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Leselupe.de > Horror und Psycho
Trauma
Eingestellt am 15. 01. 2007 15:49


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Sumpfkuh
Autorenanwärter
Registriert: Jan 2006

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„Beantworte die Fragen und stelle fest, ob du noch lebst.“
Dana konnte ein Kichern nicht unterdrĂĽcken. The Sixth Sense hatte offensichtlich nicht nur sie beeindruckt, wenn in der Bravo nun schon solche albernen Selbsttests zu finden waren.
Dreimal hatte sie sich den Film angesehen. Zuerst im Kino zusammen mit ihrer Freundin Jasmin, dann zwei Mal alleine zu Hause in ihrem Zimmer.
Beim ersten Mal hatte sie sich tatsächlich gegruselt, beim zweiten und dritten Mal lag sie eingekuschelt in ihrem Bett und verfolgte die Handlung, während die eine Hand ihren Kopf abstützte und die andere in der knisternden roten Tüte nach gebogenen Chips fahndete.
Das Licht hatte sie in diesen Nächten trotzdem angelassen.
Reine Vorsichtsmaßnahme, falls sie mal auf Toilette musste. Und da sie nicht gerade die Ordentlichste war, konnte sie über irgendetwas stolpern und sich womöglich den Kopf am Schreibtisch aufschlagen. Oder es gab einen Wohnungsbrand, und nur weil sie sich nicht schnell genug orientieren konnte, würde sie umkommen. Es konnte Gott weiß was passieren, wenn sie das Licht ausmachte.
Als sie jetzt vor dem Test saĂź, hatte sie allerdings schon wieder einige Tage ohne Licht und ohne besondere Vorkommnisse geschlafen.
Die neue Bravo lag jedes Mal druckfrisch in ihrem Briefkasten, und nach der Schule hechtete sie direkt in ihr Zimmer, um sie vor dem Essen wenigstens einmal durchzublättern.
„Sie wissen nicht, dass sie tot sind, was für ein Quatsch“, murmelte Dana und dachte dabei an diesen Satz, den der kleine Junge zu Bruce Willis in dem Film sagte.
Es wird einem ja wohl auffallen, wenn niemand mehr mit einem redet, man nichts mehr isst und man nicht mehr aufs Klo muss, überlegte sie und bekam trotzdem eine Gänsehaut.
Spontan musste sie wieder an ihren Unfall aus dem letzten Jahr denken, es hätte nicht viel gefehlt und sie würde jetzt die Radieschen von unten betrachten.
Ihr Bruder hatte endlich nachgegeben und zugestimmt, sie eine Runde auf seinem neuen Mofa mitzunehmen. Er hatte es erst vor kurzem zu seinem sechzehnten Geburtstag bekommen und verbrachte jede freie Minute damit, an dem Ding rumzuschrauben.
Eigentlich hatte sie sich mit ihrem Bruder, der zwei Jahre älter war als sie selbst, immer gut verstanden, aber die Pubertät hatte eine Kluft zwischen sie beide getrieben, die zwar nicht unüberwindbar, aber dennoch vorhanden war. Sie interessierten sich beide zunehmend für das andere Geschlecht und somit waren gemeinsame Monopolyspiele nicht mehr angesagt.
Jeder verzog sich in seine eigene Welt, aber ab und zu trafen sie aufeinander, als wenn das gleiche Blut sie wie Magneten wieder zusammen fĂĽhrte.
So auch an jenem Tag im Juli, als Dana nach einem Sommergewitter lachend hinter ihrem Bruder auf dem Mofa Platz nahm und ihn mit ihren nackten Armen umschlang.
Die Luft war schwĂĽl und trotz des Regens eher schwerer als leichter geworden, und kleine Rinnsaale SchweiĂź liefen ihre nackten Beine herunter. Sie beide waren lediglich mit leichten Sommersachen bekleidet gewesen.
So fuhren sie los und beide jauchzten vergnĂĽgt, als die kĂĽhle Luft ihre blonden Haare zerzauste. Seine etwas dunkler als ihre, beide trugen sie keinen Helm, da sie nur mal kurz um den Block fahren wollten.
Als sie wieder in die elterliche Straße einbogen, gerieten sie ins Rutschen, die Straße war nass und durch Danas zusätzliches Gewicht schaffte es Peter nicht, das Mofa in der Waagerechten zu halten. Sie schlitterten auf die Gegenfahrbahn. Das letzte, was Dana wahrnahm, waren quietschende Reifen und ein ängstlicher „Scheiße“ Ruf ihres Bruders. Dann wurde es um sie herum dunkel, und sie erwachte erst wieder unter Schmerzen im Krankenhaus. Sie hatte über einen Monat im Koma gelegen, während ihr Bruder nicht mal einen Kratzer abbekommen hatte. So schlimm ihre Verletzungen auch waren, nachdem sie aus dem Koma erwacht war erholte sie sich täglich mit großen Fortschritten, sodass sie bereits nach zwei Wochen entlassen werden konnte.
Nun ging es ihr wieder gut, der Unfall hatte keine sichtbaren Spuren hinterlassen, sie wollte lediglich nie wieder Motorrad fahren, wobei ihr Bruder sich direkt wieder auf sein repariertes Mofa geschwungen hatte.
Dana kramte aus ihrem Rucksack einen Kugelschreiber hervor und schmiss die Tasche danach achtlos auf den Boden.
Sie saß mit verschränkten Beinen auf ihrem Bett, während sie sich die erste Frage durchlas.

1. Was siehst du, wenn du in den Spiegel siehst?

a) Ich sehe gar nichts
b) Ich mich selbst ganz normal
c) Ich schaue eigentlich nie in den Spiegel
d) Ich sehe die Möbel hinter mir


Was fĂĽr eine bescheuerte Frage, dachte Dana und kreuzte b an, auch wenn sie sich nicht mehr erinnern konnte, wann sie zuletzt in den Spiegel gesehen hatte, vermutlich heute Morgen.
„Essen“, rief ihre Mutter von unten. Seufzend schmiss sie die Zeitung und den Stift auf ihr Bett und ging hinunter in die Küche. Ihre Mutter saß bereits am Tisch und stocherte in einer unkenntlichen Masse herum, die nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit Ravioli hatte.
„Lecker, und danke für den Teller“ sagte sie etwas abwertend, nachdem sie auf ihren leeren Platz geschaut hatte, an dem nichts für sie bereit stand. Ihre Mutter schaute nicht mal auf.
FrĂĽher hatte sie sich gut mit ihrer Mutter verstanden, aber seit dem Unfall litt sie zunehmend an Depressionen und war manchmal ĂĽberhaupt nicht ansprechbar.
„Mama?“, versuchte sie es noch einmal, aber diese stocherte nur weiterhin in ihrem Essen herum. Seufzend nahm sich Dana einen Teller aus dem Schrank und füllte ihn mit dampfender Raviolimasse.
Sie setze sich an ihrem Platz und löffelte schweigend den Brei aus Tomaten und Hackfleisch.
„Hat Peter schon gegessen?“, fragte sie ihre Mutter erneut, in der Hoffnung, endlich eine Reaktion zu bekommen. Und tatsächlich, ihre Mutter stockte kurz, drehte dann aber weiter planlos ihren Löffel durch den Teller.
Dana verdrehte die Augen und stellte den leeren Teller in die SpĂĽle.
„Ich geh dann mal wieder nach oben“, sagte sie und lief die Treppen hinauf, ohne eine Reaktion abzuwarten. Sollte ihre Mutter halt noch fünf Stunden da rumstochern, sie konnte es halt auch nicht ändern.
Ihr Vater wĂĽrde erst in einigen Stunden von der Arbeit kommen, und dann wĂĽrden sie wieder dort unten tuscheln und Mama wĂĽrde anfangen zu weinen, manchmal stritten sie sich auch, aber oft weinte Mama, und Papa hielt sie dabei in seinen Armen. Oft saĂźen sie auch einfach nur stumm vor dem Fernseher. Sie verstand die ganze Aufregung gar nicht. Gut, sie hatte einen schlimmen Unfall gehabt, aber nun ging es ihr ja wieder gut und Peter war gar nichts passiert.
Sie schmiss sich wieder auf ihr Bett und schnappte sich die Zeitung.
Ungläubig starrte sie auf die aufgeschlagene Seite. Jemand hatte alle Fragen beantwortet.
Sie war sich sicher, lediglich bei der ersten Frage etwas angekreuzt zu haben,
Unbehagen befiel sie, als sie an die Möglichkeit dachte, dass vielleicht jemand, der gar nicht wusste dass er tot war diesen Test…das hieße aber auch, dass ein Geist in ihrem Zimmer war.
Ach was, Gespenster können wohl kaum noch einen Stift halten, versuchte sie sich selbst zu beruhigen und blickte sich unsicher um.
Ihr Zimmer war leer. Dann schaute sie wieder in die Zeitung und rechnete die Antwortpunkte der angekreuzten Kästchen zusammen. Achtundzwanzig Punkte.
„Fünfundzwanzig bis Dreißig.

Hast du alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet, dann bist du tot. Versuche dich nicht länger am Leben festzuhalten, denn deine Zeit hier ist vorüber. Gehe mit dem Licht und finde Liebe und Zufriedenheit. Geliebte Menschen werden dort bereits auf dich warten, du hast deine Aufgaben in dieser Welt erfüllt und es gibt keinen Grund für dich, hier noch länger zu verweilen. Bitte akzeptiere deinen Tod, denn es gibt hier keine Zukunft mehr für dich.“

Fröstelnd legte sie die Zeitung zur Seite, ihr war plötzlich furchtbar kalt.
Irgendjemand musste die Kreuze ja gemacht haben, aber außer ihr war niemand in diesem Zimmer. Plötzlich ertönte im Nebenzimmer „Stand by me“ laut aus den Boxen.
Natürlich, dachte sie erleichtert. Peter, der Sack, war hier reingekommen und hatte den dämlichen Test gemacht, um sie zu erschrecken, er wusste ja wie schnell sie sich gruselte.
Na warte, dachte sie und stampfte rĂĽber zum Zimmer ihres Bruders. Sie riss die TĂĽr auf und versuchte mit ihrer Stimme gegen die laute Musik anzukommen.
Sie mochte das Lied, seit sie es zum ersten Mal bei ihm gehört hatte, es war sogar mal ihr Lieblingslied gewesen, aber Peter hörte es seit ewiger Zeit nur noch und das bei ohrenbetäubender Lautstärke.
„Das war ja wohl nix“, brüllte sie in sein Zimmer, damit er sie hörte. „ Ich hab mich wirklich furchtbar...“, dann stockte sie, denn Peter reagierte gar nicht. Er lag auf seinem Bett, hatte die Hände hinter seinem Kopf verschränkt und starrte die Decke an.
„Peter?“, fragte sie und drehte die Musik etwas leiser nachdem er nicht reagierte.
Endlich drehte er den Kopf und starrte sie erschrocken an.
„Was ist denn los?“, fragte sie etwas verunsichert. „ Hab ich Pickel oder so?“, sagte sie und tastete in ihrem Gesicht herum. Aber Peter sagte nichts und plötzlich sah sie in seinen Augen Tränen aufblitzen. Sie zögerte und wollte gerade zu ihm herüber gehen, um ihn zu trösten, als ihre Mutter ins Zimmer stürmte.
Sie baute sich vor ihr auf und ihrem Gesicht sah Dana hektische, rote Flecken.
Ihr Gesicht war vor Wut und Schmerz verzerrt als sie ohne ein Wort zu sagen ausholte und Dana eine schallende Ohrfeige verpasste.
Geistesabwesend fasste sich Dana an die Wange, sie spĂĽrte den Schmerz kaum, so verwirrt und schockiert war sie.
„Ich habe dir gesagt du sollst nicht in dieses Zimmer gehen und schon gar nicht diese Musik anstellen, hundert Mal habe ich es dir gesagt“, schrie ihre Mutter sie an und brach dann in Tränen aus.
„Aber…aber ich habe doch gar nicht…Peter hat die Musik angestellt“, stotterte Dana, als ihre Mutter sie an den Schultern packte und kräftig schüttelte.
„Peter ist tot, Dana, begreif das doch endlich, wach auf und hör endlich mit diesen Spielchen auf, du treibst uns noch alle in den Wahnsinn“. Dann nahm sie Dana in die Arme und ließ weinend ihren Kopf auf Danas Schultern sinken. „Er ist tot, er ist tot“, wiederholte ihre Mutter weinend.
In Danas Kopf begann sich alles zu drehen. Sie schaute auf Peters Bett, er war verschwunden, seine Bettdecke war glatt, niemand hatte darauf gelegen.
„Tot?“ fragte sie sich, als ihr immer schwindeliger wurde. Aber er war doch unverletzt, das war er doch, oder?
Sie befreite sich von ihrer Mutter und taumelte aus dem Zimmer, Gedankenfetzen gingen durch ihren Kopf wie Puzzleteile, die zusammengefĂĽgt werden wollten.
„Ist unter den Lkw gerutscht…war sofort tot…keine Chance…“, dann legte sich die Dunkelheit um sie wie dichter Nebel.

Dana erwachte schweiĂźgebadet. Was fĂĽr ein furchtbarer Traum. Sie setzte sich auf und stieĂź die Bettdecke von sich. Die Nachmittagssonne lachte durch ihre Fenster, sie war offensichtlich am helllichten Tag eingeschlafen.
Phu, dachte sie, wird wohl noch etwas dauern, bis ich diesen Unfall hinter mir gelassen habe.
Gott sei dank ist das nicht wirklich passiert.
Um das zu bestätigen, stand sie auf und ging hinüber zum Zimmer ihres Bruders.
Als sie die Tür öffnete, saß er auf dem Bett und grinste ihr entgegen.
„Na, Lust auf ne Runde Monopoly?“ fragte er und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. „Ok, weil du es bist“, lachte Dana.
Dann hockten sie sich auf den Boden und bauten das Spiel auf. Aus den Boxen erklang „Stand By Me“ zum vierten Mal leise, als Peter versuchte, seine Schwester zu umarmen. Und ihre Mutter saß kopfschüttelnd Wohnzimmer und weinte.

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