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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tresentalk
Eingestellt am 15. 04. 2007 16:00


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knychen
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Tresentalk



Nach so mancher Nacht im „Eisenbahner“ lĂ€sst mir das Erinnerungsvermögen beim Erwachen gnĂ€dig ein wenig Zeit. An solchen Mittagen – denn so spĂ€t wird es, wenn es davor frĂŒh geworden ist – gilt der erste Gang einem kleinen hölzernen MedizinschrĂ€nkchen. War der Absturz in die Tiefen des Alkoholrausches ein vollendeter, bleibt das GedĂ€chtnis weiterhin gnĂ€dig. Im Inneren des Kopfes scheint dann statt der Hirnmasse eine alte sterbende Qualle mit zerfransten RĂ€ndern gemĂ€chlich vor sich hin kontraktierend die Haarwurzeln zu reizen. BittersĂŒĂŸe Todessehnsucht und der Wunsch, den Angehörigen eine geordnete Welt zu hinterlassen, kramen dann das "Testament" aus der Grabbelkiste der bisher nicht ernstlich genutzten Worte. Manchmal fallen einem Splitter des Abends und der Nacht ein - Gesichter und dazugehörige Orte, selten beides zugleich.
Ganz selten erinnere ich mich der wörtlichen Rede.
Denn der nur alle paar Monate vollzogene wochenendliche Besuch im „Eisenbahner“ ist nie das direkte Ziel nach Verlassen der Wohnung. Eher schon ist er der Schlusspunkt einer Reise ins Innere eines Kaleidoskopes – Touchdown am Zentralnerv.
Und bisher nur ein einziges Mal blieb mir ein GesprĂ€ch haften, von welchem ich nicht weiß, mit wem ich es gefĂŒhrt.
Es ging um den Musikgeschmack.
Die letzten Töne von Nick Caves "Fifthteen feet of pure white snow" klangen aus und gingen in einen tanzbaren Titel der Counting Crowes ĂŒber, da sprach der Typ neben mir – er hatte sich wĂ€hrend des Songs zur TanzflĂ€che gedreht und nahm nun wieder die frontale Stellung zum Tresen ein – mit etwas schwerer Zunge, aber anscheinend klaren Kopfes: "Lou Reed war mir zu pathetisch, det wĂ€r 'n Job fĂŒr Mister Cave jewesen"
"Ick will dir ja nich 'ne Illusion rauben", entgegnete ich, denn nur mich konnte er angespro-chen haben, wenn er nicht ins Leere sprach "aber det war eben Nick Cave."
"Weeß ick selba, weeß ick selba. Nee, ick machte mir nur grade Jedanken ĂŒba een StĂŒck, wat Lou bei sein Berliner Konzert int Schillatheata vor 'n paar Jahre jebracht hat. Da hatta The Raven von Edgar Allan Poe deklamiert, aba uff so'ne pathetische Art und Weise, dettet nich jefiel mit det viele JefĂŒhl. Jedenfalls jefielet mir nich."
"Ick weeß, det hatta als The Raven 2003 als eigenstĂ€ndije CD rausjebracht. Und uff der Animal Serenade von een Jahr spĂ€ta isset ooch druff. Ick brauchte ne janze Weile, mir die Scheibe warm zu hörn. Int Schillatheata war ick ĂŒbrijens den Ahmd ooch"
Der Mann machte mir Spaß. Auf kĂŒrzestem Wege hatte er zwei meiner musikalischen und einen meiner literarischen Helden miteinander verflochten und ich war trotz nach außen zur Schau getragener Entspanntheit gespannt. Beide tranken wir aus den vor uns stehenden GlĂ€sern und wischten uns zeitgleich die Lippen trocken.
"Kensse den letzten Titel von der 67-er Velvet Underground&Nico?".
Ich weiß nicht, ob er mich bei dieser Frage ansah. In der Erinnerung sehe ich nur einen vagen Umriss und vor allem sehe ich nichts, was diesen Umriss unter anderen hervorheben wĂŒrde. Seine Stimme jedoch höre ich noch heute ganz genau - ausgeprĂ€gter Berliner Dialekt, ein wenig schwergĂ€ngig vom Bier und ohne das typische und sinnlos fragende 'wa' am Ende seiner SĂ€tze. Ich drehte mir eine Zigarette und dachte einen Augenblick nach.
"Du meenst European Son?"
"Jenau! Dieset 7-Minuten-46-Ding. Dachtick mir, dette Bescheid weeßt. Also stell dir vor, Nick Cave trĂ€gt The Raven vor, von mir aus ooch zart untamalt von seine Bad Seeds. Aba det Janze hörste nur uff een Kanal. So wie bei European Son zwee Sachen parallel abloofen links und rechts. Und wennde denn sagen wa mal links den Raben hörst, mĂŒĂŸte uff die rechte Seite die altersweise Patti Smith een anderet großet amerikanischet StĂŒck Literatur bringen, neemlich Ginsberg's Howl. Mit die Stimme von heute und die Intensiteet vonna 75-er Horsesscheibe. Und bei ihr mĂŒssten die Neubauten den Sound basteln – so undefinierbare GroßstadtjerĂ€usche, weeßte?"
Ich wusste, was er meinte und fragte mich gerade, woher er wusste, wie es bei mir zu hause im CD-Regal aussieht. Soweit ich mich erinnern kann, konnte ich mich auch schon in dieser Nacht nicht erinnern, jemals vorher mit dem Kerl gesprochen zu haben. Oder stand ich vielleicht auf dem Klo vor einem Spiegel und der Wein und das Bier und die paar kleinen Feiglinge und die paar Spliffs mit dem sanften Homegrown ließen alles nur im ĂŒberhitzten Kopfkino entstehen? Und wenn es so war, war es dann weniger real als das, was vorne im Gastraum auf mich warten wĂŒrde?
Der Typ stĂŒtzte sein Kinn auf die rechte HandinnenflĂ€che und fantasierte weiter.
"Rechts und Links hamma, jetz brauchen wa noch wat fĂŒr de Mitte. Da hĂ€ttick denn jerne Tom Waits" – ich war erstaunt, dass er den solange außen vor gelassen hatte – "so, wie er uff die Alice-Scheibe von vor 'n paar Jahre klingt. Is zwar unwichtich, aba weeßt du, wann die rausjekomm is?"
"Na wenn ick nich irre und det wĂŒrde mir irre machen, wennet so wĂ€re, war det zweetausendzwei."
Er trank einen Schluck und ich sah, dass es Bier war, was er da trank und das war gut so, denn ich trank Wein und damit wurde aus der Spiegeltheorie ein willkĂŒrliches zusammengesetztes Substantiv ohne Bezug auf unser GesprĂ€ch.
"Okay, also zweetausendzwei. Er mĂŒĂŸte bei det, wat mir inne Ohren klingt, von irgend ne zentrale Stelle aus sowat Dadaistischet singen wie sein 'Sei punktlisch! Sei punktlisch! Komme nie zu spĂ€t!' von der Alice. Kanner von mir aus ooch irjendeen skurrilet Instrument selba zu spielen, aba eijentlich reicht mir die Stimme."
"Hört sich jut an." bestÀtigte ich "Und wer soll det produzieren? Ick meene, da sind'n paar Leute dabei, die jewohnt sind, inn Mittelpunkt zu stehen."
"Ick dachte da so an Rick Rubin."
"Hm? OK, der Mann is jut, keene Frage, aber der is nich schrĂ€g jenuch fĂŒr sone Numma. Ick denke da eher an John Cale, der hatte ja ooch die Horses jemacht und die haste ja selba schon lobend erwĂ€hnt."
"Haste recht.“ Er hob sein inzwischen leeres Glas.“HEIDI!! Machste mal 'n Bier fĂŒr mich und 'n Wein fĂŒr ihn, wennawill?! Jeht uff meen Zettel."
Wir tranken uns zu.
"Wennde die Scheibe inne Finger kriegst" sagte er noch "denn zieh mir mal 'ne Sichrungskopie. Jibste einfach hier ab. Sachste: Is fĂŒr....."
Und da brach die Erinnerung ab.


__________________
kny

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Rumpelsstilzchen
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Schlappe Resonanz bisher, wa' Kny?

Ick versuch' mir mal daran.

Sauber, wie kaum anders zu erwarten, inszenierst Du den Kontrast zwischen der sprachmÀchtigen ErzÀhlstimme des rekapitulierenden Protagonisten und den durch die Alkoholnebel tönenden Satzfragmenten, die vom Tiefgang ihrer geistigen Mutterschiffe blöken. In dem Moment eminent und wichtig, am anderen Morgen klein und nichtig.

Inhaltlich?
Klischee trifft Milieu:
"Ey, mach' ma' ne' Skizze!"
"Gib' ma' 'nen Deckel und zwee Biere, Heidi."

Mehr passt nun mal nicht auf so 'n Bierfilz. Vielleicht sollte ich Dir eine Kladde stiften, damit Du am nĂ€chsten Tag eine Erinnerungshilfe fĂŒr die wirklichen Geschichten hast.
ErzÀhlen könntest Du sie, da bin ich sicher.

Sprach's und verschwand vom Tresen, als sei er nie da gewesen
__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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knychen
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OK, bleibt doch mal noch einen augenblick am tresen. geht auf mich. mir war schon klar, dass dieser tresentalk nicht so ohne weiteres in der lelu funktioniert. geschrieben wurde er fĂŒr die erstausgabe der "eisenbahnerlounge", einem kleinen achtseitigen schwarzweißen pamphlet. klassischerweise wurden die blĂ€tter noch von hand gefaltet, wĂ€hrend die ersten exemplare bereits kostenfrei an die gĂ€ste gingen, die noch willens und in der lage waren, ĂŒber den sinn undoder unsinn von worten nachzudenken. natĂŒrlich hat auch in diesem laden nicht jeder sofort töne in den ohren, wenn er diese aufzĂ€hlung von namen und cd- oder plattentiteln liest. aber einiges davon wird eben doch manchmal gespielt und erleichtert so den zugang. die von chrissieanne angesprochene dialektproblematik mußte ich in diesem fall auch nicht befĂŒrchten, denn schöneweide ist arbeiterberlin - aber volle kanne.
und die kladde wĂŒrde mir auch nix helfen, rumpelstilzchen, denn so richtig passieren tut da nix und wenn mal was passiert, ist schreiben das letzte, was man tun will. passiert eben alles nur in der erinnerung.
im ĂŒbrigen ist das gesprĂ€ch natĂŒrlich ausgedacht.
danke an euch beede und schönet wochenende, wa!
knychen
__________________
kny

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Walther
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Hallo Knychen,

det ja richtich juut an, aba dann!

Also: Die Geschichte hat einen bĂ€renstarken Einstieg, der in ein ertrĂ€gliches erstes Drittel anschließt, um danach ganz stark nachzulassen. Grund: die Geschichte mit den verschiedenen KĂŒnstlern auf unterschiedlichen KanĂ€len trĂ€gt einfach nicht durch.

Vorschlag: entweder radikal kĂŒrzen oder nach hinten raus irgendetwas passieren lassen.

Gruß W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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