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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Trübe
Eingestellt am 18. 10. 2005 01:44


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Alpha
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Trübe

Ich wachte auf und betrachtete den Traum wie einen schlechten Witz, den ich eben gehört hatte. Ich wusste, dass es auf Vollmond zuging, aber das war beim besten Willen keine Rechtfertigung.
Das Bewegende war nicht etwa, dass wir soeben eine ganze Mordreihe aufgedeckt und uns dabei selbst in Verdacht gebracht, Menschen in Notwehr erschossen und aufgedunsene, bleich-schwämmige Wasserleichen geborgen hatten; auch nicht, dass unsere Wohnung brannte und du auf meinen Vorschlag hin, die Feuerwehr zu rufen, nur sagtest, du hättest doch Alles aufgeräumt, nein; du hattest es mal wieder geschafft, unsere Beziehung zum ungünstigsten Zeitpunkt zu beenden.
Da saßen wir also wortlos am Hang und beobachteten aus nüchtern-objektiver Entfernung, wie sie einen weiteren, schon beachtlich steif gewordenen Toten (ich glaube, diesen Mann hatte ich erschossen) aus dem wiederwilligen Gestrüpp angelten und aus sicherer Distanz mit langen Stäben testeten, wie tot der Tote denn nun schon war, indem sie ihm immer wieder auf den harten Bauch stachen, bis er dann auch freiwillig die Pistole fallen ließ, die er am langen Arm in Schusshaltung nach oben streckte.
Ich tat nichts weiter, als mir eine Zigarette anzuzünden und über den Nachnamen eines Bekannten nachzudenken, der mir soeben entfallen war. Du fragtest mich, ob du auch eine haben könntest. Leck mich! dachte ich, du rauchst doch gar nicht, und sagte Ja.

Jener Tag hatte dadurch viel von seiner Attraktivität eingebüßt, begonnen damit, dass ich drei Stunden zu früh aufgewacht war und nicht mehr schlafen konnte. Zwar schloss ich noch eine Zeit lang meine Augen und genoss die beruhigende Bettwärme, aber ein schlaf ähnliches Davonschleichen aus der Realität mochte sich nicht mehr einstellen.
Ich sah mich also nach einer Stunde gezwungen, das Bett zu verlassen und der neuen Umgebungstemperatur entsprechend zu kleiden. Es war erst Ende Oktober und die Gewohnheit, bei offenem Fenster zu schlafen, legte ich für gewöhnlich erst Mitte Dezember ab.
Ich kochte mir einen Kaffee und tat derweil nichts, als selbstmüde aus dem Fenster zu schauen und mir einzureden, das Koffein würde Schwung und Munterkeit in den Tag bringen. Währenddessen zogen ein paar übliche Morgenblähungen meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich war eben nie ein guter Optimist gewesen.
Dann spielte ich mit dem Gedanken, mir eine Zigarette anzuzünden, es drängte mich durchaus danach, doch erfahrungsgemäß wusste ich, dass ich es lieber meiden sollte. Es würde nur meine morgendlichen Hals- und Lungenschmerzen, die ich vom Pensum einer Schachtel pro Nacht davontrug, verstärken und eine warm-wohlige Übelkeit in mir hervorrufen, auf die ich gerade überhaupt keine Lust hatte. Also tat ich nichts weiter, als den heißen Kaffee zu schlürfen und mich meinen Blähungen zu widmen.
Nach einem weiteren Kaffee und einer halben Zigarette entschied ich mich neben Nichtstun und Kaffee trinken für die Möglichkeit, den Bäcker aufzusuchen. Die Idee kam mir, als ich die alte Frau Riedeweg, schwimmringewerfend in einen beigen Stoffsack gezwängt, den Müll raustragen sah, und mein Magen hatte auch nichts dagegen einzuwenden.
Die Luft war so klar und frisch, dass mir die Augen brannten, als hätten sie vor lauter ungezügelter Freude eine Rauchwolke verschluckt (Dabei glaube ich nicht mal, dass sie so glücklich ausgesehen haben). Ich wischte mir ein wenig genervt die Flüssigkeit aus den Augen und trottete jenen Weg in die Kronengstraße, der mir nach all den unzähligen Wochen völlig fremd vorkam. Der Gehweg war übersäht von herbstbunten Baumfetzen und ich fragte mich, ob ich betrübt oder amüsiert darüber sein sollte, dass ich Blätter erst während ihres Sterbens als wirklich schön empfand.
Ich stand vor dem Bäcker, noch bevor ich eine Antwort gefunden hatte. Eine junge Dame kam aus dem Laden, hielt kurz inne und bremste die Tür am Zurückschwingen, bis ich diese am Rahmen zu halten erreichte. Sie roch aufdringlich nach irgendeinem Parfum (ich kenne mich da überhaupt nicht aus), als hätte sie es seit Tagen zu Abend getrunken und würde es nun aus jeder gottverdammten Pore schwitzen. Ich nickte fast unmerklich zum Dank und wandte mich schnell ab.
Drinnen stieg mir der Geruch frischer Backwaren so warm und kräftig entgegen, dass ich gar nicht recht wusste, wie ich es empfinden sollte. Ich stufte es als aufdringlich ein und wollte die Sache schnell hinter mich bringen. Zwei Brötchen würde ich kaufen, wenn der beleibte Herr vor mir doch endlich Gewalt über seine Wurstfinger bekommen, das Kleingeld aus dem Portemonnaie fischen und zahlen würde. Ich verlagerte das Gleichgewicht aufs linke Bein und suchte meine Ungeduld mit einem langen Atemzug abzuschwächen. Im gleichen Moment legte er das Geld auf den Tisch und drehte sich zu mir um.
Er hatte erstaunliche Ähnlichkeit mit der Wasserleiche, die ich erst vor wenigen Stunden am Hosenbein aus dem Tümpel gezogen hatte, nur nicht ganz so bleich, aber doch ähnlich schwammig im Gesicht. Aber er hatte die Augen offen, aus denen er mich dümmlich trübe anblickte, bevor er seine Sachen nahm und den Bäcker verließ.
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"Widme dich dem Klang meiner Kehle, wenn sie bricht; Es soll das letzte sein, was ich zu sagen habe" aus Wolf

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