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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Trauma
Eingestellt am 29. 08. 2013 17:36


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DaBink
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2013

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"So ein Affe!", murmelte Sarah. Mit einem Nicken stimmte ich ihr zu, schaute aber nicht weg. Ich starrte ihn an, wie man einen Schwerverbrecher anstarrt. Ich hasste Steve abgrundtief. Er ging gerade wieder seiner Lieblingsbesch├Ąftigung nach: Er schikanierte einen der neuen F├╝nftkl├Ąssler, umringt von belustigten Mitsch├╝lern. Ich stand am Anfang des Flurs; nahe genug, um alles zu sehen, aber zu weit entfernt, um jedes Wort verstehen zu k├Ânnen. Steve nahm die Tasche des Kleinen, hielt sie hoch in die Luft, um sich dar├╝ber lustig zu machen; dann drehte er sie um und ihr Inhalt ergoss sich ├╝ber den Schulflur. B├╝cher, Hefte, Stifte, lose Bl├Ątter.

"Hah! Was hast du denn f├╝r ein behindertes T-shirt an?"
Martin lachte laut und seine Freunde gr├Âhlten mit. Mit den Stoppeln im Gesicht sah er bereits aus wie ein Zw├Âlftkl├Ąssler, aber ich wusste, er war noch nicht so alt. Man sagte von den ├ältesten, dass sie die Neuen nicht mobben. Er riss mir meine Schultasche aus der Hand und warf sie auf den Flur; sie flog in hohem Bogen durch die Luft, bevor sie auf dem Boden aufschlug und platzte wie ein mit Konfetti gef├╝llter Luftballon. Nach der letzten Stunde hatte ich meine Sachen so schnell es eben ging in meine Tasche gestopft, um ihm nicht ├╝ber den Weg laufen zu m├╝ssen. Dabei hatte ich mein Etui wohl nicht geschlossen. Meine Stifte verteilten sich also auf dem Schulflur wie Sch├╝ler auf dem Pausenhof. Martins Freunde traten auf den Inhalt meiner Tasche ein und kickten sie herum. Meine Augen f├╝llten sich mit Tr├Ąnen. Ich war hilflos.


"Ooh, musst du weinen? Bist du noch ein kleines Baby?"
Steves Freunde bekamen sich vor Lachen gar nicht mehr ein. Ich ballte die F├Ąuste. Sarah tippte mich von hinten an.
"Der Unterricht f├Ąngt an, kommst du?"
Ich starrte immernoch in dieselbe Richtung, fest entschlossen. Steve kniete sich vor dem Kleinen hin und hob einen Textmarker auf.
"Ich hab' noch was zu erledigen.", meinte ich zu ihr.

Ich lief los. Ich wollte meinen ersten Schultag wirklich nicht mit dem Kopf in der Toilette kr├Ânen. Doch Martin war nat├╝rlich schneller als ich. Er packte mit seiner riesigen Hand mein Genick und hielt mich fest. Dann schwang er mich ├╝ber die Schulter. Ich schrie, dann heulte ich. Das Lehrerzimmer war auf der anderen Seite der Schule und dazwischen war die l├Ąrmerf├╝llte Pausenhalle - schreien half nichts. Verzweifelt ballte ich die F├Ąuste und schlug mit aller Kraft auf seinen R├╝cken ein, w├Ąhrend er mich zu den Toilette trug.

Ich stand nun hinter Steve. "Steh' mal auf", sagte ich unerwartet laut. Der Junge sah mich mit verheultem Gesicht an. Dann stand Steve auf. Er war etwas gr├Â├čer als ich, das bemerkte ich erst jetzt. Ich hatte mich noch nie so nah an ihn herangetraut.
"Was gibt's? Oh hey, du kannst die andere Seite vom Schnurrbart malen, wenn du-"
Ich unterbrach ihn mit meiner Faust in seinem Gesicht. Erschrocken sah er mich an; das hatte er wohl noch nie erlebt. Seine Freunde hatten das Lachen inzwischen eingestellt. Ich schlug erneut zu. Und erneut. Er fiel auf den Boden. Er war scheinbar viel zu verdutzt um sich wehren zu k├Ânnen. "WAS IST LOS?", br├╝llte ich. "HAU AB, LASS DIE KLEINEN KINDER IN RUHE!". Ich kam mir furchtbar laut vor. Steve sah mich entsetzt an. Dann stand er auf.
"Also sch├Ân, wenn du dich unbedingt pr├╝geln-"
Ich schlug und schlug auf ihn ein. Er blutete schon; er konnte nicht reagieren. Seine Freunde rannten weg, ich trat ihm ins Gem├Ącht. Er fiel wieder hin, kroch von mir weg.
"Los, verschwinde!" Er z├Âgerte nicht, rannte einfach weg. Ein warmes Gef├╝hl breitete sich in mir aus. Es schien, als w├╝rde sich gerade in meiner Brust etwas l├Âsen, was sich vor langer Zeit dort festgesetzt hatte. Das war wohl das Gef├╝hl des Sieges. Ich half dem Jungen, seine Sachen einzupacken. Er stammelte dann etwas von wegen 'Danke' und eilte davon. Aber das war nicht wichtig.
Beschwingt ging ich in den Unterricht; der Lehrer war noch nicht eingetroffen.
"Was hast du noch gemacht?", fragte Sarah.
"Ich habe Martin die Stirn geboten", antwortete ich stolz. "Äh, ich meine Steve."

Version vom 29. 08. 2013 17:36

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Val Sidal
???
Registriert: Jan 2013

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DaBink,

ein gelungener Text. Die Idee, die beiden Erlebnisr├Ąume und -zeiten zu verschachteln ist der Erz├Ąhlweise angemessen, selbst wenn die Markierung der Differenz nur mit den Namen und mit dem Schrifttyp realisiert wird.
Hierin liegt auch die Gelegenheit, aus einer intensiven, aber dem Thema "Trauma" doch (noch) nicht ganz gerecht werdenden Geschichte, mehr zu machen.

Ein Entwicklungspfad w├Ąre zum Beispiel, wenn der Text den emotionalen Prozess des Ich-Erz├Ąhlers vom Beobachter zum Handelnden mit dem geeigneten Zoom zeigen w├╝rde. Das darin liegende Spannungspotenzial w├╝rde die Katarsiswirkung am Ende steigern: der Leser w├╝rde es ahnen/bef├╝rchten/hoffen - jedenfalls gespannt und mitf├╝hlend seiner Reaktion entgegenlesen.
Oder wenn die Auswirkungen des Traumas auf den Ich-Erz├Ąhler, zum Beispiel in der Interaktion mit Sarah, gezeigt w├╝rden. Oder ...

Die Erruption am Ende

quote:
Ich schlug und schlug auf ihn ein. Er blutete schon; er konnte nicht reagieren. Seine Freunde rannten weg, ich trat ihm ins Gem├Ącht. Er fiel wieder hin, kroch von mir weg.
ist m├Ąrchen- aber nicht kurzgeschichtenhaft.

Hier w├╝rde ich lieber den inneren Kampf des Ich-Erz├Ąhlers erleben, wie aus dem vergegenw├Ąrtigten Trauma sein explosiver Konflikt hervorstr├Âmt, ihn ├╝berw├Ąligt oder l├Ąhmt oder ├╝ber sich hinaus wachsen l├Ąsst - in die Richtung: "Ich muss schlagen! Ich werde schlagen!" einerseits, und "Ich habe Angst! Ich f├╝rchte den Schmerz!", und "Ich muss das beenden - aber ich bin zu schwach!"

Ein offenes Ende, im Zusammenspiel des Ich-Erz├Ąhlers mit Sarah gestaltet, lie├če unterschiedliche und spannende Ausg├Ąnge zu, die dem Thema nicht abtr├Ąglich w├Ąren - den Punkt hatte der Text vorher schon gemacht.

Wenn meine Anmerkungen nicht hilfreich sind, dann - Pardon.
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valS
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┬ę Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

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