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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Trisomie 21 - Ecce Homo; - seht welch ein Mensch
Eingestellt am 15. 04. 2005 10:31


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Zarathustra
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Trisomie 21 – Ecce Homo;
seht, welch ein Mensch



Es war die 9. Schwangerschaft meiner Frau. Sie war bereits 40 Jahre alt. Es könnte eine Risikoschwangerschaft werden; - darĂŒber waren wir uns bewusst.
Andere dachten anders. Sie hatten einen besseren Spruch auf Lager:„Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht!“
Das kam gut rĂŒber, da bleibt einem in der Kantine das HĂŒhnerbein im Hals stecken, das kann ich euch sagen.

Der Krug brach dann auch. Er zersprang in tausend Teile. Das Leid, das ausfloss, ergoss sich ĂŒber uns.

PrÀnataldiagnostik
***

GerÀusche und Bilder:
Es ist wie unter Wasser. Wie auf einer Tauchstation. Das 3-D – UltraschallgerĂ€t wirft die Silhouette des Embryos an die Decke des Untersuchungszimmers. Es ist das Bild meines kleinen Sohnes. Das Gluckern des Fruchtwassers erinnert mich an das Rauschen der Wellen im Meer.

Das Praxispersonal, die medizinisch- technischen Assistentinnen und die zwei AssistenzÀrzte werden schnell nervös. Sie laufen hektisch hin und her.

Der Facharzt ist allem ĂŒberlegen, er weist sein Personal ein:

"Kommen sie an den Monitor, das mĂŒssen sie sich ansehen:
Schnell ein Screening und Übertragung auf Millimeterpapier.
So etwas sieht man nicht oft.
Du meine GĂŒte!
Extreme genetische SchÀdigung, vermutlich Trisomie 21."


Nach der Untersuchung die Diagnose des Experten:

"Trisomie 21 heißt, sie haben nun die Wahl zwischen Schwangerschaftsabbruch, Fehlgeburt oder doch lieber ein Kind mit Down-Syndrom, - Sie verstehen doch, ich spreche von Mongolismus. Sie können dann in aller Ruhe entscheiden!
Es ist Ihre Sache: Schwangerschaftsabbruch, Fehlgeburt oder ein schwerstbehindertes Kind!“


Leidenszeit
***

Da eine Abtreibung fĂŒr uns nicht Frage kommt, sinkt der Arzt in sich zusammen.
„Oh mein Gott! Ihr Kind wird, - sofern es leben kann – schwerstbehindert sein!“

WÀhrend er das sagt, kÀmpft mein Sohn um sein Leben. Er kÀmpft gegen die Vorurteile. Er kÀmpft gegen meine Angst, gegen die Verzweiflung meiner Frau.

Sein Kampf war kurz. Nach Weihnachten war er zu ende.
Die Leibesfrucht war gestorben.

Der Arzt sagte: „Geburt einleiten; - unverzĂŒglich!“
Geburt?
Es war das 8. Mal, dass ich dabei war. Nie war es so schwer.

Geburt
***

War es ein Mensch, der tot geboren wurde? Nein, so sah er nicht aus. Nicht wie ein Mensch. Es war kein sĂŒĂŸes Baby. Mein kleiner toter Sohn sah ganz unförmig aus,
als hÀtte man ihm, dem kleinen Menschen, alle Knochen gebrochen.

Man hÀtte ihn verachtet,
fĂŒr lebensunwert gehalten,
wegen seiner Krankheit.
Man könnte meinen,
Gott selber habe ihn geschlagen,
so eine Strafe liegt auf seinem geschundenen Körper,
Aber eine Strafe wofĂŒr?
War es die Schuld der Eltern?

Es dauerte lange, bis ich von meiner BestĂŒrzung erwachte.
Mir fiel nur ein Wort ein, das aus meinem Munde stĂŒrzte:
„Christus am Kreuz!“

Dann kam ein Oberarzt zur TĂŒre herein. Ein Richter, Pilatus vielleicht. Jedenfalls wusch er sich die HĂ€nde im Becken. Ich konnte nicht mehr klar denken, als mir bewusst wurde, was er zu mir sagte:

„Was wollen sie denn mit diesem BiomĂŒll? Beerdigen, ach du liebe Zeit!
Nun, das ist Ihre Sache!“

Aber es war mein Sohn.
Die Hebamme brachte eine Nierenschale, darin lag das BĂŒndel, das nicht wie ein Mensch aussah. Sein kleiner Leib war purpurfarben, fast violett. Er lag in einem weißen Tuch; er lag wie hineingeschmiegt in den Himmel.
Er kĂ€mpft gegen den Ausdruck BiomĂŒll. Er kĂ€mpft schweigend, er kĂ€mpft tot.

Denn die Wissenschaftler hÀtten ihn gerne gehabt. Sie wollten ihn untersuchen. Aufschneiden, Zerlegen, Sequenzieren.

Ich habe es nicht erlaubt.
Er ist mein Sohn, ich bin sein Vater!

In der Kirche
***

Nach der Beerdigung sprach mein Àltester Sohn in der Kirche einige Worte zu unseren Verwandten. Was sagte, werde ich nie vergessen:

„Mein Bruder hat einen Platz in der Welt gefunden. Einen Platz zwischen zwei GrĂ€bern. Zwischen zwei Menschen. Vermutlich ganz normalen Menschen.
Mein Bruder ist ein Mensch!“

Christian
***

NatĂŒrlich haben wir ihm einen Namen gegeben: Er heißt Christian. Wenn der Schnee geschmolzen ist, bekommt er einen Grabstein. Aus Marmor. Und ein Kreuz aus Bronze mit dem guten Hirten und seinen Schafen.


Januar 2001 / 15. April 2005
© Hans Feil

__________________
Was sind das fĂŒr Zeiten, wo ein GesprĂ€ch ĂŒber BĂ€ume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ĂŒber so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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San Martin
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Vom Aufbau her ein ungewöhnlicher Text. Inhalt und Stimmung machen mich sprachlos... wie kann man da an kleinliche Korrektur denken? Ist, weil es im Tagebuch steht, ĂŒberhaupt solches erwĂŒnscht?

SpÀter vielleicht; nicht jetzt. Nicht jetzt.
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"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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Zarathustra
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Hallo San Martin,

danke fĂŒr deinen Kommentar.
Nun, an kleinliche Korrektur darfst du schon denken. Weil es mir persönlich nicht möglich war.
Diese Tagebucheintragung ist ein sehr persönlicher Text (wie könnte es auch anders sein). FĂŒr mich gab es nur 2 Möglichkeiten.
Entweder gar nichts schreiben, oder es genau so schreiben, wie es mir auf dem Herzen lag. Ein redigieren, ein korregieren von meiner Seite war nicht möglich.

Liebe GrĂŒsse
Hans
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MarleneGeselle
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bedrĂŒckend realistisch

Hallo Zarathustra,
Hallo San Martin,

bedrĂŒckend realistisch geschrieben, dass einem jeder Kommentar im Hals und auf der Tastatur hĂ€ngen bleibt.

GrĂŒĂŸe von einer, die sechzehn Monate nicht wusste, ob das eigene Kind je wĂŒrde laufen können.

Marlene

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Zarathustra
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Hallo MarleneGeselle,

danke fĂŒr deinen Kommentar.
Er ist wichtig fĂŒr mich!

Irgendwann merkt man,
dass es nicht das Mensch- Sein ausmacht, wenn das Kind nicht lÀuft, wenn es in die Hose macht, wenn es nur einen Arm hat.
NatĂŒrlich ist es hart, dieses SEIN mit den Vorstellungen unserer Gesellschaft zu vereinigen.

"Na, was wĂŒnschen sie sich denn, ... was soll es denn werden? Ein Bub oder ein MĂ€dchen... Na egal; - Hauptsache gesund!"

Eben nicht "Hauptsache gesund". Soll ich meinem Kind, dem etwas fehlt, sagen: Leider fehlt dir die Hauptsache zum Mensch-SEIN.

Ich hoffe liebe MarleneGeselle, deinem Kind geht es gut..

L.G. Hans


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miholt
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Lieber Zarathustra!
Der Text darf nicht korrigiert werden, denn er muss unvollkommen bleiben.Er ist authentisch so wie er ist, und so ist er gut. Er berĂŒhrt sehr stark. Er spricht aus persönlicher Erfahrung offenbar ein Thema an, dass in unserer Gesellschaft diskutiert gehört. Ich möchte Dir nicht zumuten, darĂŒber noch eine Kurzgeschichte zu schreiben, aber von allem was ich bisher von Dir gelesen habe her, wĂ€re die sicher sehr klasse. LAss den text so stehen. Danke fĂŒr diesen Text!!
lG miholt

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