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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Trümmerklee
Eingestellt am 29. 05. 2017 19:54


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Rehcambrok
Festzeitungsschreiber
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Trümmerklee

Am Ende eines langen Arbeitstages war ich dort angekommen, es war mal anders gewesen, wo mich nichts mehr hinzog, - nichts. Das Haus vermittelte kein Willkommen, ähnelte eher einem trostlosen Trümmerfeld. Um diese Uhrzeit, abends nach neun, wirkten die weißen Kiesel wie fahles Gestein. Die Blumen in den partiell angeordneten Blumenkübeln, Designerstücke, waren verdorrt. Nach Öffnen der Haustür empfing mich ein fauliger Duft, ich hatte heute Früh vergessen den Mülleimer in die große Tonne vorm Haus zu entleeren. Gurken- und Kartoffelschalen hatten als Mischung mit angegammeltem Katzenfutter eine Eigendynamik in Sachen Fäulnis entwickelt.
Das Thermometer zeigte immer noch 26° an, die Luft stand. Schnell die Fenster auf Kipp und die Tür zum Garten, auf der Hausrückseite, sperrangelweit aufgerissen. Der Rasen hinter der Terrasse, eine gelbe Strohlandschaft, hatte seit Wochen kein Wasser bekommen. Das Bewässerungssystem war defekt und meine Lust dies zu ändern hielt sich in Grenzen, - wofür?
Auf dem Anrufbeantworter hatten einige Kunden ihre Dringlichkeit hinterlassen, sogar Denise hatte sich gemeldet. Warum war eigentlich klar, meine Tochter brauchte eine finanzielle Zuwendung. Vor drei Jahren war sie ausgezogen, mit knapp neunzehn, weil wir Eltern ja so truschelich, so obsolet waren. Meist nach dem vierundzwanzigsten, der Monat war länger als ihr Geld reichte, kam sie zu Besuch. Heute war so ein Tag.
Die Kirchturmuhr hatte gerade zehnmal geschlagen, in der abendlichen Ruhe wirkte es besonders laut, da knackte es im Schloss der Haustür, - Denise. „Hi Paps! Puh, was stinkt denn hier so?“ Ohne eine Antwort abzuwarten nahm sie den direkten Weg zum Kühlschrank. Ein Zischen, dann Gluckern, mein Feierabendbier hatte sie im Handumdrehen geleert. Nachschub hatte ich auch keinen, in den letzten Tagen war ich zu müde um noch einzukaufen.
Meine rechte Hand wanderte in selbige Gesäßtasche meiner Jeans, ich hatte keine Lust mir ihre langen Ausflüchte anzuhören, und förderte mein Portmonee zu Tage. „Wird das reichen?“, fragte ich und legte ihr vier Fünfziger auf den Küchentisch. Denise schaute mich mit ihren Kulleraugen an, nickte und steckte die Scheine ein. „Danke Paps. Was ist mit Dir los? Kein Feilschen um meinen überhöhten Bedarf? - Du siehst müde aus. Nimm am Leben teil. Such Dir `ne Freundin! Mama wird bestimmt nicht zurückkommen. Sie hat sich von dem Hausmütterchen, was sie war, gelöst.“ Ich bekam noch ein flüchtiges Bussi, kurz darauf fiel die Haustür ins Schloss.
Ja, Isabell hatte sich kurz nach Denise aus dem Haus gemacht. Wollte etwas von der Welt sehen und neues erleben. Ausgerechnet der Bo-Frost-Fahrer sollte ihr dies bieten. Wenn es hier auch alles ein wenig eingerostet war, drei Monate zuvor hatten wir Silberhochzeit gefeiert, hatte sie hier eine Zukunftssicherheit gehabt. Selbst mit den Dreizehnhundert Euro Unterhalt knabberten sie und ihr Lover am Hungertuch. Zumindest hatte Denise mir das am Anfang berichtet. Aber sie hatte schon über zwei Jahre nichts mehr von Isabell erzählt, ich wollte nichts von dem Gockel wissen.
Obwohl die Mäuse sich im Kühlschrank die Füße platt laufen würden, so leer war der derzeit, reichte es um noch zwei belegte Brote anzufertigen. Morgen ist Samstag, da werde ich einen Großeinkauf starten, gingen meine Gedanken die Notwendigkeiten durch. Mit den Broten auf dem Küchenbrettchen betrat ich das Wohnzimmer und schaltete die Flimmerkiste ein. Auf die Liebesschnulze, die lief, konnte ich verzichten. Ich zappte die Programme durch, biss in eines der Brote und blieb bei einer Comedy hängen.
Lautes Dröhnen des Fernsehers, bei Werbung wird die Lautstärke vom Sender automatisch erhöht, weckte mich um 4:30 auf. Die Brote lagen ohne Belag auf dem Brettchen, Bingo hatte sich wohl daran gütlich getan. Ich stand auf, stieß mit dem Fuß gegen die Stehlampe. Ein maunzender Kater kam mir entgegen, er hatte ja sofort mein Aufwachen bemerkt. Während der Kaffee lief, versorgte ich meinen treuen Mitbewohner. Das abgeschleckte Brot wanderte in den Müll und zum Frühstück brauchte ich ja sowieso nur Kaffee und `ne Zigarette.
Mit der Einkaufsliste in der Hand machte ich um sieben den Supermarkt mit auf. Noch vor acht war ich wieder Daheim, dachte an 'Schlawo'. Die frischen Produkte waren im Kühlschrank verstaut, Konserven im Schrank. Das 'Scheiß lange Wochenende' durfte mich jetzt quälen. Erst um 15:00 würde ich die Kumpel im Fitnesscenter treffen, und die liegen gebliebenen Arbeiten wollte ich auch nicht verrichten. Nach einer Runde Sudoku, neuer persönlicher Rekord, gab ich den Notwendigkeiten dann doch nach.
Seit acht Monaten war es das erste freie Wochenende, die Sprinkleranlage für den Rasen lief wieder, neue Blumen zierten die Kübel im Vorgarten. Jetzt musste ich mich sogar beeilen um pünktlich im Fitnesscenter zu sein. Des Krafttrainings hätte es nicht bedurft, aber ich hing mich voll rein. Mit fünfzehn Mann belagerten wir den Kraftraum. Von den Zweien die ich schon von früher kannte, blieb Alex bis zum Schluss.
Unter der Dusche, wir waren allein in dem großen Raum, sprach er mich plötzlich an: „Conny hat mich verlassen, will die Welt erobern. Sag mal Frank, wie hast Du Dich gefühlt als Isabell sich aus dem Staub gemacht hat?“ So wie heute hatte er noch nie trainiert, nie annähernd so hart. „Ich habe es so gemacht wie Du, mich voll ins Training gestürzt. Aber so einfach wie es nach Außen wirkt, ist es nicht.“ Alex hob den Daumen, verabschiedete sich für heute.
Bingo strich mir um die Beine, verlangte Aufmerksamkeit. Der Samstag war fast geschafft, und mich erdrückten keine Sehnsüchte. Jetzt wo ich an Isabell denke, mich frage was ich denn falsch gemacht habe, als die Decke meinem Kopf scheinbar näher kommt, reißt mich das Telefon aus den Gedanken.
Es war die Polizei. Ich wurde gefragt ob Isabell meine Frau wäre, sollte zur Identitätsfeststellung ins Uniklinikum kommen. Auf der Intensivstation zeigte man mir eine Frau, ziemlich zerlumpt und die Schwellungen im Gesicht, machten es unkenntlich. Die Haare trieften vor Fett und an den Armen sah man die Spuren von Unterernährung deutlich. Nichts hatte diese Frau mit Isabell gemein, aber der Ehering auf dem Ringfinger, falsch herum wie von je her, ließ mich erblassen. Ich trat näher, betrachtete den Mittelfinger der linken Hand, die Narbe war deutlich sichtbar.
Nachdem ich bestätigt hatte dass es meine Noch-Ehefrau wäre, sie war in ein künstliches Koma versetzt worden, wollte ich natürlich näheres zu den Umständen wissen. Man hatte sie so im Park gefunden, von den Tätern fehlte jede Spur. Helfen konnte ich hier nicht, Vorhersagen waren nicht möglich. Einige Tage würde man sie in diesem Zustand halten, versuchen sie mit künstlicher Ernährung aufzupeppen.
Erst als ich wieder im Auto saß, den Stadtplan in Händen hielt, ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf. Alle Wut der letzten drei Jahre war verflogen, die soeben abgewischten Tränen sagten alles. Ich suchte mir die Adresse von Denise, eine Straße am südlichen Stadtrand. Verwundert nahm ich zur Kenntnis dass nur Denise Familienname auf einem Schild war. Eine Frau die gerade aus dem Haus kam erzählte, auf meine Nachfrage, dass es sich um ein 23m² Appartement handelt.
Auf der zweiten Etage schellte ich, klopfte an der Tür. Genervt kam ein 'Ja', am Spion wurde es dunkel. Die Tür wurde geöffnet und eine mir vollkommen unbekannte, junge Frau lächelte mich an. „Kommen Sie herein Herr Kunkel. Denise ist für einen Vortrag eines kurzfristig erschienen Gastprofessors in der Uni. Samstagabend ist zwar ungewöhnlich, war aber anders nicht möglich.“ Trotz der trübsinnigen Gedanken um Isabell, innerlich schmunzelte ich. Anscheinend hatte Denise ihren Weg gefunden, auf den Pfaden des alten Rosses. 'Als alter Ackergaul hatte ich versucht zu sähen, war das anfängliche Unkraut von starken Früchten unwirksam gemacht worden.' Mein Gedanke gefiel mir.
Angelika stellte sich als Untermieterin vor, ging auch zur Uni. „Denise hat mir viel über Sie erzählt, und hat diesen Tag wohl herbeigesehnt. Schon lange will sie wieder in ihr altes Zimmer zurück, würde mir die Bude überlassen. Aber sie hat Angst von Ihnen ausgelacht zu werden. Vom Papa den sie so liebt.“ Ich nickte, sah mein Foto in ihren Händen. „Ich danke Ihnen, Angelika. Sie werden schon bald das Reich für sich allein haben. Wissen Sie auch etwas von meiner Frau?“ Ein Schulterzucken war zunächst die Antwort. „Bei Fragen nach der Mutter mach Denise zu. Da scheint etwas nicht zu stimmen.“
Ich wünschte noch viel Erfolg im Studium, verabschiedete mich. Bingo bekam noch seine Streicheleinheit, einen Napf frisches Futter, dann legte ich mich hin. Meine Gedanken weilten bei Isabell, begleiteten einen unruhigen Schlaf.
Von der Klinik gab es nichts neues, und Denise wollte ich Ausschlafen lassen. Bis zum Mittag arbeitete ich im Garten, säuberte die Mauer aus Trümmersteinen. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte man alte Ziegel geschreddert, mit Kalksand zu neuen Steinen gebrannt. Und auf dieser Mauer entdeckte ich, neben Moos und Efeu, Klee, vierblättrig. Ich betrachtete es als Fingerzeig, und wählte Denise Nummer.
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Wer Frieden auf der Welt will muss bei den Kindern anfangen .

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