Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95252
Momentan online:
361 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Traumvilla für Gloria
Eingestellt am 02. 12. 2014 08:50


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Nosie
Häufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2014

Werke: 21
Kommentare: 147
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Nosie eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Traumvilla für Gloria‘‘
    Ich halte es in diesem Loch nicht mehr aus, Leo. Du versprichst mir schon seit Monaten, dass wir ein Haus kaufen, aber was geschieht? Nichts! Ich habe es satt, hörst du?‘‘
    Gloria war Leos Traumfrau, nie im Leben hätte er gedacht, dass er, der schüchterne, rothaarige Bankbuchhalter mit Brillengläsern dick wie Aschenbecher jemals ein so temperamentvolles Weib für sich gewinnen könne, aber das Wunder war geschehen und reichlich überstürzt hatten sie geheiratet. Noch in den Flitterwochen wandelte sich das Wunder allerdings in ein blaues, denn ihr Temperament hatte eine gewaltige Kehrseite. Alles, was Gloria gegen den Strich ging, und das war eine ganze Menge, ließ sie ungebremst an ihm aus. Zur Zeit war es die zu kleine Wohnung und sie machte ihm seit Wochen eine Szene nach der anderen deswegen.
    Glorias „ich habe es satt“ von heute morgen saß Leo immer noch in den Knochen, als er im Bus zur Arbeit die Inserate in der Zeitung studierte. Aber entweder lagen die angebotenen Häuser in einem Abbruchviertel oder sie waren schlichtweg unerschwinglich. Mit einem Seufzer ließ er die Zeitung sinken, wieder nichts. In dem Moment schnappte er ein Wort auf, das ihn elektrisierte. Altbau-Villa. Leo spitzte die Ohren.
    „Am besten, ich verkaufe die Villa samt Möbeln. Seitdem mein lieber Sigmund nicht mehr lebt, bin ich ganz verloren in dem großen Haus. Es bricht mir das Herz, aber ich werde zu meiner Schwester nach England ziehen“ sagte in der Reihe hinter ihm eine altersbrüchige Stimme zu ihrer Sitznachbarin. „Ich hab ja keine Ahnung von geschäftlichen Dingen, wahrscheinlich kann ich froh sein, wenn ich es überhaupt los werde“.
    Leo nahm all seinen Mut zusammen und drehte sich um.
    „Entschuldigen Sie, werte Dame. Ich habe soeben unabsichtlich ihr Gespräch mitgehört. Ich hoffe, Sie halten mich nicht für aufdringlich, aber ich könnte Ihnen womöglich helfen. Ich leite die Immobilienabteilung einer Bank, schwer verkäufliche Objekte sind mein Spezialgebiet. Wo liegt denn ihr Haus?“
    Leo’s Herz klopfte bis zum Hals bei dieser Schwindelei und er war entzückt von seinem Einfall mit der Immobilienabteilung.
    „Oh, wirklich?“ Die alte Dame blinzelte kindlich. „Es liegt am Kreuzberg. Glauben Sie denn, sie würden einen Käufer finden? Ich bin da ja ganz hilflos.“
    Ihr Gejammer war Musik in Leo’s Ohren. Kreuzberg, das Nobelviertel! Die Frau hat keine Ahnung, welches Juwel sie da womöglich hat. Er bemühte sich, seiner Stimme souverän klingen zu lassen:
    „Na ja, leicht wird es nicht. Aber vertrauen Sie mir. Sollte sich nicht auf Anhieb jemand finden, der so einen alten Kasten haben will, was ich fast befürchte, dann erwerbe vorerst ich das Objekt und suche in Ruhe einen Käufer. Sie wären ihre Sorge los und mein finanzieller Spielraum erlaubt es mir, in besonderen Fällen helfend einzuspringen.“
    Der hoffnungsvolle Gesichtsausdruck, den seine Worte hervorriefen, beflügelte Leo noch mehr:
    „Sie haben Glück, dass sie mit mir als ersten geredet haben. Wenden Sie sich um Gottes willen an keinen Makler, die sind wie die Haie. Wissen Sie, die leben davon, so netten Damen wie Ihnen eine völlig überhöhte Provision abzuluchsen, richtige Verbrecher sind das. Ich verstoße damit eigentlich gegen die Regeln meiner Branche, aber ich sehe es als meine moralische Pflicht, Menschen wie Ihnen in einer Notlage zu helfen.“
    Oh, das war jetzt wohl etwas zu dick aufgetragen, befürchtete Leo einen Moment lang, aber nein, die Dame strahlte.
    „Dass es so nette Leute noch gibt!“ Die gute Frau ergriff Leos Hand und tätschelte sie gerührt. „Ich verspreche Ihnen, ich erzähle keinem was. Und du, Luise, hältst ausnahmsweise auch den Mund“, wendete sie sich erstaunlich scharf an ihre Sitznachbarin, die ohnehin die ganze Zeit stumm geblieben war.
    Sie gab Leo ihre Adresse und er versprach, sich das Haus anzusehen.
    Nun muß es rasch gehen, dachte Leo, als er die Stufen zur Bank hinaufsprang, um sich für den Tag freizunehmen. Ich werde gar nicht lange warten. Wenn diese Närrin doch mit einem Makler über ihre Pläne redet, dann adieu Villa am Kreuzberg.
    Einen Tag später war alles unter Dach und Fach. Das Haus hatte er noch am selben Tag besichtigt, es war eine Wucht, Altbau aus der Jahrhundertwende, mit Giebeln und Türmchen, genau davon träumte Gloria. Das Grundstück rund um das Haus war zwar winzig und der Kaufpreis lag leicht jenseits seiner finanziellen Verhältnisse, aber das war Leo egal, Gloria wird endlich wieder glücklich sein. Gott sei Dank hatte er rasch einen Notartermin bekommen. Die alte Dame hatte ihn vor Dankbarkeit geduzt, als der Vertrag unterzeichnet war und ihn auf die Stirn geküsst.
    Gloria hatte er noch nichts erzählt. Ihr Wutanfall von damals, als es schon einmal soweit gewesen war und ihnen im letzten Moment ein Käufer das ersehnte Häuschen vor der Nase weggeschnappt hatte, war Leo noch zu sehr in Erinnerung. Es wird Gloria umwerfen, und erst recht, wenn sie erfährt, wer ihr neuer Nachbar sein wird. Die alte Dame hatte erwähnt, dass in der Prachtvilla nebenan ein Bankdirektor wohnt und als er nach dem Namen fragte, hatte Leo erfahren, dass es sich um seinen obersten Boss höchstpersönlich handelte. Mit vom Kuss immer noch feuchter Stirn und zittrigen Knien eilte Leo nach Hause.
    „Was machst denn DU schon da?“ Gloria kam ins Vorzimmer geschossen, als er mitten am Nachmittag die Wohnung betrat.
In seiner Euphorie entging Leo ihr panischen Tonfall „Liebling, jetzt wird alles gut. Stell dir vor, wir haben ein Haus. Ich habe soeben eine Traumvilla erstanden, am Kreuzberg, Lodengasse 2, was sagst du?“ Seine Stimme überschlug sich fast.
    „Gloria? - Schatz, sag doch was!“
    Gloria schaute ungläubig. Erst jetzt bemerkte er ihr rotes Gesicht und dass sie noch ihren Morgenrock trug. Leos Blick wanderte zur offenen Schlafzimmertür und er begriff nichts mehr.
    Im Dämmerlicht sah er einen Mann etwas hastig in seine Beinkleider fahren und fassungslos erkannte Leo seinen obersten Boss und zukünftigen Nachbarn, den Bankdirektor. Der räusperte sich sichtlich verlegen und nestelte an seinen Hemdknöpfen, während Leo mit offenem Mund dastand und keinen Ton herausbrachte:
    „Tut mir leid, dass sie es so erfahren müssen. Gloria und ich lieben uns. Sie wollte es ihnen demnächst schonend beibringen und Sie um die Scheidung bitten.“
    Gloria starrte Leo noch immer an wie einen Geist. „Was hast du gesagt, Leo?“ Sie begann hysterisch zu kichern.
    Das Bedauern in der Stimme des Bankdirektors klang echt, als er fortfuhr: „Ach, und wegen dem Hauskauf, ich fürchte, da waren Sie etwas voreilig. Ich wusste ja, meine Nachbarin ist ein Schlitzohr. Sie wollte vor kurzem eine Hypothek für die Renovierung aufnehmen. Der Gutachter unserer Immobilienabteilung hat sich die Villa angeschaut. Sie ist praktisch eine Ruine, die Deckenbalken sind vom Holzwurm zerfressen und der Mauerschwamm hinter den Vertäfelungen blüht und gedeiht.“
Leo wurde schwarz vor Augen.
Glorias „du Idiot“ war das Letzte, was er hörte, dann kippte er um.

__________________
Ein anständiger Mensch tut keinen Schritt, ohne Feinde zu kriegen. (Hermann Hesse)

Version vom 02. 12. 2014 08:50

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


2 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung