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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Traum von Fliegen / Aus gegebenem Anlass: 50. Wiederkehr des Mauerbaus in Berlin
Eingestellt am 16. 08. 2011 10:32


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Lyrischa
Festzeitungsschreiber
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Traum vom Fliegen

Purer Zufall, dass wir einander begegneten , ich - die Studentin hier aus dem Dorf, zukĂŒnftige Lehrerin - und er, Handballer aus dem Westen.

Ich lebe an der Ostsee, studiere in Greifswald und werde in zwei Jahren mit dem Diplom fĂŒr Lehramt an Erweiterten Oberschulen abschließen. Zur Zeit verbringe ich die Semesterferien in meinem Heimatort.
Durch meinen Bruder, Abwehrspieler in der Handballmannschaft, erfahre ich, dass GĂ€ste aus Hanau und Offenbach am Main zum Sportlertreffen und Freundschaftsspiel in unseren Ort gekommen sind. Das ist nicht außergewöhnlich, Hessen und ThĂŒringen hatten schon bald nach Kriegsende derartige Kontakte aufgenommen. Die Mitglieder der Gastmannschaft logieren bei ihren Sportfreunden, wo sie auch frĂŒhstĂŒcken. Das Mittagessen, getragen vom Handballverein, wird gemeinsam in der DorfgaststĂ€tte eingenommen.
Zwischen den Begegnungen und Freundschaftsspielen halten die Sportler aus Ost und West brieflich und telefonisch Kontakt; Freundschaften wachsen. Er - zweiundzwanzig - ist unter ihnen.

Vielleicht gibt es ja Liebe auf den ersten Blick?
Ich trete aus unserem Hoftor und schaue in zwei leuchtend blaue Augen! SpÀtestens abends beim Sportlerball sind wir unsterblich in einander verliebt. Wir sehen uns tÀglich.
Was ist schon eine Woche?

Am Ende der Zeit TrĂ€nen beim Abschied,...Adressentausch,...das Versprechen, oft zu schreiben und sich möglichst ein paar mal im Jahr zu treffen. Leicht ist das nicht; man braucht dazu offizielle Legitimation. Aber wir schaffen es. RegelmĂ€ĂŸig kommen Briefe. Und diese wunderschönen Ansichtskarten! Von den herrlichsten Gegenden der Bundesrepublik: der Loreley am Rhein, von den Gipfeln der Alpen und Fotos aus Spanien und der Mittelmeer-Region.

Ich habe verlĂ€ngertes Wochenende...Osterfeiertage...Er besucht seinen Freund, schrĂ€g gegenĂŒber meinem Elternhaus.
Inzwischen sind wir bereits ein Jahr befreundet. In dieser Zeit hat er, um einen offiziellen Reisegrund zu haben, sogar an gesellschaftlichen Ereignissen in der DDR teilgenommen.
Plötzlich schreibt er mir, dass er sich am Wartburgtreffen der deutschen Jugend beteiligen wird. Er zahlt das Hotelzimmer fĂŒr mich. So haben wir noch mal einen gemeinsamen Tag.
Auf Dauer aber können diese Fernkontakte und Kurzbegegnungen keine Lösung sein, oder? Meine NÀhe fehlt ihm, sagt er.
Bald geht das zweite Jahr zu Ende, danach wird mein Berufseinsatz beginnen.
Wir vereinbaren, die nÀchsten Semesterferien bei seinen Eltern, in seiner Heimat zu verbringen, deren Schönheit er mir zeigen will.In Vorbereitung darauf steht im nÀchsten Brief:
"Ich habe mir also mein erstes Auto gekauft, einen KĂ€fer, fĂŒr uns beide groß genug. Mit dem werden wir eine Tour entlang dem Rhein machen, vom Main bis nach Schaffhausen!
Nach deinem letzten Tag in Greifswald wirst du auf der Heimfahrt wie immer in Berlin umsteigen, nur diesmal in Tempelhof! In eine PAN-AM-Maschine nach Frankfurt am Main. Ich werde das Flugticket fĂŒr dich hinterlegen lassen und werde dich in Frankfurt am Flughafen abholen!"

Unsicher frage ich am Flugschalter nach den Papieren auf meinen Namen. SelbstverstÀndlich sind sie da! Abfertigung ohne Komplikation. Wie vorhergesagt. Die Maschine startet ins Blau.

Mein erster Flug! Ich bin dem Himmel nah...! Ein Sommerabend 1960 ĂŒber dem Rhein-Main-Gebiet. Unter mir die sternen- bestĂŒckte Metropole, der lichtĂŒberflutete Großflughafen!
Die Passagiermenge schiebt mich durch sich selbstĂ€ndig öffnende GlaswĂ€nde.Ich komme aus dem Dunkel; angestrengt schaue ich ins gleißende Licht auf vorwĂ€rts strebende Menschenströme.
Wie soll ich da jemand erkennen? Wie wĂŒrden wir uns da finden?
Mein Kopf sucht krampfhaft nach einer Lösung...Da werde ich von zwei krÀftigen Armen gepackt, höre wie aus dem Jenseits meinen Namen...Wir fallen uns um den Hals!
Ich kann es nicht fassen,...Wie selbstverstÀndlich steht er da, wo ich entlang kommen muss. So einfach ist das!

Vor uns liegen drei wundervolle Wochen! Mit Familie und Freunden und mit Äppelwoi, dem hessischen NationalgetrĂ€nk!
ObstwiesenhĂ€nge am Main, das rebenumrankte Fachwerkhaus. Ein sauber gefliester Hof, an der RĂŒckseite drei Garagen, wo einst Schweine und Ziegen ihre Stallung hatten.
Im Innern des Hauses bestaune ich den großen, geschmackvollen Wohnraum, der aus drei ehemaligen Kammern entstanden ist. SelbstverstĂ€ndlich bekomme ich sein Zimmer; er hat nebenan die Couch. Im Untergeschoss, einem großen, komfortablen Bad, dusche oder bade ich tĂ€glich. Es ist ein heißer Sommer...
In der zweiten und dritten Woche werden unsere ErkundungsrĂ€ume weiter. Uns allein gehört die MĂ€rchenlandschaft der Weinberge, das Panorama des Rheingrabens, Deutsches Eck, Stolzenfels, RĂŒdesheim...und...und...und...Eine Bilderbuchwelt!
GĂ€be es auch ein Bilderbuchleben? Man mĂŒsste es ausprobieren. Am besten sofort! Wer weiß, ob es eine zweite Gelegenheit gibt?

Zu Hause warten der Berufseinsatz, die LehrertĂ€tigkeit, vor allem aber die Eltern, die jĂŒngeren BrĂŒder. Einer gerade das Abitur in der Tasche. Er will studieren.
Das aber liegt in diesem Moment in meinen HĂ€nden. Sie wĂŒrden ihn nicht zulassen zum Studium, wenn ich in den Westen ginge. Auf keinen Fall! Seine Zukunft, das Schicksal der ganzen Familie hĂ€ngt jetzt von meiner Entscheidung ab. Er muss erst Fuß gefasst haben an der Uni, ehe ich einen solchen Schritt tun kann. Ein Jahr muss ich noch warten!
Und auch mir selbst will ich etwas beweisen...
Zehn Monate spÀter: das Diplom in der Tasche! Ich unterrichte bis zur zehnten Klasse.
Helmut und ich treffen uns wieder zu Pfingsten; die fortschrittliche deutsche Jugend in Eisenach!
"Der Sommer ist nicht mehr weit. Wir wissen ja, wie's funktioniert. Nur noch zwei Monate. Dann Neuauflage, wie gehabt", sagt er.
"Bis Mitte August habe ich Dienst: Ferienlager mit den Klassen. Da komme ich nicht weg. Das geht alles nach Vorschrift und Terminplan. Wir stehen unter stÀndiger Kontrolle."
"Alles klar. Bleib ganz ruhig. - Es lÀuft, sobald du Urlaub hast."

Ich freue mich, Urlaubsstimmung kommt auf, nur noch ein paar Tage, dann habe ich frei!
Ich lege erste WĂ€schestĂŒcke in das leichte Köfferchen, verfalle ins TrĂ€umen. Ich sehe mich im Flugzeug zwischen silbrigen SchĂ€fchenwolken durch das azurblaue Himmelsmeer gleiten. Unter mir die saftig grĂŒnen Mittelgebirge, ab und an durch ein schmales, helles Schleifenband zerschnitten.
Beliebig eingestreut oder willkĂŒrlich in Mulden und an sanfte HĂ€nge gebettet, winzige und grĂ¶ĂŸere rote und goldbraun in der Sonne glĂ€nzende Kleckse: StĂ€dte und Dörfer.

Im Kopf das beruhigende sonore Brummen des Flugzeugs sinke ich in den Sessel, schließe die Augen...
Aus dem Lautsprecher kommt eine Durchsage. Ein Hinweis der Flugbegleitung?
Er könnte wichtig sein; ich konzentriere mich.
Doch das ist gar nicht die angenehme Stimme des FlugkapitÀns und erst recht nicht der liebliche Klang einer Stewardess. Militant, grob der Ton dieser Nachricht!
Sofort hellwach, die Augen offen, sitze ich aufrecht. Misstrauisch verfolge ich jetzt die Meldung, die aus dem Radio kommt:
"Zur Sicherung des Friedens und zum Schutz der BĂŒrger der Deutschen Demokratischen Republik ist die offene Grenze zum kapitalistischen Ausland heute in Berlin ein fĂŒr allemal geschlossen worden!"

Heute?...In Berlin?...Ein fĂŒr allemal?
Von der Ostsee bis zum Fichtelgebirge zieht sich bereits doppelter Stacheldrahtzaun mit Minenstreifen zwischen Ost und West. Berlin ist bisher der einzige Ort geblieben, an dem man noch ohne staatliche Erlaubnis zwischen den Zonen, zwischen den Gesellschaften wechseln kann.
Heute? - Quer durch Berlin, direkt am Brandenburger Tor vorbei,dreiundvierzig Kilometer mitten durch die Stadt und einhundertzwölf Kilometer um die Westsektoren herum, wurde ĂŒber Nacht eine Mauer - die Mauer - gebaut!
Friedrichstraße ist Endstation fĂŒr alle Ostdeutschen und Ostberliner! Volkspolizei kontrolliert die ZugĂ€nge zu den Bahnsteigen und die PĂ€sse in der S-Bahn.
Tempelhof ist unerreichbar geworden, und damit auch Frankfurt am Main!
Meine Vorfreude ausgelöscht durch bittere EnttÀuschung. Schwermut breitet sich in mir aus. Vorbei mein Traum vom Fliegen!
Heute ist der 13. August 1961...Das Aus fĂŒr eine Liebe!


- Ende -







__________________
MaKĂŒScha

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