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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Trans European Airways
Eingestellt am 04. 06. 2001 23:14


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Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

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"Meine Damen und Herren, wir sind jetzt startbereit. Ich m├Âchte Sie bitten, nun auch die Tische hochzuklappen und die Lehnen senkrecht zu stellen! Vielen Dank!"
Maik ├╝berflog noch einmal die Checkliste und schaltete die Scheinwerfer ein. Grell bohrten sich die Lichtstrahlen in die Dunkelheit, die sonst nur von den wei├čen Begrenzungsleuchten und der beleuchteten Mittelline der Bahn aufgehellt wurde. In der Kabine hinter ihm wurde jetzt endlich auch die sterile Hintergrundmusik von James Last abgestellt, die w├Ąhrend der ganzen Zeit aus den Lautsprechern gepl├Ątschert war. Die Manager der Trans European glaubten wohl, da├č die Flugg├Ąste daran Gefallen fanden.
Nachdem eine DC-9 der Swissair vor ihnen in den Nachthimmel geklettert war, spulte Maik routiniert seine Meldung ab:
"Frankfurt Ground, Trans European Zero-Two-Nine, Rollhalt Startbahn 25 Rechts, abflugbereit."
Die Antwort des Fluglotsen kr├Ąchzte im Kopfh├Ârer: "Trans European 029, cleared for takeoff, Wind aus 180 Grad, 10 Knoten. Guten Flug und sch├Ânen Feierabend noch!"
Maiks Herzschlag beschleunigte sich, w├Ąhrend er langsam die beiden Gashebel nach vorn schob. Das anschwellende Grummeln und Vibrieren ├╝bertrug sich durch den Fu├čboden bis in die Steuers├Ąule, die Maik in den H├Ąnden hielt. Die Maschine rollte an.
"80 Knoten", meldete der Copilot wenig sp├Ąter. Die St├Â├če der R├Ąder auf den Betonplatten folgten in immer k├╝rzeren Abst├Ąnden.
"V-1". Das war die kritische Geschwindigkeit, jetzt war kein Startabbruch mehr m├Âglich. Noch ein paar Sekunden sp├Ąter strich die Nadel des Fahrtmessers ├╝ber die Zahl 140.
"Rotate!", befahl der Copilot.
Ganz vorsichtig zog Maik die Steuers├Ąule nach hinten. Die Nase der Maschine hob sich, die wei├čen Lichterketten auf der Bahn wanderten nach unten aus seinem Blickfeld.
"Positive climb", kam es vom Co.
"Gear up!"
Das Fahrwerk rumpelte beim Einfahren. Maik stellte befriedigt fest, da├č die drei gr├╝nen Lampen ├╝ber dem Fahrwerkshebel kurz nacheinander erloschen.
"Flaps 10 Grad!"
Sirrend fuhren nun auch die Klappen ein.
"Bremsautomatik auf 'disarmed', Nicht-Rauchen-Zeichen aus!"
Er entspannte sich. War man einmal in der Luft, so war die erste kritische Phase ├╝berwunden.
Sie ├╝berflogen gerade den Beginn der Startbahn 18, und dahinter sah man schemenhaft die Lichter des n├Ąchsten Ortes. W├Ąhrend er die Triebwerksleistung auf 97 Prozent zur├╝cknahm und die Maschine in eine langgestreckte Rechtskurve legte, mu├čte er an die Protestdemo denken, die f├╝r heute abend am Flughafenzaun unter ihm angek├╝ndigt war. Er stellte sich vor, wie seine Maschine im Nieselregen mit aufgeblendeten Scheinwerfern ├╝ber die K├Âpfe eines verlorenen, frierenden Gr├╝ppchens von DemonstrantInnen - mit gro├čem I - hinwegzog und wie Plakate in den Nachthimmel gereckt wurden. Darauf standen Parolen wie "M├╝tter gegen Flughafenausbau" oder "Frauen fordern Nachtflugverbot". Maik mu├čte unwillk├╝rlich grinsen.
"TEA 029, hier Frankfurt Radar, steigen Sie auf Flugfl├Ąche 245, Radial 328 Funkfeuer COLA."
├ťber der dichten Wolkendecke schien der Vollmond durch die Cockpitscheiben. Wenn man genau hinsah, konnte man die charakteristische Silhouette der 737 als Schatten auf den Wolken unter ihnen entlanghuschen sehen. Sollte die Wolkendecke nur f├╝r einen Moment aufrei├čen, so w├╝rde man in ein paar Minuten vielleicht auch das Lichtermeer von Bonn und K├Âln erkennen k├Ânnen. Maik schaltete den Autopiloten ein und lehnte sich zur├╝ck.
"Pling! Meine Damen und Herren, Ihre Kabinencrew wird jetzt mit dem Service beginnen. Bitte beachten Sie auch die attraktiven Angebote unseres Inflight Value Shops, die Sie in der Brosch├╝re in Ihrer Sitztasche finden: internationale Spirituosen, exclusive Parfums, stilvolle Accessoires - fragen Sie uns einfach nach Ihrem Lieblingsprodukt!"
Er nahm sich seinen Pappbecher mit Apfelsaft und griff in die T├╝te mit den Gummib├Ąrchen. Es war eine winzig kleine T├╝te, so wie sie an Bord ├╝blich war. Zu einer richtige Mahlzeit kam er nur selten, wenn er flog. Obwohl er kaute, beobachtete er unabl├Ąssig die Instrumente. Die Au├čentemperatur betrug in dieser H├Âhe minus 29 Grad.
Eine infernalische Sirene lie├č ihn pl├Âtzlich zusammenfahren. Grell blinkten mehrere rote Warnleuchten. Feuer in Triebwerk Nummer Zwei! Mit ge├╝bten Griffen zog Maik das Kraftstoffventil zu, kappte mehrere elektrische Verbindungen und bet├Ątigte dann den Knopf f├╝r die L├Âschvorrichtung. Gott sei Dank, das rote Feuerwarnlicht erlosch nach einigen Sekunden. Das Flugzeug schlingerte noch etwas, aber der Autopilot kompensierte die St├Ârung nach kurzer Zeit.
Ruhig bleiben, redete er sich ein. Er holte tief Luft und griff nach dem Mikrofon:
"Meine Damen und Herren, wir hatten eine kleine technische St├Ârung am rechten Triebwerk, das wir aus Sicherheitsgr├╝nden abgestellt haben. Es besteht aber keinerlei Gefahr, da unsere Maschine auch mit nur einem Triebwerk sicher weiterfliegen kann. Wir erwarten eine planm├Ą├čige Landung in London-Heathrow!"

Die T├╝r hinter ihm ging pl├Âtzlich auf. Er schob sich den Kopfh├Ârer in den Nacken.
"Stell' blo├č dieses Dr├Âhnen leiser! Und du mu├čt auch bald ins Bett!" Die Stimme h├Ârte sich gereizt an.
"Nur noch kurz nach London", murmelte er, ohne vom Bildschirm aufzublicken, "nur noch 20 Minuten bis zur Landung."
"London! Du solltest dich mehr um deine Berufsschule..."
"Schei├č Berufsschule. Ich mu├č mich auf eine One-Engine-Out-Landung vorbereiten! St├Âr' mich nicht!" Er kniff die Augen zusammen und wedelte mit der Checkliste.
"Habt ihr nicht morgen eine Pr├╝fungsarbeit?"
"Jaa.... Ich dachte, du bist zur Startbahn-Demo mit deiner Fraueninitiative."
"Bei dem Nieselwetter macht es keinen Sinn. Da sieht uns doch keiner."
"Ist wohl auch besser so."
"Nun sei nicht so rotzig. Kannst deine Mutter ruhig auch mal unterst├╝tzen."
"Euren ├ľko-Schnepfen-Verein unterst├╝tz' ich nicht. Auch wenn Franz deswegen uunheimlich betroffen ist." Er grinste b├Âsartig, als er erkannte, da├č sie schluckte und da├č sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Franz war ihr neuester Schwarm, ging mit ihr auf fast jede ihrer Demos und war wie sie Lehrer f├╝r Deutsch und Kunst.
"Dann mach' wenigstens den Computer leiser. Es reicht, wenn wir das dauernd von oben kriegen."
"Na gut." Er schnaubte.
Wortlos verlie├č die Mutter das Zimmer. Einen Moment lang verfolgte Maik noch den Weiterflug der 737 auf dem Monitor, aber die Atmosph├Ąre war weg, und ohne Sound machte es keinen Spa├č mehr. Er fuhr den Computer hinunter, dann l├Âste er die Bremsen seines Rollstuhls und stie├č sich von der Tischplatte ab.
Vielleicht sollte ich doch noch mal in den Schulhefter f├╝r morgen gucken, dachte er. M├╝hsam fingerte er den Ordner aus seiner Tasche.
"Verwaltungslehre: Kommunales Abgabenrecht und ├ľffentliches Haushaltsrecht", las er gelangweilt, "...die Reformierte Kommunalabgabenverordnung (RefKomAbgVO) in der Fassung vom 12.2.1971 umfa├čt neben erweiterten steuerrechtlich relevanten Abschreibungsregelungen erstmals auch eine dezidiert ├Âffentlich-rechtlich orientierte Komponente der k├Ârperschaftlichen Investitionst├Ątigkeit, die essentiell f├╝r die kommunale Selbstverwaltung und somit letztlich f├╝r den Fortbestand der verwaltungsrechtlichen..." Womit habe ich das blo├č verdient, dachte er, und das soll ich nun mein ganzes Leben lang... Besser nicht so lange dar├╝ber nachgr├╝beln, redete er sich ein und warf entnervt den Hefter auf den Boden.
Er man├Âvrierte den Rollstuhl in seine Schlaf- und Fernsehecke. ├ťber seinem Bett hingen vier Uhren, die verschiedene Zeitzonen anzeigten, und darunter ein gro├čer bunter Plan mit der ├ťberschrift "Luftfahrtkarte ICAO 1:500 000".
Auf dem Tischchen neben dem Fernseher lag auch noch der Pappbogen, den er heute nachmittag, nachdem er das Lernen f├╝r die Schularbeit zum ersten Mal hingeschmissen hatte, mit seinem Grafikprogramm gestaltet hatte. In der Mitte war ein stilisiertes Flugzeug abgebildet, daneben einer Reihe von comicartigen Symbolen, und ├╝ber allem eine vielsprachige Beschriftung: "F├╝r Ihre Sicherheit - For your safety - Pour votre s├ęcurit├ę". Mit einem gewissen Stolz betrachtete er sein Werk. Obwohl alles selbst gemalt war, sah es sehr professionell aus.
Mit viel Kraft gelang es ihm, sich aus dem Rollstuhl auf das Bett zu ziehen. Auf der Bettkante sitzend griff er nach der Fernbedienung seines Fernsehers, aber ein lautes, anschwellendes Pfeifen lie├č ihn zum Fenster hinausschauen.
Eine der letzten Maschinen, die heute abend rausgingen, bevor die Nachtflugbeschr├Ąnkung begann. Das Pfeifen ging in Donnern ├╝ber, als die Maschine am Haus vorbeizog und eine sanfte Kurve begann. Maik reckte den Kopf. An der Anordnung der Scheinwerfer und Lichter konnte er erkennen, da├č es sich um eine Boeing 737-300 oder -500 handeln mu├čte. Er stellte sich eine halbleere, schummrig beleuchtete Passagierkabine mit d├Âsenden Gesch├Ąftsleuten und Urlaubern vor. Die Weltzeituhr ├╝ber dem Bett zeigte jetzt 22:30 Greenwich Mean Time. Flug 029 der Trans European war planm├Ą├čig nach Heathrow gestartet.

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La Luna
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 19
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Hallo Martin,

eine sehr traurige Geschichte, die mal wieder verdeutlicht,
das nichts im Leben selbstverst├Ąndlich ist.
Viele Menschen haben nicht viel mehr, als ihre Tr├Ąume.

Sehr gut geschrieben, deine Geschichte.


Liebe Gr├╝├če
Julia

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Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 4
Kommentare: 13
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Liebe Julia,

danke f├╝r Deine nachdenkliche Antwort... hatte die Geschichte eine ganze Zeit lang auf dem PC und wu├čte nicht, ob ich sie hier ver├Âffentlichen sollte...

Viele Gr├╝├če

Martin

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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lieber martin, genau das habe ich vor etwa einem jahr in einer usa-fersehserie gesehen. du hast das recht gut geschrieben, aber f├╝r meinen geschmack ein klein wenig zu lang. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 4
Kommentare: 13
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Marion,

das ist ja lustig, da├č es diese Geschichte schon mal im Fernsehen gab. Habe es - das ist wirklich ehrlich - nicht gewu├čt... naja, vielleicht ist die Idee nun ja auch wieder nicht so originell. Aber mich w├╝rde schon interessieren, was es f├╝r eine Serie war und wie gro├č die ├ähnlichkeit der Handlung ist...

Viele Gr├╝├če

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