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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Trauer
Eingestellt am 06. 12. 2001 14:05


Autor
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The Girl Who...
Routinierter Autor
Registriert: Dec 2001

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Am Morgen

Sie wachte auf.
Sie machte den Abwasch und das Fr├╝hst├╝ck: R├╝hrei und eine gro├če Tasse Kakao. Ein Lied summend, schob sie das R├╝hrei auf seinen Lieblingsteller und stellte ihn auf den Tisch, auf seine Lieblingsseite, zwischen Gabel und Tasse.
Ein paar Minuten sp├Ąter kam er aus dem Bad, gut und frisch riechend, und setzte sich an den Tisch. L├Ąchelnd sa├č sie neben ihm und schaute zu, wie er a├č. Er liebt R├╝hrei, dachte sie.
"Willst du noch welche? fragte sie, als der Teller leer war.
Er sch├╝ttelte den Kopf und wischte den Mund mit einer Serviette ab. Stand auf, ├Âffnete den K├╝hlschrank und nahm einen Schluck kalte Milch, direkt aus der Packung. Dann durchquerte er das Wohnzimmer, schwang die Tasche ├╝ber die Schulter, ├Âffnete die Wohnungst├╝r und trat heraus.
"Ich liebe dich", sagte sie.
Aber er war schon weg.


Am Mittag

Sie machte die Wohnung sauber.
Sie machte das Bett und moppte den Boden. Dann saugte sie, putzte die Fenster und wusch ihre W├Ąsche. Als sie fertig wurde, war es schon fast halb zwei. Er m├╝sste schon l├Ąngst zu Hause sein, dachte sie. Warum ruft er nicht an?
Sie ├Âffnete den Schrank im Schlafzimmer und nahm ein dickes Album heraus. Sie bl├Ątterte Seite um Seite um, betrachtete die Fotos, umrandete die winzigen Gesichter mit ihrem Zeigefinger, Fotos von ihrer Hochzeit, Fotos von ihren Reisen. Nach all den Jahren, dachte sie, sieht er noch immer gut und stark aus.
Sie ber├╝hrte ihr Gesicht und verzog es wegen der vielen Falten und tiefen Augenringe, die sich in letzter Zeit sichtbar machten.
Sie setzte sich aufs Sofa, und wartete.


Am Abend

Er kam sp├Ąt nach Hause, zerknittert und dreckig.
"Du bist sp├Ąt", sagte sie und stand auf.
Er zog die Schuhe aus, sch├Ąlte die Socken von den F├╝├čen und steckte sie fest unter die Schn├╝rb├Ąnder.
"Du h├Ąttest anrufen k├Ânnen", sagte sie, als sie die Schuhe von ihm entgegennahm.
Er schleppte sich durchs Wohnzimmer, seine nackten F├╝├če quietschten wie M├Ąuse.
"Du hast bestimmt Hunger. Ich mache dir was zum Abendbrot."
Er dr├╝ckte die T├╝rklinke herunter, trat ins Schlafzimmer und knallte die T├╝r zu.
Sie wollte anklopfen aber ├Ąnderte dann ihre Meinung. Statt dessen starrte sie auf die T├╝rklinke, stand da wie eine Tonfigur w├Ąhrend ihr die Schuhe aus den H├Ąnden rutschten, sich in der Luft drehend als w├╝rden sie nie zu Boden fallen, gefangen in einem bestimmten Moment der Zeit.
"Liebst du mich denn nicht?"


In der Nacht

Sie schaute im Dunkeln fern.
Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie ging zur T├╝r hin├╝ber, klopfte und wartete auf seine Antwort. Als sie keine erhielt, ├Âffnete sie die T├╝r und trat ein.
Er sa├č vor dem Computer, H├Ąnde auf der Tastatur, Augen den Bildschirm fixierend. Sie setzte sich neben ihn auf die Bettkante.
"Was machst du?" fragte sie w├Ąhrend sie eine Nadel aus ihren Haaren zog und es auf die Schultern fallen lie├č.
Er hustete und nahm einen Schluck von dem roten Zeug in seinem Glass.
W├Ąhrend wie zuschaute wie er trank, zog sie ihr T-Shirt ├╝ber den Kopf und stand auf, ihre nackte Brust sank gegen ihre Rippen. Sie stellte sich hinter ihn, l├Ąchelte und streichelte seinen Hals.
Mit einem finsteren Blick wich er von ihrer Hand zur├╝ck und schlug die Hand auf den Tisch. Das Glas wackelte, fiel um und das rote Zeug lief ├╝ber die Tischkante und auf den Teppichboden.
"Bitte, tue mir nicht weh!" rief sie, schlang ihre Arme um ihn und dr├╝ckte ihre Brust gegen seinen R├╝cken.
"Bitte Mama". Er schloss die Augen und verkrampfte die Hand zur Faust. "Bitte h├Âr auf."
"Liebst du mich denn nicht?"
Sie schluchzte und schaukelte ihn wie ein Baby.

__________________
He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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aua!

zuerst dachte ich, das wird so eine wald und wiesenalltagsgeschichte, aber der schlu├č! das haut einen vom sockel. haste sauber hinbekommen. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Guest
Registriert: Not Yet

Klasse Schluss!

Also, ich dachte ja erst, hier kommt jetzt die Szene, wo er ihr seine Untreue beichtet. Halt die klassische Herz-Schmerz-Szene mit bekannten Folgen. W├Ąre dann bestimmt auch eine gute Story geworden, aber ohne den Effekt, den du mit deinem Ende ausgel├Âst hast, wo du dem Leser prompt zeigst, in welcher Verbindung die beiden Personen stehen.
Herrlich, ich mag die Geschichten mit Knalleffekt, sie haben eine gewissen Nachwirkung, es bleibt etwas haften!
Dein Schreibstil gef├Ąllt mir ebenso. Er ist kurz und zackig ohne aber trocken zu wirken, sondern lebendig u. aufschlussreich!
Sch├Ân, wenn du die Leselupe mit noch mehr solcher Stories bereichern w├╝rdest!!!
Viele Gr├╝├če,
Guido

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Vadeviesco
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2001

Werke: 11
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Eine gute Geschichte endet h├Ąufig damit, dass sie dem Leser in den letzten Zeilen den Atem raubt. Dies ist so eine Geschichte!

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Tenshi
Guest
Registriert: Not Yet

wow!

Hallo!

Na, das nenn ich doch mal eine Kurzgeschichte nach klassischem Muster! Ich hab sonstwas gedacht, was da nun Schreckliches kommen k├Ânnte (rote Fl├╝ssigkeit? Ist es gar ein Vamir?), aber auf die letztendlich L├Âsung bin ich nicht gekommen!
Wow! Wirklich toll und absolut lesenswert mit einem tollen ├ťberraschungseffekt am Ende!

Ich frage mich nur, ob die Story nicht noch besser wirken w├╝rde, wenn Du sie im Pr├Ąsens geschrieben h├Ąttest. Dann ist man als LeserIn noch n├Ąher am Geschehen dran und wird vielleicht sogar noch intensiver ├╝berrascht.

Gibt's noch mehr solcher Geschichten? W├Ąre wirklich klasse!

Lieben Gru├č zur Nacht
Tenshi

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rustin parr
Hobbydichter
Registriert: Jun 2001

Werke: 2
Kommentare: 11
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hmm

Nicht so konsquent, wie ich es erwartet h├Ątte. Anf├Ąnglich dachte ich: "Na, ob das gut geht?"
Sp├Ąter dann kam mir in den Sinn, dass diese Sprache Absicht sei. Da hie├č es dann Umdenken. Aber "Das rote Zeug" ist nunn wirklich ein bisschen viel. Es steht doch fest, dass es sich um Wein handelt, sobald man den Satz liest, warum schreibst du es dann nicht? Die Pointe am Ende ist in Ordnung.
Du hast anscheinend einen Blick f├╝r Momente, aber sprachlich gibt es da Einiges zu verbessern.


__________________
tut mir nichts, sonst tu ich euch was...
HAHAHAhAHaha....

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