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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Traumkopf bei der Arbeit
Eingestellt am 12. 01. 2003 21:16


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Nicki
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2002

Werke: 8
Kommentare: 9
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*piep*piep*piep* Die Weckfunktion von meinem Handy lässt mich um 5:15 aus dem Bett hüpfen. Jawohl. Ich bin ein "aus-dem-Bett-Hüpfer", kein "ich-hau-nochmal-drauf-und-bleib-noch-5Minuten-liegen"-Mensch. Die in mir schon seit der Kindheit eingebrannte Angst irgendwohin zu spät zu kommen werde ich wohl nie los. Mit halb geöffneten Augen taste ich mich im dunklen Schlafzimmer zum Schrank um Unterwäsche rauszufischen. Im Badezimmer, nachdem ich mir unter der Dusche mit angenehmen, warmen Wasser die Augen und den Rest wach rubble, bemerke ich meinen erotischen Fehlgriff. Snoopy's hängend auf Luftballons und mit Schlafmützen auf dem Kopf tummeln sich bunt bedruckt auf meiner Unterhose. Oje. Bei der weissen Arbeitshose wird man sie durchsehen, und ich werde wieder Wochenlang zur Belustigung meiner Kollegen beitragen, so wie damals bei dem Blümchenslip. Bei den Socken kann ich mich kaum vergreifen, da ich sowieso fast nur blaue besitze. Ich mag das. Macht einen tollen Kontrast zu der weissen Arbeitskleidung. Blaue Socken und blaue Weste, alles andere weiss. Sieht cool aus, finde ich. Während ich die wichtigsten, zum Tag überlebenden Dinge [Zigaretten, Kaugummi und eine Dose RedBull] einpacke, fährt inzwischen der Computer hoch. Nein, ich bin keine, die eilig eine Tasse Kaffee im Stehen runterschlürft und sich geschwind ein Stück Brot in den Magen schmeisst. Ich bin eine, die mit nassen Haaren um halb 6 beim Computer sitzt, fehlendes auf ihre Homepage hochlädt, surft und Emails checkt. Schnellen Schrittes eile ich zu meinem rollenden Müllhaufen und klemme mich hinters Lenkrad. Seit es wieder kälter geworden ist, habe ich jeden Tag schlechtes Gewissen, dass ich mich kaum um mein Fahrzeug kümmere. Kühlerfrostschutz gehört nachgefüllt und ich bin einfach zu faul und denke mir täglich "morgen". Wenn ich tanke prüfe ich auch extrem selten, als es eigentlich gehören würde, den Ölstand. Irgendwann wird mir das mal zum Verhängnis werden. Aber mein Auto, obwohl ich es so sehr liebe darin zu sitzen und zu fahren, ist nichts anderes als ein Gebrauchsgegenstand. Deshalb ist wahrscheinlich auch ständig der Aschenbecher übervoll und liegt so viel Mist hinter den Sitzen. Leere Zigarettenschachtel? Weg damit. Mit einem gekonnten Wurf nach hinten befördert. Ich weiss, ich bin ein Schwein. Meine Wohnung schaut zum Glück nicht so aus.

Mein Blick fällt auf die kleine runde Uhr am Armaturenbrett. Sie zeigt Punkt 6:00 Uhr. "Ich bin doch nicht normal!", denke ich jeden Tag. Dienstbeginn um 7:00 Uhr, und ich brauche knappe 7 Minuten zur Arbeit. Parkplatzprobleme kenne ich keine. Wer kommt schon so früh? Nur Leute mit Schlafstörungen, und nicht mal die. Aussteigen. Wo noch nicht mal das Wageninnere ordentlich warm geworden ist, aber wenigstens meine Finger nicht mehr am Lenkrad festkleben, vor Kälte. Auf der Station schlurfe ich zur Küche, hol mir eine Tasse Kaffee und fische mein Buch, das immer dabei ist, aus meinem Rucksack. Das ist meine Zeit. Die brauche ich, um "anzukommen". Die beiden Kollegen die bald nach Hause gehen werden und in den wohlverdienten Schlaf fallen, übergeben das wichtigste. "Meine Gruppe" die ich heute übernehmen werde, ist dran, aber ich noch nicht ganz da. Geistig. Vor einer Minute war ich noch bei Siddharta, der an einen Kokosbaum lehnt und überlegt aus dem Leben zu scheiden. Bei Hrn. Klose ist die Infusionstherapie mit Ringer-Lactat-Lösung abgesetzt. [Gott sei Dank! Den musste man eh immer zwingen um da zu bleiben.] *gähn* Fr.Borg bekommt statt 10, nur noch 8 Einheiten Insulin gespritzt. [Ey! Schreib Dir das auf! Verdammt wichtig!] Der Venflon von Fr. Kurz gehört entfernt. "Jaja.. mach ich." Der Oberarzt kommt ins Dienstzimmer gerauscht und hat mich mal wieder auf der "Schaufel". Ich bin, glaube ich, seine Lieblingszielscheibe. "Na? Wie geht's denn unserer traurigen Nicki?" "Ich bin nicht traurig", grinse ich ihm entgegen. "Aber sie schauen immer so, ich mach mir ernsthaft Sorgen". Meine Kollegin beschwert sich noch lautstark, dass er sich um sie niemals Sorgen macht und warum er dies nur bei mir anmerkt. Er tritt an mich heran, streichelt mir vor versammelter Mannschaft über die Wange und meint das wäre sein "Vaterinstinkt", den er bei mir verspüren würde. Die Peinlichkeit kriecht an mir hoch, aber ich beschwöre sie mit meiner Heiterkeit und einigen Witzen die sich spontan aus meinem Mundwerk drängen. Er lacht und läuft gut gelaunt mit dem Infusionswagen davon. Mir wurde schon oft gesagt, dass ich so traurig schaue, auch wenn ich es nicht mal bin, so wie heute. Ich denke, ich habe überhaupt eine sehr melancholische Art meine Blicke aus dem Kopf zu werfen.

Ich richte mir alles zusammen, was ich so brauche, und los geht's. Rein ins erste Zimmer, zu den Männern. "Guten Morgen, meine Damen", rufe ich mit lauter und fröhlicher Stimme. Gelächter kommt mir entgegen und ein "Morgen, Du freche Laus". Ein Tonband wäre nicht schlecht, so müsste ich nicht schon zum x-ten Male Hrn. Heise verbal aus dem Bett zur Dusche stampern, während ich gerade mit Hrn. Lopeczki beschäftigt bin. Nach, wie jeden Morgen, Floskel-Geplänkel wie "gut geschlafen", "hungrig?" und Anweisungen, Aufforderungen dies oder jenes zu tun, verlasse ich das Zimmer und begebe mich ins angrenzende Damenzimmer. Fr. Machian erblickt mich, sofort hat sie ein umwerfendes Strahlen im Gesicht und winkt ganz fuchtig mit ihren dünnen, knochigen Ärmchen. "Guten Morgen, mein Sonnenschein!", ruft sie mir entgegen. Während ich die Waschschüssel mit Wasser fülle, stütze ich mich mit den Armen am Waschbecken ab, schaue mich in den Spiegelschrank der mir gegenüber hängt, atme tief ein und seufze. Meine Magenschmerzen, die mich schon seit dem aufstehen plagen sind noch nicht vergangen, und ich stelle nüchtern fest, dass ich tatsächlich schrecklich aussehe. Extrem blasses Gesicht und glasige Augen. Meine Gedanken laufen über, wie die im Waschbecken ruhende Schüssel. Man kann mich nicht mal eine einzige Nacht alleine lassen, und schon vergreife ich mich um 2:30 Nachts am Kühlschrank um ihn leer zu räumen. Die Zeit bis 3:10 verbringe ich auf der Toilette, um ab da an Schlaflos bis zum Weckerpiepsen wach zu liegen. Drei Wochen "clean" ohne bulimischen Rückfall, und eine einzige Nacht ohne kontrollierendem Freund alleine daheim zu sein, macht alles zunichte. Trotzdem ich denke die Magenschmerzen nun verdient zu haben, vergreife ich mich am Medikamentenschrank im Dienstzimmer um eine Tablette für meinen malträtierten Magen zu holen, die Erleichterung verschaffen soll.

Fr. Machian ist immer noch fröhlich, und ich tu es ihr gleich. Sie hat den allerwenigsten Grund dazu, hat sie doch eine schwere Blutkrankheit die sie bald unter die Erde bringen wird. Ich beuge mich über sie, um ihr das Nachthemd auszuziehen. Das ist der Moment auf den sie jeden Tag wartet. Sie nützt die Gelegenheit, umfasst mit ihren Armen meinen Kopf, zieht ihn an sich und küsst meine Stirn. Ich liebe diese Geste und sie dafür, dass sie das jeden Morgen tut. Am Handgerät, wo sich Schwesternnotruf und Radio befinden, tönt Hit Radio Ö3. Der erste automatisierte Griff den ich verübe, wenn ich an ein Bett herantrete.. Radio anmachen. Ich denke ich bin Geräuschsüchtig. Oder ich kann einfach die Stille und den ständigen Tod der hier in den Zimmern allgegenwärtig ist, nicht ertragen.

"..und der Mensch heisst Mensch
weil er vergisst, weil er verdrängt
und weil er schwärmt und stählt
weil er wärmt wenn er erzählt
und weil er lacht, weil er lebt
du fehlst..

..kommt gerade aus dem Ă„ther.

Ich mag sie. Diese kleine, zarte, ohne ein Gramm Fett am Körper besitzende Frau. Sie, die trotzdem lacht und sich freut noch am Leben zu sein. Sehr sogar. Ich glaube, so arg wie sie mich. Sie ist so jemand, den ich insgeheim "Kandidat" nenne. Davon gibt es nur sehr selten welche. Ein Kandidat ist ein Heimbewohner der es schafft sehr nah in mein Herz zu kriechen und wo ich heute schon weiss, dass es mir sehr wehtun wird, wenn er eines Tages die Station verlässt. Mit den Füssen voran, versteht sich. Der Tod lässt sich eben auch durch das Gedudel von Hit Radio Ö3 nicht vertreiben.

„..und der Mensch heisst Mensch
weil er irrt und weil er kämpft
und weil er hofft und liebt
weil er mitfĂĽhlt und vergibt
und weil er lacht und weil er lebt
du fehlst.. „

Fr. Nowald ist heute wieder mal sehr aggressiv, obwohl ich langsam und behutsam mit ihr umgehe. Sie kann nichts mit Schnelligkeit anfangen, und man muss noch vorsichtiger mit ihr umgehen, als sonst schon. Die Morgenpflege dauert ihr zulange und sie schlägt in einem ungünstigen Moment wo ich kaum reagieren kann, mit ihren Fäusten auf meinen Kopf ein. Ich rede beruhigend und mit netten Worten, sanft auf sie ein, obwohl mir eigentlich ein aggressiver Vulkan im Magen liegt, dessen Lava ich am liebsten ausspucken würde. Direkt auf ihre gemeinen Hände, die mir soeben ziemlichen Schmerz zugefügt haben. Als sie endlich wohlbehalten im Rollstuhl sitzt und ich mich bücke um den Katheterbeutel aufzuhängen, begehe ich noch einmal den Fehler ihre Hände nicht unter kontrollierenden Augen zu haben und sie trommelt abermals mit den Fäusten, wohin sie mich erwischt. Die heisse Lava brodelt und der Vulkan möchte explodieren, doch lösche ich den im inneren aufkeimenden Brand mit meinem Speichel, den ich mit geschlossenen Augen ruhig und mit Entschuldigungen bedacht hinunterschlucke.

Ständig mit dem Blick auf die Uhr, ob ich "noch in der Zeit bin" eile ich durch meinen Gang um Medikamente auszuteilen, Bandagen auf Beine zu wickeln, oder Wäsche auszuteilen. Wieder bin ich alleine, da inklusive mir, nur 5 Kollegen im Dienst sind und wir trotzdem drei Pflegegruppen haben. Einer "frisst dann die Krot", "hat den Scherm auf", oder ist der "Stationsidiot", egal wie man es auch immer bezeichnen mag. Das heisst, er macht die Arbeit die für zwei bestimmt ist, eben alleine. Ich empfinde es im Moment als nicht so schlimm und mach es eigentlich ganz gern. So redet mir niemand drein und ich kann mir alles gut organisieren, einteilen und vor allem habe ich Ruhe an andere Dinge oder aber auch einfach nur an nichts zu denken. Nachdem endlich alle gewaschen, in Rollstühle mobilisiert, alte, trockene Haut mit Lotion versorgt wurde, und beim Frühstück sitzen, beginnt das Spiel von vorne. Einige haben gestuhlt und läuten ununterbrochen um sauber gemacht oder umgelagert zu werden, weil sie sich selbst nicht mehr drehen können. Eine Subcutan-Infusion muss noch gestochen, und einer anderen Heimbewohnerin über die Magensonde Flüssignahrung zugeführt werden. Geschafft räume ich Schmutziges weg, und fülle den Wäschefahrer mit frischer Wäsche auf. Mir bleibt jetzt noch eine Viertelstunde um schnell eine Zigarette durchzuziehen und eine Tasse Kaffee zu trinken, dann ist es halb 12 und das Mittagessen will verteilt und in hungrige Münder geschoben werden. Am Besten bei dreien gleichzeitig, weil niemand gerne wartet.

Irgendwie habe ich tatsächlich Zeit während der Arbeit an allerhand Dinge die nichts mit ihr zu tun haben, zu denken. Die Sinne sind geschärft. Augen, Ohren, Nase. Auf alles muss sorgfältig geachtet und beobachtet werden. Hautveränderungen, Stuhl, Harngeruch. Ist da ein Fleck der vorhin noch nicht da war? Und die Beule da am Arm? Bauch hart? Gebläht? Alles automatisierte Vorgangsweisen, die ich nicht mal registriere. Automatisiert. Alles fällt mir auf, obwohl ich gar nicht mehr darauf achte und währenddessen in meine Traumwelt falle. Zeit genug um an anderes zu denken als an den Tod, dem ich täglich begegne. Ohne meinen Traumkopf, indem die tollsten und aufregendsten Geschichten während der Arbeit entstehen, werde ich noch verrückt.

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