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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Trance (Neubearbeitung)
Eingestellt am 27. 07. 2003 18:07


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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Burnus

Da war nicht blo├č das Bewusstsein, dass da etwas ist, vielmehr das best├╝rzende Gewahrsein von etwas unaussprechlich Gutem. Und nachdem es verschwunden war, beharrte die Erinnerung darauf, die Erfahrung von etwas Realem gemacht zu haben. Alles andere mag ein Traum sein, dieses nicht.
William James: The Varieties of Religious Experience. Edinburgh 1901/1902


Sie hatte sich vorsichtshalber in dem Kloster f├╝r ein Wochenende angemeldet, um Ruhe zu finden, um das "Burn-out-Syndrom" anzugehen, irgend etwas musste sie ihrer Familie ja erz├Ąhlen. Und im Kloster kannte sie niemand. Kaum einer w├╝rde sich die M├╝he machen, gleich herauszufinden, warum der angemeldete Gast nicht erschien. Und wenn, dann w├Ąre sie schon tot.

Nein, hier diese Wiese war ihr Ziel, wo man sie erst sp├Ąt finden w├╝rde. Eine Wiese, Weidenb├Ąume, ein mooriger Weiher. Die Gro├čmutter hatte sie oft hierher mitgenommen, wenn sie Kamillenbl├╝ten pfl├╝ckte. Den moorigen Weiher sollte sie meiden, weil er f├╝r das kleine Kind gef├Ąhrlich war.

Die Gro├čmutter war vor f├╝nfzehn Jahren gestorben, eine breite, beh├Ąbige Frau, in Budweis geboren, Tschechisch und Deutsch mischend. Sie hatte am Sonntag den Sauerbraten in der Rahmso├če zusammen mit den Serviettenkn├Âdeln aufgetischt, es schmeckte noch besser als am Samstag, und sie hatte bei der Arbeit gesungen und dazu den Kopf gewiegt:

Ja, du Land in weiter Ferne,
Ganz verh├╝llt sind deine Sterne,
Ferne ist der Kindheit Licht,
Und auf schwarzen Eulenschwingen
F├Ąllt die Traurigkeit mich an
will mir durch die Schl├Ąfe dringen.
O, was hab ich nur getan?


Aber es war seltsam, die Gro├čmutter sang zwar inbr├╝nstig die Zeilen, manchmal weinte sie sogar ein wenig dabei, aber dann sang sie l├Ąchelnd die Strophe noch einmal und stupfte im Takt das zuh├Ârende M├Ądchen in das B├Ąuchlein und in die Seite. Und das M├Ądchen durfte eine getrocknete Wacholderbeere zerbei├čen und dann den Finger in die Sahne tunken, die man f├╝r die "svickova" brauchte.

Luise setzte sich ins Gras, sie hatte die Tabletten dabei, sie w├╝rde sie im Mund zerbei├čen, sie hatte eine Thermosflasche mit Wasser, das w├╝rde sie nachtrinken und alles heruntersp├╝len. Dann w├╝rde es soweit sein. Sie w├╝rden sie hier finden, nicht weit von dem Weiher. Ein Bauer vielleicht oder ein Angler.

Luise sah zu dem Wasser hin├╝ber und war seltsam anger├╝hrt - dort sa├č ein kleines M├Ądchen schmal in der Wiese. Mit einem Tuch auf dem Kopf. Eine Art Burnus.

Vier Knoten hatte Gro├čmutter damals in das gro├če Taschentuch gekn├╝pft, vier Knoten, an jedem Ende einer. Sie hatte der Enkelin das Tuch auf den Kopf gelegt, als Schutz vor der Sonne. Sie hatte ihr ├╝ber die Wange gestreichelt, hatte "krasna holcicka" gemurmelt und war dann in die Wiese weggetaucht, um Kamillenbl├╝ten im Korb zu sammeln, die man sp├Ąter auf der Terrasse zum Trocknen auf einem Tuch auslegen w├╝rde.

Ein Burnus! Sie hatte einen Burnus wie ein Araber. Man durchquerte die W├╝ste und kannte die geheimen Wasserstellen und die gr├╝nen Oasen. Hier die Oase hatte flaschengr├╝nes Riedgras und ein Steilufer und einen morschen Holzsteg, auf dem man seine Schritte vorsichtig setzen musste. Und dort dr├╝ben erhob sich die dicke Weide, in der zwei Hexen sa├čen und ihre schilfgelben Haare verwundert oder h├Âhnisch sch├╝ttelten. Besser man schaute nicht hin.

Der Araber nahm einen d├╝rren Ast, betrat vorsichtig die Bretter des Holzstegs und ging an seinem Ende in die Hocke, dann auf die Knie. Er besah lange sein Spiegelbild, ber├╝hrte dann mit dem Ast das geknotete Tuch im Wasser und das Gesicht. Blinkende Punkte sprangen ├╝ber den Spiegel. Unter den Knieen bewegte es sich leise: der Weiher t├Ątschelte schmatzend das Ufer und alle Konturen ringsum schienen sich aufzul├Âsen.

Dann sp├╝rte er, dass etwas hinter ihm stand, etwas streichelte ├╝ber die Flaumhaare in seinem Nacken, es streichelte ├╝ber den Hinterkopf, es zupfte an einem Knoten des Burnus. Wahrscheinlich l├Ąchelte es. Am besten, man stand auf, hielt aber den Nacken gebeugt, damit die Liebkosungen des Unsichtbaren nicht aufh├Ârten. Und man atmete ganz ruhig und man schloss die Augen, solange der Unsichtbare da war.

Als Luise die Augen ├Âffnete, war das M├Ądchen mit dem Burnus nicht mehr zu sehen. Aber die Baumhexen sa├čen nicht weit von ihr und schienen auf etwas zu warten. Als Luise aufstand, sch├╝ttelten sie voll Wut ihre schilfgelben Haare.

(Der Text "Trance" wurde von Dornrosis und ihrer dunkel-sch├Ânen Geschichte "Suizid?" angeregt. Ich hoffe, der Trance-Text kann ein wenig die Erinnerung an transpersonale Erfahrungen wecken - nicht nur bei einem Skeptiker wie William)




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aes (auf! eulen schwingen)

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

fr├Âstel

Hi, Willibald!

Mir gef├Ąllt der Text sehr gut. Er hat etwas wehm├╝tiges, eine Erinnerung an eine andere Zeit - vielleicht sogar ein anderes Leben. Und ein wenig auch was Unheimliches. Ich war auch schon in ├Ąhnlichen Situationen und kann das gut nach vollziehen.

Weiter so.

Ciao
Tim

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 25
Kommentare: 105
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L├Âwen unter sich

Hi, gro├čer L├Âwe mit dem klaren Auge

Mir gefallen deine "giftigen L├╝gen" sehr gut-

Feinedialogtechnik, untergr├╝ndiger, grotesker Humor.

Salute

william
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aes (auf! eulen schwingen)

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