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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Traum und Literatur
Eingestellt am 31. 03. 2008 14:58


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Seit einigen Jahren ackere ich recht intensiv auf dem Gebiet "Zusammenhang von Evolution, Verhaltensbiologie und KreativitĂ€t". TatsĂ€chlich hat sich hier mittlerweile eine Disziplin etabliert, die bisweilen "evolutionĂ€re Kulturtheorie" genannt wird. Schon seit lĂ€ngerem versuche ich, einen Text dazu zu verfassen. Da jedoch andauernd ergĂ€nzende Kapitel nötig werden und ich meine bisher gewonnenen Erkenntnisse in Serie revidieren muss, wird das Ganze wahrscheinlich so etwas wie meine "Unvollendete". Weil ich andererseits aber auch keine Lust habe, nur fĂŒr die Schublade zu produzieren, stelle ich hier probeweise einmal ein Kapitel ein (daher die etwas zusammenhanglos wirkende Kapitelnummerierung).

Kapitel 5: Eine Quelle der Inspiration
Nach so viel weitreichender Theorie erlauben wir uns eine Abschweifung auf ein Nebenthema – immerhin aber eines, das die Menschen seit jeher fasziniert hat. Es geht um den Traum und seine Beziehung zum Schöpferischen. Den Einsteig dazu liefert uns die biologische Sicht auf das PhĂ€nomen Schlaf.
Die Natur ist von einer Vielzahl von Rhythmen durchzogen. Besonders wichtig fĂŒr die Organismenwelt sind die eher langen Zyklen wie Jahreszeiten, Mondphasen, Tag- und Nachtwechsel und Gezeiten (1).
Ein Leben am Tag stellt andere Anforderungen als eines bei Nacht – etwa an die Sinnesorgane, die eigene Tarnung oder die WĂ€rmeregulation. Daher erscheint es sinnvoll, wenn sich Tiere an bestimmte Tageszeiten, zeitliche Nischen also, anpassen, in denen sie besonders aktiv sind. Da Raubtiere gezwungen sind, der Lebensweise ihrer Beute zu folgen, zieht dieses Prinzip immer weitere Kreise. So gibt es zum Beispiel eine Spezies von FledermĂ€usen, die nur vier Stunden am Tag wach sind – in der Zeit, in der sie Fliegen jagen können (2). Diese Prozesse haben dazu gefĂŒhrt, dass die gesamte Tierwelt mit einem Teppich vielfĂ€ltiger, fein aufeinander abgestimmter tĂ€glicher Rhythmen unterlegt ist.
Schlaf scheint eine Strategie darzustellen, die Ruhephasen effektiv zu nutzen. Immerhin ist er ausgesprochen krĂ€ftesparend, da der Energieverbrauch um die 40% reduziert ist. Sinnvoll daher auch, wenn sich in dieser Phase, in der krĂ€ftezehrende AktivitĂ€ten vermieden werden, die Wachstums- und Regenerationsprozesse konzentrieren. Im Schlaf werden die meisten Wachstumshormone ausgeschĂŒttet, finden die meisten Zellteilungen statt, ist das Immunsystem besonders aktiv und laden die Zellen ihre Energiespeicher auf (3).
Derzeit gibt es eine ganze Reihe von Traumtheorien, von denen keine endgĂŒltig bewiesen ist. Dennoch scheint sich in der Forschung immer deutlicher herauszukristallisieren, dass der Traum mit einem ganz speziellen Regenerationsprozess zusammenhĂ€ngt: mit der Stabilisierung unseres GedĂ€chtnisses. DafĂŒr spricht eine ganze Reihe von Befunden.
Von Ratten weiß man, dass ihr GedĂ€chtnis dadurch konsolidiert wird, dass eine bestimmte Hirnregion, der Hippocampus, der Großhirnrinde im Schlaf immer wieder neu gelernte GedĂ€chtnisinhalte „vorspielt“, wobei die Verbindungen zwischen den Nervenzellen gestĂ€rkt werden. Auch beim Menschen ist der Hippocampus maßgeblich an der GedĂ€chtnisbildung beteiligt (4). Außerdem ist das Gehirn als Ganzes im Schlaf ausgesprochen aktiv.
Experimente haben belegt, dass diejenigen Versuchspersonen die besten Lernergebnisse erzielten, die im Anschluss an die Lernaufgabe die lÀngsten Traumphasen aufwiesen.
GestĂŒtzt wird die Theorie außerdem durch die Tatsache, dass ĂŒber 50% aller Trauminhalte mit Ereignissen des Vortags in Zusammenhang standen, mit frischem GedĂ€chtnismaterial also (5).
Was die bisweilen bizarre Gestalt unserer TrĂ€ume anbelangt, lautet ein weiterer Befund, dass die AktivitĂ€t des Frontalhirns wĂ€hrend des Schlafens herunterreguliert wird. Nun ist diese Hirnregion aber vor allem fĂŒr Planen und Handeln zustĂ€ndig.
Diese Fakten wollen wir zu unserer ersten vorsichtigen Traumtheorie verknĂŒpfen: WĂ€hrend des Traums werden – in mehr oder minder zufĂ€lliger Reihenfolge – Erinnerungsfetzen aktiviert, die unser Gehirn in die Form eines zusammenhĂ€ngenden Geschehens zu bringen versucht. Da sich unser Denkorgan aber teilweise im Energiesparmodus befindet, ist unser kritisches Bewusstsein weitgehend ausgeschaltet, so dass wir auch absurde und sprunghafte geistige Bilder akzeptieren. 75% aller Trauminhalte können – den Alltag als Maßstab genommen – als ungewöhnlich oder unmöglich bezeichnet werden.
Daneben fĂŒhrt diese „Laxheit des Traumbewusstseins“ (3) dazu, Doppeldeutigkeiten auch dort hinzunehmen, wo unser Wachbewusstsein eine klare Entscheidung erzwungen hĂ€tte – „Es war meine Frau, aber sie sah aus wie ein ganz anderer Mensch“.
Wenn der Traum tatsĂ€chlich eine Fortsetzung des Wachens mit anderen Mitteln ist, dann wundert es nicht, wenn wir die GefĂŒhle und Stimmungen des Tages in unsere TrĂ€ume aufnehmen. Wer unter akutem Stress steht, an psychischen Krankheiten leidet oder traumatische Erlebnisse hinter sich hat, wird hĂ€ufiger von AlbtrĂ€umen heimgesucht (5).
Aber auch sonst geht es recht gefĂŒhlig zu in unserem persönlichen Nachtprogramm. An die sechzig Prozent aller TrĂ€ume haben eine deutliche emotionale FĂ€rbung, wobei sich negative und positive Affekte in etwa die Waage halten. Über beide Geschlechter gemittelt kommen in ungefĂ€hr der HĂ€lfte aller Traumsequenzen Aggressionen oder Sex vor, allerdings finden sich diese Elemente bei Frauen deutlich seltener (5).
Ziehen wir eine Zwischenbilanz. Der Traum stellt ein Reich dar, in dem das Neuartige, Überraschende und Phantastische vorherrschen. Und wĂ€hrend sich unsere Ratio weit zurĂŒckzieht, dominieren starke GefĂŒhle und Triebe das Feld.
Faszination, Erregung, Phantasie und GefĂŒhl. Hört sich das nicht an wie Kunst? Ist das nicht der Abschied von der Routine, der nach Dissanayake so typisch ist fĂŒr KreativitĂ€t, Spiel und Ritual? Und entspricht es nicht gleichzeitig dem Proteismus nach Miller, der FĂ€higkeit zum schöpferischen Einfall?
TatsĂ€chlich offenbart der Traum erhebliches kreatives Potenzial. Das Gehirn ist auch des Nachts mit unseren Problemen beschĂ€ftigt. Und nicht gerade selten bietet es Lösungen an. 70% aller Befragten gaben an, mindestens einmal im Leben einen hilfreichen Traum gehabt zu haben. Meistens dreht es sich um soziale Beziehungen, PlĂ€ne, Beruf und LebensfĂŒhrung. So trĂ€umte ein Psychologe – ein Traumforscher! – davon, dass sein Arzt ihm mitteilte, dass er Lungenkrebs hĂ€tte. Davon war der TrĂ€umer so beeindruckt, dass fĂŒr ihn am nĂ€chsten Morgen ein neues Leben ohne Zigarette begann (5).
Aber auch die schöpferische Arbeit empfĂ€ngt immer wieder Impulse aus dem Reich der TrĂ€ume, wie etwa Ideen fĂŒr Melodien, Bildmotive oder literarische Handlungen. Sind wir im Traum am Ende etwa alle Dichter, Regisseure oder zumindest Drehbuchautoren? Soweit will der Literaturanthropologe Manfred Engel jedoch nicht gehen. Aus seinen Untersuchungen von Traumnotizen schließt er, dass sich das Talent des Dichters auch in seinen TrĂ€umen Ă€ußerst, die sich ĂŒberdurchschnittlich kunstvoll und komplex darbieten. "Woraus ĂŒbrigens folgern wĂŒrde, dass nicht Psychologen, sondern Literaturwissenschaftler die qualifiziertesten Interpreten der Traumnotate von Dichtern sind" (6).
In der Tat stehen die Kreativen mit dem Traum auf vertrautem Fuß. Die Idee zu einem der bekanntesten Popsongs aller Zeiten, zu "Yesterday" von den Beatles, kam Paul McCartney im Schlaf (5). Dass Musiker mit einem Hang zum Bizarren wie Blixa Bargeld von den „EinstĂŒrzenden Neubauten“ oder die PerformancekĂŒnstlerin Laurie Anderson den Traum gern als Inspirationsquelle nutzen, versteht sich dagegen fast von selbst (7).
Vor allem die Romantiker waren fasziniert von den nÀchtlichen Aspekten menschlicher Existenz. Dies gipfelte darin, dass sich bei Dichtern wie Novalis oder E. Th. A. Hoffmann Traum und RealitÀt zu einer untrennbaren Einheit verweben (6).
Ganz Àhnliche PhÀnomene finden wir aber auch in der neueren Literatur. So schöpfte etwa der amerikanische Horrorautor H. P. Lovecraft so ausgiebig aus seinen NachttrÀumen, dass er ein "oneirischer", ein trÀumender Autor genannt werden kann (9). Und Salvador Dali nannte diejenigen Werke, die unter dem Einfluss des Traums entstanden, seine "hypnagogen" Bilder (8).
Die Geschichten von Edgar Allen Poe lesen sich oft wie in Literatur gesetzte AlptrÀume. Besonders plagte ihn die Vorstellung, lebendig begraben zu werden, Ob ihn diese Angst auch in seine TrÀume hinein verfolgte, ist mir nicht bekannt. Aber auf jeden Fall war von den nÀchtlichen Dramen derart fasziniert, dass er ihnen eigens ein Gedicht widmete: "Ein Traum in einem Traum" (10).
Am beeindruckendsten finde ich allerdings folgende Serie: "Ich sah das grĂ€ssliche Trugbild eines Menschen ausgestreckt liegen, und dann, auf die Arbeit irgendeiner mĂ€chtigen Maschine hin, gab es plötzlich Lebenszeichen von sich und regte sich mit einer ungelenken, kaum lebensĂ€hnlichen Bewegung". So schilderte eine junge Autorin einen besonders angsteinflĂ¶ĂŸenden Alp.
Ein Herr wesentlich gesetzteren Alters, Theaterdirektor und Schriftsteller von Beruf, sah im Traum einen jungen Mann, dem eine unbekannte Frau auf den Hals kĂŒssen wollte. Im selben Augenblick springt ein anderer dazwischen: "ZurĂŒck, sage ich euch. Dieser Mann ist mein!" (11).
Ein weiterer Schriftsteller, der mit seinen TrÀumen einen geradezu freundschaftlichen Verkehr pflegte und sie seine "Brownies" nannte, trÀumte eines Nachts, dass er sich in eine andere Person verwandelte (5).
Aus der ersten Episode ging "Frankenstein" von Mary Shelley hervor, aus der zweiten "Dracula" von Bram Stoker und aus der dritten "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" von Robert Louis Stevenson.
Welche Werke der phantastischen Literatur sind bekannter als diese drei? Und allesamt das Produkt von Gehirnen im Energiesparmodus. Eines ist gewiss: Hier wurde im Schlaf keine Zeit verplempert.

1. Aschoff, J. u. a. (1988): Biologische Rhythmen. In: Immelmann u. a. (Hrg.): Psychobiologie. Stuttgart. S. 219–256.
2. Wissenschaft.de (13.03.2008): Wozu der Schlaf gut ist. Hier klicken
3. Zimmer, Dieter E. (1986): Schlafen und TrÀumen. Frankfurt am Main.
4. Spitzer, Manfred (2000): Geist im Netz. Heidelberg, Berlin.
5. Schredl, Michael (2007): TrÀume. Die Wissenschaft entrÀtselt unser nÀchtliches Kopfkino. Berlin.
6. Engel, Manfred (2004): Jeder TrÀumer ein Shakespeare? In: Zymner, R. u. Engel, M. (Hrg.): Anthropologie der Literatur. S. 102-117.
7. Hier klicken
8. Néret, Gilles (2002): Dali. Köln.
9. Mosig, Dirk W. (1981): Lovecraft: Der Dissonanz-Faktor in der phantastischen Literatur. Nachwort zu: Lovecraft, H.P.: Stadt ohne Namen. Frankfurt am Main.
10. Hier klicken,+Edgar+Allan/Gedichte/Ein+Traum+in+einem+Traum
11. Frayling, Christopher (1996): AlptrĂ€ume: die UrsprĂŒnge des Horrors. Köln.



Version vom 31. 03. 2008 14:58
Version vom 31. 03. 2008 15:19

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