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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Traumzeit, Aborigine, Australien
Eingestellt am 03. 03. 2013 18:54


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SiggiH
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Registriert: Mar 2013

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Traumzeit

Die Traumzeit gilt als Ursprung fĂŒr alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens, fĂŒr Recht und Gesetz. Aus der Traumzeit leiten sich die sozialen Regeln ab, wobei VerstĂ¶ĂŸe gegen den Verhaltenskodex sanktioniert werden. (Wikipedia)
In der Vorstellung der Aborigines ist eine »trÀumende Landschaft« eine Verkörperung mystischer Wirklichkeiten, welche mit Worten nur schwer erklÀrbar sind. (Cowan: Offenbarungen. S. 29)


Was war da nur eben passiert?
War es meine Schuld? HÀtte ich es verhindern können?
Ich gehe den selben Weg zurĂŒck zum Lager, nur dieses mal langsam. Was soll ich den Anderen sagen? Die Wahrheit? Wie wĂŒrden sie darauf reagieren. Ich hab das GefĂŒhl, mein Kopf platzt gleich. Eben noch angenehm vom Alkohol berauscht, arbeitet mein Verstand plötzlich wieder auf Hochtouren. Denk, denk - denk nach. Ich atme den Geruch von Eukalyptus ein, versuche klar zu denken. Wenn nur diese Musik aufhören wĂŒrde...
...Welche Musik eigentlich? Ich schaue mich verstört um. Mitten im australischem Gebirge, und ich höre Musik. Ich kenne diesen Sound. In der City von Darwin haben wir uns noch ĂŒber ein paar Eingeborene mit ihren mords Rohren amĂŒsiert - Didgeridoo heißt das Teil. Aber wo kommen diese schrecklich nervigen KlĂ€nge jetzt her? Wo ist dieser Möchtegern-Musiker? Und viel wichtiger: Hat er etwas gesehen? Ich kann die Anderen hören. Die Party ist noch voll im Gange. Da ist die Lichtung.
Nichts ahnend blicken sie mir erwartungsvoll entgegen. Sheilas Blick ist sogar besonders erwartungsvoll. Der rechte TrÀger ihres Tops ist verrutscht. Ich kann mehr sehen als ich sollte. Ja, bis vor 15 Minuten war ich mir noch ziemlich sicher, sie heute noch zu nageln. Aber jetzt will ich nur noch in mein Zelt - schlafen.
\"He, Mike wo ist der Junge?\"
\"Weg - zu schnell fĂŒr mich. Ich hau mich auf\'s Ohr! Gute Nacht!\"
\"Du kannst doch jetzt nicht schon schlafen gehen!\" Sheila schaut mich enttĂ€uscht und gleichzeitig verfĂŒhrerisch an, wĂ€hrend sie mich mit ner Flasche Jacky locken will.
\"Sorry, bin einfach nur mĂŒde. Morgen ist auch noch ein Tag.\"
Ich verkrieche mich in mein Zelt, ziehe mich bis auf T-Shirt und Unterhose aus und schlĂŒpfe in den Schlafsack.
Draußen unterhalten sie sich mit gedĂ€mpfter Stimme. Ob sie ĂŒber mich reden? Ich lausche angestrengt, aber das Einzige was ich höre ist wieder das Didgeridoo. Es macht mich irre, dieser Krach! Ich krame in meinem Rucksack und werde schnell fĂŒndig: Valium, Mama sei dank! Ich werfe eine ein und spĂŒle sie mit nem Schluck Wasser runter. Das war heute wirklich ein anstrengender Tag. Die Hitze, der Gewaltmarsch hier hoch und dann die Aktion mit dem Jungen...
Meine Augenlider werden immer schwerer - Schlaf, komm und sei meine Zuflucht.

Ich hetze durch den Wald. Zwischen den BĂ€umen kann ich immer wieder den Jungen erkennen. Er ist vielleicht 15 Jahre alt, dunkle Haut, dunkle wilde Locken und dunkle Augen. Ein echter Aborigine. Der Abstand wird immer geringer, gleich hab ich ihn. Ich kann seinen Atem hören und das Rauschen des Wasserfalls. Strecke die Hand nach ihm aus. Dann - die drĂ€ngend rhythmische Melodie eines Didgeridoo. Ich schaue mich Ă€ngstlich um, und da steht er: Ein uralter Aborigine, weiße Haare und schwarze Augen. Das Didgeridoo lehnt an seiner Schulter. Langsam hebt er die Hand - richtet anklagend den Finger auf mich.

\"Wach auf! Was ist denn los? Das klingt ja, als wenn du vom KĂ€nguru vergewaltigt wĂŒrdest!\" Bobby schĂŒttelt mich an der Schulter.
Verstört frage ich, wo der Aborigine ist.
\"Meinst du den Jungen, den wir gestern abfĂŒllen wollten? Der hat sich doch los gerissen und ist getĂŒrmt. Du hast ihn doch noch verfolgt! Mensch du warst wohl gestern ganz schön dicht! Na ja, der Knabe hat heute bestimmt nen mĂ€chtigen Kater. Immerhin, haben wir ne halbe Flasche Jacky in ihn rein geschĂŒttet. Aber schade, dass du ihn nicht mehr erwischt hast. HĂ€tte zu gern gesehen, ob die Eingeborenen wirklich kein Alk vertragen. Soll irgendwas mit den Genen sein... Und jetzt? Lust auf FrĂŒhstĂŒck? Maggy macht gerade Kaffee.\"
Ich muss erst mal die Infos sortieren. Ich nicke, und Bobby lÀsst mich allein, damit ich mich anziehen kann.
Als ich das Zelt verlasse blendet mich bereits die Sonne - grausame helle australische Sonne. Habe wohl lÀnger geschlafen, als ich dachte. Blicke in die Runde. Alle sind da: Bobby, Kevin, Ricky, Sheila und Maggy. Sie unterhalten sich munter und prosten mir mit ihren Kaffeetassen zu. Maggy kommt mir entgegen und reicht mir eine Tasse mit dampfendem Inhalt. Sie sagt etwas, was ich nicht verstehe - es ist zu laut - verdammtes Didgeridoo!
Gierig trinke ich den Kaffee.
Sie wollen gleich los, auf Fotosafari. Felsen, BĂ€ume, den berĂŒhmten Wasserfall Mitchell Falls und Tiere ablichten. Sie hoffen auf BergkĂ€ngurus und vielleicht sogar Krokodile. Habe keinen Kopf dafĂŒr. Sie sollen ohne mich gehen. Ich bitte sie, den Didgeridoo-Spielern ihre Rohre in ihre Allerwertesten zu stecken, damit wieder Ruhe herrscht. Sie blicken mich verstört an, ziehen dann aber lachend los. Egal. Ich werde mich in den Schatten setzen, eine Valium einwerfen, versuchen zu lesen oder schlafen.

Mein Atem geht schnell und hektisch wĂ€hrend ich den Jungen verfolge. Wir wollen doch nur etwas Spaß. Wieso lĂ€uft er denn weg? Ich rufe ihn, kann aber meine eigene Stimme ĂŒber die Melodie der Didgeridoos hinweg nicht hören. Plötzlich erreiche ich einen steilen Felsabhang. Über dem Tal hĂ€ngt der blaue Dunst der EukalyptusbĂ€ume. Der Junge ist weg. Ich drehe mich um, und da stehen sie: ein Dutzend Aborigines. Die HĂ€lfte von ihnen lassen ihre Didgeridoos erklingen. Die andere HĂ€lfte hĂ€lt in ihren HĂ€nden jeweils zwei Stöcke, die sie rhythmisch aneinander schlagen, wĂ€hrend sie schrittweise auf mich zu kommen. Ich bekomme Angst, frage was sie von mir wollen, aber sie können mich nicht hören. Es ist zu laut. Ich blicke mich panisch um, will zurĂŒck weichen, aber hinter mir ist der Abgrund. Ich schreie. Ich schreie um mein Leben.

Ein lauter Schrei lĂ€sst mich aufschrecken. Ich sehe mich um, kann niemanden erkennen. Mein eigener Schrei hat mich geweckt! Die Sonne ist im Begriff unter zu gehen. Habe ich den ganzen Tag verschlafen? Mein Kopf schmerzt. Wieso können die nicht mit dem Krach aufhören? Am liebsten wĂŒrde ich ihnen ihre Didgeridoos...
Werfe zwei Valium ein, genehmige mir nen Schluck aus der Jacky-Flasche und verkrieche mich im Zelt. Ich fĂŒhle mich fiebrig, vielleicht ne Sommergrippe.

Kevin und ich halten den jungen Aborigine fest, der plötzlich im Lager stand und uns wie zur SalzsĂ€ule erstarrt angaffte. Hat anscheinend noch nie Weiße gesehen. Sheila hat die Idee, den Jungen abzufĂŒllen. Sie sagt, Aborigines fehlt ein Enzym zum Alkoholabbau. Sie will schauen, was passiert. Bobby beginnt, dem Jungen den Whiskey einzuverleiben. Plötzlich schlĂ€gt dieser um sich und reißt sich los. Er flĂŒchtet in den Wald. \"Schnapp ihn dir, Mike!\" ruft Sheila. Nehme die Verfolgung auf. Ich kann ihn sehen, versuche den Abstand zu verringern. Dann sehe ich die anderen Aborigines. Sie treten rechts und links von mir hinter den BĂ€umen hervor. Ich renne so schnell ich kann weiter. Sie kommen immer nĂ€her, bilden eine Gasse, durch die ich laufen muss. Am Ende der Gasse steht der alte weißhaarige Mann und spielt das Didgeridoo. Ich stolpere, lande zu seinen FĂŒĂŸen. Ich blicke auf. Sie haben mich eingekreist - zeigen mit dem Finger auf mich.

Schreie - Schreie in der Nacht. Mir ist heiß! Mein Kopf zerspringt vor Schmerz. Arme, die mich halten. Besorgte Blicke. Musik von Didgeridoos. Ich schreie, schlage um mich. Renne raus - in den Wald. Muss ihn finden! Aber wen? Den Jungen? Den alten Mann? Es dĂ€mmert schon. Hetze vorbei an EukalyptusbĂ€umen und StrĂ€uchern. Dem Klang des Didgeridoo folgend. Da geht die Sonne auf. Schmerz in den Augen. Renne blind der Sonne entgegen. Renne immer schneller. Und plötzlich fliege ich. Stille - herrliche wohlige Stille heißt mich willkommen.

Bericht aus der \"Darwin and Palmerston Sun\":
Amerikanischer Tourist verunglĂŒckt tödlich
Mitchell-River-Nationalpark

Gestern am spĂ€ten Nachmittag konnte die Leiche des seit der Nacht vermissten 20-jĂ€hrigem Mike Carrington am Fuße des Mitchell Falls geborgen werden. Seine mitreisenden Freunde hatten den aus New York Stammenden am frĂŒhen Morgen als vermisst gemeldet. Er muss bei seiner Nachtwanderung vom Weg abgekommen sein und stĂŒrzte an einem Steilhang zu Tode. Auf nĂ€here Untersuchungen zum UnglĂŒckshergang wird verzichtet, und die Leiche wurde zur ÜberfĂŒhrung ins Heimatland frei gegeben.
Nur hundert Meter weiter wurde die Leiche eines zwei bis drei Tage zuvor verunglĂŒckten bisher unidentifizierten ca. 15-jĂ€hrigen Aborigines entdeckt. Daneben ein Didgeridoo.

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