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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Treppensturz
Eingestellt am 20. 06. 2014 16:10


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Tehdry
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Registriert: May 2014

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Treppensturz

Der Spasti verdarb ihm total die Laune. Seinen SchĂ€del zierte eine fette Kerbe, das ganze Gesicht war total schief, und er kicherte idiotisch vor sich hin, wĂ€hrend ihm der Sabber aus dem Mundwinkel lief. Sobald er den Mund aufmachte, lallte er irgendein Kauderwelsch. So wie heute morgen, als der Typ neben Ben in seinem völlig versifften Rollstuhl auftauchte. An der Jacke hatte ihn dieser Schwachkopf gezogen, brabbelte los und stampfte dabei immer wieder mit einem Fuß auf. Als er sich entnervt losriss, brĂŒllte der Typ mit einmal wie angestochen. Am liebsten hĂ€tte er ihm was in die Fresse gehauen. Grapschte ihn mit seinen widerlichen Griffeln an, ekelerregend das Ganze. Typen wie der gingen ihm gehörig auf den Sack. Waren zu nichts zu gebrauchen und kassierten Kohle ohne Ende vom Staat. Nicht wie diese Hartz IV Almosen, mit denen sie seine Mutter abspeisten und ihn gleich mit.

Jetzt am Abend hockte er schon wieder da in seinem blöden Rollstuhl, direkt am Eingang der kleinen BahnunterfĂŒhrung, die zweite Begegnung an diesem Tag, mit diesem provozierend dĂŒmmlichen Grinsen im Gesicht, als warte er auf den Heiland.
Ben musste an ihm vorbei, und jĂ€hlings packte ihn eine grelle Wut. WĂ€hrend er nĂ€her kam, griente ihn der Typ an und rieb dabei heftig seinen Arm. Ja, ja, ja, stĂ€ndig wiederholte er es, machte zwischendrin wegwerfende Handbewegungen, begleitet von einem verĂ€chtlichen „pah!“ oder „oh Mann o Mann“, das in ein meckerndes Lachen ĂŒberging, dann wieder ja, ja, ja, und als Ben schließlich auf gleicher Höhe war, pfefferte ihm die flache Hand an den Hinterkopf, seine ganze aufgestaute Wut lag in diesem Schlag, er stand unter Strom und rastete vollkommen aus, angestachelt von dem Gestammel, das ihm entgegenschlug, die Hand, die sich erneut in seine Jacke krallen wollte, und mit einem brĂŒllenden „fass mich nicht an, du Scheißspasti“ verpasste er ihm einen heftigen Stoß.

Die Bilder brannten sich ihm in Zeitlupe ein. Der Rollstuhl neigte sich zur Seite, und mit entsetztem Blick, den Mund weit aufgerissenen, kippte der Typ mit dem Rollstuhl kopfĂŒber die Treppe runter. Er versuchte, sich krampfhaft am Rollstuhl festzuhalten, hielt im nĂ€chsten Augenblick schĂŒtzend die Hand vor den Kopf, eine hilflos anmutende Geste, wĂ€hrend der Rollstuhl ĂŒber ihn wegflog, GerĂ€usche von Metall auf Stein, sein Körper klatschte lediglich dumpf auf den Stufen auf, machte plumpe Verrenkungen, zwischendrin bricht das Schreien ab. Ben glotzte ihm fassungslos hinterher, stand da wie festgenagelt, unfĂ€hig seine Augen abzuwenden. Endlose Momente verharrte er auf dem Fleck, bevor ihn der Anblick der achtlos dahingeworfenen Gestalt aus seiner Erstarrung riss. Er sah sich hastig nach allen Seiten um. Niemand unterwegs. Er sog heftig die Luft ein, als stĂŒnde er kurz vorm Ersticken. Das hatte er nicht gewollt, dieser kleine Schubs, eigentlich ein Unfall, wieso musste gleich so ein Scheiß passieren, aber das war jetzt auch egal. Die Stufen runtergehen, nachsehen, ob er schwer verletzt ist oder wer weiß sich das Genick gebrochen hat, das brachte er nicht, da konnte er gleich geradewegs in irgend so einen Jugendknast marschieren. Abrupt drehte er sich weg und lief los, wĂ€hrend er immerzu blinzeln musste, weil die TrĂ€nen alles verschleierten.

„Ja Ähschen.“
Sie liebte die Art, wie er HÀschen sagte. Martha lÀchelte ihren Bruder an, der den Mund schief zog, als betrachte er sie spöttisch. Doch das war nicht der Fall. Inzwischen sah er einfach so aus.
„Dann erklĂ€re mir mal, mein Hase“, sie betonte die beiden Silben, „wieso du immer noch das Hemd von letzter Woche trĂ€gst und wieso es hier weniger nach einer menschlichen Behausung sondern mehr nach einem Saustall aussieht, hmh?“
„Ja, ach, nee, oh Mann o Mann.“ Er studierte eingehend die karierte Tischdecke, rubbelte sich den Arm, schĂŒttelte den Kopf, ein sicheres Zeichen, dass er sich unbehaglich fĂŒhlte. In seinem Gesicht arbeitete es ununterbrochen, und zeitweise glitt ein Ausdruck des Staunens darĂŒber hinweg. Plötzlich hellte sich seine Miene auf, und er zupfte sich am Hemd.
„Hah!“ Triumphierend strahlte er sie an. „Nee nee nee nee“, hob er an, als folgte er den Noten einer OuvertĂŒre, „eima, hier, eima“, mit hochgezogenen Augenbrauen und krauser Stirn beugte er sich vor und tippte energisch auf den Kalender, der auf dem Tisch zwischen ihnen lag und den Martha dafĂŒr nutzte, mit ihm PlĂ€ne fĂŒr die Woche zu machen. Sein Finger wies auf den zurĂŒckliegenden Dienstag, worauf er wieder am Hemd rumnestelte.
„Da! Auba, jahaha!“ Was willst du, ist doch alles bestens, schien sein Blick zu sagen.
„Verstehe ich das richtig? Du hast das Hemd in der Zwischenzeit nur einmal getragen und eigentlich ist es sauber?“
Er nickte wĂŒrdevoll.
„Das man ein Hemd nach einmaligem Gebrauch ĂŒblicherweise durchaus wechselt, dĂŒrfte dir trotzdem bekannt sein, oder?“
„Oh Mann o Mann, auba, kar?“, seine Hand knetete ihren Unterarm und verlieh seinen Worten spĂŒrbaren Nachdruck. ZĂ€rtlich strich sie ihm ĂŒber die Wange, er hielt ihre Hand fest und schmiegte sich an.

Das war letzte Woche. Jetzt blickte sie unruhig zur KĂŒchenuhr. Schon nach halb neun und von Karl immer noch keine Spur. Das war mehr als ungewöhnlich. Seit ihr Bruder wieder in seiner Wohnung lebte, kam sie jeden Donnerstag vorbei, kaufte ein und kochte. Jedes Mal empfing er sie freudestrahlend. Sie hatte gelernt, das Unwiderrufliche zu akzeptieren, sofern es ĂŒberhaupt möglich war, sich daran zu gewöhnen, dass ein Hieb mit einer Axt ein Leben so dermaßen entwurzeln kann. Das Resultat eines ausgelassenen Kneipenabends: halbseitige LĂ€hmung, ein beschĂ€digtes Sprachzentrum und SabberfĂ€den.
Der bandagierte Kopf, der eine tiefe Kerbe verbarg, SchlĂ€uche, die rein und raus fĂŒhrten, piepende Apparate, die Ungewissheit, ob er ĂŒberleben wird und vor allem wie, endlose Tage, in denen sie mit seinem Schicksal haderte. Karl, wie er sie anlĂ€chelte, eine klaffende LĂŒcke in seinem SchĂ€del, die eine blutverschmierte Gehirnmasse entblĂ¶ĂŸt. Einer unter Ă€hnlichen TrĂ€umen.
Als sie nach ihrem ersten Besuch wieder die Intensivstation verließ, schaffte sie es gerade noch auf die Besuchertoilette, wo sie ihre ganze Verzweiflung herauskotzte, bis sie völlig kraftlos ĂŒber der SchĂŒssel hing.

Als er um neun Uhr immer noch ausblieb, rief sie bei der Polizei an und meldete ihn als vermisst. Den beruhigenden Worten am anderen Ende spendeten ihr nicht einen Moment Trost. Martha wusste mit dieser seltsamen Klarheit, die sich auf nichts Nachweisbaren grĂŒndet, dass etwas mit Karl passiert war. Die Zeit verstrich nur quĂ€lend langsam, sie saß apathisch mit geröteten Augen am KĂŒchentisch. Karl, der Leute anquatschte, die meist kein Wort verstanden und sich peinlich berĂŒhrt abwendeten. Wenn er zu allem Überfluss noch an der Kleidung zupfte, damit sie wussten, dass er sie meinte, war es oft vorbei mit der Höflichkeit. Dabei war er eine Seele von Mensch, doch das wollte einfach nicht in seinen deformierten SchĂ€del rein. So oft schon hatte sie ihn eindringlich beschworen, es sein zu lassen. „Hör auf, die Leute anzugrapschen, hörst du?“ In seiner unnachahmlichen Art hatte er breit gegrinst, die fĂŒr ihn so typische wegwerfende Handbewegung gemacht und nur „oh Mann o Mann“ gesagt. Sie liebte ihn fĂŒr diese Streiflichter, in denen sein vertrauter Schalk aufblitzte.
Sie zuckte zusammen, als sie die TĂŒrklingel aus ihrer Versunkenheit riss. Völlig gerĂ€dert stand sie auf. Vor der TĂŒr standen zwei Beamte.

__________________
A.S.

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