts, da mu├č man im Fr├╝hjahr..."

"Hallo! Hallo, Sie!"
Eine schrille Frauenstimme direkt hinter ihm lie├č ihn innehalten.
"Hallo, Herr - ├Ąh, Signor Tramonto!" schrie Frau Poppe einem Mann in Hemds├Ąrmeln, der gerade in der K├╝che verschwinden wollte, nach. "Ho una domanda", fuhr sie nach einem schnellen Blick in den Sprachf├╝hrer fort.
"Ich hab ihn, das ist der Wirt", zischte sie ihrem Mann zu. "Jetzt krieg ich raus, wie die Italiener das Tomatenzeugs machen, das auf die Pizza kommt."
"Sicher, sicher. Nachdem du in Rekordzeit rausgefunden hast, wie er hei├čt... Wie hast du das angestellt - du bist ein Tausendsassa, Schn├Ąuzchen!"
"Nichts leichter als das! Schau, da oben steht's: 'Tramonto' hei├čt das Lokal, also ist das auch der Name des Wirts."

Der elfj├Ąhrige Thomas, der mit seinen Eltern gegen├╝ber sa├č, ginste ├╝ber's ganze Gesicht.
" 'Tramonto' hei├čt 'Sonnenuntergang'. Hab ich gerade im W├Ârterbuch nachgeschlagen. Ich glaub', man hat die Trattoria 'Tramonto' genannt, weil..."

"Des is wurscht, wie des hei├čt! Ganz wurscht is des, verstehst?"
Herr Meisel am Nebentisch schlug mit der Faust auf den Tisch, da├č das Geschirr klapperte. "Bayerisch is die sch├Ânste Sprach' auf der Welt - es braucht gar keine andern Sprachen geben - des merkst dir, gell!"
Herr Meisel ├Ąrgerte sich - er ├Ąrgerte sich schon seit Tagen ma├člos und ein aufm├╝pfiges Kind war genau das, was er gebraucht hatte, um seinem Zorn freien Lauf lassen zu k├Ânnen. Seine beiden T├Âchter hatten ihm und seiner Frau die Reise zur Goldenen Hochzeit geschenkt und w├Ąhrend seine Gattin den Urlaub zu genie├čen schien, weckte alles, was er bis jetzt in diesem fremden Land erlebt hatte, seinen Zorn. Es war zu hei├č, er konnte nicht zur gewohnten Zeit fernsehen, das Bier war unm├Âglich und das Essen noch schlechter - kein Leberk├Ąs, kein Schweinsbraten, keine Kn├Âdel, kein Sauerkraut. Seit sie Rom verlassen hatten, gab es nicht einmal mehr Wiener Schnitzel. Erst gestern hatte er seiner Frau gegen├╝ber die Vermutung ge├Ąu├čert, da├č seine Nachkommen ihn mit dieser Reise vorzeitig ins Grab bringen wollten.
├ärgerliche Blicke aus seiner Umgebung brachten Herrn Meisel zum Schweigen, aber innerlich kochte er. Wenn diese ganzen verdammten Leute nicht da w├Ąren, wenn er zu Hause mit seiner Frau allein w├Ąre, dann w├╝rde er das tun, was er immer tat, wenn etwas nicht seinen W├╝nschen gem├Ą├č verlief.
Er w├╝rde mit den F├Ąusten gegen die W├Ąnde h├Ąmmern, alles zu Boden schleudern, was nicht niet- und nagelfest war und schreien, so laut er konnte:
"Schei├če!" w├╝rde er br├╝llen, und noch einmal: "Schei├če, Schei├če!"

Zwei Stunden sp├Ąter s├Ąuberte Filippo, der Kellner, das Lokal. Nachdem er diverse zusammengekn├╝llte Papierservietten unter den St├╝hlen hervorgeangelt hatte, schmerzte sein R├╝cken. Er hielt inne, streckte sich und lie├č seinen Blick zufrieden ├╝ber die Tische gleiten. Bald w├╝rde die Trattoria aussehen, als w├Ąre die deutsche Reisegruppe niemals dagewesen und er k├Ânnte nach Hause gehen.
Dann schaute er zum Horizont, dorthin, wo die Sonne untergegangen war. Und seltsam, es erf├╝llte ihn auch mit Erleichterung, da├č das Meer unber├╝hrt und majest├Ątisch dalag - so, wie es schon vor Urzeiten gewesen war und wie es sein w├╝rde, solange die Erde existierte.




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eli-fant

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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Hallo Eli-fant,

die Geschichte ist gut geschrieben und man kann sich die Typen auch lebhaft vorstellen. Trotzdem kann ich mich nicht so recht damit anfreunden: F├╝r eine Beobachtung ist es zu klischeehaft, f├╝r eine Satire zu brav, und so stellt sich am Schlu├č ein hilfloses "Ja, und?" ein.
Es gibt solche Leute. Es gibt auch solche Reisegruppen. Das wissen aber mittlerweile alle, und so ist der ganze Text nicht richtig interessant. Besser h├Ątte mir bei einem beobachtenden Text gefallen, wenn irgend etwas passiert, das nicht dem Klischee entspricht - obwohl auch diese Art Erz├Ąhlung recht h├Ąufig ist und somit selber Gefahr l├Ąuft, zum Klischee zu werden. Oder aber eine stark ├╝berzeichnete Satire.
Deine "Typen" werden weder sp├Âttisch noch liebevoll beleuchtet, einfach nur geschildert. Du beziehst keine Position. Und dazu gibt das Thema einfach nicht genug her, trotz des Gegensatzes zur Natur.

Gru├č,
Gabi

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eli-fant
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

Werke: 11
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Hallo,

ja, da hast du sicher Recht - besonders interessant ist die Geschichte nicht.
Mich juckt es nur beim Zuh├Âren und Zuschauen im Alltag (was ish sehr gerne mache) oft schrecklich in den Fingern, genau das auch aufzuschreiben.
Aber ich werde versuchen, mir beim n├Ąchsten Mal was Originelleres einfallen zu lassen. :-)

Liebe Gr├╝├če,

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eli-fant

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